Blogger gründen werbefreie Alternative zu Twitter

Der Mikroblog Quitter will mit einer dezentralen Struktur an der Macht der kommerziellen Netzwerke rütteln. Finanziert wird Quitter über Spenden, die Organisation übernimmt eine schwedische Non-Profit-Organisation. Der Dienst soll Twitter-Nutzern eine werbefreie Alternative bieten.

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Die Oberfläche des Twitter-Alternativ-Angebots Quitter dürfte den Usern bekannt vorkommen. Stark erinnert das Design an den bekannten Microblogging-Dienst. Die einfache Struktur ist eigenen Angaben zufolge bewusst gewählt und soll den Benutzern den Wechsel einfach machen. Doch anders als die kommerziellen Vorbilder, besitzt „Quitter“ eine völlig andere Struktur.

Wie das funktioniert und welche Intention dahinter steckt, beschreibt der Dienst seinen potentiellen Anhängern wie folgt:

„Wir sind eine Community von Microbloggern, verteilt über einen weltweiten Verbund unabhängiger GNU-Social-Server, auch bekannt als StatusNet. Wir sind genau das Richtige für Leute (…), denen Ethik und Solidarität etwas bedeuten und die sich nicht mehr an zentralisierten kommerziellen Diensten beteiligen wollen.“

Betreut wird „Quitter“ durch die schwedische Non-Profit-Organisation En Kompis Kompis mit Sitz in Norrköping. Die Idee zu diesem Microblog stammt ursprünglich von Evan Prodromou. „@ 3mp0 erfand den Namen und startete das Ganze im Jahr 2010“, so Hannes Mannerheim von En Kompis Kompis auf Anfrage der Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Er selbst zeichnet für die Twitter-ähnliche Benutzeroberfläche verantwortlich. Die Frage, wer sich konkret hinter „Quitter“/GNU Social verberge, stellt sich für Mannerheim jedoch nicht. Das wäre in etwa so, als würde man danach fragen, wer sich hinter „Email“ verberge. „Quitter ist keine Plattform. Es ist ein Teil eines größeren Netzwerks“, so der Fachmann.

Die Organisation selbst beschreibt die Vorteile des Angebots übrigens wie folgt: „Ebenso wie man kein Konto braucht, um eine Email von Gmail an Hotmail zu versenden, braucht man auch keinen Quitter-Account, um sich mit Quitterern zu unterhalten.“ Anbieter kommerzieller Seiten würden das nicht gestatten. Ein dezentrales Netzwerk verteile die Macht hingegen in mehrere Hände. Das mache das Netzwerk stabiler und es obendrein schwieriger für Unternehmen und Regierungen, dieses zu zensieren.

Der Schritt hin zu „Quitter“ erscheint den Ideengebern als logische Konsequenz aus den Entwicklungen der vergangenen Jahre.Stellen Sie sich vor, Gmail hätte plötzlich beschlossen, dass Sie nur noch E-Mails an Google Mail-Benutzern senden könnten“, so Mannerheim. Er kritisiert:

Facebook, Twitter, Spotify, Apple, Google etc. haben einen Zaun um das Internet gebaut und kontrollieren es. Sie machen riesige Gewinne mit unserer Kommunikation. Sie haben begonnen, ihre Dienste so zu modifizieren, dass sie gut für sie sind, nicht für uns. Das Internet war eine tolle, revolutionäre Technologie, die wirklich dazu hätte beitragen können, eine soziale Veränderung der Welt zu bewirken. Doch man verharrte und machte das Internet zu ein paar ummauerten Gärten. Heute verwenden sie viel darauf, um Wege zu finden, damit wir noch mehr Zeit mit ihren Diensten verschwenden.“

Mit Angeboten wie „Quitter“ sei eine Kontrolle durch Unternehmen und die Erzielung von Profiten mittels der Kommunikation der User deutlich schwieriger, heißt es hierzu auch auf der schwedischen Betreiberseite. „Wenn wir ein Netzwerk so bauen, dass es schwierig wird, damit Geld zu verdienen, wird es wiederum leichter für demokratisch geführte Organisationen und Stiftungen sich zu etablieren. Wir denken, dass Social Media ganz anders aussehen würde, wenn es von Non-Profit-Organisationen wie zum Beispiel Wikipedia betrieben würde“, so En Kompis Kompis.

Ein wichtiger Weg für Social Media Unternehmen, unser gesellschaftliches Leben zu monetarisieren, sei es, dieses zu filtern, sagt die Organisation. Würde man also einem Unternehmen gestatten, zum Beispiel, „Top News“ anzubieten, gebe man ihm damit gleichzeitig die Möglichkeit Einfluss auszuüben. Bei gemeinnützigen Seiten sei das anders. Hier bestehe kein ökonomisches Interesse, die Feeds der User zu manipulieren. Stattdessen biete sich die Möglichkeit, selbst zu gestalten. „Quitter“ etwa wurde komplett mit der freien Software „GNU Social“ und „Qvitter“ gebaut. Wer also etwas technischen Hintergrund habe, könne durchaus verfolgen, was unter der Oberfläche ablaufe.

„Quitter ist ein Weg, um dem allen zu widerstehen“, sagt Mannerheim. „Wir wollen den Menschen helfen, die zentralen kommerziellen Social Media Plattformen auf verträgliche Weise zu verlassen.“ Finanziert wird „Quitter“ übrigens „vollständig durch Spenden von Endverbrauchern“, so Mannerheim. „Wir bekommen kein Geld aus einem Unternehmen oder vom Staat.“ Derzeit würden die gespendeten Mittel allerdings noch nicht ausreichen, um die Ausgaben zu decken. In der Tat sei es für ein dezentrales Netzwerk, wie GNU Social/Quitter viel schwieriger, echte Gewinne einzufahren. Wenn man ein solches Netzwerk kreiere, solle es jedoch für die Benutzer anstelle der Eigentümer der Unternehmen arbeiten. „Wenn wir ein Social Media schaffen könnten, in dem die Nutzer eine viel stärkere Position gegenüber den Leistungsträgern hätten, dann könnte das Netzwerk am Ende sogar eine wichtige Rolle im wirklichen sozialen Wandel in der realen Welt spielen. Denn je mehr Macht Facebook und Twitter über ihre Nutzer einnehmen, desto nutzloser werden diese Plattformen für Aktivisten.

Nicht zuletzt deshalb haben deutsche User das neue Angebot von „Quitter“ seit einigen Wochen verstärkt auf dem Schirm. Hintergrund sind die Pläne von „Twitter“, den Mitgliedern sukzessive ihre „frei gewählte, chronologische Timeline“ zu entziehen. Was das bedeutet, erklärt „Twitter“ in seiner „erweiterten” Beschreibung der „Timeline”. Darin heißt es:

Außerdem fügen wir möglicherweise auch einen Tweet, einen Account, dem Du folgen solltest oder sonstige beliebte bzw. relevante Inhalte zu Deiner Timeline hinzu. Das bedeutet, dass Dir manchmal Tweets von Accounts angezeigt werden, denen Du nicht folgst. Wir wählen jeden Tweet anhand vieler Faktoren einschließlich der Beliebtheit und der Interaktion von Personen in Deinem Netzwerk damit aus. Unser Ziel besteht darin, Deine Timeline auf der Startseite noch bedeutungsvoller und interessant zu gestalten.“

Die Konsequenz: Neben einer Zunahme von gesponsorten Tweets, drohen also weitere “fremde” Inhalte, so das Social Media Tagebuch. Ein Umstand, der die User wenig begeistere, berichtet auch The Atlantic. Der Autor Tobias Gillen spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer „Entmündigung“ und bringt das umstrittene Vorhaben in seinem Blog Basic Thinking auf den Punkt:

Allein die Tatsache, dass ich mir mein Netzwerk, meine Informationen, meine Unterhaltung nicht mehr so zusammenstellen kann, wie ich das möchte, macht den Reiz an Twitter für mich irgendwie kaputt.“

Das sieht nicht nur er so. Ein Twitteruser-Streik  blieb jedoch weitestgehend unbeachtet. Mittlerweile finden sich jedoch einige Erfahrungsberichte zu „Quitter“ im Netz. So schreibt etwa die Bloggerin „Grinsekatze“: „Quitter ist natürlich – noch – kein adäquater Ersatz für Twitter.“ Dennoch hat sie die „Twitter“-Alternative getestet und attestiert dem Ganzen durchaus Potential. Ihr Appell fällt entsprechend aus:

„Sagt was. Fragt was. Probiert was aus. Erzählt, wie es war. Regt was an. Regt euch auf. Habt Spaß. Erzählt, wie es war. Habt keine Angst, alleine zurückzubleiben. Löscht nicht eure Accounts, weil ihr glaubt, es sei den anderen egal. Verschafft euch Gehör. Macht Erfahrungen. Sagt euren Lieblingstwitterern, dass sie euch wichtig sind. Beeinflusst die Entscheidung, was aus dieser Community wird! So oder so.“

Quitter“ hat Mannerheim zufolge mittlerweile 3000 registrierte User. Um die 200 von ihnen posten so gut wie täglich. Mittlerweile gibt es Quitter.no und Quitter.is neben Hunderten von anderen GNU Social Sites. „Sie alle können miteinander kommunizieren. Niemand weiß, wie groß das gesamte Netzwerk tatsächlich ist.“

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