Türken in Grenzstadt Kilis wollen keine Syrer mehr aufnehmen

Die Stimmung an der türkisch-syrischen Grenze kippt zu Ungunsten der syrischen Flüchtlinge. Die türkische Bevölkerung fürchtet einen Massenexodus, der das Leben aus den Fugen bringen könnte. Sie fordern: Der Staat muss sich zuerst um seine eigenen Bürger kümmern.

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Vor einem Krankenhaus in der türkischen Grenzstadt Kilis bringt die junge Krankenschwester Tugba Kaya die Sorge vieler Einwohner auf den Punkt: „Ich hab das Gefühl, nicht mehr in der Türkei zu leben“, sagt sie mit Blick auf die vielen syrischen Flüchtlinge, die inzwischen in Kilis leben. „Es ist, als wären wir in Syrien. Auf Schritt und Tritt trifft man auf Syrer.“

Vor dem Bürgerkrieg lebten in der südostanatolischen Stadt fünf Kilometer nördlich der Grenze zu Syrien knapp 100.000 Menschen. Nun sind in und um Kilis nach Angaben der türkischen Behörden 120.000 Syrier untergebracht, 34.000 von ihnen in Lagern.

Das klappte bislang noch ganz gut. Aber da sich wegen der Offensive der syrischen Armee in der Region Aleppo zehntausende neue Flüchtlinge auf den Weg gemacht haben und auf Einlass in die Türkei hoffen, droht die Stimmung zu kippen. „Das Leben würde gelähmt, wenn der Massenexodus hier eintrifft“, sagt Kaya.

„Arbeitslosigkeit und Hunger in der türkischen Bevölkerung haben durch die vielen Syrer zugenommen. Die Mieten sind in die Höhe geschossen“, sagt Yasar Mavzer. „Der Staat muss sich zuerst um seine eigenen Bürger kümmern.“ Der Bewohner von Kilis fordert, dass die Flüchtlinge in einer Sicherheitszone jenseits der Grenze – also auf syrischer Seite – versorgt werden sollen.

Mehmet Zeytcioglu sieht es genauso. „Unser Kilis ist eine kleine Stadt, sie schafft es nicht, so viele Menschen aufzunehmen“, sagt der Lebensmittelhändler. „Soll Allah ihnen helfen.“

Die Sorgen und der Unmut der einheimischen Bevölkerung seien „ganz natürlich“ und müssten von der Regierung ernstgenommen werden, meint Murat Erdogan, der das Institut für Migration und Politikforschung an Ankaras Universität Hacettepe leitet. Zwar gebe es auch durchaus positive Entwicklungen. So sei der Handel erblüht und viele Anwohner hätten Jobs in den Flüchtlingslager gefunden. Doch könne man die Augen vor den Problemen nicht verschließen: „Die öffentlichen Dienstleistungen werden immer wieder unterbrochen, die Kriminalität könnte steigen.“ Dass von jenseits der Grenze immer wieder Artilleriefeuer zu hören ist, verstärke das Gefühl der Bedrohung.

Die Syrer, die bereits in Kilis angekommen sind, versuchen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Mohammed Hamidi war in seiner Heimat Anwalt. Mit dem Geld, mit dem er geflüchtet ist, hat er sich ein Café gemietet. „Seit 2013 arbeite ich jetzt hier“, sagt er, während arabische Musik aus den Lautsprechern dudelt. „Viele Türken kommen regelmäßig in mein Café. Die Gemeinde hat uns gut aufgenommen. Die Türken behandeln uns besser als die Jordanier oder Libanesen.“

Sabah Al-Ali lebt mit ihren Kindern in Kilis. Sie ist dem türkischen Staat dankbar, dass er ihr Schutz vor der Gewalt bietet. Dennoch sehnt die Syrerin ihre Rückkehr nach Aleppo herbei. „Wir leben hier, aber wir fühlen uns nicht Zuhause“, sagt die Mutter. „Unsere Heimat ist uns kostbar, dort gehören wir hin.“

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