Anleger stecken ihr Geld in den Pleite-Staat Saudi-Arabien

Der Run auf die Anleihe Saudi-Arabiens demaskiert die Schwächen der Finanzwelt. Die Investoren stärken damit einen Staat, der den Terror finanziert und eigentlich schon längst zahlungsunfähig ist.

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Die Begebung der ersten Anleihe durch Saudi-Arabien hat in den vergangenen Tagen einen Run der Anleger ausgelöst: Geboten wurden innerhalb kürzester Zeit weit über 60 Mrd. Dollar. Aufgenommen dürften nur 17, 5 Mrd. Dollar werden. Außerdem soll die größte Ölgesellschaft der Welt, die im saudischen Staatsbesitz befindliche ARAMCO, an die Börse gebracht werden. Der Wert der Gesellschaft wird auf 2.000 Milliarden Dollar geschätzt.

Die Begeisterung der Investoren ist allerdings schwer nachvollziehbar: Das Land ist ohne den Erlös aus der Anleihe-Emission im Gefolge der niedrigen Ölpreise aktuell zahlungsunfähig. Eine genauere Analyse ist daher angebracht.

Zudem finanziert Saudi-Arabien weltweit ein Netzwerk von wahabitischen Zentren, die die Grundlagen demokratischer Staaten in Frage stellen und die Verbreitung fundamental-islamischer Thesen betreiben. Im Land selbst sorgt die islamische Gesetzgebung Scharia für Verurteilungen und öffentliche Hinrichtungen, die zudem ohne ein vorangegangenes, faires Verfahren erfolgen. Außerdem führt Saudi-Arabien Krieg gegen den Jemen, ist als Gegner des Iran Teil der Auseinandersetzungen in der Nahost-Region und unterhält Terrorgruppen.

Alle diese Elemente wollen offenbar die Investoren mitfinanzieren.

Die Finanzierung von Staaten ist problematisch. Auch beim Land mit den größten Ölreserven.

Schon der Tatbestand der drohenden Zahlungsunfähigkeit ist zu beachten. Die Erfahrungen mit Staaten als Schuldner müssten die Anleger Vorsicht lehren und sie zu einer Evaluierung Saudi-Arabiens animieren, auch wenn das Land über die größten Ölreserven der Welt verfügt.

In Saudi-Arabien kostet die Ölförderung nur einige wenige Dollar, die Bandbreite liegt zwischen 2 und 8 Dollar je Barrel. Somit müsste selbst bei einem niedrigen Preis angesichts der gigantischen Menge von rund 550 Mio. Tonnen oder 4,5 Mrd. Barrel im Jahr ein ausreichender Gewinn zustande kommen, sodass von drohender Zahlungsunfähigkeit nicht die Rede sein dürfte.

Nachdem der Rückgang des Barrel-Preises von etwa 140 Dollar auf rund 50 Dollar das Land in eine Finanzkrise gestürzt hat, sollte also jeder Investor Zweifel an der Solidität der saudischen Gebarung haben. Bei Preisen in der Größenordnung von 140 Dollar erreicht der Bruttoerlös im Jahr rund 550 bis 580 Mrd. Dollar. Dieser Wert entspricht auch der gesamten, von der Weltbank ausgewiesenen Wirtschaftsleistung des Landes in den vergangenen Jahren. Bei 50 Dollar je Fass sinkt der Wert auf etwa 200 bis 220 Mrd. Dollar. Der Ausfall entspricht somit der enormen Summe von rund 350 Mrd. Dollar. Um die Größenordnung abzuschätzen – das ist etwas mehr als das Bruttoinlandsprodukt Österreichs.

Bereits 2015 musste Saudi-Arabien ein Budgetdefizit von 98 Mrd. Dollar hinnehmen.

Die saudische Wirtschaft wird fast zur Gänze von den Öleinnahmen bestimmt. Die Investitionen insbesondere im Bauwesen oder im Fremdenverkehr werden durch das Öl ermöglicht. Ebenso die umfassenden und großzügigen Sozialleistungen. Mit der Reduktion oder gar dem Wegfall der Ölmilliarden ist das Land ein Krisenfall: Schon bei 50 Dollar je Fass ist das System, wie die aktuelle Lage zeigt, nicht mehr haltbar, der im Gang befindliche Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen vergrößert die Probleme.
Seit langem ist davon die Rede, dass die Wirtschaft Saudi-Arabiens neue Bereiche erschließen und die Abhängigkeit vom Öl reduzieren werde. Dies ist auch das Verkaufsargument für die derzeit begebene Anleihe. Bisher ist aber diese Neuorientierung nicht erkennbar. Die gigantischen Gewinne in den langen Hochpreisphasen hätten diese Diversifizierung längst finanzieren müssen. Dies ist nicht geschehen. Man begnügte sich mit der Beteiligung an großen, internationalen Konzernen.

Der Börsengang der ARAMCO als Befreiungsschlag?

Nun wird ein Befreiungsschlag versucht. Die zwischen 1972 und 1980 in Etappen verstaatliche, früher von US-Konzernen dominierte Ölgesellschaft ARAMCO ist heute das weltweit größte Unternehmen, das nun an die Börse gebracht werden soll. Insgesamt wird das Unternehmen mit 2.000 Milliarden Dollar bewertet, das wäre der größte jemals durchgeführte Börsengang. Saudi-Arabien dürfte etwa 5 Prozent der Aktien verkaufen wollen und rechnet mit Einnahmen in der Höhe von 100 Mrd. Dollar.

Auch wenn es sich um Schwindel erregende Summen handelt, muss eine Analyse erfolgen: Maßgeblich ist der Umstand, dass der niedrige Ölpreis einen Einnahmenrückgang um circa 350 Mrd. Dollar jährlich zur Folge hat. Somit lösen auch 100 Mrd. Dollar aus dem noch in Planung befindlichen Verkauf von ARAMCO-Aktien nicht die Probleme Saudi-Arabiens. Genauso wenig wie die 17,5 Mrd. aus der vor wenigen Tagen aufgelegten Anleihe.

Offiziell wird naturgemäß nicht davon geredet, dass die Anleihe und der Verkauf von ARAMCO-Aktien die akuten Löcher stopfen sollen. Vielmehr ist vom Aufbau eines Staatsfonds die Rede, der Saudi-Arabien zu einem modernen Industriestaat machen soll. Das Ziel sind 2.000 Milliarden Dollar, wobei man nach ARAMCO auch die Fluggesellschaft, die Telecom-Firma und andere Beteiligungen privatisieren will, um den Staatsfonds zusätzlich zu stärken.

Der bislang bestehende Staatsfonds, SAMA Foreign Holdings, der auch als saudische Zentralbank fungiert, verfügt derzeit über ein Vermögen von 580 Mrd. Dollar. Diese Summe entspricht erstaunlicher Weise nur der Bruttoeinnahme eines einzigen Jahres in den Zeiten der hohen Ölpreise. Um von 580 Mrd. auf 2.0000 Mrd. zu kommen, müssten also weit mehr als die diskutierten 5 Prozent der ARAMCO verkauft werden.

Vor allem aber stellt sich die Frage nach dem Fundament der Bewertung der ARAMCO mit 2.000 Milliarden Dollar. Schon der Fass-Preis von derzeit etwa 50 Dollar lässt diesen Betrag bezweifeln. Weitere Öl-Preisreduktionen sind durchaus möglich, allerdings auch ein neuerlicher Anstieg. Für die Käufer der Aktie wird sich also eine vorsichtige Beurteilung der weiteren Ölpreisentwicklung empfehlen.

Eine rein finanztechnische Analyse müsste die Begeisterung für die Saudi-Anleihe wie auch für die ARAMCO-Aktie dämpfen. Angesichts der politischen Aktivitäten des Landes sollte doch auch die Frage gestellt werden, ob eine Finanzierung überhaupt sinnvoll sein kann.

Warum weder eine kritische Finanzanalyse noch eine politische Beurteilung im Vordergrund stehen, ergibt sich aus der aktuellen Lage der internationalen Finanzwirtschaft.

Die Anleger suchen verzweifelt Auswege aus der Null-Zins-Falle.

Im Gefolge der Niedrig-, Null- und Minuszinsenpolitik der Notenbanken haben die Investoren Veranlagungsprobleme. Da für alle großen Kapitalsammelstellen die Veranlagung in Anleihen eine entscheidende Rolle spielt, erweist sich das saudische Angebot wie ein plötzlicher Regen in einer Dürreperiode: Die Anleihe umfasst Tranchen mit fünf Jahren Laufzeit und 2,6 Prozent Zinsen, zehn Jahren und 3,5 Prozent und dreißig Jahren mit 4,7 Prozent. Im Vergleich zu den sonst derzeit üblichen geringen oder gar negativen Zinsen ein besonders attraktives Angebot.

Das Verhalten der Anleger, Banken, Fonds und Versicherungen macht aber eine Strukturschwäche deutlich. Der Umstand, dass alle Kapitalsammelstellen extrem stark auf die Investition in Anleihen und insbesondere in Staatsanleihen angewiesen sind, ist dringend zu hinterfragen. Dies schon deshalb, weil, mit seltenen Ausnahmen, die öffentlichen Stellen finanziell überfordert sind und daher nur mehr beschränkt als verlässliche Schuldner eingestuft werden können.

Somit würde sich eine verstärkte Finanzierung der Realwirtschaft empfehlen: In den zahllosen Unternehmen stecken die Ertragspotenziale, die die Anleger für die Verzinsung ihrer Mittel brauchen. In Europa hat sich aber über Jahrzehnte die Dominanz der Kreditfinanzierung durchgesetzt, sodass nur beschränkt eine direkte Verbindung zwischen Unternehmen und Anlegern besteht. Der bestimmende Transmissionsriemen funktioniert oder besser: funktionierte über die Bankeinlagen und die aus diesen Mitteln finanzierten Kredite. Da Basel III und andere Regularien die Kreditvergabe bremsen und die Anleihen durch die Nullzinspolitik unattraktiv geworden sind, wäre die Finanzwirtschaft gefordert, Strukturen zu schaffen, die die reichlich vorhandenen Anlagegelder zu den Unternehmungen leiten.

Die Voraussetzungen sind über Beteiligungen, Börsengänge und verschiedene Finanzinstrumente gegeben. Ein verstärktes Engagement in diesen Bereichen wäre weit produktiver als Saudi-Arabien Milliarden anzudienen.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF. 

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