Merkels Illusion vom globalen Markt treibt Deutschland in die Krise

Die Rückkehr der Krisen wird Deutschland besonders hart treffen. In Deutschland hat sich als Exportnation in einer trügerischen Sicherheit gewogen. Statt die Kaufkraft der eigenen Bürger zu stärken, wurde weiter Lohn-Dumping betrieben. Das könnte sich nun rächen. Denn Deutschland ist heute anfälliger für einen Crash als noch vor wenigen Jahren.

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Eigentlich hat die 2007 vor schon 7 Jahren ausgebrochene globale Krise nie aufgehört, Krise zu sein. Sie wurde nur durch einige positive Signale überschattet: China fuhr um den Preis einer stärkeren Verschuldung seine Geldversorgung hoch, ebenso die USA und Großbritannien. Deutschland schien ein stabiler Anker in der Eurozone zu sein. Griechenland und andere Krisenländer der Eurozone schienen von der EZB und den Rettungschirmen der Steuerzahler definitiv gerettet. An den Börsen ging es munter aufwärts. Doch nun entpuppen sich viele dieser Hoffnungen als Strohfeuer und damit als falsche Signale, und das alles auf einmal.

China beginnt zu wackeln. Die Wachstumsrate der Volkswirtschaft hat sich seit ihrem Gipfel in 2007 schon fast halbiert und soll weiter fallen (Abb. 08017). Der Immobilienmarkt schwächt sich deutlich ab. Die Zuwachsrate der Investitionen ging bereits von 23 % auf 15 % zurück (Abb. 08269). Die Zuwachsrate der Industrieproduktion fiel von 9,0 % im Juli auf nur noch 6,9 % im August, der Exportzuwachs im selben Zeitraum von 15,6 % auf 13,3 %. Für China sind das enttäuschende Werte.

 

In Deutschland fielen die Zuwachsraten von Aufträgen, Industrieproduktion und Industrieumsatz deutlich, dazu fiel der Export zurück (Abb. 17423). Die Arbeitslosigkeit steigt saisonal bereinigt wieder seit Monaten (Abb. 14925). Die Bundesregierung und die Wirtschaftsforschungsinstitute mußten die Wachstumsprognosen für dieses und das kommende Jahr deutlich senken.

 

Nun breitet sich auch auf den Finanzmärkten neue Unruhe aus. Der Wert des Euro gegenüber dem Dollar ist gefallen (Abb. 05171). Amerikanische Anleger ziehen Gelder aus der Eurozone ab. Bezeichnend dafür ist beispielsweise der Ablauf am 16. Oktober: Der Dax hatte sich kurz vor Börsenschluß gerade mühsam in den positiven Bereich bewegt, da drückt einer der großen Fonds oder der Banken, wahrscheinlich in USA, auf den Knopf und verkauft mal eben Aktien im Wert von 1 Milliarde Euro, was natürlich den Kurs erheblich drückt (Abb. 18524).

 

In Griechenland verzeichnete der Aktienmarkt mit minus 11,5 % in zwei Tagen den größten Verlust seit 2008; der Zins für 10-Jahres-Staatsanleihen stieg wieder auf schwer verdaulich 7,9 %. Griechenland verlangt nach einer neuen Kreditlinie als Rettungsleine. In Deutschland befindet sich der Aktienmarkt schon seit Juni dieses Jahres im Abstieg und hat bis jetzt etwa 14 % verloren (Abb. 18518).

 

Die starken Meinungsverschiedenheiten zwischen den Euroregierungen über den richtigen Kurs und auch die mit und innerhalb der EZB verstärken die neue Unruhe noch. Italien und Frankreich fahren weiter auf hohes Staatsdefizit und damit einen Anstieg der Verschuldung.

Die Krise kehrt auch zurück, weil es nicht gelungen ist, die Entschuldung von Staaten, Unternehmen und privaten Haushalten voranzutreiben. Sowohl in USA wie in der Eurozone hatte sich in nur acht Jahren bis zum Scheitelpunkt der Krise das Volumen der Kredite der Banken an private Haushalte verdoppelt (Abb. 18509, 18508). Es ist seitdem kaum zurückgegangen, so daß die Verschuldung bisher nur vor sich her geschoben wird. Ein großer Teil der Schulden der Banken wurde durch die Bankenrettungen auf die Staatsverschuldung übertragen. Die Gesamtverschuldung der Welt ist seit 2007 sogar noch von etwa 175 % der Weltwirtschaftsleistung auf 212 % hochgesprungen, wobei nicht zuletzt der starke Anstieg der Schulden in China eine große Rolle gespielt hat (Abb. 18511).

 

Der für eine wieder normale Wirtschaftsentwicklung notwendige Abbau der Schulden wird nun in doppelter Hinsicht durch die Krise selbst erheblich erschwert bis unmöglich gemacht. In einer deflationären oder fast-deflationären Situation entwerten sich die Schulden nicht mehr durch Inflation der Preise. Außerdem hat die Krise nach den neuen Untersuchungen der OECD zu einer einseitigen Belastung der schwächeren Einkommensgruppen geführt und bremst damit deren Entschuldung und damit deren Massenkaufkraft und Konsum ganz besonders. Während die Kapitaleinkommen durch die Regierungen mit der Bankenrettung zu Lasten der steuerpflichtigen Normalbürger gerettet wurden, stürzten die Arbeitseinkommen weiter ab, vor allem wo sich Arbeitslosigkeit ausbreitete. Der Anteil der Niedriglöhne liegt in vielen Ländern, darunter auch Deutschland mit fast einem Fünftel, nun relativ hoch (Abb. 18504) und ist seit 2002 weiter gestiegen (Abb. 18507), in Deutschland beispielsweise um fast einen Prozentpunkt. Nur in den Krisenländern Griechenland, Portugal und Spanien kam es zu einer Angleichung, weil hier krisenbedingt auch die Vermögensgewinne und höheren Arbeitseinkommen abstürzten.

 

Das Verhältnis des obersten Zehntels der Arbeitseinkommen zum untersten Zehntel stieg in den meisten Ländern, in Deutschland beispielsweise um etwas über 6 % (Abb. 18506). Für Deutschland liegt es jetzt beim 3,3-Fachen. Nach dem neuen Reichtumsbericht der Credit Suisse besitzt das oberste 1 % der Weltbevölkerung bereits fast die Hälfte des globalen Vermögens. Dabei hat sich das betreffende Vermögen seit dem Jahr 2000 um zwei Drittel erhöht und ist auch seit der Krise in 2008 noch einmal um ein Viertel gestiegen (Abb. 18526). Unter je 42 Deutschen ist inzwischen einer Millionär (in US$ ausgedrückt, Abb. 18525).

 

Das leichtsinnig massiv exportabhängige Deutschland wird diese neue Phase der Krise besonders zu spüren bekommen.

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Joachim Jahnke, geboren 1939, promovierte in Rechts- und Staatswissenschaften mit Anschluss-Studium an französischer Verwaltungshochschule (ENA), Mitarbeit im Kabinett Vizepräsident EU-Kommission, Bundeswirtschaftsministerium zuletzt als Ministerialdirigent und Stellvertretender Leiter der Außenwirtschaftsabteilung. Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, zuletzt bis Ende 2002 als Mitglied des Vorstands und Stellvertretender Präsident. Seit 2005 Herausgeber des „Infoportals“ mit kritischen Analysen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung (globalisierungskritisch). Autor von 10 Büchern zu diesem Thema, davon zuletzt „Euro – Die unmöglich Währung“, „Ich sage nur China ..“ und „Es war einmal eine Soziale Marktwirtschaft“. Seine gesellschaftskritischen Analysen beruhen auf fundierter und langjähriger Insider-Erfahrung.

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