Tsunami im Wasserglas: Weltweite, absurde Hysterie wegen Volkswagen

Die US-Ermittlungen gegen Volkswagen nehmen Fifa-Dimensionen an: Eine weltweite Hysterie ist ausgebrochen, die in keinem Verhältnis mehr zum Anlass steht. Schließlich werden Autos für die Kunden gebaut und nicht für die Regulatoren.

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Die deutsche Auto-Industrie (Reuters schreibt, anders als sonst, von der „Auto-Lobby“ – da erkennt man, dass der Wind sich dreht!) warnt davor, wegen des VW-Skandals Dieselfahrzeuge grundsätzlich in Frage zu stellen. „Es handelt sich bei diesem Vorgang in den USA, den wir sehr bedauern, nicht um ein prinzipielles Diesel-Problem“, sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann bei der Abschlusspressekonferenz der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt. Moderne Dieseltechnologien seien für die Erreichung der europäischen Klimaschutzziele unverzichtbar.

Tatsächlich sieht sich die deutsche Autodindustrie einem globalen Tsunami gegenüber, der in keinem Verhältnis mehr zum Ereignis steht:

Die indische Regierung hat eine Untersuchung der Volkswagen-Abgaswerte angeordnet. „Wir wollen wissen, ob das, was in den USA passiert ist, auch bei uns passieren könnte oder nicht“, sagte ein Regierungsvertreter der Zeitung „Mint“.

Norwegen untersucht nun mögliche Konsequenzen der Emissions-Manipulationen von Volkswagen. Die norwegische Polizei ermittelt.

AW-Volkswagen und Shanghai Volkswagen, zwei chinesische Volkswagen-Joint-Ventures, haben erklärt, vom Skandal um manipulierte Abgaswerte nicht betroffen zu sein.

Die US-Bundesstaaten machen gemeinsam Front gegen VW.

Die Amerikaner legen nach: Der kalifornische Think Tank mit dem furchteinflössenden Namen ICCT, der die Werte aufgebracht hat, wird gefeiert wie die Watergate-Enthüller (siehe das entsprechende Video am Anfang des Artikels). Das ICCT eskaliert weiter und behauptet in einer aktualisierten Studie, dass auch der CO2-Ausstoß in echten Fahrsituationen um rund 40 Prozent über den Hersteller-Angaben aus Labortests liegt. Diese Differenz habe sich damit seit 2001 vervierfacht. Seit 2010 gebe es damit in der Realitiät praktisch keine Reduktion des Treibhausgas-Ausstoßes bei Autos.

Die Börsen-Auguren haben schon den nächsten Sündenbock für einen möglichen Einbruch: Was gestern die Fed und vorgestern China, ist nun die deutsche Auto-Industrie: Reuters berichtet, die „weiter schwelende Affäre um manipulierte Abgaswerte bei Volkswagen wird Experten zufolge das Marktgeschehen bestimmen“: „Es ist aktuell schwer abzuschätzen, wie hoch die eigentlichen Kosten für das Unternehmen ausfallen werden“, sagt Analyst Andreas Paciorek vom Online-Broker CMC Markets. Sollten auch andere Konzerne in den Sog von „Dieselgate“ geraten, dürfte der wichtigen Automobilsektor in Deutschland unter Druck geraten, unkt Reuters. „Allein diese Unsicherheit sollte allzu ausgeprägte Erholungsversuche im Dax noch für eine Weile im Zaum halten.“ Die Wochenbilanz des Frankfurter Börsenbarometers fiel bis Freitagmittag mit einem Minus von rund zwei Prozent negativ aus. Der VW-Kurs brach in dieser Zeit sogar um 30 Prozent ein.

Das ZDF hat noch nicht erkannt, dass es sich hier um einen Tsunami im Wasserglas handelt und liefern die aktuelle Meinungsumfrage mit: Das ZDF-Politbarometer hat eine Umfrage zum Thema VW veröffentlicht. Danach gehen 54 Prozent der Befragten davon aus, dass die Manipulationen VW dauerhaft schaden werden, 44 Prozent glauben das nicht. Das Vertrauen in die Angaben von Autoherstellern ist demnach generell nicht sehr groß: 76 Prozent sind der Meinung, dass bei Abgaswerten sehr häufig (29 Prozent) oder häufig (48 Prozent) Falschangaben gemacht werden.

Wenn man allerdings hört, was die Kunden denken, lässt sie das Thema kalt: Die Internet-Anzeigenbörse AutoScout24 sieht bisher keine Auswirkungen des VW-Abgasskandals. „Aktuell erkennen wir in Deutschland weder bei den Neu- noch bei den Gebrauchtwagen der VW-Diesel-Fahrzeuge einen Nachfragerückgang. Ebenso wenig sehen wir eine spezielle Veränderung bei den Preisen seit dem Abgasskandal“, sagt Sebastian Lorenz, Vice President Marketing und Analytics bei AutoScout24.

Tatsächlich geht es bei dem VW-Desaster um ein Problem zwischen dem Unternehmen und den US-Regulatoren. Diese sind, wie schon das Beispiel Fifa gezeigt hat, stramme Anwälte der eigenen Wirtschaftsinteressen. VW hat, anders als es sich jetzt im PR-Gewitter anhört, nicht die Kunden belogen, sondern versucht, den Regulatoren im Mikrobereich des Messbaren ein Schnippchen zu schlagen. Das Problem: Heute entscheiden global nicht mehr die Kunden über den Erfolg eines Produkts, sondern irgendwelche US-Behörden und ihnen vorgeschaltete Think Tanks.

Das ist grotesk, weshalb der absurde Hysterie um VW auch als Teil dessen gesehen werden muss, was sie wirklich ist – ein Puzzle in einem global heiß umkämpften Markt. Und es verschiebt die Macht vom Kunden zu staatlichen Regulatoren, die nun von den meisten ganz unkritisch als legitime Sittenwächter über alles und jedes wachen – vorgeblich zum Wohle des Kunden. Das ist eine Verdrehung der Verhältnisse.

Denn eigentlich werden Autos ja für die Kunden gebaut, und nicht für die Regulatoren.

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