RSS

Schulden-Krise: China nutzt die Schwäche Europas und kauft Unternehmen

Seit Ausbruch der Staatsschuldenkrise in Europa haben Chinas Investitionen in europäische Unternehmen erheblich zugenommen. Nachdem China sich zuvor den Zugang zu den Ressourcen der Entwicklungsländer sicherte, nutzt Peking die Krise in Europa und investiert im großen Stil in Fusionen und Übernahmen.

Ihren XING-Kontakten zeigen
abo-pic

China hat in den vergangenen Jahren stärker als jemals zuvor in europäische Unternehmen investiert. Zudem werden die Fusionen und Übernahmen durch chinesische Unternehmen noch deutlich zunehmen, erwarten Ökonomen. Denn chinesische Staatskonzerne und Private-Equity-Gesellschaften verfügen oftmals über mehr finanzielle Mittel als ihre westlichen Konkurrenten.

In den schlimmsten Tagen der europäischen Staatsschuldenkrise zogen sich viele Investoren aus Europa zurück. Chinesische Unternehmen hingegen nutzten diese Gelegenheit und investierten damals viel Geld in einige der am stärksten von der Krise betroffene Staaten der Eurozone.

Wir sahen einen massiven Anstieg bei den chinesischen Investitionen in Europa […] auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise“, zitiert die Financial Times Thilo Hanemann, China-Experte bei der Beratungsfirma Rhodium Group.

„Dies war teils opportunistisch, weil die Investitionen billig waren, und teils war es ein langfristiger struktureller Wandel bei den chinesischen Auslandsinvestitionen: von der Sicherung natürlicher Ressourcen in den Entwicklungsländern zum Erwerb von Marken und Technologien in den entwickelten Staaten.“

Von 2010 bis 2012 vervierfachten sich die chinesischen Direktinvestitionen in der EU auf knapp 27 Milliarden Euro, berichtet die Deutsche Bank. Dieser Kaufrausch zeigt einen Wandel bei den chinesischen Auslandsinvestitionen, sagen Analysten. Sie erwarten, dass Chinas Investitionen in Europa in den kommenden zehn Jahren stetig zunehmen.

Die Chinesen mussten sich bei ihren Geschäfte in Europa an die hiesigen Eigenarten erst gewöhnen. Als etwa das staatliche chinesische Konsortium Covec den Zuschlag zum Bau einer Autobahn von Warschau bis zur deutschen Grenze erhielt, geriet es wiederholt in Konflikt mit den polnischen Gesetzen. Im Jahr 2011, zwei Jahre nach Projektbeginn, kündigte die polnische Regierung den Vertrag.

Was das chinesische Unternehmen am meisten verwirrte, waren die polnischen Umweltgesetze. Diese erforderten den Bau von Tunneln unter der Straße für die wilden Tiere. Zudem mussten die Bauarbeiten für zwei Wochen angehalten werden, damit sieben seltene Arten Frösche, Kröten und Molche gerettet werden können.

Diese Geschichte ist in China legendär geworden. Sie ist ein Gleichnis für die gesetzlichen und kulturellen Eigenheiten, welche chinesische Investoren kennen müssen, wenn sie in Europa Geschäfte machen oder Unternehmen kaufen wollen. Doch solche Hürden haben Chinas Interesse an Europa nicht abgeschreckt.

Die chinesischen Investitionen in Europa sind 2013 im Vergleich zu den beiden starken Vorjahren leicht zurückgegangen. Doch Analysten beobachten, dass derzeit stabile Verträge entstehen, und erwarten, dass die Investitionen in den kommenden zehn Jahren deutlich ansteigen werden.

Die staatlichen chinesischen Unternehmen waren die Vorreiter bei Chinas Auslandsinvestitionen. In den Jahren 2008 bis 2013 standen sie laut Zahlen der Deutschen Bank für 78 Prozent der chinesischen Investitionen in Europa. Auch in China selbst beherrschen die Staatskonzerne ganze Sektoren wie Telekommunikation, Transport, Energie und Finanzwesen.

Doch auch Chinas private Unternehmen spielen heute eine entscheidende Rolle. Ihr Anteil an den chinesischen Fusionen und Übernahmen in Europa ist in den letzten Jahren von 4 Prozent auf 30 Prozent angestiegen.

Chinas Investitionen konzentrieren sich jedes Jahr auf bestimmte Länder, so Daten des US-Think-Tanks Heritage Foundation. In Großbritannien sind die chinesischen Aktivitäten nunmehr zwei Jahre in Folge angestiegen. Spanien verzeichnet seit der Schuldenkrise einen stetigen Anstieg.

Dieses Jahr ist Italien bisher Chinas größtes Ziel für Investitionen in Europa. Im ersten Halbjahr 2014 stiegen Chinas Investitionen in Italien massiv an. Fast die Hälfte der insgesamt 7 Milliarden Dollar, die China bereits in Italien investiert hat, kamen 2014.

Portugal beobachtete 2011 und erneut 2014 einen massive Anstieg der chinesische Investitionen. Wie andere Krisenländer in der Eurozone geriet auch Portugal unter Druck, staatliche Vermögen zu verkaufen. Die Regierung verkaufte große Beteiligungen an Energieversorgern und Infrastukturbetreiber an chinesische Firmen.

Die chinesischen Investoren sehen Portugal auch als einen strategischen Schritt, um mithilfe der dort erworbenen Firmen auch in Portugals frühere Kolonien Brasilien, Angola und Mosambik zu expandieren, sagt Francisco Veloso, Dekan der Católica-Lisbon School of Business and Economics.

„Es ist sinnvoll, eine Basis in Portugal zu haben, damit chinesische Manager Erfahrungen sammeln und Netzwerke bilden, um in andere, viel größere portugiesisch-sprechende Länder wie Angola und Brasilien zu expandieren.“

Chinesische Investitionen spielten eine entscheidende Rolle beim Erfolg des portugiesischen Privatisierungsprogramms. Sie machten 45 Prozent der 9,2 Milliarden Euro aus, die das Land in den letzten drei Jahren durch den Verkauf staatlichen Vermögens einnahm.

Wenn man künftige Investitionspläne einbezieht, dann ist China Portugals größte Quelle ausländischer Direktinvestitionen. Dieses Jahr kaufte das chinesische Konglomerat Fosun für 1 Milliarden Euro 80 Prozent von Portugals größtem Versicherer Caixa Seguros. Aktuell bietet Fosun um Vermögenswerte der in Finanznöten befindlichen Espírito Santo Gruppe.

Zwar haben die chinesischen Investitionen in Europa zugenommen. Doch im Vergleich zu den 4 Billionen Dollar Währungsreserven, über die China verfügt, sind die Investitionen gering, sagt Derek Scissors vom US-Think-Tank American Enterprise Institute.

Der Umfang ist noch immer nicht sehr groß, weil Europa nicht bereit ist, China seine erstklassigen Technologien zu verkaufen, und weil Europa nicht mehr viel hat, was China wirklich will. In der Zukunft werden wir wahrscheinlich einen stetigen Anstieg [chinesischer Investitionen in Europa] sehen, aber keine großen Durchbrüche.“

„[Chinas] Unternehmen kaufen heute deutsche Unternehmen im Wert von 200 Millionen Dollar, statt Unternehmen für 20 Millionen Dollar“, so Scissors.

Ausländische Direktinvestitionen in China erreichten im vergangenen Jahr 117 Milliarden Dollar und liegen somit noch immer deutlich höher als als Chinas Auslandsinvestitionen, die lauf Chinas Handelsministerium im vergangenen Jahr einen Umfang 108 Milliarden Dollar erreichten.

Liao Qun, Chefökonom bei der Citic Bank, erwartet, dass Chinas Auslandsinvestitionen bis 2017 bei mehr als 200 Milliarden Dollar liegen werden. Zudem werde der Anteil der Investitionen in Europa ansteigen.

Eine Umfrage der EU-Handelskammer in China hat die größten Hürden für chinesische Unternehmen bei ihren Geschäften in Europa ermittelt: Arbeitsrecht, Personalkosten, Immigrationsgesetze und „kulturelle Unterschiede im Führungsstil“.

Dennoch sagten 97 Prozent der chinesischen Unternehmen, die bereits in Europa investiert haben, dass sie planen, in den kommenden Jahren mehr in Europa zu investieren.

„Eine Reihe chinesischer Private-Equity-Gesellschaften haben große Mengen Kapital eingesammelt und wollen es außerhalb der Grenzen von Asien in Europa oder den USA anlegen“, zitiert die Financial Times den in Hongkong ansässigen Goldman-Banker Iain Drayton, der als Berater für Kapitalbeteiligungsgesellschaften arbeitet.

Chinesische Private-Equity-Gesellschaften werden zunehmend in der Lage sein, mehr Geld als ihre westlichen Konkurrenten aufzubringen, so Drayton.

Im Juli kaufte die in Peking ansässige Private-Equity-Gesellschaft Hony Capital die beliebte britische Restaurant-Kette PizzaExpress. Die Übernahme verdeutlicht den Aufstieg chinesischer Kapitalbeteiligungsgesellschaften, die heute in ganz Europa tätig sind.

Hony Capital verwaltet Vermögen im Umfang von mehr als 6,8 Milliarden Dollar in sieben Fonds. Nach dem Vorbild staatlicher chinesischer Unternehmen sucht die Private-Equity-Gesellschaft im Ausland nach Firmen, denen sie helfen kann, in ihren heimischen Märkten zu wachsen.

Im September legte das in Schanghai ansässige Konglomerat Fosun in letzter Minute ein Gegenangebot für das französische Tourismus-Unternehmen Club Med vor, an dem auch die italienische Private-Equity-Gesellschaft Investindustrial Interesse gezeigt hatte.

Die privaten chinesischen Private-Equity-Gesellschaften genießen bei den Bankern heute große Glaubwürdigkeit.

„In der Vergangenheit brauchten chinesische Firmen oft länger als westliche Gruppen, bei Übernahmen Entscheidungen zu treffen, und erfüllten nicht die Preiserwartungen, die sie erweckt hatten“, sagt Société-Générale-Banker Eric Meyer, der chinesische Kunden berät. Doch dies sei nicht länger der Fall. „Sie sind ernsthaft interessierte Käufer.“

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***


Merkel erklärt Schutz der EU zur wichtigsten Aufgabe
Merkel erklärt Schutz der EU zur wichtigsten Aufgabe
Bundeskanzlerin Merkel mahnt nach dem Referendum in Großbritannien die EU-Staaten zu Ruhe und Besonnenheit. Ihr Minister im Kanzleramt, Altmaier, sagte: Oberstes Ziel sei es nun, die Europäische Union zu schützen und für die Zukunft fit zu machen. Zur Rolle Deutschlands…
abo-pic
Bundeskanzlerin Merkel empfing am Montag den Ministerpräsident der Ukraine, Wladimir Groisman, in Berlin. Der Schutz der EU sein nun sehr wichtig. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Merkel empfing am Montag den Ministerpräsident der Ukraine, Wladimir Groisman, in Berlin. (Foto: dpa)

Nach dem Votum der Briten für einen Ausstieg aus der EU ruft Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) zu einem verantwortungsvollen und ruhigen Umgang mit den Folgen des Referendums auf. Oberstes Ziel sei es bei den anstehenden Verhandlungen, für den Schutz der EU zu sorgen und diese für die Zukunft fit zu machen, berichtet die AFP. „Das Referendum hat natürlich Folgen für uns alle in Europa“, sagte Altmaier. Jedoch wüssten weder die Bundesregierung noch die Institutionen in Brüssel, wie es nun weitergehe.

„Niemand hat die Konsequenzen einer Rückabwicklung eines solchen Beitrittsvertrages durchdacht“, sagte er bei der Mitgliederversammlung der Europäischen Bewegung am Montag in Berlin.

Es müsse zunächst abgewartet werden, welche britische Regierung den Austritt nach Artikel 50 der Europäischen Verträge initiieren werde. Der derzeitige britische Premierminister David Cameron hatte nach dem Ausgang des Referendums am Freitag seinen Rücktritt für Oktober erklärt. Erst sein Nachfolger soll den Austritt erklären. Wer das sein wird, ist bisher noch offen.

Auffällig sei, dass viele Volksentscheide über die EU in den Mitgliedsstaaten „schief“ gegangen wären, sagte Altmaier. Schuld daran hätten auch die politischen Eliten gehabt, die häufig „einfach abgetaucht sind, wenn es darum geht, auch einmal Europa zu verteidigen und im Fall Europas einmal positiv zu argumentieren“.

Die EU werde auf Dauer „nicht überleben und nicht funktionsfähig bleiben“, wenn Politiker – egal ob links oder rechts – den Bürgern nicht erklären können, welche Vorteile Europa bringe, fügte der Kanzleramtschef hinzu.

Angesichts der Vielzahl von Reaktionen auf den Brexit in der EU hat Regierungssprecher Steffen Seibert die verbleibenden 27 Mitgliedstaaten zur Geschlossenheit aufgerufen. Wenn die Kanzlerin für eine besonnene Reaktion werbe, dann habe sie damit „natürlich vor allem einen Appell an die 27 künftig dann verbleibenden Mitgliedstaaten gerichtet“, sagte Steffen Seibert am Montag in Berlin.

„Denn unser Interesse ist es doch, dass wir jetzt nicht eine europäische Vielstimmigkeit zeigen, sondern, dass wir möglichst zu einer gemeinsamen Reaktion auf diese Herausforderungen kommen“, fügte er hinzu. Auf dem EU-Gipfel am Dienstag und Mittwoch müssten die Positionen der 27 Länder „zusammengeführt werden“.

Mit Blick auf den Zeitplan für die Abwicklung des britischen Austritts warnte Merkel vor einer „Hängepartie“. Wenn die britische Regierung aber eine „überschaubare Zeit braucht, respektieren wir das“, sagte Seibert weiter. Konkrete Fristen wollte er nicht nennen.

Am Wochenende hatte Merkel signalisiert, das Tempo der Austrittsverhandlungen Großbritanniens mit der EU sei für sie nicht entscheidend. „Ehrlich gesagt soll es nicht ewig dauern, das ist richtig, aber ich würde mich auch nicht wegen einer kurzen Zeit verkämpfen“, sagte Merkel nach der Klausur von CDU und CSU in Potsdam.

Seibert betonte am Montag, dass es vor Einreichen des offiziellen Austrittswunsches durch Großbritannien „keine Vorgespräche“ über die Modalitäten des Ausscheidens geben werde.

Seit dem Brexit-Votum wird Großbritannien von EU-Vertretern und den Regierungen anderer Mitgliedstaaten gedrängt, das formelle Austrittsgesuch rasch einzureichen (Video am Anfang des Artikels ab Minute 6). In Brüssel wird jedoch nicht damit gerechnet, dass Premier David Cameron das Gesuch bereits beim EU-Gipfel am Dienstag einreicht. Cameron hat seinen Rücktritt bis Oktober angekündigt und will den Schritt seinem Nachfolger überlassen.

Zentralbanken können der Weltwirtschaft nicht mehr helfen
Zentralbanken können der Weltwirtschaft nicht mehr helfen
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sieht die Zentralbanken am Ende ihrer Möglichkeiten – mit ihrer expansiven Geldpolitik ließe sich die Weltwirtschaft nicht mehr stimulieren. Dringend notwendig sei eine radikale Neuausrichtung und ein Abbau der hohen Schulden.
abo-pic
Fed-Chefin Janet Yellen, EZB-Präsident Mario Draghi und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bei G7-Treffen 2016 in Japan. Die Zentralbanken der G7-Staaten müssen sich dringend ein neues Konzept einfallen lassen. (Foto: dpa)

Fed-Chefin Janet Yellen, EZB-Präsident Mario Draghi und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bei G7-Treffen 2016 in Japan. (Foto: dpa)

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) – eine Art Zentralbank der Zentralbanken – plädiert für eine grundlegende wirtschaftspolitische Neuausrichtung. Anders sei der Abschwung der Weltwirtschaft und die hohe Verschuldung nicht mehr in den Griff zu bekommen, schreibt die BIZ in ihrem aktuellen Jahresbericht.

Eine „riskante Dreierkonstellation“ aus einem ungewöhnlich niedrigen Produktivitäts-Wachstum, beispiellos hohen Schuldenständen weltweit und einem äußerst engen wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum verhindere eine nachhaltige Erholung der Weltwirtschaft nach der Krise von 2008/2009, so die BIZ.

Zwar „lag das globale BIP-Wachstum pro Person im erwerbsfähigen Alter leicht über seinem historischen Durchschnitt, und die Arbeitslosenquoten waren im Allgemeinen rückläufig“, von einer grundlegenden Erholung der Volkswirtschaften könne aber keine Rede sein, schreibt die BIZ. Dafür machen die Ökonomen insbesondere die Nachwirkungen zahlreicher Auf- und Abschwünge an den Finanzmärkten und den immensen Schuldenaufbau verantwortlich.

Während die Industrieländer kaum nennenswerte Impulse lieferten, kühle sich gleichzeitig das Wachstum in den aufstrebenden Schwellenländern ab. „In den rohstoffexportierenden aufstrebenden Volkswirtschaften verstärkte der Abschwung im inländischen Finanzzyklus zumeist den Verfall der Exportpreise und die Währungsabwertungen, während sich gleichzeitig die Wirtschaftslage verschlechterte. Im Allgemeinen verschärfte der restriktivere Zugang zu Dollarmitteln diese Entwicklungen noch“, heißt es im Jahresbericht.

Die Zentralbanken, so die BIZ, hätten ihre Möglichkeiten fast ausgeschöpft und seien offenbar nicht mehr in der Lage, nachhaltige Impulse für die Realwirtschaft zu liefern. Zwar unterstütze eine expansive Geldpolitik die Volkswirtschaften prinzipiell, aber ihr Handlungsspielraum werde immer enger und eine Normalisierung der Geldpolitik immer weiter verschoben. Das Phänomen von Null- oder Negativzinsen als Konsequenz verzerre die Märkte und stelle Sparer und Anleger vor ernsthafte Schwierigkeiten: „Die inflationsbereinigten Leitzinssätze sind noch weiter unter null gefallen und verlängern damit die längste Negativzinsphase seit dem Zweiten Weltkrieg.  Diese Zinssätze sagen einiges aus: Die Marktteilnehmer blicken mit einer gewissen Besorgnis in die Zukunft; trotz der massiven Zentralbankmaßnahmen seit der Krise verharrt die Inflation hartnäckig auf niedrigem Niveau und das Produktionswachstum ist enttäuschend; und von der Geldpolitik wird schon viel zu lange zu viel verlangt.“

Die Schulden, beklagen die BIZ-Ökonomen, nähmen weltweit unvermindert zu und würden Unternehmen und Staaten an Investitionen hindern. Dieser Befund ist eigentlich keine Neuigkeit: es ist bekannt, dass ein auf Zinseszinsen aufgebautes Finanzsystem zwangsläufig zur Folge hat, dass sich immer größere Guthaben ansammeln, während die Schulden spiegelbildlich weiter anwachsen. „In den von der Krise am stärksten betroffenen fortgeschrittenen Volkswirtschaften stand einer begrüßenswerten Verringerung bzw. Stabilisierung der Verschuldung des privaten Sektors tendenziell ein weiterer Anstieg der Verschuldung des öffentlichen Sektors gegenüber. In anderen Ländern nahm die Verschuldung im privaten Sektor entweder im Gleichklang mit der Verschuldung im öffentlichen Sektor zu oder ihr Anstieg überwog den Schuldenabbau im öffentlichen Sektor“, lautet der Befund der BIZ.

Die BIZ plädiert für eine grundlegende und international koordinierte Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik. Diese gehe mit einer Entlastung der Geldpolitik einher. Um harte Strukturreformen kämen die allermeisten Staaten nicht mehr herum. Diese sollten zudem die verbliebenen fiskalischen Spielräume nutzen, um Schulden abzubauen.

Die Zentralbanken der G7-Staaten haben nach Angaben der Gruppe Schritte eingeleitet, um eine angemessene Liquidität zu gewährleisten und das Funktionieren der Märkte zu unterstützen. Die G7 gingen weiter davon aus, dass die britische Wirtschaft und der Finanzsektor widerstandsfähig blieben.

IWF-Chefin Christine Lagarde fordert die Verantwortlichen in Großbritannien und Europa auf, bei der Gestaltung der neuen Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Königreich und der EU nach dem Brexit auf einen sanften Übergang hinzuarbeiten (Video am Anfang des Artikels). Sie befürworte die Maßnahmen der Bank of England und der EZB, das Bankensystem mit ausreichend Liquidität zu versorgen.

Banken melden erneut hohe Aktien-Verluste
Banken melden erneut hohe Aktien-Verluste
Auch am Montag hat sich die Negativserie für Aktien europäischer Banken fortgesetzt. Mehrere Geldhäuser meldeten neue historische Tiefstände – darunter auch die Deutsche Bank. Hier finden Sie eine Liste der wichtigsten Aktienkurse.
abo-pic
Die Aktien-Verluste wichtiger europäischer Banken stehen den zweiten Tag in Folge im Fokus. (Foto: dpa)

Die Aktien wichtiger europäischer Banken stehen den zweiten Tag in Folge im Fokus. (Foto: dpa)

Die Aktie der Credit Suisse in der Jahressicht. (Grafik: ariva.de)

Die Aktie der Credit Suisse in der Jahressicht. (Grafik: ariva.de)

Die Aktie der Deutschen Bank in der Jahressicht. (Grafik: ariva.de)

Die Aktie der Deutschen Bank in der Jahressicht. (Grafik: ariva.de)

Die Aktie der UniCredit in der Jahressicht. (Grafik: ariva.de)

Die Aktie der UniCredit in der Jahressicht. (Grafik: ariva.de)

Banken auf beiden Seiten des Ärmelkanals gehören schon jetzt zu den größten Verlierern des Austritts Großbritanniens aus der EU. Die Deutsche-Bank-Aktie fiel am Montag um bis zu 9,7 Prozent auf ein Allzeittief von 12,07 Euro, wie Reuters berichtet. Analysten stuften nicht nur britische, sondern auch andere europäische Banken und US-Investmentbanken massenhaft herab, Börsianer warfen deren Aktien aus den Portfolios. Die Hoffnung auf steigende Zinsen in Europa sei in noch weitere Ferne gerückt, und die Konjunktur werde sich zumindest auf der Insel eintrüben, heißt es in vielen Studien. Die Kapitalkosten für die Banken dürften steigen. Der europäische Banken-Index, der am Freitag um 15 Prozent eingebrochen war, sackte um weitere 7,7 Prozent auf den niedrigsten Stand seit der Euro-Schuldenkrise vor vier Jahren.

Die Deutsche Bank ist an der Börse noch knapp 17 Milliarden Euro wert, weniger als die Hälfte ihres Börsenwertes vor zwei Jahren. Sie beschäftigt in London mehr als 8000 Mitarbeiter, vor allem im Investmentbanking. „Der Finanzplatz London wird nicht sterben, aber er wird schwächer werden“, sagte Vorstandschef John Cryan dem Handelsblatt. Nach dem Brexit könnte die Bank unter anderem den Devisenhandel nach Frankfurt verlagern. Auch die Commerzbank -Aktie kam unter die Räder: Sie fiel um 5,8 Prozent auf 5,84 Euro. Die Deutsche Bank senkte das Kursziel für das Papier auf 10 von 13 Euro, JPMorgan ebenfalls auf 10 von 11 Euro.

Noch schlimmer getroffen wurden die britischen Geldhäuser. Barclays fielen um 18 Prozent, Royal Bank of Scotland (RBS) verloren mehr als ein Viertel ihres Wertes auf 152 Pence, den tiefsten Stand seit siebeneinhalb Jahren. Als relativ „sicherer Hafen“ gelten dagegen die auf Asien ausgerichteten Investmentbanken HSBC (minus 1,9 Prozent) und Standard Chartered (minus 6,1). RBC Capital kürzte die Kursziele für britische Banken pauschal um 30 Prozent. Die Finanzmärkte gingen nun davon aus, dass die Bank of England den Leitzins um 25 Basispunkte senken und nicht vor 2019 wieder erhöhen werde, heißt es in der Studie. Das drückt die Margen der Banken. Zudem drohten mehr Kreditausfälle. „Es scheint, dass die Unsicherheit zumindest zu einer Abkühlung der Konjunktur führen wird.“ Nach dem Brexit dürfte die Notenbank den Londoner Häusern auch nicht erlauben, ihre Ausschüttungen wie von Börsianern erhofft zu erhöhen.

Besonders stark vom Ausverkauf an der Börse betroffen sind die italienischen Institute UniCredit und Intesa SanPaolo, deren Aktien am Freitag jeweils um mehr als 20 Prozent gefallen waren. Am Montag gaben sie weiter deutlich nach, obwohl das Wirtschaftsministerium in Rom Unterstützung „in verschiedenen Formen“ signalisierte. In Zeitungsberichten hieß es, der Staat erwäge, sich mit rund 40 Milliarden Euro an angeschlagenen Banken zu beteiligen.

Die wichtigsten europäischen Banken im Überblick:

Deutsche Bank: -8,5 %

Credit Suisse: -9,5 %

UBS: -7,5 %

Barclays: -15,5 %

Royal Bank of Scotland: -15 %

Lloyds Banking: -9,5 %

HSBC: -2,5 %

Credit Agricole: -6 %

BNP Paribas: -8,5 %

Societe Generale: -9 %

UniCredit: -8,5 %

Banco Santander: -2,5 %

Hass-Attacken gegen polnische Staatsbürger in England
Hass-Attacken gegen polnische Staatsbürger in England
Nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU ist es offenbar zu einem Anstieg nationalistisch motivierter Bedrohungen gekommen. Opfer waren in den meisten Fällen Polen und Rumänen sowie britische Muslime. Auch der Anführer der Brexit-Kampagne, Nigel Farage, fühlt sich bedroht.
abo-pic
Der britische Premierminister David Cameron mit seiner polnischen Kollegin Beata Szydlo. Offenbar mehren sich Hass-Attacken gegen polnische Staatsbürger. (Foto: dpa)

Der britische Premierminister David Cameron mit seiner polnischen Kollegin Beata Szydlo. (Foto: dpa)

Nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU haben sich Drohungen und Hass-Attacken gegen Ausländer offenbar deutlich vermehrt. Berichten zufolge soll es dabei zu Schmierereien an einem polnischen Kulturzentrum im Londoner Stadtteil Hammersmith gekommen sein. In der Kleinstadt Huntingdon in Südost-England wurden Karten mit Beschimpfungen wie „Geh nach Hause, polnischer Abschaum“ an polnische Schulen und Anwohner verschickt, wie euobserver berichtet.

Die Vorsitzende des polnischen Kulturvereins aus Hammersmith sprach von einer großen Fassungslosigkeit bezüglich der Tat. Sie dankte den örtlichen Abgeordneten für ihre Unterstützung. Der britische Finanzminister Osborne sagte am Montag: „Wir müssen unsere Einigkeit betonen und Hass und Teilung verdammen, wo immer wir sie sehen.“ Der Labour-Abgeordnete von Hammersmith sagte, dass ihn der Angriff auf das polnische Kulturzentrum „anekeln“ würde.

Wie euobserver berichtet, gab es nach dem Referendum seit Freitag zahlreiche Berichte über Hassreden gegen Italiener, Polen, Muslime und Rumänen in der Öffentlichkeit und im Internet. Der polnische Botschafter in Großbritannien, Witold Sobkow, äußerte sich auf Twitter: Ich bin sicher, dass die britischen Politiker – unsere Freunde – uns bei der Verurteilung dieser von Hass motivierten Taten beistehen werden.“

Die Stimmung in Großbritannien hat sich im Zuge des Referendums merklich aufgeheizt. Auch einer der wichtigsten Führer der Unabhängigkeits-Kampagne, Nigel Farage, fühlt sich bedroht. „2014 und 2015 hatte ich eine Reihe politischer Widersacher, die mich nicht nur mit Worten angriffen, sondern bereit waren weiterzugehen und die mich zusammengeschlagen oder getötet hätten“, sagte der dem Magazin The Express. Als Reaktion darauf habe er die Zahl seiner Bodyguards erhöht.

Russland: EU kann nicht mit der UdSSR verglichen werden
Russland: EU kann nicht mit der UdSSR verglichen werden
Der Kreml sieht keine Parallelen zwischen dem Zerfall der Sowjetunion und der aktuellen Krise der EU. Russland will der EU damit offenbar ausreichend Vitalität bescheinigen.
abo-pic
Jean-Claude Juncker mit Wladimir Putin. (Foto: dpa)

Jean-Claude Juncker mit Wladimir Putin. (Foto: dpa)

Der Kreml hat Vergleiche zwischen dem britischen Brexit-Votum und dem Zerfall der Sowjetunion als unpassend bezeichnet. Die Europäische Union gerate in eine Zeit der Turbulenzen und Ungewissheit, allerdings seien Parallelen zum Schicksal der UdSSR nicht zu erkennen, sagte der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Dmitri Peskow, am Montag der Agentur Interfax zufolge. «Viele Staaten haben solche Phasen.» Ein EU-Austritt Großbritanniens hätte auch Folgen für Russland. «Momentan gibt es mehr Fragen als Antworten», sagte Peskow. Die damalige Führung in Moskau hatte die UdSSR nach dem Austritt zahlreicher Sowjetrepubliken 1991 aufgelöst.

Wegen Brexit: Tschechien fordert Rücktritt von Juncker
Wegen Brexit: Tschechien fordert Rücktritt von Juncker
Der tschechische Außenminister fordert den Rücktritt von EU-Präsident Juncker. Juncker hätte nicht energisch genug für den Verbleib Großbritanniens in der EU gekämpft.
abo-pic
EU-Präsident Jean-Claude Juncker und Angela Merkel beim Gipfel am 23. September 2015 in Brüssel. Als Reaktion auf den Brexit wird der Rücktritt von Juncker gefordert. (Foto: dpa)

EU-Präsident Jean-Claude Juncker und Angela Merkel beim Gipfel am 23. September 2015 in Brüssel. (Foto: dpa)

Nach dem britischen Votum für den Ausstieg aus der Europäischen Union hat Tschechiens Außenminister Lubomir Zaoralek sich für den Rücktritt von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ausgesprochen. Juncker sei derzeit „nicht der richtige Mann für den Job“, sagte Zaoralek am Sonntag in einer Fernsehdebatte. „Jemand in der EU sollte vielleicht einen Rücktritt erwägen“, weil er für das Brexit-Votum verantwortlich sei, ergänzte der Minister.

Zaoralek warf Juncker vor, sich vor dem Referendum in Großbritannien nicht genügend engagiert und nicht vor Ort für den Verbleib in der EU geworben zu haben. „Ich hätte mir vorgestellt, dass die Kommission von einem ehrbaren, vertrauenswürdigen Mann angeführt wird, der in einer Situation, wo uns der Verlust eines Beines oder Armes droht, selbst in das Land geht und den Briten sagt: ‚Wir wollen, dass ihr bleibt’“, kritisierte er.

media-fastclick media-fastclick