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Aaron Koenig: Bitcoin ist das Gold im Internet-Zeitalter

Bitcoin bietet die Möglichkeit, Geld ohne Staat zu betreiben. Das virtuelle Geld vereint die Vorteile des Internet mit den Wünschen der unabhängigen Bürger. Selbst wenn vieles nicht ausgereift ist, ist Bitcoin ein interessantes Experiment, das unser Geld-System herausfordern kann.

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Ihren Buch „Geld ohne Staat“ zeigen Sie, dass die Bitcoin im Grunde eine alte Idee der Österreichischen Schule realisiert, nämlich ein freies Marktgeld, ohne den Staat. Macht das die Bitcoin nicht naturgemäß zu einem Objekt der Anfeindung durch die Staaten?

Aaron Koenig: Die Regierungen befinden sich bei Bitcoin in der Tat in einem Dilemma. Sie spüren einerseits, dass sie dadurch an Macht und Einfluss verlieren. Andererseits hat Bitcoin ein riesiges wirtschaftliches Wachstumspotenzial. Es wurde schon eine Menge Risikokapital in Bitcoin-Firmen investiert, viele Arbeitsplätze werden in der Bitcoin-Wirtschaft entstehen, Bitcoin-Technologie kann viele Prozesse schlanker und billiger machen. Kein vernünftiger Politiker kann es sich leisten, eine solche Entwicklung zu gefährden. Zum Glück gibt es ja einen Wettbewerb zwischen den Staaten: Bitcoin-Unternehmen werden sich aus Staaten mit zu restriktiver Politik zurückziehen und in Bitcoin-freundlichere Staaten umziehen. So ist das Unternehmen Xapo gerade aus Kalifornien in die Schweiz umgezogen, und New Jersey lockt Bitcoin-Firmen aus New York mit Steuervergünstigungen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die Staaten regieren heute in einem globalen Verbund. Ihre Schulden-Politik wir finanziert von der Geldschöpfung aus dem Nichts durch die Zentralbanken und die Banken. Was würde mit diesem System passieren, wenn die Welt morgen komplett auf Bitcoin umgestellt würde?

Aaron Koenig: Eine solche komplette Umstellung wird es nicht geben, eher einen fließenden Übergang. Das auf Verschuldung beruhende Scheingeldsystem ist von seiner Grundkonstruktion her zum Scheitern verurteilt. Es wird vermutlich noch einige Zeit vor sich hinsiechen und dann wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen. In der Zwischenzeit werden dezentrale Geldsysteme wie Bitcoin reifer werden und immer mehr Nutzer für sich gewinnen. Ich bin sicher: wenn wir in 20 Jahren jungen Menschen von unserem heutigen Geldsystem erzählen, werden sie kaum glauben, wie ineffizient und ungerecht es war. Ich denke, es ist gar nicht nötig, das bestehende System zu bekämpfen. Es ist viel klüger, ein offensichtlich besseres aufzubauen, das die Menschen freiwillig nutzen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie erwähnen in Ihrem Buch ausführlich den Cantillon-Effekt. Ist Bitcoin gerechter als ein klassisches Geldsystem?

Aaron Koenig: Vom Scheingeldsystem profitieren einige wenige, die nah an der Quelle des neu enstehenden Geldes sitzen, während die meisten Menschen durch die Geldinflation verlieren, weil die Kaufkraft ihres Einkommens und der Wert ihrer Ersparnisse abnehmen. Im Bitcoin-System ist der Zuwachs der Geldmenge durch die Software genau definiert und dadurch vorhersagbar. Ein Cantillon-Effekt kann daher nicht eintreten. Das Bitcoin-System ist also auf jeden Fall gerechter. Natürlich haben frühe Bitcoin-User, die Bitcoins zum Kurs von wenigen Cents gekauft oder selbst geschürft haben, einen großen Vorteil gegenüber Nachzüglern – ganz zu schweigen vom Erfinder Satoshi Nakamoto, der wohl mehr als eine Million Bitcoins besitzt. Doch das finde ich durchaus gerecht, denn Satoshi und die frühen Bitcoin-Nutzer haben viel Zeit und Energie in ein Projekt mit ungewissem Ausgang investiert und das phänomenale Wachstum Bitcoins erst möglich gemacht. Das ist ja bei frühen Investoren in später erfolgreiche Firmen nicht anders.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie vergleichen die Bitcoin mit dem Goldstandard. Welche Vorzüge hat Bitcoin gegenüber dem Gold, und was kann Gold, was Bitcoin nicht kann?

Aaron Koenig: Ich vergleiche Bitcoin mit Gold, nicht mit dem Goldstandard, den die Regierungen ja leicht aufkündigen konnten, wie es 1914 zur Finanzierung des Ersten Weltkriegs geschah. Den letzten Rest des Goldstandards, die Golddeckung des Dollars, schaffte Richard Nixon 1971 ab, diesmal zur Finanzierung des Vietnam-Kriegs.

Bitcoin-Versteher Aaron Koenig: Das passende Geld für alle. (Foto: Josefine Cantú)

Bitcoin-Versteher Aaron Koenig: Das passende Geld für alle. (Foto: Josefine Cantú)

Bitcoin hat ähnliche Qualitäten wie Gold, es ist knapp, leicht teilbar, unverwüstlich und nicht zu fälschen. Im Gegensatz zu Gold kann man Bitcoin in Sekundenschnelle über das Internet schicken. Außerdem ist es viel leichter über Grenzen zu transportieren, ohne dass es entdeckt wird. Der private Besitz von Gold kann verboten werden – wie in den USA 1933 – das wäre mit Bitcoin nicht durchsetzbar. Bitcoins sind in einem weltweiten Computernetz gespeichert. Mit seinem privaten Schlüssel – ein Zahlen- und Buchstabencode, den man leicht verstecken kann – hat man von überall auf der Welt darauf Zugriff. Der große Vorteil von Gold ist seine über 5000 Jahre alte Geschichte als freies Marktgeld. Jeder Mensch weiß, dass Gold wertvoll ist. Bitcoin wird einige Zeit brauchen, um diesen Startvorteil einzuholen. Ich denke aber, dass es keine Entweder-Oder-Entscheidung ist. Man sollte beides besitzen, Gold und Bitcoin.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Der Investor Guy Spier hat den DWN gesagt, er steht der Bitcoin skepisch gegenüber, weil sie sich, anders als staatliche Währungen, nicht mit Soldaten – also Zwangsmaßnahmen – verteidigen kann. Ist das nicht ein Schwachpunkt?

Aaron Koenig: Es ist ja gerade der Nachteil der staatlichen Währungen, dass sie allein auf dem Zwangsprinzip beruhen. Niemand würde für bedrucktes Papier oder unbegrenzt im Computer erzeugbare Zahlen arbeiten, wenn man nicht gesetzlich dazu gezwungen wäre, dieses Scheingeld anzunehmen. Bitcoin hingegen nutzen die Menschen freiwillig, ganz ohne Zwang. Bitcoin ist gegen Zwangsmaßnahmen immun: es gibt keine zentralen Server, die man abschalten, keine „Bitcoin-Firma“, deren Geschäftsführer man verhaften könnte. Es ist nur ein Software-Protokoll, das von jedem benutzt und weiterentwickelt werden kann. In dieser Hinsicht ähnelt Bitcoin dem Filesharing-Netzwerk Bittorrent, das durch seinen dezentralisierten Aufbau ebenfalls nicht zu zerstören ist. Selbst in repressiven Staaten würde Bitcoin im Untergrund weiterleben. Diese Unangreifbarkeit ist eine große Stärke Bitcoins.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Eine der wesentlichsten Innovationen ist das Blockchain-Prinzip. Könnten Sie das für unsere Leser erläutern?

Aaron Koenig: Die Blockchain ist eine Art weltweites Kassenbuch, in dem alle Bitcoin-Transaktionen aufgezeichnet werden. Wenn ich ihnen Geld überweise, ist dieser Vorgang in der öffentlich zugänglichen Blockchain für alle einsehbar. Jeder mit der nötigen Rechenpower kann an der Pflege dieser dezentralen Datenbank teilnehmen und wird dafür mit neu ausgeschütteten Bitcoins belohnt. Diesen Prozess nennt man „Mining“ (= Schürfen). Die Blockchain ist auf vielen Tausend Computern gespeichert und wird etwa alle zehn Minuten aktualisiert. Es wird dann ein neuer „Block“, der die neu hinzugekommenen Transaktionen enthält, an die „Blockkette“ angehängt. Alle „Miner“ laden dann die neue Version herunter und arbeiten mit ihr weiter. Alles, was in der Blockchain steht, kann daher im Nachhinein nicht mehr verändert werden. Das ist ein riesiger Vorteil gegenüber dem heutigen, stark manipulationsanfälligen System.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Blockchain entspricht ja im wesentlichen dem Prinzip „Wisdom oft he Crowd“, also einem der Grundprinzipen des Internet 2.0. Wo ist dieses System anfällig?

Aaron Koenig: Nein, mit „Wisdom of the Crowd“ hat die Blockchain nichts zu tun. Das Regelwerk, nach dem das Bitcoin-Netzwerk funktioniert, ist sogar höchst simpel – und genau das macht seine Stärke aus. In einem „dummen“ Netzwerk, dem es egal ist, was darüber läuft, können alle möglichen Anwendungen funktionieren. Niemand braucht eine Erlaubnis oder besondere Zugriffsrechte, um ein nützliches Programm zu schreiben, das auf dem Bitcoin-Netzwerk aufsetzt. Man kann die Blockchain nicht nur zur Überweisung von Geld benutzen, sondern für viele andere Dienste. Zum Beispiel für Grundbücher, Handelsregister oder Familienstammbücher. Vieles, wofür man bisher zentrale Institutionen benötigte, kann besser und günstiger mit Blockchain-Technologie erledigt werden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Gerade die Verwaltung durch viele birgt doch auch Gefahren – etwa die der Manipulation. Wie kann das verhindert werden?

Aaron Koenig: Manipulation ist durch das Bitcoin-Regelwerk und seinen dezentralen Charakter ja explizit ausgeschlossen. Die Probleme liegen eher an anderer Stelle: da es keine zentrale Institution gibt, die über Bitcoin bestimmt, kann niemand auf den Tisch hauen und sagen: wir machen das jetzt so. Dadurch ist das Bitcoin-System recht konservativ, manchmal sogar schwerfällig. Bevor wichtige Erneuerungen umgesetzt werden, muss viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Zur Zeit wird zum Beispiel über eine Erweiterung der Blockgröße diskutiert, damit das Bitcoin-System mit der stetig wachsenden Menge an Transaktionen mithalten kann. Niemand kann das einfach so bestimmen, nicht einmal Bitcoins Chef-Entwickler Gavin Andresen. Letztendlich wird die Mehrheit der Nutzer die Entscheidung treffen, in dem sie eine neue Version der Software installiert oder eben nicht.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die größte Gefahr für Bitcoin kann man in staatlichen Repressionen sehen: Wenn der Staat den Besitz von Bargeld für illegal erklären kann, dann kann er auch Bitcoin per Dekret zur Straftat erklären – etwa mit dem heute beliebten, aber völlig überzogenen Verweis auf Geldwäsche und Steuerflucht. Sehen Sie diese Gefahr?

Aaron Koenig: Die Macht des Staates wird allgemein überschätzt. Der Konsum von Drogen oder das Kopieren von Musikdateien sind auch für „illegal“ erklärt worden, was aber kaum Auswirkungen auf das Verhalten der Menschen hat. Bei einem staatlichen Verbot würden die Menschen Bitcoin einfach weiter benutzen. Gerade wenn staatliche Repressionen zunehmen, sind nicht-staatliche Währungen ein praktisches Mittel, um seine Freiheit zu verteidigen. Ein Bargeldverbot würde mehr und mehr Menschen dazu bringen, das „digitale Bargeld“ Bitcoin zu benutzen. Keine Macht der Welt kann Bitcoin-Konten einfrieren oder Überweisungen blockieren. Das macht ja gerade den Charme des Bitcoin-Systems aus.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie könnte Bitcoin auf repressive Tendenzen reagieren?

Aaron Koenig: Gar nicht, denn es gibt kein „Bitcoin-Unternehmen“, das auf irgend etwas reagieren könnte. Die Frage ist eher, wie die einzelnen Bitcoin-Nutzer reagieren würden. Bitcoin ist gut dafür geeignet, regressive Tendenzen wie etwa ein Bargeld-Verbot auf elegante Weise zu umschiffen. Daher würden regressive Maßnahmen das Bitcoin-Wachstum eher fördern als verhindern.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Einer der Punkte, der viele Traditionalisten zögern läßt, bei Bitcoin in Euphorie zu verfallen, ist die absolute Virtualität der Währung. Die Leute glauben, dass, was man nicht sieht, auch nicht existiert. Wie kann man diesen Vorbehalt entkräften?

Aaron Koenig: Der Großteil herkömmlichen Geldes ist ja heute virtuell, es sind nur Zahlen im Computer. Auch Handy-Guthaben oder Gegenstände in Computerspielen sind rein virtuell, haben aber dennoch ihren Wert. Im digitalen Zeitalter ist die materielle Präsenz eines Gutes nicht mehr so wichtig, entscheidend ist sein Nutzen. Und Bitcoin ist durch seine Eigenschaften extrem nützlich, mit keinem anderen Zahlungssystem kann man Geld für Bruchteile von Cents in Sekunden rund um die Welt schicken. Die eigentlich „virtuellen“ Währungen sind die staatlichen, denn sie können willkürlich aus dem Nichts geschaffen werden. Bitcoin ist hingegen von seinen Eigenschaften sehr solide und berechenbar, und sollte daher gerade für konservative Menschen attraktiv sein.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass Bitcoin vor allem eine globale Währung ist – was neben der Staatsferne vielleicht die wichtigste Innovation ist. Könnte es sein, dass Bitcoin staatliche Repressionen übersteht, weil es keine supranationalen Armeen gibt und man immer wieder ausweichen kann? Oder muss Bitcoin fürchten, dass eines Tages das US-Justizministerium vor der Tür steht und, wie bei der Fifa, das Geschäft als Ganzes bekämpft, weil man einzelne schwarze Schafe erwischt hat?

Aaron Koenig: Würde die FIFA die Blockchain benutzen, wäre Korruption unmöglich, weil alle Zahlungen transparent und für jedermann einsehbar sind. Da müsste die US-Justiz gar nicht mehr eingreifen. Was mir auffällt: Sie fragen ständig nach staatlichen Repressionen, aber die Realität sieht ganz anders aus. Einige Regierungen, wie z.B. die von Großbritannien, der Schweiz oder Singapur, machen eine ausgesprochen Bitcoin-freundliche Politik. Deutschland hinkt natürlich wie immer hinterher, deshalb gründen die meisten deutschen Bitcoin-Unternehmer ihre Firmen im Ausland. Die Bitcoin-Wirtschaft steht im regen Dialog mit Regulatoren, damit vernünftige Spielregeln z.B. gegen Betrug und Diebstahl durchgesetzt werden können, ohne dass Bitcoin durch überflüssige Regeln gebremst wird.

Die Regulierung ist bei Bitcoin ja in der Software selbst angelegt. Man braucht keine zentralen Institutionen mehr, denen man sein Geld anvertraut, und daher auch nicht die strenge Regulierung, wie sie im heutigen Finanzsystem notwendig ist. Mehr und mehr Regierungen begreifen das und sehen Bitcoin eher als Chance denn als Bedrohung. Auch die Finanzwelt steht Bitcoin offen gegenüber: die NASDAQ wird die Blockchain-Technologie einsetzen, Goldman Sachs und die New York Stock Exchange haben in Bitcoin-Startups investiert. Das geht einigen staats- und systemkritischen Bitcoin-Nutzern schon zu weit, sie wandern daher zu neuen Währungen wie z.B. Dash ab, bei denen noch mehr Wert auf Anonymität gelegt wird als bei Bitcoin. Das ist ja das Schöne an einem freien Wettbewerb der Währungen: es wird für alle das passende Geld geben.

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Das neue Buch von Aaron Koenig. (Foto: FBV)

Das neue Buch von Aaron Koenig. (Foto: FBV)

Aaron Koenig ist seit 2011 in der Bitcoin-Wirtschaft engagiert. Er hat mit seiner Firma Bitfilm zahlreiche Filme für Bitcoin-Start-ups produziert. Koenig organisiert ein Bitcoin-Filmfestival sowie eine monatliche Bitcoin-Tauschbörse in Berlin. Er ist Diplom-Kommunikationswirt und seit 1994 in der kreativen Internetbranche tätig

Heute haben wir alle Möglichkeiten, um Hayeks Vision eines »Geldes ohne Staat« in die Tat umzusetzen. Eine Antwort darauf kann der Bitcoin sein, die wohl bekannteste und erfolgreichste nichtstaatliche Währung. Und doch ist er nur die Spitze des Eisbergs. Schon jetzt gibt es viele hundert private dezentrale Währungen, die auf dem Bitcoin-Prinzip aufbauen.

Das sehr kurzweilig geschriebene und auch für Bitcoin-Laien verständliche Buch erklärt das Phänomen Bitcoin und gibt praktische Tipps für Bitcoin-Einsteiger. Kurze Interviews mit Insidern beleuchten die Zukunftsperspektiven des Bitcoin-Marktes. Das Buch „BITCOIN – Geld ohne Staat: Die digitale Währung aus Sicht der Wiener Schule der Volkswirtschaft“ kostet 16,99€ und kann bei Amazon, hier beim Verlag oder im guten deutschen Buchhandel erworben werden.

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Top-Ökonom: Glaubt den Eliten nicht, Weltwirtschaft ist auf Crash-Kurs
Top-Ökonom: Glaubt den Eliten nicht, Weltwirtschaft ist auf Crash-Kurs
Der ehemalige Asien-Chefökonom von Morgan Stanley warnt vor schweren Krisen in der Weltwirtschaft. Die politischen Eliten würden alle Warnungen ignorieren. Sie reden sich die Lage schön und behaupten, die Lage sei nicht so schlimm. Als Beispiel der Unfähigkeit der politischen…
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Angela Merkel, Barack Obama, Shinzo Abe und Francois Hollande beim G7. (Foto. dpa)

Angela Merkel, Barack Obama, Shinzo Abe und Francois Hollande beim G7. (Foto. dpa)

Der ehemalige Chefökonom für die Region Asien bei Morgan Stanley, Andy Xie, hat in einem zuerst in der South China Morning Post veröffentlichten Gastbeitrag scharfe Kritik am Zustand der Weltwirtschaft und an den führenden Eliten geäußert.

Sie seien nicht fähig oder gewillt zu sein, die gefährliche Entwicklung zu stoppen. „Vor der gegenwärtigen Zeitverschwendung namens G7-Treffen konnte die Arbeitsgruppe der G20 in Schanghai keine vernünftigen Vorschläge zur Ankurbelung der Weltwirtschaft machen und beschwerte sich stattdessen, dass die gegenwärtigen Gefahren nicht die ‚tiefer liegenden Fundamentaldaten der Weltwirtschaft‘ reflektierten. Der Ölpreis war seit Juni 2014 um 70 Prozent eingebrochen, der brasilianische Real hatte sich halbiert und der russische Rubel hatte 60 Prozent an Wert eingebüßt. Die Weltwirtschaft befindet sich am Rand einer weiteren Rezession und diese wichtigen Leute haben das alles auf eine Art psychologisches Problem der Wahrnehmung der Menschen geschoben.“

Tatsächlich deuten „deuteten alle Anzeichen auf eine längere Periode der globalen Stagnation und Instabilität“ hin, schreibt Xie. Dafür macht Xie teilweise die expansive Geldpolitik verschiedener Notenbanken nach der Krise von 2008 verantwortlich. Diese massiven Finanzmittel hätten meist keine nachhaltige Wirkung auf die Realwirtschaft gehabt, sondern zu Preisblasen in verschiedenen Anlageformen wie Aktien und Immobilien geführt. Dadurch seien vor allem die wenigen Wohlhabenden immer reicher geworden, während der große Rest bestenfalls einige „Krümel“ des Geldsegens abbekommen hätte. „Der durch die expansive Geldpolitik erhoffte Wohlstandeffekt ist im kleinen Kreis der Wohlhabenden geblieben“, schreibt Xie.

Dort, wo massiv in die Wirtschaft investiert wurde, sei es häufig zum Aufbau von unproduktiven Überkapazitäten gekommen. Diese machen sich derzeit etwa in der europäischen Stahlindustrie bemerkbar, die unter dem hohen chinesischen Überangebot leidet. „China hat nach 2008 Gelder im Umfang von etwa 20 Billionen Dollar bereitgestellt, um den Bau von Fabriken und Wohnungen zu finanzieren. Doch eine Investition garantiert noch keine Nachfrage. China baute also noch mehr Fabriken, um Nachfrage für die eben erwähnte Fabrik zu generieren. Dieses Schneeballsystem konnte nicht lange funktionieren.“

Xie kritisiert, dass die chinesische Überproduktion überdies die Rohstoffpreise aufgebläht hat, was ebenfalls zu einem Schneeballsystem geführt habe. „Als die großen Zentralbanken die Zinsen auf Null gesetzt haben, sind Billionen von Dollar als Kredite in den Rohstoffbereich geflossen. Unternehmen in den Schwellenländern, die von den steigenden Rohstoffpreisen beeindruckt waren, liehen sich insgesamt 9 Billionen Dollar. Dieser Schuldenberg gründet auf einem Rohstoff-Schneeballsystem, welches seinerseits auf einem chinesischen Investitions-Schneeballsystem ruht. Sein Zusammenbruch ist erst der Beginn.“

Dass die Weltwirtschaft kurz vor einer Rezession stehe, sei außerdem das Resultat eines Systems falscher Anreize: „Nach der Finanzkrise von 2008 hat die amerikanische Regierung und die Federal Reserve Billionen von Dollar dafür ausgegeben, jene Leute zu retten, die die Krise erschaffen haben. Anstatt mit der Insolvenz und Gefängnis rechnen zu müssen, sind diese Leute so reich geworden wie nie zuvor. Wie vorauszusagen war, haben sie ihre Ressourcen dazu verwendet, das System noch mehr zu manipulieren.“

Das Ende der Arbeiter: Roboter produzieren Adidas-Schuhe in Deutschland
Das Ende der Arbeiter: Roboter produzieren Adidas-Schuhe in Deutschland
Adidas produziert künftig wieder in Deutschland - allerdings ohne Arbeitsplätze zu schaffen: In Ansbach baut das Unternehmen dazu eine Roboter-Fabrik für Schuhe, die weitgehend ohne menschliche Mitarbeiter auskommen soll. Viele globale Unternehmen ziehen sich aus Asien zurück, weil die Arbeiter…
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Mit der Roboterfabrik will Adidas bei der Produktion wieder auf Made in Germany setzen. (Foto: dpa)

Mit der Roboterfabrik will Adidas bei der Produktion wieder auf Made in Germany setzen. (Foto: dpa)

Der deutsche Sportartikelhersteller Adidas baut derzeit eine Fabrik, die weitgehend ohne menschliche Mitarbeiter auskommen soll. Stattdessen übernehmen Roboter die Produktion. Auf rund 4600 Quadratmetern sollen die Maschinen in der so genannten „Speedfactory“ vollautomatisch Schuhe „Made in Germany“ herstellen.

Mit der Fabrik in Ansbach kann Adidas damit erstmals nach rund zwanzig Jahren wieder mit in Deutschland hergestellten Produkten werben. Denn wegen der vergleichsweisen hohen Lohnkosten hierzulande hat auch die deutsche Traditionsmarke ihre Produktionsstätten schon vor Jahrzehnten komplett in Billiglohnländer vor allem in Asien ausgelagert und beschäftigt dort fast eine Million Menschen. Seit jedoch die Löhne etwa auch in China steigen, schauen sich Textilhersteller nach Alternativen um. Wer kann, investiert in Fabriken mit Robotertechnologien, etwa wie bei Adidas über eine Kooperation mit dem Maschinenbauer Manz, und spart so gleich an den Mitarbeitern. Ein Beispiel dafür lieferte jüngst der Apple-Zulieferer Foxconn: Nach einem bericht der BBC hat das Unternehmen, das sich einen Ruf für die schlechte Behandlung seiner Mitarbeiter erworben hat, gleich 60.000 Arbeiter durch Roboter ersetzt. Damit hat mehr als die Hälfte der zuvor 110.000-Mitarbeiter starken Belegschaft ihren Job an die Maschinen verloren.

Adidas verspricht, dass es genau so nicht laufen soll. Seinen Job verliere demnach erstmal niemand, vielmehr wolle man die Speedfactory dazu nutzen, um die Produktionszahlen zu erhöhen. Ab dem kommenden Jahr sollen so bis 2020 jedes Jahr 30 Millionen Paar Schuhe mehr hergestellt werden als im Vorjahr, berichtet der Guardian.

Die Automatisierung ermöglicht es dabei, schneller als je zuvor zu fertigen – und günstiger. So kann Adidas künftig wieder das bei vielen Kunden als Kunden als Gütesiegel geltende „Made in Germany“ auf Produkte schreiben ohne dafür mehr zu bezahlen wie für die in Asien von Hand gefertigten Schuhe. In den jeweiligen Absatzmärkten entspricht eine inländische Produktion gerade auf Prestige-Produkten wie etwa den Nationaltrikots der Fußballmannschaft auch einen positiven Effekt auf die Verkaufszahlen. Allerdings soll Deutschland nicht der einzige Standort bleiben: Stellt sich die Fabrik in Ansbach als Erfolg heraus, so plant Adidas die Produktion auch in andere Absatzmärkte „zurückzuholen“, mit weiteren Roboterfabriken etwa in Frankreich, Großbritannien oder den USA.

Starker Dollar treibt Rohstoff-Märkte tiefer in die Krise
Starker Dollar treibt Rohstoff-Märkte tiefer in die Krise
Die Preise der meisten Rohstoffe haben im Mai deutlich nachgegeben. Besonders der starke Dollar wird dafür verantwortlich gemacht. Die Fed kann weiterhin Druck auf die Rohstoffmärkte ausüben, wenn sie die Leitzinsen anhebt oder eine Anhebung auch nur andeutet.
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Der Dollar bleibt stark, die Folgen zahlen die Schwellenländer. (Foto: dpa)

Der Dollar bleibt stark, die Folgen zahlen die Schwellenländer. (Foto: dpa)

China dominiert den globalen Markt für Stahlerzeugnisse. (Foto: dpa)

China dominiert den globalen Markt für Stahlerzeugnisse. (Foto: dpa)

Die Preise wichtiger Rohstoffe haben sich im Mai teils deutlich verbilligt. Beobachter machten dafür insbesondere einen stärkeren Dollar verantwortlich. Da die meisten Rohstoffe international in der amerikanischen Landeswährung gehandelt werden, verteuern sich diese entsprechend und Anleger halten sich eher zurück. Dadurch besitzt die US-Notenbank Fed einen großen Einfluss auf die künftige Preisgestaltung. Wenn sie die Leitzinsen wie erwartet demnächst anhebt, wird der Dollar aufwerten und weiteren Druck auf die Notierungen ausüben. Selbst wenn sie eine Anhebung der Zinsen für einige Zeit nur andeutet, wird dieser Effekt eintreten.

Gold und Kupfer gehörten im Mai zu den größten Verlierern – die Preise in beiden Rohstoffklassen sanken so stark wie seit einem halben Jahr nicht mehr, wie Financial Times berichtet. Kupfer verbilligte sich um über 7 Prozent auf aktuell rund 4650 Dollar pro Tonne. „Einen Rückgang des Angebots, mit dem viele gerechnet hatten, hat es nicht gegeben“, sagte ein Analyst des Schweizer Vermögensverwalters Julius Bär. Die Produzenten hätten sich stattdessen auf Kostensenkungen fokussiert und das Produktionsniveau gehalten. Der Goldpreis sank am Montag auf ein 3-Monats-Tief, bevor er sich am Dienstag auf etwa 1215 Dollar pro Feinunze erholen konnte.

Terminkontrakte für Stahl und Eisenerz aus chinesischer Produktion markierten ebenfalls neue Tiefpunkte und waren seit ihrer Markteinführung in den Jahren 2009 beziehungsweise 2013 noch nie so günstig wie derzeit, schreibt Financial Times. Die Terminpreise für Stahl sanken im Mai um 28 Prozent, während jene für Eisenerz um rund 24 Prozent nachgaben.

Chinas Stahlindustrie leidet ebenso wie andere Branchen unter hohen Überkapazitäten, weil umfangreiche Spekulationen auf den Terminmärkten die Notierungen in der Vergangenheit immer wieder künstlich in die Höhe getrieben und Produzenten zu einem höheren Output ermuntert hatten. An den Rohstoffbörsen des Landes gelten inzwischen neue Regeln, um ein Überschießen des Marktes zu verhindern.

Gegen den allgemeinen Trend stiegen die Preise für Rohöl im Mai weiter an. Die Notierungen für die Sorten Brent und WTI schwanken derzeit um die Marke von 50 Dollar pro Barrel (159 Liter), nachdem sie im Januar und Februar deutlich weniger als 30 Dollar pro Barrel gekostet hatten.

Die Zeit wird knapp: Bürgerinitiative macht gegen CETA mobil
Die Zeit wird knapp: Bürgerinitiative macht gegen CETA mobil
Die Bürgerinitiative Campact will alle rechtlichen und politischen Möglichkeiten nutzen, um das CETA-Abkommen mit Kanada doch noch zu Fall zu bringen. Die Initiative rechnet sich gewisse Chancen aus, obwohl die Zeit knapp ist und es viele Hürden zu überwinden gilt,…
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EU-Kommissarin Cecilia Malmström bei den CETA-Beratungen der Handelsminister in Brüssel. (Foto: dpa)

EU-Kommissarin Cecilia Malmström bei den CETA-Beratungen der Handelsminister in Brüssel. (Foto: dpa)

Gegner der umstrittenen Freihandelsabkommen CETA und TTIP demonstrieren am 28.05.2016 während des Katholikentages in Leipzig (Sachsen). (Foto: dpa)

Gegner der umstrittenen Freihandelsabkommen CETA und TTIP demonstrieren am 28.05.2016 während des Katholikentages in Leipzig (Sachsen). (Foto: dpa)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie hoch schätzen Sie Ihre Chancen ein, CETA verhindern zu können?

Jörg Haas: Wir sind optimistisch, dass wir CETA politisch noch verhindern können – und wenn das nicht gelingt, dass am Ende das Bundesverfassungsgericht gegen CETA entscheidet. Es gibt jedoch keinen Königsweg, daher ist es wichtig verschiedene politische und juristische Wege einzuschlagen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: CETA ist ja bereits ausverhandelt. Dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zufolge könnte das Abkommen bereits im kommenden Jahr starten. Bleibt Ihnen für Ihr Vorhaben genug Zeit?

Jörg Haas: Für die Prozessführung wird bis auf Weiteres von folgender zeitlicher Folge
ausgegangen: Im Herbst wird die Kommission der Europäischen Union dem
Ministerrat – genauer: dem Rat der EU-Handelsminister – den Vertragstext zum Beschluss über die Unterzeichnung und die vorläufige Anwendung vorlegen. Dieser Beschluss bedarf nach der bisherigen Praxis der Zustimmung des Europäischen Parlaments. Daran wird sich die Ratifikationsphase anschließen, in der Kanada, aber auch sämtliche Mitgliedstaaten der Europäischen Union ihre Zustimmung zum Vertragsabschluss erklären müssen.

In Deutschland geschieht dies in der Gestalt eines Zustimmungsgesetzes des
Bundestages mit Zustimmung des Bundesrates. Nach Abschluss der
Ratifikationsphase wird die Kommission dem Ministerrat den Vertrag zum Beschluss
über den endgültigen Vertragsabschluss vorlegen. Dieses Procedere wird überwiegend für wahrscheinlich gehalten, doch bleibt es in wesentlichen Hinsichten spekulativ. Unklar ist bis heute, ob die Zustimmung aller EU-Mitgliedstaaten erforderlich ist (sogenanntes Gemischtes Abkommen) oder ob die Union den Vertrag alleine abschließen darf (ausschließliches EU-Abkommen) und unklar ist auch, ob der Rat der Europäischen Union jeweils einstimmig oder mit Mehrheit abzustimmen hat.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum startet die Klage erst jetzt?

Jörg Haas: Beschwerdegegenstand kann nur ein Akt deutscher öffentlicher Staatsgewalt sein. Dies ist das Zustimmungsgesetz des Deutschen Bundestages zu CETA. Falls ein
Begleitgesetz zu CETA erlassen wird, dies ist noch nicht absehbar, wird auch dieses
Begleitgesetz ein tauglicher Beschwerdegegenstand sein.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Arbeiten Sie mit Frau Grimmenstein-Balas zusammen, die kürzlich eine Sammelklage gegen CETA organisiert hat?

Jörg Haas: Mitte April 2016 hat die Lehrerin Marianne Grimmenstein die Beschwerde initiiert. Sie wurde beim Bundesverfassungsgericht (BVerfG) „vorsorglich als Schutzschrift“ eingereicht, wie der Prozessbevollmächtigte Prof. Dr. Andreas Fisahn in den Medien zitiert wurde. Das Verfassungsprozessrecht sieht allerdings keine „Schutzschriften“ vor. Dies war nicht der erste Versuch einer Verfassungsbeschwerde: Bereits im August 2014 hatte Marianne Grimmenstein eine Beschwerde gegen CETA beim BVerfG eingereicht, die aber nicht zur Entscheidung angenommen wurde.

Wir sind der Auffassung, dass der Zeitpunkt für eine Verfassungsbeschwerde eine wichtige Rolle spielt. Denn die deutsche Staatsgewalt muss zuerst Maßnahmen ergriffen haben, bevor man diese rügen kann. Das ist im Falle von CETA bisher noch nicht geschehen. Wir wollen deshalb die Zustimmung des deutschen Vertreters im Europäischen Rat zur Unterzeichnung von CETA abwarten, bevor wir unsere Massen-Verfassungsbeschwerde einreichen – das Sammeln der Vollmachten kann und soll natürlich schon davor geschehen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Kann man sich an mehreren Verfassungsbeschwerden beteiligen?

Jörg Haas: Leider ist es nicht möglich, zur gleichen Problematik mehrere Verfassungsbeschwerden zu unterstützen. Wer sich zum Beispiel bereits an der Verfassungsbeschwerde von Frau Grimmenstein gegen CETA beteiligt, kann die Massenbeschwerde „Nein zu CETA“ nicht unterzeichnen. Wenn jemand trotzdem beide Verfahren unterstützt, wird die zeitlich spätere Beschwerde dieser Person nicht akzeptiert. Grundsätzlich ist es jedoch möglich, jederzeit die Unterstützung für Beschwerden zurückzuziehen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Werden auch in anderen EU-Ländern derartige Initiativen geplant?

Jörg Haas: Der Widerstand gegen TTIP und CETA ist auch in zahlreichen anderen EU-Ländern sehr lebendig. Allerdings ist mir bisher keine Verfassungsklage bekannt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie sehen die Kanadier das Abkommen?

Jörg Haas: Es gibt auch in Kanada einen erheblichen Widerstand gegen Freihandelsabkommen. Allerdings konzentriert sich die Debatte auf das TPP-Abkommen im Pazifik. Aber auch gegen CETA gibt es deutlichen Widerspruch. So hat der Canadian Labour Congress zusammen mit dem DGB sich gegen CETA ausgesprochen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was sind Ihre Hauptkritikpunkte an CETA?

Jörg Haas: In dem CETA-Vertrag geht es – anders als in früheren Freihandelsabkommen – nur am Rande um den Abbau von Zöllen oder die Angleichung von technischen Standards wie Schraubenlängen und Blinkerfarben. Im Kern des Abkommens stehen gesellschaftspolitische Standards, die viele Bereiche unseres täglichen Lebens betreffen. Umwelt- und Klimaschutz oder Verbraucher- und Arbeitnehmerrechte werden in CETA vor allem als Handelshemmnisse betrachtet, die Kosten für die Wirtschaft erzeugen.

Durch die in dem Vertrag vorgesehene Angleichung von Standards und die Zusammenarbeit bei gesetzlichen Regulierungen besteht die Gefahr, dass notwendige Verbesserungen unserer Standards in Zukunft nur noch schwer oder überhaupt nicht mehr möglich sein werden.

Zudem ist durch die geplante „regulatorische Zusammenarbeit“ offiziell festgeschrieben, dass Lobbyisten die Gesetzgebung noch vor den Parlamenten beeinflussen können. Denn für die Auslegung und Umsetzung von CETA soll ein sogenanntes „Joint Committee“ mit noch unklarer Zusammensetzung zuständig sein. Dieses Expertengremium kann CETA als „living agreement” auch nach seinem Abschluss noch entscheidend weiterentwickeln und verändern – obwohl das Gremium weder demokratisch legitimiert wäre noch von den Parlamenten kontrolliert würde. Damit werden demokratische Rechte der Bürger ausgehöhlt.

Weiterhin sind in CETA mit dem so genannten Investitionsgericht (ICS) weitreichende Sonderklagerechte für ausländische Unternehmen festgeschrieben. Investoren würde es so ermöglicht, Regierungen zu verklagen, sobald die vom Unternehmen erwarteten wirtschaftlichen Gewinne zum Beispiel auf Grund von schärferen Gesetzen im Sinne des Verbraucher- oder Umweltschutzes geschmälert werden.

Die ursprünglich vorgesehenen privaten Schiedsgerichte (ISDS) wurden zwar durch ein neues so genanntes Investitionsgerichts-System (Investment Court System, ICS) ersetzt. Der Kern der Kritik bleibt jedoch unverändert bestehen: Ob Schiedsgericht oder Investitionsgericht – das System der Investor-Staat-Streitbeilegung ist eine Paralleljustiz, die nur von ausländischen Investoren, nicht aber von einheimischen Betrieben angerufen werden kann. Staaten würden möglicherweise für Gesetze verklagt werden, die im Sinne des Gemeinwohls erlassen wurden. Und vor den geplanten Investitionsgerichten können Investoren Recht bekommen, auch wenn ordentliche Gerichte bis hin zum Bundesverfassungsgericht anders entscheiden.

Durch das Risiko, von Investoren zu Schadenersatz in Milliardenhöhe verklagt zu werden, sind Regierungen erpressbar. Geplante Regulierungen, zum Beispiel für den Verbraucher- und Umweltschutz oder zur Stärkung von Arbeitnehmerrechten, können auf diese Weise verhindert oder verzögert werden. Der Deutsche Richterbund kritisiert zudem, dass die finanzielle und fachliche Unabhängigkeit der Richter/innen nicht gewahrt ist. Desweiteren ist auch das erneuerte Investitionsgerichtssystem eine Einbahnstraße: Die Unternehmen haben Rechte, aber keine Pflichten. Wenn Investoren beispielsweise fundamentale Menschenrechte verletzen, können sie dafür nicht auf internationalem Wege verklagt werden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Fürchten Sie auch eine Aufweichung der Umweltstandards?

Jörg Haas: Gravierende Folgen hätte das Abkommen beispielsweise für den Klimaschutz. Energiekonzerne bekämen durch CETA die Möglichkeit, über Investor-Staats-Klagen klimaschädliche Projekte durchzusetzen, auch wenn Bürger/innen massiv protestieren – und zwar auf beiden Seiten des Atlantiks. So hat zum Beispiel der Transcanada-Konzern unter Berufung auf das NAFTA-Freihandelsabkommen zwischen Kanada, USA und Mexiko eine Klage in Milliardenhöhe angekündigt, weil die US-Regierung eine hochumstrittene Öl-Pipeline nicht genehmigt hat. Ähnliches ist durch CETA auch in Europa denkbar.

Um den Weg für CETA frei zu machen, hat die EU bereits dem Druck von Kanada nachgegeben und Klimaschutzstandards abgesenkt: Auch besonders umwelt- und klimaschädliches Öl aus kanadischen Teersanden darf in die EU importiert werden.

Im Verbraucher- und Gesundheitsschutz besteht die Gefahr, dass dringend notwendige Verbesserungen europäischer und nationaler Standards erschwert oder sogar ganz verhindert werden. Denn zukünftige Regelungen müssen immer „CETA-konform“ sein. Es ist beispielsweise eine realistische Annahme, dass die EU und Kanada Standards bei der Kennzeichnung von Nährwerten gegenseitig anerkennen. Dadurch wäre es dann nur noch schwer oder gar nicht mehr möglich, eine Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben einzuführen – obwohl sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland eine Ampelkennzeichnung wünscht. Auch im Kulturbereich, beim Datenschutz und bei den Arbeitnehmerrechten steht zu befürchten, dass bestehende Standards eingefroren werden. Eine weitere Verbesserung wäre nach Inkrafttreten von CETA dann nicht mehr möglich.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sollten Sie tatsächlich mit der Klage Erfolg haben, welche Folgen hätte ein Nein des deutschen Bundesverfassungsgerichts in der EU?

Jörg Haas: Eine eventuelle Zustimmung Deutschlands zu CETA würde dann rechtlich nichtig, das heißt die Ratifikation Deutschlands würde rückgängig gemacht, Deutschland wäre an CETA nicht gebunden.

Jörg Haas ist Pressesprecher der Bürgerinitiative campact! und der European Climate Foundation. Von 1997 bis 2008 arbeitete er als Klima- und Energieexperte für die Heinrich-Böll-Stiftung.  

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Die Deutsche Bank will die ungeliebte Tochter Postbank loswerden. CEO Cryan forderte Interessenten auf, sich bei ihm zu melden. Die Bank versucht alles, um das Institut wieder auf einen stabilen Kurs zu bringen.
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Deutsche Bank und Postbank passen nicht zusammen. (Foto: dpa)

Deutsche Bank und Postbank passen nicht zusammen. (Foto: dpa)

John Cryan kommt beim Umbau der Deutschen Bank voran. Das Institut habe sich von Hunderttausenden Kunden getrennt und seine IT-Systeme vereinfacht, sagte der seit elf Monaten amtierende Vorstandschef am Dienstag auf einer Investoren-Konferenz in New York. Er hofft zudem, einige Skandale bald durch Vergleiche aus der Welt zu schaffen. „Wir kommen Abschlüssen näher“, sagte der Brite. „Wir machen an drei bis vier Fronten Fortschritte“. Cryan ist zuversichtlich, bis Jahresende die größten Rechtsstreitigkeiten – etwa Geldwäsche-Vorwürfe in Russland und umstrittene Hypothekengeschäfte in den USA – beizulegen. Vor einem möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU braucht sich das Geldhaus laut Cryan nicht zu fürchten. „Wir sind eine deutsche Bank – und Deutschland will bis jetzt nicht austreten.“

Bei einem „Brexit“ müsste sich die Deutsche Bank allerdings wie alle Geldhäuser auf Marktturbulenzen einstellen. Die Frankfurter wollen versuchen, sich so gut wie möglich gegen Marktausschläge abzusichern. „Wir schalten in den Defensiv-Modus“, betonte Cryan. Er würde nach einem „Brexit“ auf lange Sicht Geschäfte von London nach Kontinentaleuropa verlegen. „Unsere Kunden wollen Staatsanleihen von Euro-Zonen-Staaten dann vermutlich nicht mehr in London handeln.“ Das Institut beschäftigt in Großbritannien über 8000 Mitarbeiter, darunter zahlreiche Investmentbanker.

Cryan bekräftigte, dass die Deutsche Bank wegen des Umbaus im laufenden Jahr erneut rote Zahlen schreiben könnte. Die Restrukturierung, die bis Jahresende größtenteils abgeschlossen sein soll, stehe 2016 im Vordergrund. Es sei wichtig, dass sich die Bank schlanker aufstelle und sich aus wenig gewinnträchtigen Bereichen zurückziehe. Im zurückliegenden Jahr habe das Geldhaus über 750.000 Konten geschlossen. Ein Großteil der Technologie laufe inzwischen auf Basis von Apple -Systemen.

Bei der geplanten Schließung von 200 Filialen in Deutschland und der damit verbundenen Streichung von 4000 Arbeitsplätzen will Cryan bald Klarheit haben. Die Verhandlungen mit dem Betriebsrat hätten sich „furchtbar lang“ hingezogen, räumte er ein. Die Unsicherheit, wer am Ende gehen muss, drückt bei vielen der weltweit rund 100.000 Mitarbeiter auf die Stimmung. „Das ist ein quälender Prozess“, klagt ein Arbeitnehmervertreter. Die Gespräche mit dem Betriebsrat befänden sich nun aber in den letzten Zügen, erklärte Cryan. „Ich bin zuversichtlich, dass wir in den nächsten ein bis zwei Monaten eine Einigung erzielen werden und dann mit den Filialschließungen und dem Abbau von Stellen voranschreiten können.“

Keine Eile hat Cryan dagegen beim Verkauf der Postbank. „Wir könnten zwar einen Börsengang durchziehen, aber wir wollen das jetzt nicht, weil ich glaube, dass der Preis, den wir erzielen würden, für unsere Aktionäre nicht attraktiv wäre.“ Deshalb müsse die Bank auf ein besseres Umfeld für Börsengänge warten – oder nach „etwas kreativeren Wegen“ suchen, sich von ihrer Beteiligung zu trennen, sagte Cryan den Investoren. „Wenn Sie also jemanden kennen, der eine deutsche Filialbank kaufen will – lassen Sie es mich wissen.“

Der Brite hat der Deutschen Bank nach seinem Amtsantritt eine Transparenz-Offensive verordnet. In der Folge habe sich der Umgang mit Rechtsstreitigkeiten grundlegend geändert. „Wir setzen auf volle Transparenz und helfen Ermittlungsbehörden und Regulierern wo wir nur können.“ Zudem tue die Bank alles, um neue Verstöße zu verhindern, sagte der Vorstandschef. Das wirke sich auch auf das Wertpapiergeschäft aus. Hier konzentriert sich das Geldhaus laut Cryan auf neue Produkte, die eine Rendite von 12 bis 20 Prozent auf die risikogewichteten Aktiva abwerfen. „Bei über 20 Prozent schrillen bei uns die Alarmglocken. Denn wenn man zu viel Geld verdient, muss man prüfen, ob man noch die richtigen Dinge tut.“

Alaba will zu Real Madrid - und schießt ein kolossales Eigentor
Alaba will zu Real Madrid - und schießt ein kolossales Eigentor
Bayern zittert um seinen nächsten Superstar: Angeblich will David Alaba zu Real Madrid wechseln, doch 50 Millionen Euro als Ablösesumme sind den Bayern zu wenig. Der Österreicher produzierte, womöglich gedankenverloren, ein kolossales Eigentor beim Länderspiel gegen Malta.
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David Alaba im Einsatz gegen Atletico Madrid. (Foto: dpa)

David Alaba im Einsatz gegen Atletico Madrid. (Foto: dpa)

Der österreichische Verteidiger David Alaba ist offenbar an einem Transfer zu Real Madrid interessiert: Wie die spanische Zeitung AS berichtet, fanden in den vergangenen Wochen mehrere Treffen zwischen José Ángel Sánchez, Generaldirektor bei den „Königlichen”, und Alabas Vater statt. Real hat Bayern darauf hin eine Ablöse von 50 Millionen Euro geboten. Doch die Bayern winkten vorerst ab. Laut AS seien die Bayern erst ab 80 Millionen Euro gesprächsbereit.

Alaba selbst scheint von den Verhandlungen durchaus beeindruckt zu sein: Im Länderspiel gegen Malta schoss der sonst ausgesprochen zuverlässige Spieler ein kurioses Eigentor (Video am Anfang des Artikels). Österreich, das sich schon als Geheimfavorit bei der EM gesehen hat, siegte mit Mühe 2:1. Die Österreicher haben gegen Malta gehobene Ansprüche und erinnern sich immer noch gerne an das 9:0, bei dem Hans Krankl sechs Tore schoss.

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