Technologie-Exporte aus Deutschland nach Russland brechen ein

Die deutsche Technologie-Branche verliert in Russland an Boden. Schuld daran sind nicht nur die Sanktionen: Wegen des niedrigen Ölpreises sinkt das Interesse der Welt an alternativen Technologien. Deutschland gerät ins Hintertreffen, weil sich kaum noch jemand für die Energiewende interessiert. Zugleich geben sich Franzosen und Italiener bei Putin die Klinke in die Hand.

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Zuwendung in Richtung China: Russlands Präsident Wladimir Putin beim St. Petersburger Wirtschaftsgipfel. (Foto: EPA/MIKHAIL KLIMENTIEV/RIA NOVOSTI/KREMLIN) POOL

Zuwendung in Richtung China: Russlands Präsident Wladimir Putin beim St. Petersburger Wirtschaftsgipfel. (Foto: EPA/MIKHAIL KLIMENTIEV/RIA NOVOSTI/KREMLIN) POOL

Italiens früherer Premier und EU-Präsident Romano Prodi war zu Putin gekommen. (Foto: EPA/MIKHAIL KLIMENTIEV/RIA NOVOSTI/KREMLIN POOL)

Italiens früherer Premier und EU-Präsident Romano Prodi war zu Putin gekommen. (Foto: EPA/MIKHAIL KLIMENTIEV/RIA NOVOSTI/KREMLIN POOL)

Der ehemalige französische Finanzminister Francois Fillon wird von Putin begrüßt. (Foto: EPA/MIKHAIL KLIMENTIEV/RIA NOVOSTI/KREMLIN POOL)

Der ehemalige französische Finanzminister Francois Fillon wird von Putin begrüßt. (Foto: EPA/MIKHAIL KLIMENTIEV/RIA NOVOSTI/KREMLIN POOL)

Beim St. Petersburger Wirtschaftsforum haben sich tausenden Gäste aus mehr als 100 Staaten eingefunden, um mit Russland trotz der Sanktionen Geschäfte zu machen. Auch Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, ein Freund Putins, sitzt mit in vorderster Reihe. Der tschechische Ex-Präsident Vaclav Klaus nennt schon am frühen Morgen auf dem Podium die Krise in der Ukraine hausgemacht.

«Es ist höchste Zeit, die Sanktionen zu beenden», meint auch Hans-Hermann Thiele vom deutschen Bremsenhersteller Knorr-Bremse. Er sei wie viele Unternehmer von Anfang an gegen die Strafmaßnahmen gewesen, weil sie die Märkte schädigten. Viele Deutsche sind in die Stadt an der Newa-Mündung gekommen, um ihre Positionen zu sichern – besonders mit Blick auf Russlands zunehmende Orientierung nach China, wie die dpa mit Interesse beobachtet.

Für einige Deutsche Unternehmen hat sich der Besuch gelohnt: Siemens wartet Züge der russischen Staatsbahn, der Energieversorger Eon will sich mit dem russischen Gasmonopolisten Gazprom und anderen Partnern für den Bau von zwei weiteren Strängen der Ostsee-Pipeline Nord Stream einsetzen. Gazprom schätzt die Kosten dieses Projekts auf etwa 9,9 Milliarden Euro. 6200 Unternehmen aus Deutschland seien weiter aktiv in Russland, betont Putin. Er wolle das nicht einschränken.

Präsident Putin zeigt sich zuversichtlich und meint, die Krise samt niedrigem Ölpreis sei zwar schlimm für die Rohstoffmacht, aber nicht so schwer wie befürchtet. Russland lade internationale Investoren weiter ein, auch künftig ihr Geld in das größte Land der Erde zu schaffen, sagt Putin.

Der niedrige Rohölpreis hat aber auch einen anderen Effekt: Es fällt Deutschland schwer, die Energiewende zum Exportschlager zu machen, wie das Angela Merkel eigentlich vorhatte. Doch tatsächlich brauchen die Russen die deutschen Technologien nicht, erklärt Matthias Diermeier vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln. Das IW hat soeben eine Analyse zu den Russland-Sanktionen veröffentlicht. Wir haben mit ihm über seine Russland-Studie gesprochen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Folgen haben die EU-Sanktionen für die russische Wirtschaft?

Matthias Diermeier: Die Folgen von gleichzeitigem Ölpreisverfall, Sanktionen und Ukraine Krise – einhergehend mit einer generellen Unsicherheit und Kapitalflucht – sind schwierig zu trennen.

Realwirtschaftlich ist beispielsweise ein Absinken der deutschen Exporte im Maschinenbau um 16 Prozent zu beobachten. Sinkt der Ankauf hochspezialisierter europäischer Maschinen hat dies zwangsläufig negative Auswirkungen auf die russische Industrie- und Energieproduktion. Ob dies jedoch ein direkter Effekt der EU-Sanktionierung ist, bleibt offen.

Neben den realwirtschaftlichen Implikationen, umfassen die EU-Sanktionen auch einen restringierten Zugang gewisser russischen Staatsbanken zum Kapitalmarkt. Dies führt zu einer starken Belastung des Finanzsektors, der sowieso schon unter einer zunehmenden Kapitalflucht leidet. Die Zentralbank hat den Leitzins kürzlich wieder erhöht; Im Finanzsektor ist vorerst keine Entspannung zu beobachten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In welchen Bereichen kann Russland Importe durch eigene Produktion ersetzen?

Matthias Diermeier: Die Schwierigkeit Russlands Importe durch eigene Produktion zu ersetzen, zeigt sich am deutlichsten bei einer kurzen Analyse seiner Gegenmaßnahmen. So hat der Einfuhrstopp für gewisse EU- Lebensmittel zu Nahrungsmittelinflation von über 25 Prozent geführt. Schafft es Russland nicht gesunkene Konsumgüterimporte wie Nahrungsmittel zu substituieren, erscheint es fragwürdig, dass sich kurzfristig Alternativen auch für den Bereich der hochkomplexen Dual-Use Güter oder im Maschinenbau finden lassen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In welchen Bereichen ist Russland auf Importe angewiesen?

Matthias Diermeier: Russland ist auf den Zukauf von grundlegenden Technologien im Mineralölgeschäft angewiesen. Teile dieser Güter unterliegen den Sanktionen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Ursprünglich hat man gedacht, dass der niedrige Ölpreis Russland schadet. Dem scheint jedoch nicht so zu sein?

Matthias Diermeier: Bei einem langfristig niedrigen Ölpreis ist zu erwarten, dass internationale Investoren ihre Investitionen in Russland zurückfahren. Obwohl die Rubel-Einnahmen für ein Barrel Rohöl aufgrund des Wechselkurseffektes relativ konstant geblieben sind, verlieren diejenigen Financiers, die Gewinne später in andere Währungen tauschen müssen.

Dasselbe gilt für den Staatshaushalt: Über die Hälfte der Einnahmen des russischen Staates stammen aus dem Energiesektor. Das staatliche Budgetdefizit ohne die wichtigen Ölpreiseinnahmen liegt sogar mit über zehn Prozent im Minus. Konsumiert der Staat jedoch hauptsächlich inländische Güter oder substituiert ausländische Güter im Inland, ist der Ölpreisverfall kein größeres Problem.

Es gibt aber auch negative Spill-Over Effekte auf die europäischen Volkswirtschaften. Denn grundsätzlich profitieren die entwickelten Volkswirtschaften von den hohen Erträgen aus den investitionsintensiven Rohstoffbranchen im Ausland. Der als Petrodollar-Recycling beschriebene Effekt funktioniert dabei wie folgt: Hohe Ölpreise machen Investitionen in Rohölabbau attraktiv und steigern die Investitionstätigkeit in Ländern wie Russland. Die Technologien stammen dabei jedoch heute aus den starken Industrienationen wie Deutschland. Damit steigern die hohen Energiepreise letztlich auch die deutschen und europäischen Exporte.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche konkreten Auswirkungen haben die russischen Gegen-Sanktionen auf die Volkswirtschaften in der EU?

Matthias Diermeier: Grundsätzlich ist Russland für viele europäische Länder kein entscheidender Importeur inländischer Güter – nur 2,6 Prozent der deutschen Exporte gehen nach Russland. Natürlich gibt es aber einzelne Unternehmen oder sogar Branchen, die überdurchschnittlich von den Sanktionen betroffen sind.

Der Importstopp von gewissen, in der EU produzierten, Lebensmitteln ist jedoch in Ländern, wie Italien und Spanien zu spüren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Kann es sein, dass in der Zeit der Sanktionen europäische Firmen in Russland von anderen Wettbewerbern verdrängt werden, etwa aus Asien?

Matthias Diermeier: Tatsächlich ist eine zunehmende Außenhandelsverflechtung zwischen Russland und China zu beobachten, die insbesondere in letzter Zeit an Dynamik gewonnen hat. Inwieweit europäische Investoren jedoch nach Rücknahme der Sanktionen und Lösung der Ukraine Krise ihre alten Marktpositionen wiedergewinnen können, ist schwierig zu beurteilen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wo sehen Sie die größten Gefahren für die russische Wirtschaft?

Matthias Diermeier: Die größte Gefahr für die russische Wirtschaft stellt ein nachhaltiger Vertrauensverlust dar, der einen langfristigen Investitionsattentismus gepaart mit einer sich verstärkenden Kapitalflucht zur Folge haben könnte.

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