Etihad zieht die Reißleine: Air Berlin meldet Insolvenz an

Lesezeit: 3 min
15.08.2017 16:55
Die marode Air Berlin hat am Dienstag Insolvenz angemeldet. Großaktionär Etihad stellte seine Zahlungen ein.
Etihad zieht die Reißleine: Air Berlin meldet Insolvenz an

Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin ist pleite. Mitten in der Urlaubszeit zog Großaktionär und Geldgeber Etihad Airways – anders als noch vor wenigen Monaten versprochen – die Reißleine und drehte Air Berlin den Geldhahn zu. Daraufhin meldete der chronisch defizitäre Lufthansa-Rivale am Dienstag Insolvenz an. Air Berlin hing seit Jahren am Tropf von Etihad. Zunächst springt nun die Bundesregierung mit einem 150 Millionen Euro schweren Kredit der KfW ein. Sie sorgt dafür, dass Air Berlin die nächsten drei Monate überbrücken kann und die Maschinen nicht am Boden bleiben müssen. Das Geld sollte bis Ende November reichen. "Wir vermeiden also eine Einstellung des Flugverkehrs", sagte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD).

Letztlich ruhen die Hoffnungen vor allem auf der Lufthansa, die seit längerem über die Übernahme von Teilen von Air Berlin verhandelt. Auch mit der Billigfluglinie Easyjet gebe es Gespräche, sagte ein Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Damit sollten vor allem die Start- und Landerechte von Air Berlin auf deren Heimatflughafen in Berlin sowie in Düsseldorf gesichert werden. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Slots soll der Staatskredit zurückgezahlt werden, wie Zypries sagte. Über die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt laufen 30 Prozent des Flugverkehrs von Air Berlin. "Ziel war es, Ryanair draußen zu halten", sagte der Insider. Easyjet wollte sich dazu nicht äußern.

Für die Lufthansa könnte sich mit dem Aus für Air Berlin die Konkurrenzsituation entspannen. "Lufthansa hat klug abgewartet und kann sich jetzt die Rosinen herauspicken, ohne das ganze verlustreiche Geschäft zu übernehmen", sagte Analyst Jonathan Wober vom CAPA Centre for Aviation. Die Lufthansa-Aktie war mit einem Plus von 4,4 Prozent größter Kursgewinner im Dax, auch die Papiere von Billigfliegern legten kräftig zu. Aktien von Air Berlin brachen dagegen um ein Drittel auf 52 Cent ein. Ryanair kritisierte das Eingreifen der Bundesregierung: Das sei ein Verstoß gegen alle Wettbewerbsregeln. "Damit kann Lufthansa Inlandsflüge noch teurer machen als sie ohnehin schon sind", sagte ein Sprecher. "Die Passagiere bezahlen für diese Monopol mit höheren Preisen."

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte bereits Interesse an Air Berlin signalisiert, war aber vor den hohen Schulden und vor den drohenden Bedenken der Wettbewerbsbehörden zurückgeschreckt. In der Insolvenz ist der Marktführer in einer besseren Ausgangslage. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sagte in Berlin, er sehe keine kartellrechtlichen Bedenken, weil es nicht um eine Komplettübernahme gehe. Durch die Insolvenz hat Air Berlin gut drei Monate Zeit, die Verhandlungen abzuschließen. In der Zeit zahlt die Arbeitsagentur die Löhne der 7200 Mitarbeiter in Deutschland. Dobrindt sagte, er rechne damit, dass die Verhandlungen "in absehbarer Zeit abgeschlossen werden können". Er gehe davon aus, dass die Bemühungen erfolgreich seien.

Wie viele Mitarbeiter von Air Berlin bleiben können, ist allerdings völlig offen. "Wir haben große Sorge um die Arbeitsplätze der Beschäftigten", sagte Bundesvorstandsmitglied Christine Behle von der Gewerkschaft Verdi. Lufthansa erklärte nur, der Erwerb von Unternehmensteilen biete "die Möglichkeit zur Einstellung von Personal". Air Berlin fliegt mit geleasten Flugzeugen schon jetzt für die Lufthansa-Töchter Eurowings und Austrian Airlines. "Lufthansa beabsichtigt, diese Verhandlungen zu einem schnellen und positiven Ergebnis zu führen", hieß es in der Mitteilung. SPD-Chef Martin Schulz sagte, man müsse darauf achten, "ob mit Dumpingpreisen und Dumpinglöhnen operiert wird, um Air Berlin übernehmen zu können".

Der Insolvenzantrag beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg ist der vorläufige Schlusspunkt eines jahrelangen Siechtums von Air Berlin. Etihad war 2011 bei Air Berlin eingestiegen und hält nur knapp 30 Prozent an Air Berlin, hatte den deutschen Partner aber immer wieder gestützt – unter dem Strich mit Milliarden. Doch nun verlor der Staatskonzern aus Abu Dhabi die Geduld. Die Lage hatte sich Ende vergangener Woche zugespitzt. Air Berlin hatte am Freitagabend bei der Bundesregierung Alarm geschlagen, nachdem Etihad seine Zusage zurückgezogen hatte, dem deutschen Partner auch in den nächsten 18 Monaten unter die Arme zu greifen, wie Dobrindt sagte.

Noch im April hatten die Araber weitere 350 Millionen Euro zugesagt und nach eigenen Angaben Air Berlin für 300 Millionen Euro deren Anteil an der österreichischen Niki abgekauft. Nur dank dieser Zusage hatte die überschuldete Air Berlin einen Insolvenzantrag bisher vermeiden können. Mit dem Rückzug sei die positive Fortführungsprognose aber entfallen, erklärte nun der Vorstand von Air Berlin, der vom ehemaligen Lufthansa-Manager Thomas Winkelmann geführt wird.

Er holte den erfahrenen Sanierer Frank Kebekus zu Hilfe, der die Insolvenz in Eigenregie organisieren soll. Überwacht wird sie von Lucas Flöther als Sachwalter, der zuletzt die Reise-Holding Unister ("Ab in den Urlaub", fluege.de) abgewickelt hatte. Die österreichische Niki, deren geplantes Zusammengehen mit TUIfly gescheitert war, soll aus der Insolvenz herausgehalten werden.

Etihad begründete den Schritt mit der Aussichtslosigkeit einer Sanierung: "Das Geschäft von Air Berlin hat sich in einer beispiellosen Geschwindigkeit verschlechtert." Etihad wolle nicht stärker ins Risiko gehen. Die Airline hatte sich kürzlich von ihrem Chef James Hogan getrennt, unter dessen Ägide sie bei Air Berlin, Alitalia und Air Serbia eingestiegen war, um sich ein Standbein in Europa zu sichern. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) kritisierte, die Araber hätten einen Verkauf vor der Pleite blockiert. "Etihad lässt die Air Berlin fallen wie eine heiße Kartoffel, obwohl neue Investoren Interesse signalisiert haben." VC-Präsident Ilja Schulz sagte, Etihad sei es primär um die eigenen strategischen Interessen gegangen.


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