Rohstoff-Schock wird USA härter treffen als Europa

Der aktuelle Preisverfall der Rohstoffe kommt den Konsumenten in Europa und Südostasien zugute. Die Gewinner konzentrieren sich auf die Peripherieländer einerseits, auf große Exportländer wie Deutschland, China und Japan andrerseits. Diese Exportländer - wie die USA - werden umgekehrt den Konjunktureinbruch der Rohstoff-Länder mit voller Wucht zu spüren bekommen.

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Die Verlierer der Rohstoff-Baisse sind klar und eindeutig auszumachen: Eine sehr große Zahl von Ländern exportiert fast ausschließlich oder hauptsächlich Rohstoffe. Dazu gehören der ganze Mittlere Osten, Eurasien, Afrika, Südamerika, Australien, Kanada und einige asiatische Länder. Diese Länder werden einen veritablen Exporteinbruch und verzögert wohl einen Wirtschaftseinbruch erleiden. Parallel werden sie ihre Importe von Industriegütern drastisch reduzieren müssen.

Den Verlierern aus den Veränderungen der Weltmarktpreise stehen bedeutende Gewinner gegenüber. Gewinner sind jene Länder, die vom Rohstoff-Preisschock profitieren. Wer sind die? Hier ist zu unterscheiden zwischen einem partiellen Effekt, der einfach zu identifizieren ist, und einem Netto- oder Gesamteffekt. Dieser muss auch die Rückwirkungen auf die Exporte in die Rohstoff-exportierenden Länder einschließen. Und dann wird es schwieriger.

Beim Partialeffekt profitieren viele Länder direkt und indirekt. Doch die hauptsächlichen Gewinne konzentrieren sich auf ganz wenige Länder. Es sind mehr oder weniger die ganz großen Industrieländer. Was es konjunkturell bedeutet, ist dann noch mal etwas anderes. Das hängt von der Preissetzung der Nahrungsmittelpreise, vom Energiemix und vom Steuersystem ab.

Bei den Industriemetallen sind die Gewinne auf China und sekundär Japan und Südkorea konzentriert. China allein ist der größte Importeur von Eisenerz (für die Stahlherstellung), von Kupfer und von Bauxit (für die Aluminiumproduktion) und nimmt rund 40 bis 60% der Welt-Importe auf. In Europa profitieren vor allem Deutschland, sekundär Spanien und Italien.

Die Baisse der Industriemetalle läuft darauf hinaus, dass Baumaterialen und wichtige Vorleistungen für die Transportmittel-Industrie billiger werden. Bausektor und Transportmittel-Industrie (Auto, Flugzeug, Eisenbahnen) sind quantitativ die großen Anwendungsbereiche von Stahl, Kupfer und Aluminium. Die Häuslebauer oder VW sind also, isoliert betrachtet und plakativ ausgedrückt, bedeutende Gewinner der Preisbaisse.

Bei den Nahrungsmitteln ist die Liste der Gewinner viel breiter gestreut. Die Gewinne sind zum einen nicht auf wenige Länder konzentriert wie bei den Industriemetallen. Hauptgewinner sind die Haushalte oder Konsumenten, und zwar überall dort, wo Nahrungsmittelpreise nicht staatlich festgelegt sind. Wo sie in einem Weltmarktzusammenhang stehen, hat der Preisfall ganz erhebliche Effekte. Dann werden nicht nur die Importpreise, sondern auch die Preise von im Inland produzierten Nahrungsmitteln unter Druck geraten.

Das ist ganz ausgeprägt in den USA der Fall, aber auch viel stärker als früher in Europa. Europa hat in der Landwirtschaftspolitik in den 2000er Jahren eine Abkehr vom System der Preisfixierung zu einem System mit flexibleren Agrarpreisen und direkten Einkommenszuschüssen vollzogen. Erste Anzeichen wie Bauernproteste gibt es bereits in Europa. Welche Länder werden profitieren? Diejenigen, bei denen die Nahrungsmittel noch einen bedeutenden Anteil des Warenkorbes von Haushalten darstellen. Tendenziell sind dies ärmere Länder. In Europa sind dies vor allem die Peripherieländer, also Spanien, Portugal, Italien, Griechenland, dann vor allem Ostmitteleuropa. Deutsche Haushalte werden etwas weniger gewinnen, weil die Nahrungsmittel einen signifikant geringeren Anteil an ihren Konsumausgaben ausmachen. Insgesamt aber stärkt die Baisse der Nahrungsmittelpreise die realen Haushalteinkommen und setzt die bäuerlichen Einkommen unter Druck.

Kern ist aber mit Sicherheit der Faktor Energie. Dort stechen zwei Regionen hervor, welche die Hauptgewinner sind: Südostasien und Europa. Das sind die großen Nettoimporteure von Energie im globalen Kontext. Innerhalb dieser beiden Zonen sind die Gewinne nochmals ganz erheblich konzentriert. In Südostasien sind Japan, Südkorea, Taiwan, Indien und Thailand die großen Nettoimporteure von Energie. Japan und Südkorea importieren in Ermangelung eigener wesentlicher Energieressourcen 90% und mehr ihres Energiebedarfs aus dem Ausland, Taiwan ungefähr 75%. Für Indien und für Thailand ist der Fall der Erdölpreise sehr wichtig für die Leistungsbilanz. China dagegen ist kein so bedeutender Nettoimporteur von Energie, profitiert aber ebenfalls vom Fall der Erdölpreise. China deckt seinen Energiebedarf bisher hauptsächlich aus einheimischer Kohle, und muss nur rund 60% des Erdölsbedarfs importieren.

Auch in Europa sind die Gewinne nicht gleichmäßig verteilt, sondern auf bestimmte Länder konzentriert, vor allem die Peripherieländer sowie auf Deutschland. Das sind die großen Nettoenergie-Importeure. Bei den Peripherieländern steht im Vordergrund, dass sie sehr wenig eigene Energieressourcen haben. Sie importieren 80% und mehr ihres Energiebedarfs. Auch der Importanteil Deutschlands liegt mit rund 70% sehr hoch. Die Peripherieländer haben zudem einen Energie-Mix für die Elektrizitätsproduktion, so dass der Preisfall von Erdöl auch auf die Elektrizitätspreise durchschlägt. Deshalb ist dieser Effekt sehr kräftig. In Deutschland dagegen sind einheimische Kohle und Atomkraftwerke mit speziellen Preisen wichtige Vorleistungen der Elektrizitätsproduktion. Die Strompreise sind zusätzlich durch die Kosten der Energiewende belastet. Sie dürften deshalb weniger als anderswo fallen.

In Europa gilt generell, dass die positiven Effekte fallender Ölpreise durch den hohen Anteil von Steuern und Abgaben am Detailhandels-Verkaufspreis von Benzin und Diesel beschränkt sind. Nur rund ein Drittel der Kosten beziehen sich auf das Erdöl. Der Rest besteht aus fixen Abgaben und einer prozentual auf die Gesamtkosten bezogene Mehrwertsteuer. Selbst wenn der Ölpreis um zwei Drittel fällt, dann gehen die Detailhandelspreise an der Säule nur um ungefähr 20% zurück. In den USA ist dies ganz anders. Da geht der Verkaufspreis an der Säule massiv zurück. Dort gibt es nur eine je nach Bundesstaat unterschiedliche fixe Abgabe, die aber viel niedriger gehalten wird. Die amerikanischen Autofahrer profitieren deshalb enorm von tieferen Rohölpreisen. Bei Heizöl und Erdgas ist der Effekt dagegen auch in Europa viel stärker fühlbar, weil diese Energieformen nicht gleich massiv wie Benzin oder Diesel an der Zapfsäule mit Abgaben belegt sind.

Summa summarum beflügelt der Fall der Rohstoffpreise als Partialeffekt die Binnenkonjunktur, vor allem den Konsum, in Europa, in den USA und in Teilen von Südostasien (Japan, Korea, Taiwan). Gerade die Ländergruppen, welche am stärksten unter dem Rohwarenschock der vergangenen Jahre gelitten haben, werden also entlastet: Südeuropa, Ostmitteleuropa, Japan. Darüber hinaus stärkt es die Kaufkraft in einem breiten Spektrum von Ländern. Vor allem dort, wo Ausgaben für Nahrungsmittel und Energie einen bedeutenden Teil des Warenkorbs der Haushalte ausmachen, findet eine bedeutende Entlastung statt.

Den Nettoeffekt der fallenden Rohstoffpreise korrekt abzuschätzen ist komplizierter und von Szenarien abhängig: Verschiedene Länder, welche davon besonders profitieren wie die USA, China, Deutschland, Japan, Korea sind gleichzeitig auch die großen Exportländer. Sie werden deshalb im Export einen Konjunktureinbruch in den Rohstoffländern zu spüren bekommen. Für Deutschland scheint das Problem auf den ersten Blick begrenzt zu sein. Die Rohstoff-Produzentenländer (Mittlerer Osten, Eurasien, Norwegen, Afrika, Südamerika, Kanada, Australien) machen rund 10% der deutschen Exporte aus. Darüber hinaus werden auch Exporte in die öl- und gasreichen Bundesstaaten der USA wie Texas, Kalifornien, North Dakota, Oklahoma, New Mexiko oder nach dem UK zusätzlich betroffen sein. Minen und Erdölgesellschaften sind sehr kapitalintensiv. Die Unternehmensinvestitionen dieses Sektors machen rund 30% der globalen Unternehmensinvestitionen aus. Das ist viel. Aber der Effekt für die deutschen Exporte dürfte begrenzt bleiben. Andere der großen Exportländer sind eindeutig stärker betroffen, zuvorderst China und Korea, die ebenfalls sehr hohe Exportquoten haben, aber stärker auf die Rohstoffländer ausgerichtet sind. Auch Japan und die USA als Länder mit geringer Exportquote werden die Rohwarenbaisse zu spüren bekommen. Japan kann sich bisher nur entziehen, weil der Yen derart massiv abgewertet hat. Trotz der Abwertung stagnieren die japanischen Exporte in realen Größen bis heute und zeigen keine Anzeichen der Beschleunigung.

Der Fall der Rohwarenpreise sorgt bisher für eine bessere Balance des globalen Wirtschaftswachstums. Kontinente, Halbkontinente, Regionen und Länder, die in den letzten 10 Jahren enorm privilegiert waren, erleben einen deutlichen, teilweise scharfen Rückgang. Bisher rezessionsgeplagte Gebiete dagegen können sich stabilisieren oder erholen.

Die Wirtschaftszahlen zeigen dies für Europa: Europa ist nicht mehr in einer Rezession, aber in einer schwachen, noch wenig kräftigen und nachhaltigen Erholung. Die letzte Woche veröffentlichten Quartalszahlen des Bruttoinlandprodukts bezeugen dies. Die Eurozone wuchs auch im zweiten Quartal 2015 gerade einmal mit rund 1,3% gegenüber dem Vorjahr. Nach dem massiven und langen Wirtschaftseinbruch seit 2008 ist dies eine enttäuschende Zahl. Verschiedene der Peripherieländer aber haben deutlich höhere Wachstumsraten. Sie profitieren vom Fall der Energiepreise und aufgrund der variablen Kreditsätze des Bankensystems von den tiefen Zinssätzen besonders stark. Ihr Wachstum ist konsumgetrieben. Und die Effekte der tieferen Zinsen und Rohwarenpreise dürften – isoliert betrachtet – in den nächsten zwei Jahren für eine Erholung oder weitere Beschleunigung des Wirtschaftswachstums sorgen. Sie dürften auch bei den ausgesprochenen Nachzüglern – Frankreich und Italien – für eine konjunkturelle Aufhellung besorgt sein. Die vorlaufenden Konjunkturindikatoren lassen dies auch erkennen.

Das Problem ist also beherrschbar, wenn die Rohstoffpreise sich ungefähr auf dem gegenwärtigen Niveau einpendeln würden. Das kann auch ein kurzes Unterschiessen einschließen. Dann können wir von einem globalen Rebalancing sprechen. Die Rohstoffexporteure müssten sich an immer noch auskömmliche Preise adaptieren, die Konsumentenländer bekommen Luft zum Atmen. Dieses Szenario ist gegenwärtig in den Finanzmärkten eingepreist.

Das Problem ist, was hinter dem Fall der Rohwarenpreise steckt: Die Wachstumsschwäche Chinas und der in den letzten Jahren aufgebaute ganz massive globale Kapazitätsüberhang in den Rohstoffindustrien. Diese Faktoren verschwinden nicht einfach und lösen sich auf. Schwächt sich das Wirtschaftswachstum, genauer die Bauinvestitionstätigkeit, in China weiter, markant und zeitlich erheblich länger ab, dann fallen nicht nur die Rohstoffpreise tiefer. Sollte es sogar zu einer harten Landung, d.h. einem eigentlichen Wirtschaftseinbruch in China, kommen, kann der Fall geradezu ins Bodenlose erfolgen. Dann müssten die großen Exportländer wie die USA, Deutschland, Japan, Korea nicht nur schwere Einbrüche in den Rohstoff-Produzentenländern, sondern auch Rückschläge in China und darüber hinaus einem ganz erheblichen Teil des Rests der Welt verkraften. China war die Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft der letzten 12 Jahre. Sein Gewicht für die globale Konjunktur hat durch das enorme vergangene Wirtschaftswachstum gewaltig zugenommen. Es hat heute eine Bedeutung für die globalen Rohstoffmärkte, wie dies früher die USA hatten.

Der IWF prognostizierte kürzlich, im Juli, für 2016 ein globales Wirtschaftswachstum von 3,6% – unter der Annahme eines Wirtschaftswachstums in China von 6,8% für 2015 und 6,3% für 2016. Wie die Weltbank und andere Institutionen nimmt der IWF an, dass das Wachstum der Schwellenländer nächstes Jahr schon wieder deutlich anziehen wird. Das sind optimistische und politisch in China gerade noch akzeptable Zahlen. Die Frage stellt sich, ob sie die Realität abbilden. Betrachtet man etwa die Wirtschaftszahlen (PMI’s) in Brasilien, Südafrika, Indonesien, Malaysia, Russland oder Ägypten kann man ob solcher Prognosen nur den Kopf schütteln. Die Aussichten für China selber, für Südkorea oder Taiwan sind ebenfalls wenig erbaulich.

Ein Risiko all dieser Prognosen ist ferner ein weiterer Preisfall der Rohwaren aus dem puren Fakt des massiven strukturellen Angebotsüberhangs. Wie selbst bei nicht allzu starkem Wachstumsrückgang in China der Erdölmarkt oder der Markt für Industriemetalle ohne weitere Preisfälle und, damit zusammenhängend, ohne massive und dauerhafte Destruktion von Kapazität, ins Gleichgewicht zurückkehren sollen, bleibt schleierhaft.

Das größte Risiko aber sind nicht veränderte Terms of trade oder Exportmöglichkeiten allein. Mit einem weiteren erheblichen Preisfall taucht unweigerlich das Gespenst einer Finanzmarktkrise auf. Die Rohstoff-Produzentenländer und viele andere Schwellenländer darüber hinaus haben im Hinblick auf die hohen Rohstoffpreise und die gewaltige Absorptionskraft Chinas einen internen und externen Kreditboom mitgemacht. Sie sind im Ausland hoch verschuldet, teilweise in Fremdwährungen, und ihr Bankensystem hat hohe Ausleihungen an Haushalte und Unternehmen ausstehend. Dies kann an den Märkten Kapitalabflüsse und empor schnellende Risikoprämien implizieren. Der ungebremste Absturz der Währungen dieser Länder weist auf ein erhebliches Störpotential hin. Bisher sind die Risikoprämien im Obligationenmarkt nicht massiv angestiegen. Bei den ersten Kreditereignissen wird sich dies ändern. Sowohl überexponierte Banken wie Asset-Manager aus den OECD-Ländern werden dann in Schwierigkeiten geraten, mit Rückwirkungen auf die interne Kreditvergabe in den OECD-Ländern. Dann könnten die Realeinkommensgewinne der Haushalte auch zur Ersparnis statt zum Konsum verwendet werden.

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