Trotz Bedenken: US-Forscher arbeiten am künstlichen menschlichen Genom

Die Genforschung will neue Wege gehen. In einem neuen Projekt soll mittels Chemikalien versucht werden, das menschliche Genom synthetisch herzustellen. Dabei geht es um 2,3 Milliarden Basenpaare. Zehn Jahre setzen die Wissenschaftler dafür an.

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Auf einer geschlossenen Veranstaltung der Harvard Medical School in Boston wurde ein neues Genprojekt den 150 Teilnehmern vorgestellt: HGP-Write. Testing Large Synthetic Genomes in Cells“. Aufbauend auf dem Humangenprojekt (HGP), das sich mit der Entschlüsselung der gesamten genetischen Information der menschlichen DNA beschäftigt,  soll nun ein komplett synthetisches, menschliches Genom geschaffen werden. Chemikalien sollen genutzt werden, um die komplette DNA, die in den menschlichen Chromosomen ist, in zehn Jahren herzustellen, berichtet die New York Times. Die Veranstaltung war nicht öffentlich und die Teilnehmer wurden dazu angehalten, während der Konferenz nicht mit Medien in Kontakt zu treten oder auf Twitter zu posten.

Noch ist das Projekt nur eine Idee. Doch schon jetzt wird das Projekt nicht ganz ohne Kritik in der Wissenschaftswelt diskutiert. Gelänge die Schaffung eines solchen Genoms, wäre es theoretisch möglich, einen Menschen ohne biologische Eltern zu schaffen. Die Initiatoren des Projektes berufen sich indes darauf, dass es einen großen wissenschaftlichen Wert hätte. Statt das menschliche Genom zu lesen, wie es beim HGP der Fall war, soll das menschliche Genom nun quasi geschrieben werden: durch die Herstellung aller 3,2 Milliarden Basenpaare mit Chemikalien.

„Wäre es ok, Einsteins Genom zu entschlüsseln und dann zu synthetisieren“, fragt sich Drew Endy von der Stanford University angesichts des neuen Projektes. Er war eingeladen worden, an der geschlossenen Veranstaltung teilzunehmen, entschied sich jedoch dagegen, weil diese seiner Meinung nach nicht ausreichend Menschen zugänglich gemacht worden war, um eine wirklich ethische Diskussion zu ermöglichen.

George Church von der Harvard Medical School ist Mitinitiator des Projektes und sagte, das Projekt ziele nicht darauf, Menschen zu kreieren, sondern vielmehr darauf, Zellen zu schaffen. Außerdem solle es nicht nur um das menschliche Genom gehen. Vielmehr gehe es darum, DNA im Allgemeinen besser synthetisieren zu können. Noch gibt es Church zufolge keine finanziellen Mittel für das Projekt, obwohl bereits einige Stiftungen und Unternehmen kontaktiert wurden. Einige hätten aber bereits ihr Interesse bekundet. Church zufolge war die strenge Handhabe bezüglich der „Geheimhaltung“ während der Konferenz darauf zurückzuführen, dass die Initiatoren einem wissenschaftlichen Journal etwas zur Veröffentlichung gegeben haben. Diese sollten das Projekt als erste publizieren können.

Wie wichtig die Genomforschung sein kann, zeigen die jüngsten Forschungen zur Heilung und Therapie von Krankheiten wie HIV. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die entwickelte Genschere Crispr-Cas9. Ein Team chinesischer Forscher der Guangzhou Medical University hat vor kurzem mit der Genschere nun erstmals einen Embryo mit einer HIV-Immunität ausgestattet. Dafür griffen die Forscher auf eine Mutation namens CCR5 zurück, die bei einigen Menschen zu finden ist – bekannt als CCR5Δ32. Diese können sich nicht mit dem HIV-Virus infizieren.

Der Arzneimittelhersteller AstraZeneca hatte kürzlich angekündigt, die Genome von zwei Millionen Menschen zu sequenzieren. Zusammen mit dem Wissenschaftler Craig Venter, dem finnischen Institut für Molekulare Medizin und dem Welcome Trust Sanger Institute in Cambridge soll dieses Ziel in den kommenden Jahren umgesetzt werden.

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