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Das falsche System: Volkswagen-Krise ist gefährlich für ganz Deutschland

Die Krise bei Volkswagen könnte schon bald Auswirkungen auf ganz Deutschland haben: Noch nie war die wichtigste Branche derart unter Druck. Das Problem: Der Betrug ist nur die Spitze des Eisbergs. Es geht um ein System, das sich überlebt hat - sowohl personell als auch technisch. Die Deutschland AG steht vor der Zerschlagung.

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Die Betrugs-Affäre bei Volkswagen ist nicht nur die Tat von einzelnen, verantwortungslosen Ingenieuren, sondern möglicherweise der abgelösten Führungsspitze des Konzerns. Sie ist Ausdruck eines übermütig gewordenen Systems ohne checks und balances – der Deutschland AG. Ändert diese ihre etablierten Verhaltensweisen nicht schnell und grundlegend, droht Deutschland der Bedeutungsverlust des wichtigsten Wirtschaftszweigs des Landes, und darüber hinaus Schaden als Industrie- und Wirtschaftsstandort generell.

Die volkswirtschaftliche Rolle der Autoindustrie in Deutschland kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie hat vor allem in den letzten 20 Jahren nochmals ganz wesentlich zugelegt. Sie ist die größte Wachstumsindustrie des Landes geworden, deren Exporte und weltweiter Absatz stark zugelegt haben. Die Autoindustrie ist dadurch in eine Sonderrolle geschlüpft. In den USA, im Vereinigten Königreich, in Frankreich oder in Italien, allesamt alte Autoländer, hat die Autoindustrie ihren Zenit längst überschritten. ‚Wenn Detroit einen Schnupfen kriegt, bekommen die USA Fieber’. Diese Zeiten sind vergangen. In keinem anderen fortgeschrittenen Industrieland hat die Autoindustrie eine derart zentrale Bedeutung mehr für die Gesamtwirtschaft. Dabei ist die Autoindustrie eine alte, reife Industrie.

Deutschland verdankt diese Sonderrolle einer rigorosen Fokussierung der Autobauer auf das Premium-Segment. Dieses hat sich stark ausgeweitet, seine Marktanteile sind weltweit stark gewachsen. Von den deutschen Autokonzernen, VW zuvorderst, ist dies in den 1990er Jahren korrekt antizipiert worden. Das Wachstum des Premium-Segments verdankt die Industrie nachfrageseitig den immer längeren Distanzen zwischen Wohn- und Arbeitsort und den damit verbundenen, längeren Fahrzeiten. Es ist angenehmer, diese Zeit in einem gut ausgestatteten Auto zu verbringen. Angesichts des Dichtestresses sind auch die Sicherheitsmerkmale von Premium-Automobilen zentral. Die 2000er Jahre brachten eine breite Schicht von Personen mit höherem Einkommen hervor. Immer noch wirksam ist klassenübergreifend die statusbildende Funktion des Autobesitzes. Staatliche, oft steuerliche Anreize und vor allem die Ausdehnung des Kredits sind weitere Kernfaktoren. Immer mehr Autos haben heute Premium-Qualität. Die Einkommen und Vermögen ihrer Besitzer sind aber längst nicht überall Premium, sondern Durchschnitt oder eher Median. Nur der konsequente Rückgriff auf Flotten- oder privates Leasing, Abzahlungskredite und andere Kreditformen hat diese Expansion des Premium-Segments überhaupt ermöglicht. Das Ganze beruht auf immer niedrigeren Zinsen und hohen Wiederverkaufswerten. Nur dann sind die Raten für viele Käufer bezahlbar. Die hohen Wiederverkaufswerte ergeben sich aus der Produktqualität beziehungsweise deren Prestige einerseits, dem globalen Distributionsnetz der Autohersteller andererseits.

Auf der Angebotsseite stehen diesem Wachstum des Premium-Segments eine sehr hohe Innovationsrate und konstante Produktverbesserungen auf allen Ebenen gegenüber. Auch die Qualität und Langlebigkeit muss speziell hoch sein. Nur deshalb rechtfertigt sich der Preis. Beides Innovationspotential und Qualitätskultur ist untrennbar mit dem Standort Deutschland verbunden, mit seiner Ingenieurskultur, Techniktradition und seinem spezifischen dualen Ausbildungssystem. Damit solche Autos beziehungsweise ihre Kreditzinsen bezahlbar sind, muss unter der Haube eine gewaltige Normierung mit sehr hohen Stückzahlen stattfinden. Darum konzentriert sich das Premium-Segment auf ganz wenige Hersteller mit hohen und rasch wachsenden Stückzahlen. Für Käufer fühlbar sind vor allem Design, Haptik, Innenraum-Ausstattung, Motoreigenschaften wie Beschleunigung, Laufruhe oder Verbrauch sowie die Sicherheitsmerkmale. Der Automarkt ist ein Markt für den privaten Konsum. Die Konsumenten verlassen sich auf den Markennamen und auf das Gütesiegel ‚Made in Germany’, was alles die Komplexität der Teile und Prozesse in einem Auto anbetrifft.

In den letzten 20 Jahren hat sich deshalb die Struktur der Autoindustrie erheblich geändert. Die Fertigungstiefe der Autoproduzenten hat deutlich abgenommen. Die Produktion ganzer Komponenten und Teile ist an spezialisierte Zulieferer ausgelagert worden, die in ihren Kernbereichen ebenfalls hohe Innovationsfähigkeit und Stückzahlen aufweisen. Die Produktion von Kleinwagen und arbeitsintensiver Komponenten ist weitgehend aus Deutschland verschwunden, sie hat sich nach Ostmitteleuropa verschoben. Im Zentrum stehen drei sehr große Autohersteller, welche die Modelle entwickeln, konzernweite Plattformen und Motorenfamilien produzieren. Darum herum gruppieren sich viele und zum Teil ebenfalls sehr groß gewordene Zulieferer, welche Komponenten oder ganze Systeme entwickeln und anbieten. Hinter Volkswagen, BMW oder Daimler stecken nicht nur das Unternehmen, sondern eine ganze Zulieferindustrie. Für den Endkunden sichtbar aber ist der Markenname des Autoherstellers, er bürgt für die gesamte Qualität.

Für diese drei Konzerne hat die Rolle des Heimmarktes in Deutschland erheblich abgenommen. Sie sind Weltkonzerne geworden, die global verkaufen und auch produzieren. In Deutschland sind zentrale Funktionen wie Forschung und Entwicklung, Administration, Produktion und Fertigung von Premium-Automobilen, Marketing und Finanzierung angesiedelt. Daneben haben diese Weltkonzerne Werke in China, in Ostmitteleuropa, in den USA, in Lateinamerika und anderswo aufgestellt.

Von allen großen Autoherstellern weltweit ist die Volkswagen AG am stärksten gewachsen. VW ist der größte deutsche Industriekonzern, und bis Mitte 2015 gewichtigster Dax-Wert gewesen. VW ist im ersten Halbjahr 2015 größter Autohersteller der Welt geworden. Volkswagen ist auch einer der 10 größten Konzerne der Welt, gemessen an der Fortune 500 Liste. Kein anderer Konzern hat diese Gleichteile- oder Plattform-Strategie so konsequent umgesetzt wie Volkswagen. Mit Modifikationen stecken in einem SEAT, SKODA, VW oder AUDI viele gleiche Bauteile, vor allem auch Motoren und andere teure Komponenten. Dabei ist Volkswagen recht ungleichgewichtig vertreten. VW ist der mit Abstand größte Autohersteller in Europa und auch in China, aber nur schwach in den USA vertreten. Die Gewinne werden vor allem in China, bei Audi und Porsche gemacht, während die Stamm-Marke durch Überschneidungen mit Audi, Skoda und teilweise Seat defizitär und im Profil nicht klar eigenständig ist.

Volkswagen hat seit den 1950er Jahren eine Reihe von Besonderheiten, die das Unternehmen von anderen Autoherstellern unterscheiden. Strukturell sind die Nähe zur Politik und die weit reichende Einflussnahme auf die Regulierung der Autoindustrie von Vorteil. Das Bundesland Niedersachsen ist aus historischen Gründen ein großer Aktionär mit Sperrminorität. Ebenso ist die Rolle des Betriebsrates und der Gewerkschaften historisch verankert. Volkswagen ist in den 2000er Jahren auf eine Art und Weise übernommen worden, die einzigartig ist. Porsche, ein Unternehmen, an dem der damalige Aufsichtsratsvorsitzende von Volkswagen gewichtiger Teilhaber war, hatte über die Jahre hinweg große Aktienpakete von VW aufgekauft, und sich plötzlich auf unfreundliche Art eine Mehrheitsbeteiligung über Optionen verschafft. Der Vorsitzende des Aufsichtsrates hat während all dieser Jahre nicht etwa sein Amt wegen Interessenkollision niedergelegt oder seine Beteiligung an Porsche verkauft, sondern sich dem Gremium zusammen mit den Gewerkschaften am Ende als weißer Ritter präsentieren können. Mit dem Effekt, dass er als Person großer Einzelaktionär und über die Aktionärsbindungsverträge gewichtiger und lange Zeit dominierender Teilhaber wurde.

Seit Jahrzehnten stehen sich Volkswagen und Bundesregierung sehr nahe. Bis Ende der 1980er Jahre war der Bund selber ein großer Teilhaber an VW. Unter dem Auto-Kanzler Schröder ließ sich dieser vom Personal-Direktor eine Reform des Arbeitsmarktes und der Sozialgesetzgebung auf die Bedürfnisse von Volkswagen und der Autoindustrie zuschneidern. Wiederholt setzten er und seine Nachfolgerin sowie die zuständigen Minister sich persönlich ein, um unliebsame Verschärfungen der Emissionswerte in Deutschland und in Brüssel zu verhindern.

Für einen Konzern von der Größenordnung von VW kennzeichnet diesen eine einzigartige Konzentration von Entscheidungs- und Kontrollmacht. VW hat weltweit 600.000 Beschäftigte, davon rund die Hälfte in Deutschland. Im Konzern sind 12 Marken vertreten, was außergewöhnlich ist. Speziell ist dabei die Konstellation, dass ein Multimarken-Portfolio mit geringer Autonomie der meisten Marken koexistieren. Vieles wurde zentral in Wolfburg entschieden. Die Entscheidung über die Produktentwicklung oblag dem Vorstandschef des Konzerns, der ebenfalls gleichzeitig Entwicklungschef war. Diese Machtkonzentration war der Kern des Erfolgs, aber auch der damit verbunden Risiken. Der Aufsichtsratsvorsitzende wie der Konzernchef waren große Visionäre und Unternehmer der Industrie, die zielgerichtet an einem einzigartigen und speziellen Geschäftsmodell zimmerten. Wer nicht hineinpasste, wurde kaltgestellt oder musste gehen. Eine kritische Unternehmenskultur konnte sich so nicht etablieren.

Für die Sonderentwicklung der deutschen Premiumhersteller in den letzten 20 Jahren spielt der Diesel als Antrieb eine wichtige Rolle. Der Diesel war die Antwort der deutschen Premium-Hersteller auf die CO2-Ziele der Europäischen Union und auf die gestiegenen Erdölpreise. Die deutschen Premium-Hersteller haben dabei im globalen Kontext einen Sonderweg eingeschlagen. In den USA und in Asien spielt der Dieselmotor keine oder eine sehr geringe Rolle für Personenwagen. Die deutschen Autohersteller, welche in diesem Markt ohnehin nicht überrepräsentiert sind, versuchten vor allem mit dem Diesel einen Anteil am Markt zu bekommen.

Der Dieselmotor hat einen einfachen Vorteil, er hat den höchsten Wirkungsgrad, deutlich besser als Benzin- oder Elektromotoren. Damit der Dieselmotor diesen konstruktionsbedingten Vorteil voll ausnützen konnte, waren verschiedene Voraussetzungen wichtig: Turbo-Aufladung, Direkteinspritzung, innermotorische Verbesserungen und Abgasfilter. Die Kombination von Turbo-Aufladung und Direkteinspritzung hat die Drehmomente der Dieselmotoren pulverisiert und sie in Größenordnungen von Sportwagen versetzt. Damit diese genutzt werden konnten, brauchte es Innovationen bei den Getrieben. Innermotorische Verbesserungen, Katalysatoren und Partikelfilter waren nötig, um die beim Diesel beziehungsweise bei der Direkteinspritzung anfallenden Rußpartikel und Abgase zu vermeiden oder zu entsorgen.

Die deutschen Premiumhersteller, nicht nur der Volkswagen AG, sondern auch von BMW und Daimler, haben mit dieser Dieselstrategie den Automarkt in Europa in den 2000er Jahren überrollt. Sie waren damit nicht nur im Premium-, sondern auch im Mittelklasse- und Kompaktklasse-Segment erfolgreich. Der Anteil der Dieselmotoren an der Fahrzeugproduktion ist in Europa in den letzten 20 Jahren massiv angestiegen. Der Diesel ist zum bevorzugten Motor für die Oberklasse, für die SUV’s, und für obere Mittelklasse-Autos geworden. Nicht für Kleinwagen, dort blieben Benziner dominant. Bei Kompaktwagen halten sich Benziner und Diesel die Waage, bei Mittelklassewagen hat sich der Diesel ebenfalls durchgesetzt.

VW und Diesel ist eine speziell konflikthafte Geschichte. Volkswagen hat nämlich zunächst und teilweise bis 2008 eine von anderen Herstellern unterschiedliche Strategie verfolgt. VW setzte lange auf die Pumpe-Düse-Einspritzung statt auf das ursprünglich von Fiat entwickelte und dann an Bosch verkaufte Common-Rail. Zudem stand bei Volkswagen zunächst die innermotorische Optimierung statt des von Peugeot entwickelten Partikelfilters im Vordergrund. VW hat damals auf das langfristig falsche Pferd gesetzt, ohne große negative Folgen, aber auch ohne das Potential voll auszunutzen. Die Pumpe-Düse-Diesel waren nicht laufruhig, die Schadstoffwerte lagen viel höher als mit Partikelfiltern. Dennoch liefen die Verkäufe gut. Doch die Probleme mit stark überhöhten Emissionen dürften bei VW-Dieselmotoren keineswegs auf die Jahre 2009-14 und auf eine Motorenfamilie beschränkt , sondern gerade auch im Jahrzehnt davor weit verbreitet gewesen sein.

Summa summarum: Die deutsche Autoindustrie ist exponiert. Sie hat ein spezifisches Profil, sie ist ein Produzent von Premium-Automobilien mit hohen Preisen und Margen. Die Kunden vertrauen dem Markennamen dreier Großkonzerne und dem ‚Made in Germany’, ohne deren Messwerte zu hinterfragen oder genauer hinzusehen. Hunderte von Zulieferern und Hunderttausende von Beschäftigten hängen direkt und indirekt von diesem Kundenvertrauen ab. Die Fokussierung auf die Diesel-Technologie ist ein zentraler Erfolgsfaktor der deutschen Autoindustrie in Europa. Sie verkörpert die Kombination von Hochleistungsmotoren mit Wirtschaftlichkeit sowie der Propaganda und Wahrnehmung von niedrigen Emissionen. Wie kein anderes Unternehmen repräsentiert Volkswagen diese Exzellenz und Fokussierung. Von daher die außerordentliche Risikoexposition zum ‚Dieselgate’. Die Problematik weit überhöhter Emissionen ist aber nicht auf eine Motorenfamilie von VW und die Jahre 2009 bis 2014 beschränkt, sondern gerade bei Volkswagen bedingt durch die spezifische Dieselstrategie im vorangegangen Jahrzehnt endemisch. Die anderen beiden Premium-Hersteller wie ihre Zulieferer und Beschäftigten sind ebenfalls indirekt von den Zweifeln an der Vertrauenswürdigkeit betroffen. In den USA sind die deutschen Autobauer verglichen mit den japanischen und koreanischen Herstellern unterrepräsentiert, VW seit Jahren in Schwierigkeiten. Der Versuch, auf Clean Diesel zu setzen und sich dort neu zu positionieren, dürfte gescheitert (Volkswagen) beziehungsweise schwierig (BMW, Daimler) sein.

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Zentralbanken können der Weltwirtschaft nicht mehr helfen
Zentralbanken können der Weltwirtschaft nicht mehr helfen
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sieht die Zentralbanken am Ende ihrer Möglichkeiten – mit ihrer expansiven Geldpolitik ließe sich die Weltwirtschaft nicht mehr stimulieren. Dringend notwendig sei eine radikale Neuausrichtung und ein Abbau der hohen Schulden.
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Fed-Chefin Janet Yellen, EZB-Präsident Mario Draghi und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bei G7-Treffen 2016 in Japan. Die Zentralbanken der G7-Staaten müssen sich dringend ein neues Konzept einfallen lassen. (Foto: dpa)

Fed-Chefin Janet Yellen, EZB-Präsident Mario Draghi und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bei G7-Treffen 2016 in Japan. (Foto: dpa)

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) – eine Art Zentralbank der Zentralbanken – plädiert für eine grundlegende wirtschaftspolitische Neuausrichtung. Anders sei der Abschwung der Weltwirtschaft und die hohe Verschuldung nicht mehr in den Griff zu bekommen, schreibt die BIZ in ihrem aktuellen Jahresbericht.

Eine „riskante Dreierkonstellation“ aus einem ungewöhnlich niedrigen Produktivitäts-Wachstum, beispiellos hohen Schuldenständen weltweit und einem äußerst engen wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum verhindere eine nachhaltige Erholung der Weltwirtschaft nach der Krise von 2008/2009, so die BIZ.

Zwar „lag das globale BIP-Wachstum pro Person im erwerbsfähigen Alter leicht über seinem historischen Durchschnitt, und die Arbeitslosenquoten waren im Allgemeinen rückläufig“, von einer grundlegenden Erholung der Volkswirtschaften könne aber keine Rede sein, schreibt die BIZ. Dafür machen die Ökonomen insbesondere die Nachwirkungen zahlreicher Auf- und Abschwünge an den Finanzmärkten und den immensen Schuldenaufbau verantwortlich.

Während die Industrieländer kaum nennenswerte Impulse lieferten, kühle sich gleichzeitig das Wachstum in den aufstrebenden Schwellenländern ab. „In den rohstoffexportierenden aufstrebenden Volkswirtschaften verstärkte der Abschwung im inländischen Finanzzyklus zumeist den Verfall der Exportpreise und die Währungsabwertungen, während sich gleichzeitig die Wirtschaftslage verschlechterte. Im Allgemeinen verschärfte der restriktivere Zugang zu Dollarmitteln diese Entwicklungen noch“, heißt es im Jahresbericht.

Die Zentralbanken, so die BIZ, hätten ihre Möglichkeiten fast ausgeschöpft und seien offenbar nicht mehr in der Lage, nachhaltige Impulse für die Realwirtschaft zu liefern. Zwar unterstütze eine expansive Geldpolitik die Volkswirtschaften prinzipiell, aber ihr Handlungsspielraum werde immer enger und eine Normalisierung der Geldpolitik immer weiter verschoben. Das Phänomen von Null- oder Negativzinsen als Konsequenz verzerre die Märkte und stelle Sparer und Anleger vor ernsthafte Schwierigkeiten: „Die inflationsbereinigten Leitzinssätze sind noch weiter unter null gefallen und verlängern damit die längste Negativzinsphase seit dem Zweiten Weltkrieg.  Diese Zinssätze sagen einiges aus: Die Marktteilnehmer blicken mit einer gewissen Besorgnis in die Zukunft; trotz der massiven Zentralbankmaßnahmen seit der Krise verharrt die Inflation hartnäckig auf niedrigem Niveau und das Produktionswachstum ist enttäuschend; und von der Geldpolitik wird schon viel zu lange zu viel verlangt.“

Die Schulden, beklagen die BIZ-Ökonomen, nähmen weltweit unvermindert zu und würden Unternehmen und Staaten an Investitionen hindern. Dieser Befund ist eigentlich keine Neuigkeit: es ist bekannt, dass ein auf Zinseszinsen aufgebautes Finanzsystem zwangsläufig zur Folge hat, dass sich immer größere Guthaben ansammeln, während die Schulden spiegelbildlich weiter anwachsen. „In den von der Krise am stärksten betroffenen fortgeschrittenen Volkswirtschaften stand einer begrüßenswerten Verringerung bzw. Stabilisierung der Verschuldung des privaten Sektors tendenziell ein weiterer Anstieg der Verschuldung des öffentlichen Sektors gegenüber. In anderen Ländern nahm die Verschuldung im privaten Sektor entweder im Gleichklang mit der Verschuldung im öffentlichen Sektor zu oder ihr Anstieg überwog den Schuldenabbau im öffentlichen Sektor“, lautet der Befund der BIZ.

Die BIZ plädiert für eine grundlegende und international koordinierte Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik. Diese gehe mit einer Entlastung der Geldpolitik einher. Um harte Strukturreformen kämen die allermeisten Staaten nicht mehr herum. Diese sollten zudem die verbliebenen fiskalischen Spielräume nutzen, um Schulden abzubauen.

Die Zentralbanken der G7-Staaten haben nach Angaben der Gruppe Schritte eingeleitet, um eine angemessene Liquidität zu gewährleisten und das Funktionieren der Märkte zu unterstützen. Die G7 gingen weiter davon aus, dass die britische Wirtschaft und der Finanzsektor widerstandsfähig blieben.

IWF-Chefin Christine Lagarde fordert die Verantwortlichen in Großbritannien und Europa auf, bei der Gestaltung der neuen Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Königreich und der EU nach dem Brexit auf einen sanften Übergang hinzuarbeiten (Video am Anfang des Artikels). Sie befürworte die Maßnahmen der Bank of England und der EZB, das Bankensystem mit ausreichend Liquidität zu versorgen.

Wegen Brexit: Tschechien fordert Rücktritt von Juncker
Wegen Brexit: Tschechien fordert Rücktritt von Juncker
Der tschechische Außenminister fordert den Rücktritt von EU-Präsident Juncker. Juncker hätte nicht energisch genug für den Verbleib Großbritanniens in der EU gekämpft.
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EU-Präsident Jean-Claude Juncker und Angela Merkel beim Gipfel am 23. September 2015 in Brüssel. Als Reaktion auf den Brexit wird der Rücktritt von Juncker gefordert. (Foto: dpa)

EU-Präsident Jean-Claude Juncker und Angela Merkel beim Gipfel am 23. September 2015 in Brüssel. (Foto: dpa)

Nach dem britischen Votum für den Ausstieg aus der Europäischen Union hat Tschechiens Außenminister Lubomir Zaoralek sich für den Rücktritt von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ausgesprochen. Juncker sei derzeit „nicht der richtige Mann für den Job“, sagte Zaoralek am Sonntag in einer Fernsehdebatte. „Jemand in der EU sollte vielleicht einen Rücktritt erwägen“, weil er für das Brexit-Votum verantwortlich sei, ergänzte der Minister.

Zaoralek warf Juncker vor, sich vor dem Referendum in Großbritannien nicht genügend engagiert und nicht vor Ort für den Verbleib in der EU geworben zu haben. „Ich hätte mir vorgestellt, dass die Kommission von einem ehrbaren, vertrauenswürdigen Mann angeführt wird, der in einer Situation, wo uns der Verlust eines Beines oder Armes droht, selbst in das Land geht und den Briten sagt: ‚Wir wollen, dass ihr bleibt’“, kritisierte er.

Nomura: Brexit birgt hohe Ansteckungs-Gefahr für Finanzmärkte
Nomura: Brexit birgt hohe Ansteckungs-Gefahr für Finanzmärkte
Die Finanz-Holding Nomura warnt vor vielfältigen negativen Folgen des EU-Austritts Großbritanniens – besonders für die Finanzwelt und die Psychologie der Anleger. Andere Beobachter vermuten hingegen, dass der Brexit als Erklärung für die selbstverschuldete Krisen der Unternehmen und der Staaten herhalten…
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Händler an der New York Stock Exchange. (Foto: dpa)

Händler an der New York Stock Exchange. (Foto: dpa)

Das japanische Finanzunternehmen Nomura warnt davor, dass sich der Austritt Großbritanniens aus der EU in vielfältiger Weise negativ auf die Entwicklung der Weltwirtschaft und der Finanzmärkte auswirken werde. Da sich die meisten Beobachter auf den Handel zwischen Europa und Großbritannien konzentrierten, werde den Auswirkungen auf die globalen Finanzmärkte und die Weltwirtschaft viel zu wenig Bedeutung beigemessen, so Nomura.

Die Finanzmärkte aber würden die durch den Brexit hervorgerufene Unsicherheit mindestens ebenso deutlich zu spüren bekommen wie der Handel. Schließlich beherberge Großbritannien mit der City of London eines der weltweit wichtigsten Finanzzentren. „Diese extreme Unsicherheit in der City of London ist den globalen Finanzmärkten ein Dorn im Auge, insbesondere, wenn die Weltwirtschaft so fragil ist wie derzeit und wenn es nur noch geringe geldpolitische und fiskalische Puffer in den meisten Volkswirtschaften gibt“, schreibt Nomura.

Nomura geht davon aus, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU die Psychologie der Marktteilnehmer nachhaltig verändern werde. Interessanterweise stellen die Analysten dabei einen Bezug zur Präsidentschaftswahl in den USA her. Eine Wahl des protektionistisch eingestellten Kandidaten Donald Trump stelle demnach einen ähnlichen Schlag für das Grundvertrauen der Investoren dar, wie dies der Austritt Großbritanniens gewesen sei.

Warnungen vor der Wahl Trumps oder vor dem Brexit werden in der Öffentlichkeit zunehmend kritisch hinterfragt. Die Targo-Bank wies bereits darauf hin, dass ein Brexit künftig von vielen Unternehmen und Regierungen als ideale Ausrede gebraucht werde, um maue Konjunkturzahlen oder schlechte Unternehmensergebnisse zu rechtfertigen. In Deutschland könnte dies beispielsweise für die angeschlagenen Lebensversicherer und Pensionskassen gelten, die von ihrer Unterfinanzierung ablenken könnten, indem pauschal auf Turbulenzen verwiesen wird, die angeblich das Resultat des Brexit seien.

Helaba: Friedliche Einigung der EU mit Großbritannien wahrscheinlich
Helaba: Friedliche Einigung der EU mit Großbritannien wahrscheinlich
Die Helaba präsentiert drei Szenarien, wie sich das Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU entwickeln könnte. Am wahrscheinlichsten sei eine geordnete "Scheidung". Es bestehe aber auch die Möglichkeit, dass es zu tiefgreifenden Konflikten komme, unter denen beide Seiten leiden.
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Die kommenden Monate werden von großer Unsicherheit geprägt sein. (Foto: dpa)

Die kommenden Monate werden von großer Unsicherheit geprägt sein. (Foto: dpa)

Die Helaba hat in einer interessanten Analyse drei Szenarien ausgearbeitet, wie sich das Verhältnis Großbritanniens zur EU verändern und welche Seite davon mehr profitieren könnte:

Szenario Kompromiss (60 %)

Am wahrscheinlichsten ist, dass sich die Briten mit der EU auf einen „Scheidungsvertrag“ im Zeitrahmen von zwei Jahren einigen. Das Land behält den weitgehenden Zugang zum EU-Binnenmarkt bei Waren. Bei Dienstleistungen, insbesondere im Finanzsektor, gibt es einige Einschränkungen. Grundsätzlich behält aber der Finanzplatz London seine dominante Rolle. Die Briten können über manche Belange selbst bestimmen und z.T. deregulieren. Die langfristigen wirtschaftlichen Konsequenzen halten sich in Grenzen, zumal das Land nicht wirklich unabhängig von der EU ist, da viele Regeln weiterhin aus Brüssel kommen.

Nach dem Wegfall der Unsicherheit können sich die Investitionen von der Delle wieder erholen, die konjunkturelle Entwicklung verläuft danach in gewöhnlichen Bahnen. Großbritannien erleidet nur überschaubare Wohlfahrtsverluste, neue Wachstumsimpulse außerhalb der EU werden jedoch auch kaum generiert. Mit dem sich abzeichnenden Kompromiss beruhigen sich die Finanzmärkte. Das ausländische Kapital fließt wieder ins Land: Das Pfund Sterling und die Aktienmärkte erholen sich. Bei den Staatsanleihen entfallen die Risikoprämien, allerdings könnte eine Normalisierung der Geldpolitik belasten. Britische Immobilien gewinnen an Attraktivität zurück. Da die Briten ohne nachhaltig große Verluste die EU verlassen, könnten die politischen Spannungen in der EU zunehmen und im Trend der Euro an Attraktivität verlieren.

Szenario Konflikt (30 %)

Im vorgegeben Zeitrahmen können sich die Briten nicht auf ein Abkommen mit der EU einigen, sodass es zwangsläufig in einer „schmutzigen Scheidung“ endet. Das Vereinigte Königreich verliert den uneingeschränkten Zugang zum EU-Binnenmarkt. Im Außenhandel mit der EU gelten nun automatisch die WTO-Regeln. Zölle sowie nicht-tarifäre Handelshemmnisse erschweren den Handel, so dass vor allem die britische, aber auch die deutsche Exportwirtschaft erhebliche Einbußen verzeichnet.

Insbesondere bei Finanzdienstleistungen wird der grenzüberschreitende Verkehr durch neue Regulierungen erschwert, so dass der Finanzplatz London zu Gunsten von Frankfurt und Paris erheblich leidet. Die Briten können zwar ohne Rücksicht auf die EU die Migration beschränken und die Regulierungen lockern, die wirtschaftlichen Impulse sind aber kaum fühlbar. Die britischen Exporte, ebenso bei Finanzdienstleistungen, brechen in diesem Szenario ein. Die Unternehmensinvestitionen sinken, sogar der private Konsum gibt merklich nach. Großbritannien fällt in eine markante Rezession. Da sich ausländische Investoren nachhaltig zurückhalten, bereitet die Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits Probleme. Das Pfund wertet massiv ab. Die Aktienmärkte verzeichnen kräftige Kursverluste, an den Immobilienmärkten verschärft sich die Talfahrt.

Trotz einer expansiveren Geldpolitik der Bank of England leiden sogar britische Staatsanleihen, da die Risikoprämien kräftig ansteigen. Der Verlust an Steuereinnahmen liegt um einiges höher als die Ersparnis bei den Beiträgen zum EU-Haushalt. Entsprechend hoch sind die Wohlfahrtsverluste für Großbritannien. In der EU erleichtert das abschreckende Beispiel des Austritts die politische Zusammenarbeit. Trotz Einbußen beim Außenhandel dürfte die Union mehr Kapital anziehen.

Szenario Rosinenpicker (10 %)

Das am wenigsten wahrscheinliche, wenngleich nicht unmögliche Szenario ist, dass die Briten im „Scheidungsvertrag“ zu Lasten der EU deutliche Vorteile heraushandeln, sich also noch „Rosinen herauspicken“ können. Großbritannien behält den weitgehenden Zugang zum EU-Binnenmarkt und kann dennoch Sonderregeln u.a. für die Migration aushandeln. Dank einer lockereren Regulierung als in der EU gewinnt der Standort Großbritannien, nicht zuletzt der Finanzplatz London, an Attraktivität und zieht frisches Kapital an.

Insgesamt profitiert das Land vom Austritt, während die EU die Kosten trägt. Die politischen Spannungen nehmen zu, der Bestand der Währungsunion wird zunehmend hinterfragt. Die politischen Probleme in der EU schlagen auf das Wachstum durch. Während der Euro deutlich nachgibt, kann das Pfund erheblich zulegen. Die britische Konjunktur läuft vergleichsweise besser als in der EU. Gleiches gilt für Aktien- und Immobilienmärkte.

Gegen Sanktionen: Deutsche Unternehmen bauen Fabriken in Russland
Gegen Sanktionen: Deutsche Unternehmen bauen Fabriken in Russland
Russland profitiert auf unerwartete Weise von den EU-Sanktionen: Die Direktinvestitionen deutscher Unternehmen erreichen neue Höchststände, weil die Unternehmen direkt in Russland Fabriken bauen. Sie wollen den wichtigen russischen Markt nicht wegen der Sanktionen verlieren.
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Gerhard Schröder mit Russlands Präsident in St. Petersburg. Neue Fabriken entstehen nun in Russland trotz der Sanktionen. (Foto: dpa)

Gerhard Schröder mit Russlands Präsident in St. Petersburg. (Foto: dpa)

Deutsche Unternehmen investieren verstärkt direkt in Russland. Wegen der Export-Sanktionen bauten Mittelständler und Konzerne dort nun eigene Fabriken auf, um weiter im Geschäft zu bleiben, berichtete die Welt am Sonntag unter Berufung auf eine Statistik der Deutschen Bundesbank.

Die Direktinvestitionen deutscher Firmen seien laut Bundesbank im Jahr 2015 auf 1,78 Milliarden Euro gestiegen, berichtete die Zeitung. Dieser Wert sei nur in den Boomjahren von 2006 bis 2008 sowie im Jahr 2010 übertroffen worden.

Dieses Jahr könnte ein neuer Rekord erreicht werden. Bereits im ersten Quartal summierten sich laut WamS die Direktinvestitionen aus Deutschland bereits auf fast 1,1 Milliarden Euro.

Die deutschen Unternehmen haben keine Alternativen zu diesem Weg. China ist drauf und dran, den Europäern den wichtigen russischen Absatzmarkt abzujagen. Bundeskanzlerin Merkel ist davon nicht beeindruckt und hat sich in der EU für die Verlängerung der Sanktionen stark gemacht.

Schauspieler Götz George ist tot
Schauspieler Götz George ist tot
Der deutsche Schauspieler Götz George ist im Alter von 77 Jahren gestorben. Er starb bereits am 19. Juni. Er hatte sich einen privaten Abschied im engsten Kreis gewünscht.
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Die Schauspieler Eberhard Feik (l) als Thanner und Götz George als Schimanski stehen am 29.09.1987 im Hafen von Duisburg für Dreharbeiten vor der Kamera. (Foto: dpa)

Die Schauspieler Eberhard Feik (l) als Thanner und Götz George als Schimanski stehen am 29.09.1987 im Hafen von Duisburg für Dreharbeiten vor der Kamera. (Foto: dpa)

Der Schauspieler Götz George ist tot. Wie seine Agentin am späten Sonntagabend in Berlin mitteilte, starb George bereits am 19. Juni nach kurzer Krankheit im Alter von 77 Jahren. „Götz George hat sich eine Verabschiedung im engsten Kreis gewünscht“, hieß es in der Mitteilung. Von weiteren Nachfragen solle aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Familie abgesehen werden.

Götz George liebte es, er selbst zu sein. Eigen, manchmal ruppig und meist unbequem, begegnete er seinem Gegenüber. Seien es nun Film- und Fernsehjournalisten, Fans oder Kollegen. Kurz vor seinem 75. Geburtstag – vor fast drei Jahren – gab es auch so einen dieser besonderen George-Momente voller Schnodderigkeit. Als er in Berlin den Film «George» über seinen Vater Heinrich vorstellte, ließ er sich zwar aufs Podium bitten, schmetterte vor dem gespannten Premierenpublikum aber jede Frage gnadenlos ab. Sie sei falsch gestellt, dazu könne er nichts sagen und überhaupt sei er nicht der richtige Ansprechpartner. Punkt und Rumms.

Götz George durfte das, musste es zuweilen sogar. Vielleicht war es sein Schicksal. Der Ausnahmeschauspieler pflegte stets sein Image als Raubein – und das Publikum liebte ihn dafür. Klar, wer 32 Jahre lang mit abgewetztem Parka als Ruhrpottkommissar Horst Schimanski vor der Kamera stand, musste einfach ein krasser Typ sein und möglichst oft «Scheiße» sagen. So einem verzeiht man das.

Mit dem gebrochenen Draufgänger aus Duisburg hat der gebürtige Berliner George Fernsehgeschichte geschrieben. Anders als die distinguierten, abgeklärten Herren, die vor und neben ihm in deutschen Krimis ermittelten, verkörperte er 1981 erstmals einen schnodderigen Cop, der mit lockeren Sprüchen, harten Prügeleien und reichlich Bier auf Verbrecherjagd geht. «Was quatschst du mich so blöd an, du Spießer, nur weil ich ’ne Fahne habe?», raunzte der attraktive Kommissar sein Gegenüber einmal an.

29 «Schimmi»-Folgen liefen zwischen 1981 und 1991 im Rahmen der ARD-Krimireihe «Tatort». Zweimal war er im Kino sehen und 1997 widmete das Erste seinem erfolgreichen Helden eine eigene Reihe mit dem Kult-Logo «Schimanski». Der war zwar inzwischen Rentner und hatte einen Gang zurückgeschaltet, aber immer noch ein Straßenfeger. Allein die erste Folge «Die Schwadron» sahen fast 13 Millionen Menschen. Im Jahr 2013 war dann Schluss damit, nach 48 Folgen.

Trotzdem hat sich George nie gern in die Krimischublade stecken lassen. Mit Ehrgeiz, Spielfreude und unglaublicher Vitalität profilierte er sich in seiner langen Karriere als einer der vielseitigsten deutschen Schauspieler.

Er spielte den KZ-Arzt Josef Mengele («Nichts als die Wahrheit») und einen an Alzheimer erkrankten Busfahrer («Mein Vater»), einen Taschendieb («Das Trio») und einen blinden Klavierlehrer («Der Novembermann»), einen Öko-Aktivisten («Lüg weiter, Liebling») und einen todgeweihten Staatsanwalt («Nacht ohne Morgen»).

Eine seiner berühmtesten Rollen hatte er als homosexueller Massenmörder Fritz Haarmann in «Der Totmacher», der 1995 das Filmfestival von Venedig eröffnete. Zugleich bewies er in Satiren wie «Schtonk!» oder «Rossini» auch sein komödiantisches Talent. 2007 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Deutschen Fernsehpreis geehrt, 2014 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Erst «George», der Film über seinen legendären, wegen seiner Karriere in der Nazi-Zeit aber auch umstrittenen Schauspieler-Vater Heinrich George (1893-1946), aber machte deutlich, wie sehr der Sohn zeitlebens von dem «Übervater» geprägt war – und getrieben.

«Du hast mich halt immer überholt. Du warst halt immer besser, besessener», sagte George in einer ARD-Dokumentation anlässlich seines 75. Geburtstages im Jahr 2013 an die Adresse seines toten Vaters. Von der Lieblingsrolle des Vaters, Goethes «Götz von Berlichingen», hatte er übrigens auch seinen Vornamen.

Der kleine Götz ist acht, als der Vater in sowjetischer Gefangenschaft stirbt. Für ihn und den älteren Bruder Jan wird die Mutter Berta Drews zur zentralen Bezugsperson. Selbst Schauspielerin, weckt sie auch in ihrem «Putzi», wie sie den Sohn bis an ihr Lebensende nennt, die Liebe zum Theater. Mit elf steht er erstmals auf der Bühne, mit 15 hat er neben Romy Schneider seinen ersten Filmauftritt in der Romanze «Wenn der weiße Flieder wieder blüht».

40 Hauptrollen auf der Bühne und 120 Kino- und Fernsehfilme folgen – angefangen von den Karl-May-Abenteuern in den 1960er Jahren bis zum ARD-Krimidrama «Böse Wetter», das noch nicht ausgestrahlt ist. Seine physische und psychische Präsenz, seine Wandlungsfähigkeit und sein Rollenverständnis trugen ihm immer wieder gute Kritiken ein. «Ich muss die Figuren inhalieren, anders kann man es gar nicht sagen, ich inhaliere sie, ohne intellektuell darüber nachzudenken», verriet er einmal.

Zu den Medien hatte George trotz seines Erfolgs ein gespanntes Verhältnis; dem Fernsehen warf er mal vor, «nur noch auf Kohle und Quote» zu schauen. Legendär sein Zoff mit Thomas Gottschalk in der ZDF-Sendung «Wetten, dass..?» 1998. Der 1a-Mime warf dem 1a-Moderator Unwissenheit vor und bezeichnete ihn als «Oberlehrer», die Zuschauer pfiffen. Echte Emotionen oder Inszenierung? Fast egal, auf jeden Fall war es George pur. Auch wenn es fünf Jahre später eine medienwirksame Versöhnung gab, Georges Kritik war durchaus ernst gemeint.

Er sei in Deutschland nur mehr zum Arbeiten und Steuern zahlen, wie er einmal sagte. Ansonsten zog er sich mit seiner gut 20 Jahre jüngeren Lebensgefährtin Marika Ullrich in sein Refugium auf Sardinien zurück. Schlagzeilen machten ein schwerer Badeunfall 1996 und eine Herzoperation 2007.

Vor knapp zwei Jahren verkündete George, er wolle sich weitgehend aus dem Filmgeschäft zurückziehen. «Ich möchte gerne nach 65 arbeitsreichen Jahren Feierabend machen», sagte der damals 76-Jährige der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung». Es sei einfach zu viel Stress. So machte er sich in den Öffentlichkeit rar, drehte nur noch wenig und erfüllte sich selbst einen Wunsch: «Auf der Bühne, wie es bei Schauspielern immer heißt, will ich sicher nicht sterben.»

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