Deutsche-Börse-Chef gerät in Libor-Skandal unter Druck

Der Drahtzieher im Zinsskandal beschuldigt seinen Ex-Chef Carsten Kengeter, über die Manipulationen beim Libor Bescheid informiert gewesen zu sein. Kengeter ist erst seit Montag Chef der Deutschen Börse.

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Wenige Tage nach der Übernahme des Chefpostens bei der Deutschen Börse holt Carsten Kengeter seine Vergangenheit als Investmentbanker ein. Der ehemalige Händler Tom Hayes wirft Kengeter vor, in seiner Zeit als Ko-Investmentbank-Chef bei der Schweizer UBS über manipulierte Zinsen Bescheid gewusst zu haben. Das geht aus Aussagen von Hayes vor einem Londoner Gericht hervor. Für Deutschlands größten Börsenbetreiber ist das eine unangenehme Überraschung. Große Unruhe herrsche wegen der Vorwürfe aber nicht, sagten zwei Personen aus dem Umfeld des Konzerns. Diverse Aufsichtsbehörden hätten der Deutschen Börse bestätigt, dass Kengeter keinerlei Verfehlungen vorgeworfen würden. Von Kengeter selbst war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Hayes, der für UBS und Citigroup gearbeitet hat, steht in Verdacht, einer der Drahtzieher bei der Manipulation von Referenzzinssätzen wie dem Libor gewesen zu sein. Er hält sich für unschuldig und betont, dass auch seine Vorgesetzten von den Vorgängen gewusst hätten. Mehrere Manager, darunter Kengeter, hätten mindestens an einer Morgenkonferenz in Tokio teilgenommen, wo Händler die Liborsätze abgestimmt hätten. „Es war zu weit verbreitet und offen, als dass Leute es nicht hätten merken können“, erklärte Hayes. „Es war einfach so offenkundig.“

Die britische Strafverfolgungsbehörde SFO wirft Hayes in acht Fällen Verschwörung zum Betrug in den Jahren 2006 bis 2010 vor. Dem 35-Jährigen drohen zehn Jahre Gefängnis. Seine brisanten Aussagen gegenüber der SFO stammen von Anfang 2013, kurz nach seiner Festnahme im Dezember 2012. Die Äußerungen wurden dem Southwark Crown Court am Mittwoch vorgelegt und verlesen beziehungsweise vom Band abgespielt.

Kengeter hat erst am Montag die Nachfolge des langjährigen Deutsche-Börse-Chefs Reto Francioni angetreten. Ein Sprecher des Konzerns wollte sich zu dem Fall nicht äußern. Die Deutsche Börse hat vor Kengeters Verpflichtung Insidern zufolge geprüft, ob er im Visier der Ermittlungsbehörden steht. Dabei sei es vor allem um den UBS-Händler Kweku Adoboli gegangen, der mehr als zwei Milliarden Euro verzockt hatte, aber auch um andere Fälle wie Libor. Die Aufsichtsbehörden hätten dies verneint. Die Wahrscheinlichkeit, dass nun wegen der Aussagen von Hayes Ermittlungen gegen Kengeter aufgenommen würden, halte man bei der Deutschen Börse für sehr gering, sagte einer der Insider.

Hayes habe bei der UBS mindestens drei Hierarchiestufen unter Kengeter gearbeitet, fügte der Insider hinzu. Zudem seien beide nur sehr kurz zusammen bei der Schweizer Großbank gewesen. Kengeter wechselte 2008 zur UBS, Hayes zog bereits 2009 nach einem Streit über Bonus-Zahlungen weiter zur Citigroup. Die Aussagen von Hayes hält der Deutsche-Börse-Insider für Schutzbehauptungen. „Er teilt in alle Richtungen aus, um seinen eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.“

Laut Hayes soll ein direkter Vorgesetzter auch von seinen Extrazahlungen an Broker und Freunde bei anderen Banken im Gegenzug für Informationen und Hilfe gewusst haben. Anfangs kooperierte Hayes mit den Ermittlern, brach diese Zusammenarbeit aber im Oktober 2013 ab, nachdem er sein Anwaltsteam ausgetauscht hatte. Hayes sorgt sich nach Angaben seiner Verteidigung um eine Auslieferung in die USA, wo das Justizministerium seine Rolle im Libor-Skandal untersucht.

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