Erdogan beschuldigt Westen der Mitwirkung am Putsch

Nach türkischen Medienberichten soll die NATO-Geheimarmee Gladio der strukturelle Urheber des Putschversuchs vom 15. Juli sein. Erdogan und die türkische Regierung seien entschlossen, diese Parallelstruktur vollständig zu zerschlagen.

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Nach diversen türkischen Medienberichten soll es in der Türkei eine nach wie vor aktive Gladio-Struktur der NATO geben, die vor allem von den Briten und US-Amerikanern genutzt wird, um Einfluss auf das politische Geschehen in der Türkei zu nehmen. Die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen soll lediglich ein Arm dieser Struktur sein. Der türkische Journalist Özcan Tikit berichtet, dass sich die türkische Regierung nicht ausschließlich auf die Gülen-Bewegung als Urheber des Putschversuchs vom 15. Juli versteifen dürfe. Der Putschversuch ergibt erst dann einen internationalen Sinn, wenn man einen genaueren Blick auf die Gladio-Struktur in der Türkei wirft. „Wenn erneut ein Vertrauensverhältnis mit den westlichen Insitutionen geschaffen werden soll, muss Gladio in der Türkei – wie dies bereits in mehreren westlichen Staaten geschehen ist – aus dem Weg geräumt werden“, so Tikit in einem Beitrag von Habertürk.

Die regierungskritische investigative Webseite OdaTV stuft den Putschversuch ebenfalls als Gladio-Werk ein, zu dem die Gülen-Bewegung gehöre. Dieses NATO-Netzwerk sei verantwortlich für zahlreiche politische Morde, die in den vergangenen Jahrzehnten in der Türkei verübt wurden. In diesem Zusammenhang dürfe die Kampagne gegen Erdogan, die im Westen stattfinde, nicht als Ausdruck demokratischer Interessen gewertet werden.

So behauptete der Abgeordnete der pro-kurdischen HDP, Ertugrul Kürkcü, bereits im vergangenen Jahr, dass hinter dem Attentat auf den kurdischen Anwalt Tahir Elci Gladio stecke, berichtet T24.

Der Chef der türkischen Heimatpartei, Dogu Perincek, zeigt sich seit dem Putschversuch wesentlich optimistischer. In der Putschnacht sei die US-amerikanische Gladio-Struktur, die seit 70 Jahren in der Türkei aktiv sei, zerschmettert worden, zitiert Ulusal Kanal Perincek. Erdogan löse sich vom transatlantischen Lager und die Türkei hinterfrage ihre NATO-Mitgliedschaft. In der Vergangenheit habe sich Erdogan den US-Interessen gefügt. Doch als die Loslösung Erdogans begann, sei er das Ziel der USA geworden, meint Perincek.

Allerdings gebe es nun nach dem Putschversuch zwei weitere Gefahren, auf die sich die Türkei vorzubereiten habe. „Was kann die Gegenseite nun machen? Sie werden ISIS auf die Türkei hetzen und es wird von nun an eine direkte Gefahr vom nördlichen Korridor Syriens ausgehen“, zitiert Ajanshaber Perincek.

Erdogan sei jedenfalls entschlossen, Gladio zu zerschlagen. Denn der Staatschef habe – wenn auch verspätet – gemerkt, dass die NATO die territoriale Integrität der Türkei beschädigen will.

Die Zeitung Milliyet berichtet, dass die USA unter anderem in Lateinamerika diverse Diktaturen mit einer halboffiziellen militärisch-paramilitärischen Gladio-Struktur am Leben gehalten habe. Dieses Konzept findet eine weltweite Anwendung. Allerdings sei das schlussendliche Ziel, die Türkei wirtschaftlich zu kontrollieren. Das Gladio-Konzept und der Neoliberalismus gehen Hand in Hand und seien beide eine Gefahr für die Nationen.

Der ehemalige Chef des türkischen Polizeigeheimdiensts, Bülent Orakoglu, sagt, dass Gladio auch und vor allem in Europa aktiv sei. „Zwischen den USA und der EU tobt ein wichtiger Wirtschaftskrieg. Die Entscheidung der Briten hat die EU an den Rand eines Zusammenbruchs gebracht. Die Anschläge in Frankreich stehen im direkten Zusammenhang mit der EU-Frage. Es gibt eine Kraft, die die EU auflösen will. Diese Kraft ist eine neue Form von Gladio, die ihre Operationen unter der Bevölkerung ausübt. Ich bin der Auffassung, dass es in Europa eine Gladio-Struktur gibt, die auf die Auflösung der EU hinarbeitet“, zitiert Ajans Haber Orakoglu.

Während des Kalten Kriegs schufen die USA in Europa Geheimarmeen. Diese sollten bei einer Invasion durch die Sowjets aktiv werden, um den Widerstand zu organisieren. Diese Nato-Geheimarmeen, die zum Gladio-Netzwerk gehörten, verübte jedoch in mehreren europäischen Staaten Terror-Anschläge und organisierten „Operationen unter falscher Flagge“, um die politische Landschaft gemäß den Interessen der USA zu formen. Diese Methode wurde bereits während des Zweiten Weltkriegs angewandt. Eine der bekanntesten „Operationen unter falscher Flagge“ ist der Überfall auf den Sender Gleiwitz, die am 31. August 1939 stattfand und von der SS ausgeführt wurde. In der Nachkriegsära geht beispielsweise der Bologna-Anschlag von 1980 auf das Konto von Gladio. Ein Untersuchungsausschuss des italienischen Parlaments stellte, unter anderem mit Blick auf den Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna, fest: „Diese   Massaker   wurden   organisiert   oder   unterstützt von  Personen  in  Institutionen  des  italienischen  Staates  und  von  Männern,  die mit dem amerikanischen Geheimdienst in Verbindung standen.“ Die Linksfraktion hatte in diesem Zusammenhang mehrere Anfragen über das Gladio-Netzwerk in Deutschland gestellt.

Bisher hat es keine offizielle Auflösung dieser europäischen NATO-Geheimarmee gegeben.

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