Seymour Hersch: US-Militärs haben Respekt vor Leistung der Russen in Syrien

Seymour Hersch, einer der bekanntesten amerikanischen Investigativ-Journalisten, berichtet, dass die US-Militärs die militärischen Erfolge der Russen in Syrien anerkennen. Die Russen seien sehr professionell vorgegangen und hätten es geschafft, die syrische Armee wieder kampfstark zu machen. Die US-Politik in der Region sei dagegen inkonsistent, weil säkulare Regimes entfernt wurden und dadurch ein Vakuum entstanden sei. In dieses seien die radikalen Islamisten gestoßen, gegen die der Westen nun kämpfen muss.

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Russlands Präsident Wladimir Putin mit seinem Generalstabschef Waleri Gerassimow, Dezember 2015 in Moskau. (Foto: EPA/ALEXEY DRUZHININ / SPUTNIK / KREMLIN POOL)

Russlands Präsident Wladimir Putin mit seinem Generalstabschef Waleri Gerassimow, Dezember 2015 in Moskau. (Foto: EPA/ALEXEY DRUZHININ / SPUTNIK / KREMLIN POOL)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie haben schon vor Jahren Belege vorgelegt, dass der Sarin-Angriff nicht vom syrischen Präsidenten Baschar al-Assad verübt wurde. Trotzdem hält sich die Lesart bis zum heutigen Tag, hat zur Zerstörung eines stabilen Landes geführt – und verhindert ein rasches Kriegsende und einen vernünftigen Neuanfang. Woher kommt der Hass auf Assad?

Seymour Hersch: Ich kann das auch nicht verstehen, ganz und gar nicht. Schauen Sie, wenn wir heute eine Umfrage machen würden bei den 435 Mitgliedern des US-Kongress und den 100 Mitgliedern vom Senat, wir hätten ein Ergebnis: 533:2, die wollen, dass Assad verschwindet! Eines der Probleme mit Baschar Assad ist sicher, dass er es nach 9/11 ablehnte, an der US-Koalition gegen den Irak mitzuwirken. Sein Vater hatte sich 1991 noch der Koalition im ersten Golfkrieg angeschlossen. Das Absurde ist: Assad ist absolut säkular. Er hat bereits 2002 vor der islamistischen Gefahr gewarnt, vor allem vor der Muslim-Brüderschaft. Der syrische Geheimdienst hat hunderte Dokumente nach Washington geliefert, aus denen hervorging, dass die Islamisten Anschläge gegen den Westen und gegen die USA planen. Assad ist kein netter Politiker, er hat gefoltert und hat Fass-Bomben geworfen. Aber das haben wir Amerikaner auch gemacht in Vietnam. Wir habe zwei Atomraketen abgeworfen, die zweite auf Nagasaki war völlig ohne jede militärische Bedeutung. Wir haben die deutschen Städte Nacht für Nacht bombardiert, Dresden und die anderen. Ich glaube, Assad ist nach 9/11 vor allem in die Position geraten, zum „Reich des Bösen“ zu gehören.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Hat sich Assad bemüht, mit den Amerikanern ein gutes Verhältnis aufzubauen?

Seymour Hersch: Das hat er, und zwar ganz eindeutig. Deshalb hat er uns ja die Geheimdienst-Informationen über die Islamisten geschickt. Der syrische Geheimdienst ist einer der besten der Welt. Er hat den Amerikanern die Informationen über Mohammed Atta und die Hamburger Terror-Zelle geliefert. Aber die Amerikaner haben vor allem eines nicht erkannt: Syrien war, wie der Irak und Libyen, ein säkularer Verbündeter des Westens, mit gemäßigten Sunniten. Und wir haben diese Länder überrannt, die Regierungen gestürzt, und damit jenen geholfen, die wir als unsere ärgsten Feinde bezeichnen – ISIS oder Daesh und all die anderen extremen Sunniten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum hat Obama das nicht erkannt?

Seymour Hersch: Ich weiß es nicht. Wissen Sie, es ist ja merkwürdig: Man muss wahrscheinlich sagen, dass Obama einer der intelligentesten Präsidenten ist, den wir je hatten. Vermutlich kann man sagen, er ist der beste, den wir haben können – gerade wenn Sie an seine Vorgänger wie Bush und Cheney denken. Doch in der Außenpolitik hat Obama vom ersten Tag an die Politik von Bush fortgesetzt. Er hat mit dem „Krieg gegen den Terror“ weitergemacht – obwohl wir nach 14 Jahren sehen, dass der Krieg zu nichts geführt hat, im Gegenteil – er hat noch alles schlimmer gemacht. Früher waren wir eines der am meisten respektierten Länder der Welt – und heute?

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was hätten die USA nach 9/11 machen sollen?

Seymour Hersch: Sie hätten sofort nach Moskau fahren müssen. Die Russen wissen genau, was die islamistische Gefahr bedeutet. Sie haben einen brutalen Krieg in Tschetschenien geführt, weil sie gesehen haben, wie gefährlich der Islamismus werden kann. Und ich denke, sie haben sich auch genau deshalb für die Intervention in Syrien entschieden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten:  Sie haben erst kürzlich einen vielbeachteten Essay in der London Review of Books geschrieben, in dem Sie aufzeigen, dass die US-Militärs gegen die Zerstörung Syriens war, doch Obama hat nicht auf ihren Rat gehört. Warum?

Ich weiß es nicht, ich habe keine Erklärung. Tatsache ist, dass der Chairman of thee Joint Chief, zu Obama gegangen ist und ihm gesagt hat: Wenn Assad stürzt, bricht das Chaos aus. General Dempsey hat gesagt, wir müssen etwas tun, um Assad zu stützen. Auch den Bundesnachrichtendienst (BND) hat den Amerikanern Informationen geliefert, dass Assad in der Bevölkerung fest verankert ist. Ich kann die Gedanken des Präsidenten nicht lesen, aber es war von Anfang an klar, dass es keine sogenannte „moderate Opposition“ gab. Es gab die radikalen Islamisten, aber die halten die Syrer für Verrückte. Die Syrer sind vor den Islamisten massenhaft nach Damaskus gefohlen und haben dort Schutz gesucht, weil sie sich von der syrischen Armee beschützt gefühlt haben. Als Homms vom IS befreit wurde, haben mir junge Leute gesagt: „Endlich, die Irren sind weg!“

Zu Beginn des Krieges haben sich Teile der sogenannten „Freien Syrischen Armee“ den IS-Leuten angeschlossen, weil es kurzzeitig so aussah, als wenn diese stärker waren. Doch nach einem Jahr sind die dort wieder desertiert. Zugleich haben wir den „Moderaten“ Waffen gegeben. Was haben die gemacht? Sie konnten sie einfach liegen lassen, weil sie militärisch nicht organisiert waren – oder an den IS verkaufen. Und so wanderten unsere Waffen in die Hände des Feindes. Unsere Regierung wurde gewarnt, dass ein Sturz von Assad Wahnsinn wäre – weil die Folge eine radikale islamistische Regierung wäre. Das Militär hat Obama auch vor dem türkische Präsidenten Erdogan gewarnt. Obama betrachtet ihn trotzdem als engen Verbündeten. Ich weiß nicht, warum die Politik des Weißen Hauses so inkonsistent ist.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Kann man sagen, dass die Russen den Krieg erfolgreich führen?

Seymour Hersch: Ich war nicht als Augenzeuge, ich kann das nicht aus eigenem Augenschein bestätigen. Aber ich habe natürliche viele Gesprächspartner beim Militär und bei den Geheimdiensten. Jeden Hinweis, den ich von den US-Diensten habe, zeigt: Es hat den Anschein, dass die Russen das sehr gut machen. Das wird auch von den US-Militärs anerkannt. Die US-Militärführung spricht zum Beispiel in höchsten Tönen von General Waleri Gerassimov, dem Generalstabschef der russischen Streitkräfte.. Die Amerikaner haben großen Respekt vor ihm. Putin hat das sehr schlau gemacht: Er hat zuerst die syrische Armee wieder trainiert und auf Vordermann gebracht. Er hat ihnen eine Atempause verschafft und hat sie wieder kampffähig gemacht.

Die Syrer hatten immer eine gute Armee, und sie ist jetzt wieder in einem Zustand, in dem sie wirklich schlagkräftig ist. Dann haben die Russen die Hisbollah an Bord geholt. Ich habe mehrfach mit dem Hisbollah-Führer Nasrallah gesprochen. Er ist sehr entschlossen. Ich habe ihn einmal gefragt, ob er ein Revolutionär oder ein Politiker ist. Er hat gesagt: Ich bin ein Politiker im Libanon. Die Hisbollah ist im Libanon mit vielen Politikern sehr erfolgreich. Sie akzeptieren Pluralismus und sind bereit, mit der jeweils anderen Seite zu sprechen. Die Hisbollah war extrem wichtig im Kampf gegen den IS. Sie haben der syrischen Armee gezeigt, wie man Kommando-Operationen durchführt. Sie haben gesagt: Es reicht nicht, ein Ziel zu bombardieren. Man muss dann auch reingehen. Sie haben ihnen gesagt: Nutzt die Bomben und geht rein.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Gibt es Ihrer Meinung nach eine Absprache zwischen den USA und Russland, dass die Russen jetzt gewissermaßen die Amerikaner raushauen?

Seymour Hersch: Ich habe keine Belege für diese Annahme. Ich weiß nur, dass es sehr enge Kontakte zwischen Außenminister John Kerry und seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow gibt. Lawrow ist ein sehr geradliniger Typ. Er hat immer offen gesagt, was die russische Position ist. Es ist leider in vielen unserer Mainstream-Medien so, dass die Leute so tun, als wäre alles, was ein russischer Politiker sagt, eine Lüge. Warum hört man denen nicht einfach genau zu? Ich kann nicht verstehen, warum Obama eine derart anti-russische Grundhaltung einnimmt. Die russischen Geheimdienste sind die besten der Welt, sie wissen mehr über die Region als wir. Sie wissen mehr über ISIS, Daesh und al-Baghdadi. Und sie haben immer – wie auch die Syrer – gesagt, dass sie offen sind für eine bessere Beziehung zu Amerika. Doch der Präsidenten führt einen überraschend harten Kurs gegen Russland – ich weiß nicht, warum.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie geht es weiter in Syrien?

Seymour Hersch: Ganz ehrlich: Ich glaube nicht, dass die Genfer Friedensverhandlungen etwas bringen werden. Baschar al-Assad hat nicht die geringste Veranlassung, auf diese Verhandlungen zu setzen. Sie dürfen nicht vergessen: Er hat eine extreme hohe Loyalität in der syrischen Armee. Er hat diese seit den 1990ern kontinuierlich aufgebaut, das war noch von seinem Vater initiiert. Worüber sollte er verhandeln? Und die Russen werden ihre Ziele durchsetzen, sie brauchen Stabilität um Latakia. Die haben sie erkämpft und werden sie nicht aufgeben. Syrien hat extrem hohe Verluste durch diesen Krieg, sowohl bei der Armee als auch bei der Zivilbevölkerung. Wichtig für die Russen und für die Syrer ist es, den Korridor zur Türkei zu schließen. Denn aus der Türkei kamen die Waffen und die Söldner, die sich dort ungehindert über die Grenze und zurück bewegen konnten. Ich glaube, der große Verlierer wird Erdogan sein.

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Seymour Hersh ist einer der renommiertesten investigativen Journalisten der USA. Er arbeitete für CBS, die Associated Press und den New Yorker und schreibt heute für die London Review of Books. Er deckte 1969 im Vietnamkrieg die Kriegsverbrechen der US-Armee im Massaker von My Lai auf. 2004 deckte er die Folterungen der US-Armee während des Dritten Golfkrieges im Gefängnis von Abu-Ghraib auf. Im Syrien-Krieg deckte er auf, dass der Sarin-Angriff in Ghuta mit großer Wahrscheinlichkeit nicht von der syrischen Regierung, sondern von Geheimdiensten und Islamisten durchgeführt worden war. Viele Medien attackierten Hersh nach diesen Enthüllungen, weil er, bekannt für seine offenen Worte, den traditionellen Medien vorgeworfen hatte, sie plapperten unkritisch die Propaganda der US-Regierung nach.

Seymour Hersh wird am 11. März 2016 bei einer Konferenz des Centre for Investigative Journalism in Berlin sprechen. Thema der Tagung: „Challenge Power! Building Alliances against secrecy, surveillance and censorship“.

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