Fussball-WM in Katar und Russland: Fifa spricht sich von Korruptions-Vorwürfen frei

Die Fifa hat einen internen Untersuchungsbericht zu Korruptionsvorwürfen gegen die Vergabe der Fußball-WM an Katar und Russland veröffentlicht. In dem Bericht kommt der Verband zu dem Ergebnis, dass es zwar kleinere Affären gegeben habe, Korruption im großen Stil jedoch nicht nachgewiesen werden konnte. Der Sonderermittler Michael Garcia protestierte gegen die Reinwaschung. Weil ARD und ZDF die Rechte an beiden Turnieren erworben haben, fließen auch Gelder aus der für jeden deutschen Haushalt verpflichtenden Rundfunkgebühr an die Fifa.

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Der Freispruch vom Korruptionsvorwurf für die umstrittenen WM-Gastgeber Russland und Katar hat zu einem FIFA-internen Eklat geführt und die Glaubwürdigkeit der vermeintlich unabhängigen Ermittlungen infrage gestellt. Nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung eines 42-seitigen Berichts der rechtssprechenden Ethikkammer unter dem Vorsitz des deutschen Juristen Hans-Joachim Eckert widersprach der vom Fußball-Weltverband beauftragte Sonderermittler Michael Garcia seinem Kollegen und kündigte wegen «zahlreicher unvollständiger und fehlerhafter Darstellungen der Tatsachen und Schlussfolgerungen» Berufung gegen den Bericht an.

Sportpolitik-Experte Jens Weinreich kritisiert auf Twitter, dass zwei Whistleblower von der Fifa öffentlich diskreditiert wurden: In einem Fall vermerkt die Fifa in dem Bericht, dass die Erkenntnisse eines Whistleblowers in den Ermittlungen nicht berücksichtigt wurden, weil er gegen das Prinzip der Vertrauliuchkeit verstoßen und daher seine eigene Integrität beschädigt habe.

Die Fußball-WM ist auch für jeden deutschen Haushalt von Bedeutung: Über die Rundfunkgebühr werden die Spiele, gegen die es schon in Brasilien massive Proteste gegeben haben, von den Deutschen mitfinanziert: ARD und ZDF haben die Rechte für Russland und Katar erworben. Die genaue Summe, wieviel der Gebührenzahler für die Fifa-Veranstaltung aufbringen muss, wird der Öffentlichkeit tradionellerweise nicht bekanntgegeben.

Die Korruptionsbekämpferin Sylvia Schenk sprach am Donnerstag von einer «Kommunikationskatastrophe». Die Frankfurterin, die bei Transparency International Deutschland die Arbeitsgruppe Sport leitet, sagte: «Die FIFA erhält keine Glaubwürdigkeit, wenn nur 42 Seiten von mehreren 100 veröffentlicht werden.» DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und Ligapräsident Reinhard Rauball hielten sich mit einer inhaltlichen Bewertung des Eckert-Berichts zurück, bekräftigten aber ihre Vorbehalte gegen die Fußball-WM Katar 2022.

Zuvor hatte die FIFA auf ihrer Internetseite eine Stellungnahme Eckerts veröffentlicht, derzufolge es keine Einwände gegen das Turnier in Katar gebe. Auch Russland als Gastgeber des kommenden Turniers 2018 wurde von den seit langem schwelenden Korruptionsvorwürfen freigesprochen. Nach mehrjährigen Ermittlungen konnte die FIFA-Ethikkommission im harten Bieterwettbewerb um die Milliarden-Events in vier und acht Jahren zwar viele Verstöße gegen moralische wie juristische Regularien des Weltverbandes feststellen.

Kein Vergehen wurde allerdings als so gravierend eingestuft, dass Sanktionen zu fällen wären, hieß es in dem Bericht. Garcia jedoch zeigte sich mit dem Urteil nicht einverstanden und offenbarte mit seiner öffentlichen Reaktion einen drohenden Bruch in der FIFA-Ethikkommission, deren Untersuchungskammer er führt.

Zuletzt hatte es immer wieder Forderungen von Verbänden wie dem Deutschen Fußball-Bund und der englischen FA gegeben, auch Garcias Bericht zu veröffentlichen. Die FIFA lehnte dies aber unter Verweis auf das Vertraulichkeitsgebot ab. Wogegen Garcia genau Berufung einlegen wollte, blieb zunächst offen.

Aus Eckerts Bericht jedenfalls geht auch hervor, dass gegen alle anderen ehemaligen Bewerberländer um die Turniere 2018 und 2022 sowie aktuelle oder ehemalige Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees keine Strafen verhängt werden. Eine Aberkennung der Gastgeberrollen von Katar und Russland komme nach den Ermittlungen nicht infrage, heißt es. «Insbesondere waren die Auswirkungen dieser Ereignisse auf das Bieterverfahren als Ganzes weit davon entfernt, jede Schwelle, die eine Rückkehr ins Bieterverfahren, geschweige denn Neuausschreibung erfordern würde, zu überschreiten», heißt es in dem Urteil.

Mehrfach hatte Garcia die Abgabe seiner Ergebnisse verschoben. 75 Interviews in zehn Ländern wurden geführt, 200 000 Seiten geschrieben. Das Resultat: Verfehlungen gab es vor der skandalumwitterten Doppelvergabe am 2. Dezember 2010 in Zürich sehr wohl. Besonders der ehemalige FIFA-Vizepräsident Jack Warner aus Trinidad & Tobago – 2011 im Zuge eines anderen Bestechungsskandals zurückgetreten – wurde von mehreren Kandidaten mit unmoralischen Angeboten kontaktiert, so offenbar auch aus England und Australien.

Ein direkter Zusammenhang mit den WM-Bewerbungen war aber nie zu beweisen oder die Versuche hatten nachweislich keinen Einfluss auf das Stimmverhalten. Japan, Südkorea und die USA versuchten sich offenbar mit Geschenken bei FIFA-Funktionären beliebt zu machen oder gegenseitige Absprachen mit anderen Kandidaten zu treffen. Einzig die Doppel-Bewerbung der Niederlande mit Belgien hatte sich gar nichts zuschulden kommen lassen, wird in dem Bericht konstatiert.

Im Gegensatz zu Katar und Russland. Beim kommenden WM-Gastgeber in Moskau waren die Ermittlungen schwierig, weil viele Computer mittlerweile zerstört wurden. Nachgewiesen werden konnten dennoch mehrere Verstöße gegen Meldepflichten von Kontakten zu FIFA-Exekutivmitgliedern – diese hatten jedoch keinen nachweisbaren Einfluss auf die WM-Vergabe, heißt es.

Und Katar: Gleich mehrere Konfliktherde werden genannt. Von der Verflechtung der Tätigkeiten der im internationalen Sport-Business aktiven Aspire Academy über die Organisation eines provisionsträchtigen Länderspiels zwischen Brasilien und Argentinien bis hin zu den Geschäften des ehemaligen FIFA-Vizechefs Mohammed bin Hammam, dem jedoch nur unlautere Mittel in seinem gescheiterten Präsidentschaftswahlkampf 2011 nachgewiesen werden können. Fazit: keine eindeutigen Beweise, keine Anklage, kein Schuldspruch.

In seinen Schlussbemerkungen hält Eckert fest: «Anzunehmen, dass zum Beispiel Umschläge voller Bargeld im Austausch für WM-Stimmen überreicht werden, ist naiv. Korruption, auch in der normalem Geschäftswelt, wird auf viel intelligentere Weise vorgenommen…»

Ausdrücklich freigesprochen von jedem Verdacht der Bestechlichkeit oder irregulärer Einflussnahme wurde FIFA-Präsident Joseph Blatter. Eckert bescheinigt dem Schweizer sogar eine aktive Rolle im FIFA-Demokratisierungsprozess. Franz Beckenbauer als deutsches Mitglied der FIFA-Regierung zum Zeitpunkt der WM-Vergabe wird wie alle offenbar unbescholtenen Exko-Mitglieder namentlich nicht genannt. Dennoch erwähnt Eckert die zwischenzeitliche Weigerung Beckenbauers, die Fragen der Ermittler zu beantworten, wofür er während der WM im Sommer provisorisch gesperrt worden war.

Eckert merkte in seinem Urteil an, dass weitere Untersuchungen durch die ermittelnde Kammer des FIFA-Ethikgremiums gegen Einzelpersonen nicht ausgeschlossen seien. Ausdrücklich kritisiert wird, dass die meisten Exko-Mitglieder die sogenannten Bid Books der Kandidaten augenscheinlich nicht gelesen hätten. Auch eine Stärkung der Empfehlungen der Evaluierungsberichte wird empfohlen – diese hatten schlechte Noten nur an zwei Kandidaten verteilt: Russland und Katar.

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