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Gefährliche Ruhe vor dem Sturm: Export-Krise bedroht Deutschland

Der Rohstoff-Schock dürfte schon bald neue Probleme für die deutsche Export-Wirtschaft bringen. Der IWF sieht eine Krise in den Schwellenländern am Horizont, hat aber keine Rezepte. Deutschland müsste sich dringend auf diese Situation vorbereiten.

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Über Sinn und Unsinn internationaler Wirtschafts-Tagungen kann man sich streiten. Sie bieten immer eine Plattform dazu, Beziehungen zu knüpfen, ein wenig im globalen Wind zu schnüffeln und zwei, drei Kernbotschaften für die heimische Audienz mitzunehmen. Nicht anders könnte es dieses Jahr in Lima gewesen sein, wo die Herbsttagungen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank diesmal stattfanden: zum ersten Mal seit 50 Jahren in Lateinamerika.

Doch dieser Anlass dürfte oder besser sollte ernsterer Natur gewesen sein. Die Weltwirtschaft ist in einem ‚drôle de guerre’, einer seltsamen Periode gespenstischer Ruhe und aufgekratzter Hektik vor einem möglicherweise heftigen Sturm. In wohl abgewogenen Worten und wie ein ganzer Chor von Warnern hat auch der IWF vor erheblichen Stabilitätsrisiken im Zusammenhang mit der Wachstumsabschwächung in China und der Krise der Schwellenländer gewarnt. Die Ökonomen des Fonds sprechen in diesem Zusammenhang von drei Herausforderungen in ihrem Finanzstabilitätsbericht: Vergangenheitsbewältigung und Normalisierung in den fortgeschrittenen Industrieländern, einer erheblichen Wachstumsabschwächung Chinas mit Rückkopplungseffekten auf die Schwellenländer und Risiken für die Marktliquidität.

In Bezug auf die fortgeschrittenen Industrieländer legt der Fonds eine langsame, auf die Situation der Schwellenländer angepasste und sehr umsichtig kommunizierte Normalisierung der Geldpolitik in den USA nahe. Für Europa steht eine Stärkung der Finanzarchitektur im Vordergrund. Dies bezieht sich einerseits auf die Funktionsweise der Eurozone als einheitlicher Währungsraum, andererseits auf eine rasche Lösung für die nicht-bedienten Kredite der Banken. Insgesamt geht es um eine Fortsetzung expansiver Politiken, dort wo möglich, auch expansiver Finanzpolitik.

Die Schwellenländer sieht der Fonds in einer Abschwung-Phase des Kreditzyklus gefangen. Das Wirtschaftswachstum schwächt sich nach einem präzedenzlosen Kreditboom ab. Fallende Rohstoffpreise und das Risiko einer Kreditkontraktion im Inland reduzieren die Einnahmen der Unternehmen in Außen- und Binnenwirtschaft. Fallende Währungen erhöhen umgekehrt die hauptsächlich in Dollar aufgebauten Dollarschulden. Die Banken in Schwellenländern sind traditionell durch eine starke Depositenbasis geschützt. Doch durch die vorangegangene Kreditexpansion sind auch sie in einer verschlechterten Position. Sie haben Relationen zwischen Krediten und Depositen erreicht, welche regulatorische Hürden darstellen, oder sie können zu vernünftigen Finanzierungskosten keine zusätzlichen Passiven mehr beschaffen – deshalb die kommende Kreditkontraktion, die von steigenden Ausfallraten begleitet sein wird. Aufgrund dieser Exposition von Banken und nicht-finanziellen Unternehmen wird der Schuldendienst schwieriger. Sie sind beide anfällig für Schocks.

Dies leitet zum dritten Risiko über, dem Risiko eines Schocks und seiner Effekte auf die Finanzmärkte. Hier orten die Ökonomen des IWF ein erhebliches, verborgenes Liquiditätsrisiko für Märkte. Ein Schock könnte so gemäß dieser Analyse zu verstärkten Marktbewegungen führen, welche das Vertrauen der Wirtschaft schlagartig dämpfen. Dabei handelt es sich um ein komplexes Phänomen. Tiefe Zinssätze sind ein Teil. Normalisieren die Notenbanken ihre Geldpolitik, kann dies schlagartige Veränderungen der Renditen hervorrufen. Die niedrigen Zinssätze haben zu einer Kompression von Risikoprämien geführt. Traditionelle institutionelle Investoren wie Versicherungen, Pensionskassen und Fonds gerieten wegen der tiefen Zinssätze in einen Anlage-Notstand und investierten vermehrt oder übermäßig in riskante Obligationen. Auch klassische Retailfonds sind dort stark exponiert, und haben dadurch erhebliche Rückzugsrisiken. Dies ist eine Form eines ALM-Risikos. Ein weiteres Phänomen sind die Obligationenkäufe der Notenbanken, welche die Marktliquidität in diesen Segmenten stark reduzieren. Schließlich gehört das Faktum dazu, dass die Banken wegen der Unterlegungspflichten keine oder nur mehr geringe ungedeckte Handelspositionen halten. In einer Krise fehlen so die normalen Liquiditäts-Provider.

Der Bericht des IWF in seinem Stabilitäts-Report ist interessant, doch er redet um den Kern des Problems herum oder drückt es nicht klar genug aus. Deutlicher formuliert es die Ökonomin Carmen Reinhart („This time is different. Eight centuries of financial follies“). Wir sind Zeugen einer klassischen Schwellenländer-Krise, die sich vorbereitet und ankündigt. Alle Phänomene sind da: Extrem starke vergangene Kreditexpansion, Wirtschaftsabschwächung und Fall der Exporte, Liquidation eines Booms der Vermögenspreise, steigende Leistungsbilanz- und Fiskaldefizite, rasch steigende Verschuldung, vor allem auch in ausländischer Währung, Ausdünnen oder Umkehr von Kapitalimporten. Was sie außerdem anführt, sind verborgene Verschuldung und verborgene finanzielle Hebelwirkung, die nirgends statistisch erfasst sind. Viele Infrastrukturprojekte in Schwellenländern vor allem im Minen-, Energie- und Transportbereich sind durch Entwicklungsbanken in China finanziert worden. Deren Kredite sind dollarbasiert, aber in den großen Datenbanken der BIZ und der Weltbank nicht erfasst. Genau gleich wie Swapgeschäfte und kurzfristige Handelskredite. Ihrer Einschätzung nach ist die Verschuldung der Schwellenländer deutlich höher als in den Datenbanken ausgewiesen und sie ist zusätzlichen hohen Währungsrisiken ausgesetzt.

Die Schwellenländerkrise könnte dieselben Dimensionen wie frühere solcher Krisen annehmen. Der Zusammenbruch der Rohstoffpreise ist historisch und nur mit demjenigen der frühen 1980er Jahre vergleichbar. Die folgende Graphik zeigt die langfristige Entwicklung der Rohstoffpreise. Der Einbruch seit 2011/13 hat größere Dimensionen wie der Kollaps in den frühen und mittleren 1980er Jahren.

Rohstoff-Preisindizes. (Grafik: World Trade Organisation)

Rohstoff-Preisindizes. (Grafik: World Trade Organisation)

Die WTO-Preisindizes decken die ganze Periode seit 1960 ab. Die Werte repräsentieren Jahres-Durchschnitte. Für 2015 den Mittelwert von Januar bis August. Der Gesamtindex ist

Beim Rückgang der Rohstoffpreise sind zwei Effekte zu unterscheiden. Der Veränderungseffekt beschreibt die unmittelbaren Auswirkungen auf Finanzmärkte, auf dem falschen Fuss erwischte Akteure, Sektoren etc. Bei einem derartigen Sturz kommt es zu Spannungen, es gibt falsch positionierte Akteure mit zu viel finanzieller Hebelwirkung oder Verschuldung wie Glencore oder andere Rohstoffproduzenten. Dieser Effekt, so dramatisch er kurzfristig erscheint, ist nicht der wichtigste. Eine Korrektur im Abwärtstrend kann ein Aufschnaufen an den Finanzmärkten auslösen. Der zweite Effekt ist der Niveaueffekt. Wenn sich die Rohstoffpreise längerfristig auf einem neuen, viel tieferen Niveau einpendeln, dann ist dies viel gewichtiger. Denn in der kurzen Frist gibt es zwar Hebelwirkungen, aber es gibt auch Puffer: Devisenreserven der Rohstoff-Exportländer, die Liquidität von Unternehmen und der Zugang zu Bankkredit aufgrund gesprochener Limiten. Über die Zeit hinweg setzt sich dieser zweite Effekt durch, er lässt Devisenreserven schwinden und Liquidität austrocknen. Es gibt keinen Zugang mehr zu Bankkredit. Entscheidend ist natürlich, auf welchem Gleichgewichts-Niveau sich die Rohstoffpreise schließlich einpendeln. Die heutigen Niveaus liegen immer noch wesentlich höher als in den 1990er Jahren. Fallen die Rohstoffpreise auf deutlich tiefere Niveaus, wird es für viele Länder, Sektoren und Unternehmen dramatisch.

Die Wirkung der scharf rückläufigen Preise wird verstärkt dadurch, dass in vielen Ländern die Exporte von Rohstoffen die gesamten Exporte dominieren, dies hauptsächlich durch den vorangegangenen extrem starken Preisanstieg bei Rohstoffen bedingt. Die folgende Graphik zeigt den Anteil der Rohstoffexporte an den Gesamtexporten nach Wirtschaftsgebieten. Leider ist es so, dass in der Mehrzahl der Schwellenländer die Rohstoffexporte die gesamten Exporte dominieren oder fast monopolisieren. Dies gilt für Eurasien, den Mittleren Osten, Afrika, Lateinamerika. In diesem Sinne gilt eben nicht, dass diese Länder strukturell grosse Fortschritte erzielt hätten. Diese Länder sind durch ihre Rohstoffabhängigkeit enormen Preiseffekten im Außenhandel ausgesetzt

Anteil der Rohstoffe am Export von Gütern. (Grafik: DWN)

Anteil der Rohstoffe am Export von Gütern. (Grafik: DWN)

 

 

 

 

Neu ist das Ausmaß der Verschuldung des privaten Sektors in den Schwellenländern, sowohl von Unternehmen wie von Haushalten. In früheren Krisen war vor allem der Staat verschuldet. Heute ist das Bild diesbezüglich gemischt. Es gibt Länder mit geringer Verschuldung des Staates und solche mit sehr hoher Verschuldung. Deshalb muss zwischen verschiedenen Ländern und Ländergruppen differenziert werden. Aber weit verbreitet ist die Tatsache, dass die Banken angesichts hoher Devisenzuflüsse in der Phase hoher Rohstoffpreise 2006-14 im Inland übermäßig Kredite an Unternehmen und Haushalte vergeben haben. Diese Kredite basieren direkt und indirekt auf hohen Wachstumsraten der Exporte und davon abgeleitet auf interner Wachstumsdynamik.

Ein weiteres Merkmal gegenüber früheren Krisen der Schwellenländer ist ihre regionale Verkettung. In der Krise der 1980er Jahre waren die Schwellenländer Lateinamerikas individuell geschlossene Volkswirtschaften mit einem Import-Substitutionsmodell. Daneben hatten sie einzelne exportorientierte Sektoren, welche vor allem für den Weltmarkt in den Industrieländern produzierten. Heute sind viele Schwellenländer regional miteinander verknüpft – in Eurasien, in Südostasien rund um China und sekundär um Japan, in Lateinamerika, in Afrika etc. Schwere Einbrüche in einzelnen besonders exponierten Ländern werden so in die ganze regionale Zone übertragen. Dabei hilft es auch nicht, wenn die Exporte diversifiziert sind. In Asien exportieren viele Länder überwiegend verarbeitete Industriegüter und Zwischenprodukte. Sie spüren aber den Rückgang der chinesischen Importe und Exporte mit voller Härte und sind selbst einem deutlichen Exportrückschlag ausgesetzt.

Schließlich ist der Spielraum bei den Zentralbanken dieser Länder begrenzt. Anders als die Zentralbanken der führenden Industrieländer haben die Zentralbanken vieler Schwellenländer nicht die gleichen Instrumente zur Verfügung. Ein beträchtlicher Teil von Schwellenländern ist de facto in einem Dollarstandard eingebunden. Sie haben so keinen Raum, die Zinsen zu senken – sie sind schon bei oder nahe Null. Diese Länder können auch nicht einfach abwerten, weil ihre Passiven dollarbasiert sind.

Ein anderer Teil kann zwar die Währung abwerten, und so die Effekte der Rohstoffbaisse auf die Leistungsbilanz in einheimischer Währung mildern oder ausgleichen. Wenn Schulden im Ausland bestehen, zahlen sie dafür aber mit einem realen Anstieg ihrer Auslandsverschuldung. Vor allem aufgrund der Tatsache, dass deren Währungen bereits drastisch gegenüber dem Dollar abgewertet wurden. Außerdem müssen sie die Währung häufig mit höheren Zinsen stabilisieren, was zusätzlich die Inlandnachfrage abwürgt. Das hat natürlich Konsequenzen für unbediente Kredite, die Krediterhältlichkeit und für die Refinanzierung von existierenden Schulden.

Insgesamt bedeutet dies, dass die Banken und die Investoren nicht nur in China, sondern auch in den Industrieländern, vor allem in Europa, sich mittel- und längerfristig sehr bedeutende Risiken in den Schwellenländern aufgeladen haben. Sie haben Guthaben gegenüber dem Nicht-Banken- und gegenüber dem Bankensektor, die als riskant angesehen werden müssen. Diese Risiken sind zunächst länder- und sektorspezifisch. Das kann sich aber rapide ausbreiten. Was heute nach genügender oder sogar solider Kapitaldecke aussieht, kann bei einer Kettenreaktion in den Schwellenländern fatale Folgen für Kreditausfälle, die Eigenkapitaldecke und die Fähigkeit zur inländischen Kreditschöpfung der Banken in den Industrieländern haben.

Die hauptsächlichen Politikempfehlungen des IWF für die Schwellenländer sind marktorientierte Strukturreformen, Fiskalkonsolidierung und Abwertung: Das ist sein Standard-Rezept. Keiner glaubt im Ernst, dass kurz- und mittelfristig bedeutende Strukturreformen vorgenommen werden können. Bei einer extremen Rohstoffabhängigkeit jetzt in einen rohstoffunabhängigen Sektor zu diversifizieren? Das wären die notwendigen Strukturreformen, doch an den massiven Aufbau von Exportkapazität außerhalb des Rohwarensektors glaubt wohl im Ernst niemand. Und selbst wenn. Die existierenden Schulden beziehen sich wesentlich auf den Rohstoffsektor. Realität ist, dass ein bedeutender Teil der Schwellenländer für die kommenden Jahre auf Gedeih und Verderb von den Rohstoffpreisen abhängen wird. Strukturreformen wird es kurzfristig nicht geben. Solche Worte sind nur eine Umschreibung für harte Austerität. Individuell kann das Sinn machen, im System ist es jedoch ein Rezept fürs Desaster. Dann aber mit verstärkenden Effekten auf die nachlassende Inlandsnachfrage.

Eine andere Realität ist, dass viele dieser Länder auf Gedeih und Verderb von China abhängen. Regional gilt dies für viele der asiatischen Länder und insgesamt gilt dies für viele Rohwaren-Exporteure. Offizieller Sprachgebrauch ist, dass China die Wende vom export- und investitionsgetriebenen auf ein konsumgetriebenes Wachstumsmodell schaffen müsse. Auch 7 Prozent Wirtschaftswachstum oder selbst weniger seien noch starkes Wirtschaftswachstum. Das tönt gut, trifft aber den Kern der Sache nicht. Denn die meisten Schwellenländer hängen nicht von Chinas Wirtschaftswachstum im Aggregat, sondern von Chinas Baukonjunktur ab. Das trifft ganz sicher für die Produzentenländer von Industriemetallen wie Eisenerz, Kupfer, Aluminium und anderen Metallen zu, teils auch von Kohle für die Stahlproduktion. Die Wahrheit über diese Bautätigkeit ist, dass sie immer noch sehr hoch liegt und wahrscheinlich ganz erheblich nach unten gehen wird. Weitere kurzfristige, stimulierende Maßnahmen können diesen Rückgang nur etwas hinauszögern. Investitionsquoten von weit über 40 Prozent, konzentriert auf die Bauinvestitionen, über Jahre hinweg lassen sich nun mal nicht ewig durchhalten.

Eine weitere Realität betrifft die Energienachfrage. Energie ist der wichtigste Rohstoff, noch vor den Industriemetallen. Der Energiesektor ist der Kern der Rohstoffabhängigkeit vieler Schwellenländer. Wichtig ist das Faktum, dass die Energienachfrage stark einkommens- und wenig preiselastisch ist. Das Wachstum der globalen Energienachfrage wird seit über einem Jahrzehnt nicht mehr von den Industrie-, sondern von den Schwellenländern selbst diktiert. Mit einer massiven Wachstumsabschwächung in China und in den Schwellenländern geht unweigerlich eine nur noch verlangsamt wachsende Energienachfrage einher. 2015 ist dies überdeckt worden. China hat seine strategischen Erdölreserven bei tiefen Preisen massiv aufgestockt. Dies dürfte nächstes Jahr wegfallen. Doch die Anpassungen von Nachfrage und Angebot könnten längerfristig noch viel bedeutender ausfallen. Durch eine Vielzahl von Regulierungen und Innovationen dürfte der Energieverbrauch in den Industrieländern sinken und sich vom Wirtschaftswachstum weiter abkoppeln.

Auf der Angebotsseite ist umgekehrt ein scharfer Fall der marginalen Produktionskosten zu verzeichnen. So fallen die Extraktionskosten im nicht-konventionellen Energiebereich scharf ab, etwa bei shale gas und tight oil. Auch die Produktionskosten für erneuerbare Energie stehen schwer unter Druck, für Photovoltaik, Wind und selbst Erdwärme. Umgekehrt steigen die Anforderungen bezüglich Umweltverträglichkeit und damit die Produktionskosten für Kohle.

Ein bedeutender Teil der Kredite an die Schwellenländern, die in privaten Sektor vergeben worden sind, ist in Infrastrukturen, in Energieanlagen, in Minen und in Transportkapazitäten für diese Sektoren angelegt. Das Risiko besteht darin, dass diese Kredite fehl investiert sind und dass diese Anlagen gar nicht benötigt werden.

Auch in Bezug auf die Marktliquidität bedarf die Analyse der IWF-Ökonomen einer Ergänzung. Das bedeutendste Liquiditätsrisiko ergibt sich aus der Tatsache, dass die enormen Volumen an den Finanzmärkten hauptsächlichen kurzfristigen Transaktionen von algorithmischen Modell-Tradern entspringen. Diese nutzen kleinste Preisdifferenzen aus und sorgen so innerhalb des Tages für eine scheinbar sehr hohe Liquidität. Große Modelltrader können ohne Weiteres Millionen von Transaktionen pro Tag generieren. Sie halten aber kaum je Übernachtpositionen. In schwierigen Märkten bleiben sie oft abgeschaltet oder reduzieren das Risiko maximal. Wenn wirklich eine Panik an den Märkten herrscht, dürfte es schlicht keine Gegenparteien geben.

Das größte Risiko besteht mit anderen Worten darin, dass die seit 2009 eingeschlagene Notenbankpolitik und Bankenregulierung unbeabsichtigte und höchst kontraproduktive Konsequenzen haben können, wenn die Märkte fallen: Eine Divergenz zwischen notwendiger Bewertungsanpassung und Liquidität. Basel III hat die Banken gezwungen, ihre Handelsbücher drastisch hinunterzufahren. Damit wollte man dem Eigenhandel enge Grenzen setzen. Doch dies hat auch die Liquidität für den Kundenhandel drastisch reduziert. Die siebenjährige Nullzinspolitik und die Quantitative Lockerung der Geldpolitik durch die Fed und andere Notenbanken haben demgegenüber große, institutionelle Anleger wie Lebensversicherungen oder Pensionskassen in einen Anlagenotstand gebracht. Sie konnten mit risikolosen Anlagen ihre Garantiesätze nicht mehr erreichen. Dadurch sind sie in riskantere und teilweise hoch riskante Anlagen wie Unternehmensanleihen, hochverzinsliche Kredite, Aktien und Anlagen in Schwellenländern abgedrängt worden. Die expansive Geldpolitik und der Renditedruck haben alle Risikoprämien in den Finanzmärkten und darüber hinaus in der Realwirtschaft komprimiert.

Dies hat nun Folgen. Nicht nur waren und sind Anleihen und Aktien als Anlageklassen im historischen Vergleich völlig überbewertet. Damit verbunden ist auch eine gewaltige Fehlallokation von Ressourcen. Viele Investitionen sind finanziert worden, die kurz-, mittel und langfristig gar nicht rentabel sind oder sein werden, weder in den Schwellen- noch in den Industrieländern. So etwa im US shale gas und tight oil Bereich, aber auch praktisch über alle Sektoren verteilt. Viele Unternehmen, auch sehr solide, haben sich verschuldet, um teure Übernahmen, den Rückkauf eigener Aktien oder die Auszahlung von Dividenden zu finanzieren. Diese hohen Bewertungen korrespondieren mit statistisch sehr hohen Transaktionsvolumina. Dieser allgemeinen und darüber hinaus sektoral konzentrierten Blase steht aber anders als noch 2008/09 gar keine wahre und tiefe Marktliquidität mehr gegenüber. Und anders als 2008/09 stehen auch die klassischen Instrumente der Geldpolitik wie drastische Zinssenkungen in den USA und in Europa nicht mehr zur Verfügung, um Marktkorrekturen abzufedern.

In dieser Situation kommen unvermeidlich die wirrsten Szenarien und Handlungsempfehlungen zum Vorschein, nicht zuletzt von denjenigen, welche das Schlammassel mit eingebrockt haben. Die Einfachste ist noch von Obligationen- und Aktienmanagern, für die ‚bad news’ wie üblich ‚good news’ sind. Keine Zinserhöhungen, noch expansivere Geldpolitik, der ‚Fed-Put’. Viel Vergnügen, wenn die Sicherheitsmechanismen diesmal versagen.

Im Markt-Crash vom 24. August diesen Jahres haben unsichtbare Hände nach Börsenschluss in New York den S&P Future um rund 3-4 Prozent nach oben gedrückt. Das kann helfen, um eine erwartungsinduzierte Negativspirale kurzfristig zu verhindern. Wenn aber wirklich eine dramatische Verschlechterung der Wirtschaftslage in den Schwellenländern inklusive China eine Kette von Kreditereignissen, Bankrotten, Zahlungsmoratorien auslöst, dann können solche Interventionen nicht mehr helfen. Die üblichen Empfehlungen des Währungsfonds (angebotsorientierte Strukturreformen, Abwertung etc.) sind dann nicht angemessen und völlig wirkungslos. Die Wirtschaftspolitik wie auch die Unternehmen sollten sich auf dieses andere Szenario zumindest vorbereiten und Pläne dafür ausarbeiten.

Die Vordenker des „schlimmsten Falles“ haben drei Handlungsalternativen ausgemacht: Negativzinsen, Reduktion oder Verbote von Bargeld und den systemweiten „Bail-in“. Zu diesen Wegbereitern gehören nicht wenige Chefökonomen renommierter Zentralbanken wie der Bank of England oder auch Finanzminister. Das ist ein Cocktail fürs Desaster von den gleichen Leuten, die viel zu lange Nullzinsen verteidigt oder implementiert haben.

Für die Industrieländer, vor allem für das sehr stark exportorientierte Deutschland, mit seiner Fokussierung auf Investitionsgüter und auf Premium-Automobile, dürften sich die Exportaussichten deutlich eintrüben. Wenn die Rohstoff produzierenden Länder scharf abwerten, dann reduziert sich zwar der negative Effekt auf ihre Leistungsbilanz. Aber dies kommt eben dadurch zustande, dass die Inlandsnachfrage – Investitionen und Konsum – stark gedämpft werden. Für Deutschland bedeutet die aufkommende Krise der Schwellenländer, sich neu zu orientieren. Auf andere Märkte und vor allem auf den eigenen und den europäischen Binnenmarkt. Doch dafür ist ein Politikwechsel unabdingbar.

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Anschlag in Ansbach war Selbstmord-Attentat eines Syrers
Anschlag in Ansbach war Selbstmord-Attentat eines Syrers
Ein als Asylbewerber abgelehnter Mann aus Syrien hat in der Nacht einen Selbstmordanschlag in der bayrischen Gemeinde Ansbach verübt. Mindestens 12 Menschen wurden verletzt. Der Mann war vor einem Jahr als Asylbewerber abgelehnt worden, blieb jedoch weiter auf Duldung in…
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Polizei am Tatort in Ansbach. (Foto: dpa)

Polizei am Tatort in Ansbach. (Foto: dpa)

Bei einem Sprengstoffanschlag im bayerischen Ansbach sind am Sonntagabend der Täter getötet und mindestens zwölf weitere Menschen verletzt worden. Nach Angaben des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann zündete ein 27-jähriger Syrer am Eingang zu einem Festivalgelände im Zentrum der fränkischen Stadt einen Sprengsatz, nachdem er nicht auf das Gelände gelassen worden sei. Der Mann habe seit zwei Jahren in Deutschland gelebt und sei nach der Ablehnung seines Asylantrags vor einem Jahr weiter geduldet worden. Ein islamistischer Hintergrund sei nicht auszuschließen, sagte Herrmann in der Nacht vor Journalisten in Ansbach. Der Sprengsatz detonierte nach Polizeiangaben kurz nach 22.00 Uhr in der Nähe des Eingangs zu dem Musikfestival mit mehr als 2000 Teilnehmern.

Herrmann sagte, der Täter habe die Explosion vorsätzlich herbeigeführt. Er habe früher bereits zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen. Es sei noch unklar, ob er nur in Suizidabsicht gehandelt habe oder ob er andere Menschen mit in den Tod habe nehmen wollen. Der Inhalt des Rucksacks, den der Täter bei sich trug, sei aber geeignet gewesen, noch mehr Menschen zu töten. Polizeiangaben zufolge waren weit verstreut Metallteile aufgefunden worden. Bei islamistischen Anschlägen im Nahen Osten werden häufig Metallteile oder Nägel zur Verstärkung der Wirkung eines Sprengsatzes benutzt. Wieweit die Tat islamistischem Terror zuzuordnen sei, müssten die Ermittlungen zeigen, sagte Herrmann. Auszuschließen sei dies nicht.

Herrmann zufolge war der 27-Jährige bereits wegen anderer Vorfälle polizeibekannt gewesen. Sein Asylantrag sei vor einem Jahr abgelehnt worden. Er habe aber den Status der Duldung gehabt.

Nach Angaben eines Polizeisprechers wurde die Explosion in der Innenstadt vor einem Weinlokal und in der Nähe des Festival-Eingangs um kurz nach 22.00 Uhr bei der Polizei gemeldet. Das Zentrum Ansbachs wurde weiträumig abgeriegelt. Unter den Verletzten befanden sich nach Polizeiangaben drei Menschen mit schweren Verletzungen.

Augenzeugen berichteten von einer schweren Explosion. „Plötzlich hörte ich einen lauten, einen wirklich lauten Knall, eindeutig eine Explosion“, sagte Anwohner Thomas Debinski Reuters TV. Die Konzertbesucher seien in Panik ausgebrochen, berichtete er. Zunächst habe es Gerüchte über eine Gasexplosion gegeben, „aber dann kamen Leute, die sagten, dass eindeutig ein Rucksack explodiert ist, dass sich jemand in die Luft gesprengt hat.“

Europas Banken erwarten mit Sorge Ergebnisse von Stress-Test
Europas Banken erwarten mit Sorge Ergebnisse von Stress-Test
Viele europäische Banken erwarten mit Sorge die Ergebnisse des aktuellen Stress-Tests. Es wird erwartet, dass einige Banken neues Kapital auftreiben werden müssen. Tatsache ist: Die europäischen Banken haben seit der Finanzkrise deutlich an Boden gegenüber ihren Konkurrenten aus den USA…
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EZB-Chef Mario Draghi und sein portugiesischer Vize Vitor Constancio, Anfang Dezember in Frankfurt. (Foto: dpa)

EZB-Chef Mario Draghi und sein portugiesischer Vize Vitor Constancio, Anfang Dezember in Frankfurt. (Foto: dpa)

Die US-Banken haben die Finanzkrise hinter sich gelassen, während die Europäer noch immer Altlasten mit sich herumschleppen. Wie gravierend die Unterschiede inzwischen sind, hat das Analysehaus Tricumen ausgerechnet: 2007 fuhren die acht größten europäischen Banken mit dem Handel von Anleihen, Devisen und Rohstoffen noch Einnahmen von 48 Milliarden Dollar ein, die fünf größten US-Banken kamen auf 38 Milliarden. Im vergangenen Jahr schafften die Europäer noch 26 Milliarden Dollar, die US-Häuser dagegen 43 Milliarden. Ähnlich ist der Trend im Beratungsgeschäft. „Ich gehe davon aus, dass die europäischen Banken weiter Marktanteile an die Amerikaner verlieren“, sagt Tricumen-Analyst Darko Kapoor.

Die Deutsche Bank warnt regelmäßig vor diesem Szenario. Europa brauche eine globale Bank, damit Unternehmen diesseits des Atlantiks bei Kapitalmarktgeschäften nicht zu abhängig von US-Banken seien, lautet das Mantra.

Viele Bankmanager werden am 29. Juli keinen entspannten Start in die Sommerferien haben. Statt auf dem Balkon oder am Strand müssen sie den Freitagabend im Büro verbringen und die Ergebnisse des europaweiten Banken-Stresstests auswerten. Die EU-Bankenbehörde EBA will die Resultate an diesem Tag erst um 22 Uhr veröffentlichen, wenn alle wichtigen Börsen geschlossen haben. Auf diese Weise gewährt sie Investoren genügend Zeit, die Ergebnisse bis zur Öffnung der Märkte am Montag zu verdauen. Manche Beobachter fühlen sich an Zeiten der Finanzkrise erinnert, als an Wochenenden regelmäßig Rettungspläne für marode Finanzinstitute gebastelt wurden.

Vergleichbare Aktionen erwarten die meisten Banker und Experten dieses Mal zwar nicht, aber die Stimmung ist vor der Verkündung der Zahlen durchaus angespannt. Neben der Deutschen Bank, die mit ihrer Kernkapitalquote von 10,7 Prozent vielen Konkurrenten hinterherhinkt, stehen vor allem italienische Geldhäuser unter Druck. Sie schieben faule Kredite von 360 Milliarden Euro vor sich her und werden beim Stresstest deshalb nach Einschätzung von Experten besonders schlecht abschneiden. EZB-Chef Mario Draghi hat eine rasche Lösung der Probleme angemahnt.

Am Markt gibt es deshalb Spekulationen, die Politik könne die Stresstest-Resultate als Rechtfertigung nutzen, um italienische Geldhäuser zu stützen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erklärte kürzlich, man solle zunächst die Stresstest-Ergebnisse abwarten, um die Probleme der Banken besser bewerten zu können. Viele Experten halten das jedoch für Augenwischerei. „Das Problem der faulen Kredite in Italien ist seit langem bekannt“, sagt ein Bankvorstand. „Ich erwarte nicht, dass die Behörden aus dem Stresstest grundlegend neue Erkenntnisse gewinnen.“

Schon beim vorangegangenen Fitnesscheck 2014 entpuppten sich die Geldhäuser zwischen Neapel und Mailand als größte Sorgenkinder – passiert ist seitdem wenig. „Wenn die Therapie nicht erfolgt, ist das etwas, das man nicht dem Stresstest anlasten darf“, betont Michael Kemmer, der Hauptgeschäftsführer des deutschen Bankenverbands. Staatshilfen für italienische Banken sind aus seiner Sicht allerdings nur „in eng begrenzten Ausnahmefällen“ denkbar. Bei den neun teilnehmenden Instituten aus Deutschland erwartet Kemmer nach dem Stresstest keine „tiefgreifenden Verwerfungen“. Österreichs Notenbankchef Ewald Nowotny sagte der Nachrichtenagentur APA am Freitag, er wolle die Lage der Geldhäuser nicht überdramatisieren. Das sei „ein lösbares Problem, etwa mit dem bewährten Modell einer Bad Bank“.

Die EBA prüft, wie sich die Zahlen der Geldhäuser in einer Krise entwickeln würden. Anders als 2014 gibt es beim diesjährigen Test keine Mindestkapitalquote, die Banken nach dem sogenannten Stress-Szenario mindestens erreichen müssen – sie können somit auch nicht durchfallen. Die EZB will die Resultate aber berücksichtigen, wenn sie gegen Jahresende individuelle Mindestkapitalquoten für Institute festlegt. Die Stresstest-Ergebnisse sind für Banken also eine Art Zwischenzeugnis.

Investoren wollen dabei genau darauf schauen, wie Banken im Stress-Szenario im Vergleich zu ihren Konkurrenten abschneiden. „Es wird Rankings geben – und der Markt bildet sich dann eine Meinung“, sagt ein hochrangiger Bankenaufseher. Die Geldhäuser müssten deshalb genau erklären, wie ihre Ergebnisse zustande gekommen seien. „Da gibt es sehr methodengetriebene, technische Einflüsse.“ Da die deutschen Institute die schärferen Basel-III-Kapitalregeln schrittweise einführen, wird ihre harte Kapitalquote in den nächsten Jahren zum Beispiel tendenziell sinken – völlig unabhängig vom Stress-Szenario. „Dieser Effekt ist bei den deutschen Banken in Summe nicht ganz unbeträchtlich – und muss erläutert werden.“

Viele Institute hoffen, dass Investoren nach dem Stresstest wieder Vertrauen in den Sektor fassen. Seit dem Brexit-Votum sind Bank-Aktien europaweit eingebrochen. Sollten Investoren oder Aufsichtsbehörden nach dem Test von Banken eine Stärkung ihrer Kapitalpolster fordern, stünde der Finanzsektor dagegen vor großen Problemen. „Banken können wegen der niedrigen Zinsen das Kapital nicht so schnell aufbauen, wie sie müssten“, räumt ein hochrangiger Manager ein. „So schnell kann man die Kosten gar nicht abbauen, um das wettzumachen.“

Kapitalflucht: Türkei fürchtet Wirtschaftskrieg gegen Erdogan
Kapitalflucht: Türkei fürchtet Wirtschaftskrieg gegen Erdogan
In der Türkei erwarten verschiedene Medien einen Wirtschaftskrieg des Westens gegen die Türkei. Öl ins Feuer goß der Vorsitzende der Grünen, Özdemir: Er fordert EU-Sanktionen. Die Vertreter der US-Handelskammer in der Türkei sind dagegen nicht so pessimistisch.
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Recep Tayyip Erdogan mit seinem Premier Binali Yildirim (li.) und Generalstabschef Hulusi Akar. (Foto: dpa)

Recep Tayyip Erdogan mit seinem Premier Binali Yildirim (li.) und Generalstabschef Hulusi Akar. (Foto: dpa)

Türkische Medien berichten, dass nach dem misslungenen Putschversuch der „Westen“ darauf erpicht sei, Erdogan mit einer vorsätzlich ausgelösten wirtschaftlichen Krise zu stürzen. So titelt die Zeitung Günes „Der zweite Putschplan des Westens ist die Verursachung einer wirtschaftlichen Krise“. So hatte Barbara Wesel von der Deutschen Welle zwei Tage nach dem Putsch geschrieben: „Politische Instrumente bieten sich nicht mehr an, den Sultan vom Bosporus zu stoppen – sondern nur wirtschaftliche. Das beginnt mit einem Kollaps beim Tourismus, gefolgt von einer Abwanderung der Investoren und großen Unternehmen.“ Die regierungsnahe Zeitung Star bestätigt die Feststellung der Türkei-Gegner, wonach die türkische Regierung und Erdogan nicht mit politischen Mitteln gestürzt werden können. Die türkische Opposition sei zwar gegen den Putschversuch gewesen, doch sie erhoffe sich eine Wirtschaftskrise, um Erdogan loszuwerden. Das ist ihre letzte Hoffnung, so das Blatt.

Tatsächlich kommt es aktuell zu einer Kapitalflucht aus der Türkei. Zuvor hatte die Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P) die Kreditwürdigkeit der Türkei wegen der politischen Turbulenzen auf „BB“ von „BB+“ heruntergestuft– und damit tiefer in den spekulativen Bereich. Die Banken Morgan Stanley, Societe Generale, BNP Paribas und Citigroup deuteten an, sich zurückziehen zu wollen. Patrick Mange, Fondsmanager bei BNP Paribas Investment Partners, sieht türkische Anlagen kritisch.

Am Sonntag hat der grüne Politiker Cem Özdemir als erster europäischer Politiker Sanktionen gegen die „Machthaber“ in der Türkei angeregt. 

Vizepremier Nurettin Canikli sagte am Donnerstag, dass S&P und die Putschisten demselben Zweck dienen würden. Die Milliyet zitiert Canikli: „Schauen sie, man wartet üblicherweise ein bis eineinhalb Monate ab, um die Auswirkungen des Putschversuchs auf die makroökonomischen Indikatoren zu beobachten und einzustufen. Die Entscheidung von S&P ist weder objektiv noch rational. Es ist unmöglich, mit einer rationalen Logik innerhalb dieser kurzen Zeit eine derart scharfe Entscheidung zu fällen. Sie müssen die Auswirkungen auf den Kapitalmarkt, aus den Haushalt und auf alle anderen Bereiche messen. Das ist innerhalb von drei Tagen schlichtweg unmöglich.“

Erdogan sagte, dass die Entscheidung der Ratingagentur eine politische sei. „Diese Ratingagenturen warten auf derartige Gelegenheiten. Doch sie werden uns nicht stoppen und die Notenbank wird die Liquidität sicherstellen“, zitiert Finans Gündem Erdogan.

Währenddessen ist der türkische Finanzminister darum bemüht, die Investoren zu beruhigen.

„Es wird eine maximale Feinfühligkeit für die wirtschaftliche Freiheit geben“, zitiert Bloomberg Simsek. Zudem werde die Türkei Maßnahmen treffen, um private Investitionen zu fördern. The Economist berichtet in diesem Zusammenhang, dass das Scheitern des Putschversuchs sich bisher positiv auf die türkische Wirtschaft ausgewirkt habe. „Das ist kein Sieg für die türkische Demorkatie. Statt die demokratischen Institutionen zu stärken, wird Herr Erdogan seine realen und als Feind wahrgenommenen Feinde säubern und seine eigene Herrschaft etablieren. Putsche können viele Formen haben.“

Die Türkisch-Amerikanische Handelskammer (TABA-AmCham) gibt sich von allen Organisationen und Personen am optimistischsten. Der Chef der TABA-AmCham, Bora Gurcay, sagt, dass US-Firmen im aktuellen Jahr Direktinvestitionen in der Türkei tätigen wollen, berichtet die Nachrichtenagentur Anadolu. Nach Angaben von Gurcay, der auch Chef von Motorola Solutions Turkey ist, sollen vier prominente US-Firmen in den kommenden Monaten große Investitionen in der Türkei durchführen. „Als die Leute das erste Mal von den Ereignissen gehört haben, brach eine Panik bei den ausländischen Firmen aus (…) Aber nachdem das türkische Volk den Putschversuch gestoppt und die Demokratie verteidigt hat, indem sie auf die Straßen gingen, entstand der Eindruck, wonach sich dauerhafte Investitionen in dem Land lohnen“, so Gurcay.

Im vergangenen Jahr befand sich die Türkei auf der Liste der beliebtesten Destinationen für ausländische Investoren auf Platz 20. Es gab ausländische Direktinvestitionen (FDI) von 16,5 Milliarden Dollar, berichtet die Welthandelskonferenz (UNCTAD). Die Renditen für zwei- fünf- und zehnjährige Staatsanleihen hätten aufgrund des Putschversuchs und der Entscheidung der Ratingagentur steigen müssen. Doch dem ist nicht so. Bei allen Staatsanleihen gab es prozentuale Renditenrückgänge. Der Anleihenmarkt hat offenbar nach wie vor ein großes Vertrauen in die türkische Wirtschaft.

Streit mit Türkei: Europa könnte von Öl-Regionen abgeschnitten werden
Streit mit Türkei: Europa könnte von Öl-Regionen abgeschnitten werden
Die aktuelle Entfremdung zwischen der EU und der Türkei wird auch energiepolitische Folgen haben. Die EU wird schrittweise aus den ölreichen Regionen in der Nachbarschaft der Türkei isoliert. Mit der Türkei als EU-Mitglied hätte Europa seine Energiezufuhr autonom bestimmen können.
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Erdogan und Juncker am 5. Oktober 2015 in Brüssel. Juncker will verhindern, dass die EU vom Öl isoliert wird. (Foto: dpa)

Erdogan und Juncker am 5. Oktober 2015 in Brüssel. (Foto: dpa)

Aufgrund der Entfremdung zwischen der Europa und der Türkei wird es für  die EU zunehmend schwieriger, zu den wichtigsten Energieressourcen der Welt einen autonomen Zugang zu bekommen und ihre Energiezufuhr zu kontrollieren. Die Türkei will als Schnittstelle zwischen den EU-Absatzmärkten und den energiereichen Regionen in Zentralasien, im Kaukasus und im Nahen Osten agieren. Wenn die Türkei ein Mitglied der EU wäre, hätte die EU einen direkten Zugang zu jenen Energieressourcen, was entscheidend für die Energieunabhängigkeit der EU wäre. Europäische Energiekonzerne könnten dann den EU-Markt autonom versorgen und einen enormen Einfluss auf die Ölpreisbildung ausüben.

Allerdings gibt es zahlreiche Hinweise dafür, dass sich die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei nicht verbessern, sondern verschlechtern werden. Eine politische Einigung zwischen Ankara und Brüssel ist nicht in Aussicht. Türkische Geopolitiker bewerten die aktuellen Entwicklungen zwischen der EU und der Türkei aus einer globalen Perspektive.

Der türkische Oberst a.D. und Geopolitiker, Nejat Tarakçı, berichtet in einer Analyse der Denkfabrik TASAM: „Nach dem Zerfall der UDSSR gab es zwischen der EU und den USA eine Kooperation, um das entstandene Machtvakuum in Europa auszufüllen. Diese Kooperation wurde nach dem Jugoslawienkrieg und dem Ersten Golfkrieg (1991) aufgelöst, weil die Amerikaner Europa aus den Energie-Regionen verdrängte und gleichzeitig in anderen Bereichen eine Teilung der finanziellen Last verlangte. Die USA traten mit Japan und Deutschland auf der globalen Ebene in eine wirtschaftliche und politische Konkurrenz. Die Strategie Deutschlands, gemeinsam mit Frankreich die EU als balancierenden Gegenpol aufzubauen, ist aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Manövrierfähigkeit der USA ins Leere gelaufen (…). Das Ziel der USA, seine militärische Stärke zu nutzen, um in den ölreichen Regionen ein Monopol aufzubauen, hat dazu geführt, dass die EU und die USA zwangsläufig zu Konkurrenten wurden.“

Audi will Bau von Elektro-Autos beschleunigen
Audi will Bau von Elektro-Autos beschleunigen
Audi will den Bau von neuen Elektro-Modellen forcieren. Das Unternehmen blickt vor allem auf China als neuem Absatzmarkt.
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Audi will in China nicht mehr bloß Spritfresser verkaufen. (Foto: dpa)

Audi will in China nicht mehr bloß Spritfresser verkaufen. (Foto: dpa)

Audi will den Anteil an Elektrofahrzeugen in den kommenden Jahren massiv ausbauen. In einem Interview der Heilbronner Stimme erklärte der Vorstandsvorsitzende Rupert Stadler: „In den nächsten drei bis vier Jahren werden wir diverse Plug-In-Hybride anbieten. Bis 2020 drei reine E-Autos und bis 2025 einen Anteil von 25 bis 30 Prozent.“ Es werde auch in den unteren Segmenten etwas auf den Markt gebracht. Den Anfang macht nach seinen Worten 2018 ein Geländewagen, gefolgt von einem elektrifizierten Kompaktwagen. Später soll die gehobene Mittelklasse folgen.

Gerade für Märkte wie China sieht Stadler einen hohen Bedarf an E-Autos. Auch das Wasserstoffauto, das Spezialisten in Neckarsulm zur Serienreife entwickeln, soll kommen. Im Gegenzug will Audi sein Modellprogramm straffen. Stadler stellt zum Beispiel die dreitürigen Versionen von A1 und A3 infrage. „Da haben wir andere Ideen für interessantere Derivate“, sagte Stadler. Auch die hohe Variantenzahl bei Motoren, Getrieben, Lenkrädern, Sitzen und anderen Teilen stehe zur Disposition.

EU will europäische Kunden gegen VW unterstützen
EU will europäische Kunden gegen VW unterstützen
Die EU-Kommission will die geschädigten VW-Kunden in Europa beim Kämpf um Entschädigungen wegen des Diesel-Skandals unterstützen. VW-Chef Müller hatte erst vor kurzem erklärt, dass eine Entschädigung für alle europäischen Kunden für das Unternehmen zu einer ernsthaften Belastung würden.
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EU-Kommissarin Vera Jourova mit der US-Staatssekretärin Penny Pritzker in Brüssel. (Foto: dpa)

EU-Kommissarin Vera Jourova mit der US-Staatssekretärin Penny Pritzker in Brüssel. (Foto: dpa)

Die Europäische Kommission will einem Bericht zufolge den Ansprüchen europäischer Volkswagen-Kunden im Dieselskandal zur Durchsetzung verhelfen. Justizkommissarin Vera Jourova wolle die Bemühungen europäischer Verbraucherschützer koordinieren, entsprechende Leistungen durchzusetzen, berichtete die Zeitung Die Welt. Es müsse sichergestellt werden, dass die Verbraucher eine fair behandelt würden, zitiert die Zeitung aus einem Schreiben der Kommissarin. In dem Fall könnten verschiedene Teile des europäischen Verbraucherrechts angewandt werden.

Im Skandal um massenhaft manipulierte Diesel-Abgaswerte lehnt Volkswagen Entschädigungszahlungen für europäische Kunden ab. In den USA hat sich VW dagegen zu Milliardenzahlungen verpflichtet. Bei der Kommission war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. VW wollte sich zu dem Bericht nicht äußern.

Zuletzt hatte VW-Chef Müller erklärt, dass Entschädigungen für die Kunden in Europa das Unternehmen in ernste Schwierigkeiten bringen könnten.

Die EZB hat vor kurzem mit dem Ankauf von Unternehmensanleihen von VW begonnen, um dem Konzern in der Krise zu helfen.

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