Türkei: Lira stürzt ab, nun droht Banken-Krise

Der türkische Finanzmarkt wird schwer erschüttert. Die Landeswährung Lira kollabiert.

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Leitzinsen: Ein Mann in einer Wechselstube in Istanbul. (Foto: dpa)

Ein Mann in einer Wechselstube in Istanbul. (Foto: dpa)

Der Absturz der türkischen Lira hat sich zuletzt ungebremst fortgesetzt. Am Dienstag kostete ein Dollar rund 5,30 Lira. Vor 12 Monaten waren es noch rund 3,50 Lira. Ein Euro kostete 6,15 Lira – vor 12 Monaten waren es rund 3 Lira.

Die rasante Abwertung der Lira droht der US-Großbank Goldman Sachs zufolge die Kapitalpuffer der türkischen Banken aufzuzehren. Sollte der Dollar auf 7,10 Lira steigen, hätten die Institute keinerlei Sicherheitspolster mehr, warnten die Experten der US-Investmentbank am Dienstag. Auf den wackligsten Beinen stehe Yapi Kredi Bankasi, betonten die Goldman-Analysten. Durch den Lira-Verfall der vergangenen Wochen sei der Effekt der umgerechnet rund 800 Millionen Euro schweren Kapitalerhöhung vom Frühjahr wieder verpufft. Die Konkurrenten Garanti Bankasi und Akbank stünden im Vergleich besser da.

Wie Bloomberg berichtet, stiegen die Renditen für Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit auf über 20 Prozent. Am Montag lagen sie noch bei etwa 18,90 Prozent, vor 3 Monaten noch bei etwa 14 Prozent, berichtet die Financial Times.

Am Montag war der Euro erstmals über die Marke von 6 Lira gestiegen. Dies ist das Resultat eines lang anhaltenden Abwärtstrends. So gab die Lira seit Jahresbeginn zu Dollar und Euro etwa ein Viertel nach. Beschleunigt hatte sich die Talfahrt am 24. Juli, als die türkische Notenbank darauf verzichtete, den Leitzins trotz der sehr hohen Inflation und der Talfahrt der Lira anzuheben. Im Juli war die Inflationsrate auf fast 16 Prozent gestiegen. Dies war die höchste Inflationsrate seit Oktober 2003.

Diese Zurückhaltung hatte die sowieso schon angeschlagene Glaubwürdigkeit der Notenbank weiter beschädigt. Schließlich ist Staatschef Erdogan ein entschiedener Gegner hoher Zinsen. Erdogan hatte zudem seinen Einfluss auf die Geldpolitik durch ein Dekret verstärkt, das ihn künftig zur Ernennung des Präsidenten und des Vizepräsidenten der Zentralbank ermächtigt. Außerdem wird die Amtszeit der beiden Spitzennotenbanker des Landes von bisher fünf auf nur noch vier Jahre verkürzt.

Hauptursache für die seit Monaten anhaltenden Kursverluste der Lira stellt die geldpolitische Normalisierung der US-Zentralbank Federal Reserve dar. Deren Zinsanhebungen führen tendenziell zu einer Aufwertung des Dollar gegenüber Währungen, deren Zentralbanken keine Leitzins-Erhöhungen durchführen. Ein stärkerer Dollar jedoch führt einerseits zu einem verstärkten Abzug globaler Liquidität in den Dollar-Währungsraum und verteuert andererseits Schulden, welche andere Länder in der US-Währung aufgenommen haben.

Der Wertverfall der Lira verteuert die Zinskosten jener Unternehmen in der Türkei, welche Schulden in US-Dollar aufgenommen haben. Insgesamt sitzen diese auf Fremdwährungsschulden im Umfang von etwa 337 Milliarden Dollar. Ihre Gesamtschulden übersteigen ihre Vermögensgegenstände um etwa 213 Milliarden Dollar, wie aus Daten der Zentralbank hervorgeht.

Ein weiterer Belastungsfaktor für die Lira ist der Konflikt mit den USA um den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson. Die US-Regierung hatte am vergangenen Mittwoch Sanktionen gegen den türkischen Innenminister Süleyman Soylu und gegen Justizminister Abdülhamit Gül verhängt. Die Lira gab deutlich nach, auch wenn die wirtschaftliche Bedeutung der Maßnahme eher gering ist. Dies zeigt laut Ökonomen das geschwundene Vertrauen in die Lira.

„Ich befürchte, die richtige Krise geht jetzt erst richtig los“, sagte Devisenexperte Lutz Karpowitz von der Commerzbank. „Diejenige, die nicht nur ein paar Devisenhändlern weh tut, sondern der türkischen Volkswirtschaft und Gesellschaft.“ Er verweist auf das „exorbitante Leistungsbilanzdefizit“. Er sieht die Möglichkeit einer großen realwirtschaftlichen Krise. Eine galoppierende Inflation könnte die Ersparnisse weiter Teile der Gesellschaft erodieren lassen.

Um eine Zahlungsbilanzkrise zu vermeiden, müsste die türkische Notenbank laut BayernLB durch deutliche weitere Zinserhöhungen die Währung stabilisieren und die Inflation unter Kontrolle bringen. „Fraglich ist jedoch, ob sie unter der zunehmend repressiven Staatsführung Erdogans überhaupt die nötige Handlungsfreiheit besitzt.“ Die Lira dürfte laut BayernLB auch bei der Marke von sechs Lira je Euro keinen Halt finden und weiter abwerten.