Politik

Russland und Türkei greifen al-Nusra-Front in Syrien an

Lesezeit: 6 min
31.07.2019 17:09
Russland und die Türkei führen offenbar eine gemeinsame Militäroperation gegen die al-Nusra-Front in Syrien durch. Die betroffene Provinz Idlib besitzt eine strategisch wichtige Lage hinsichtlich der Ausbeutung der ostsyrischen Bodenschätze.
Russland und Türkei greifen al-Nusra-Front in Syrien an
Die militärische Lage in Syrien. (Grafik: Stratfor)

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Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Sergei Rudskoy, hat mitgeteilt, dass die Türkei und Russland gemeinsame Militäroperationen in der Region Idlib durchführen würden, so die Zeitung Sözcü. Die Militärs beider Staaten würden die Waffen-, Ausrüstungs- und Munitionsdepots der al-Nusra-Front (heute Hayat Tahrir al-Scham - HTS) identifizieren und lokalisieren, um anschließend punktuelle Schläge auszuführen. Die al-Nusra-Front/HTS ist der syrische Anleger von Al-Qaida.

Frankreichs UN-Botschafter Nicolas de Riviere hatte sich am 30. Juli 2019 auf einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats zur aktuellen türkisch-russischen Operation in Idlib geäußert. Er sagte, dass Russland und die Türkei eine Verantwortung dafür tragen, die Spannungen in Idlib zu senken. Russlands UN-Botschafter Vasily Nebenzia warf auf der Sitzung den westlichen Staaten eine direkte Unterstützung von Terrorgruppen in der Region vor, berichtet Kanal B. Zu Beginn des Jahres hatte auch der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu diesen Vorwurf erhoben. Das Ziel jener Staaten, die Çavuşoğlu am 31. Januar 2019 namentlich nicht genannt hat, sei es, das türkisch-russische Abkommen zur Schaffung einer entmilitarisierten Zone in der syrischen Provinz Idlib zu verhindern.

Die Zeitung Hürriyet zitiert  Çavuşoğlu: “Wohin wird HTS gehen, wenn es sich aus Idlib zurückzieht? Das ist die größte Frage. Die Russen schlagen eine gemeinsame Operation (gegen HTS, Anm. d. Red.) vor. Wenn wir uns die Staaten anschauen, aus denen HTS Kämpfer rekrutiert hat, sagen diese Staaten, dass sie eine Rückkehr dieser Leute ablehnen. Alles andere ist ihnen egal. HTS ist darauf angewiesen, Menschen aus dem Ausland zu rekrutieren. Doch diese Möglichkeit hat HTS nicht mehr. Es gibt auch keinen Transit mehr nach Idlib. Zweitens ist HTS auf den Nachschub von Waffen angewiesen. Es gibt eine Wahrheit, die ich kenne. Einige westliche Staaten fördern HTS, um das Idlib-Abkommen zum Scheitern zu bringen. Sie versorgen HTS mit finanziellen Mitteln und motivieren HTS dazu, das Abkommen zu verletzen. Einige Koalitionskräfte sabotieren die Gründung eines Verfassungsausschusses, nur weil wir diesen Ausschuss ins Leben rufen wollen.”

In Syrien geht es um Energiepolitik

Der Ausgang des Syrien-Konflikts wird auch eine Entscheidung über die Kontrolle der Öl- und Gasressourcen, des Stromsektors und des Pipeline-Netzwerks des Landes herbeiführen. Das aktuelle Lagebild in Syrien in Zusammenhang mit den beteiligten Ländern zeigt: Die USA, die Türkei und Russland sind insbesondere angesichts der Eskalation in der Provinz Idlib derzeit die wichtigsten Staaten. Frankreich und Großbritannien verfügen ebenfalls über eine militärische Präsenz in Syrien. Der Iran wird von den USA und Israel  - aber unter Billigung der Türken und Russen - Schritt für Schritt aus Syrien verdrängt. Die EU spielt hingegen eine unzureichende Rolle.

Die Nutzung der Energieressourcen ist nur dann möglich, wenn sich durch eine Partei ein Zugang zum Meer erschließen lässt, um die Ressourcen auf den Weltmarkt zu bringen.

Der Großteil der syrischen Onshore-Ölquellen befindet sich östlich des Euphrats. Das Gebiet wird weitgehend von den USA und ihren verbündeten Kurden-Milizen der PKK/PYD kontrolliert. Ausschließlich das Zentrum der Stadt Deir Ezzor befindet sich unter der Kontrolle der syrischen Armee (SAA). „Alle Ölfelder sind hier. Dieser Ort ist sehr reich, weshalb sie (die syrischen Regierungstruppen, Anm. d. Red.) in dieses Gebiet wollen. Sie würden nicht herkommen, wenn hier kein Öl wäre, weil sie sich nicht um die Menschen kümmern”, sagte der Kommandant der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), die von den Kurden-Milizen kontrolliert wird, Abu Arab, der kurdischen Nachrichtenagentur Rudaw.

Das östliche Syrien ist aufgrund seiner reichen natürlichen Ressourcen, in Form von Gas und Öl, eine wichtige Region. Das größte Ölfeld, al-Omar, befindet sich ebenfalls im Osten des Landes. Noch wichtiger ist jedoch, dass fast alle bestehenden Ölreserven Syriens, die auf rund 2,5 Milliarden Barrel geschätzt werden, sich in dem Gebiet befinden, das derzeit von der US-Regierung genutzt wird, berichtet Oilprice.com.

Die türkische Zeitung Yeni Şafak berichtete im Juni 2017, dass über die Aufteilung der Ressourcen im Osten Syriens ein Treffen zwischen Vertretern der USA, Saudi-Arabiens, der PKK/PYD, der Vereinigten Arabischen Emirate und Ägyptens stattgefunden habe. Es handelte sich dabei um kein Geheimtreffen. Das Blatt wörtlich: „Die US-amerikanischen und saudi-arabischen Geheimdienste leisteten Pionierarbeit für ein Treffen über die Zukunft des syrischen Öls (...) Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien, einige Stammesführer und hochrangige PKK/PYD-Vertreter aus Syrien nahmen ebenfalls an dem Treffen teil.

In Bezug auf die Zukunft der Regionen Al-Hasakah, Rakka und Deir ez-Zor, die 95 Prozent des syrischen Öl- und Gaspotenzials ausmachen, wurden Entscheidungen über die Gewinnung, Verarbeitung und Vermarktung der syrischen Untergrundressourcen diskutiert. Bei dem Treffen, an dem US-Oberst John Dorrian teilnahm, wurde beschlossen, der PKK/PYD Anteile an syrischen Erdöl- und Erdölressourcen zu vergeben.“

Das Dilemma der USA besteht darin, dass die USA zwar die Ressourcen östlich des Euphrats kontrollieren, jedoch befinden sich die Häfen und Terminale an der syrischen Küste unter der Kontrolle der Russen und Syrer.

Kontrolle der Stromversorgung

Mit Unterstützung der USA kontrollieren die PKK/PYD-Milizen die Staudämme am Euphrat, die in der Lage sind, den Großteil des Strom- und Bewässerungsbedarfs des Landes zu decken. Die PKK/PYD-Milizen kontrollieren Tischrin im Osten von Aleppo und Tabka und Baas im westlichen Teil von Rakka. Das große Ackerland, das sich von Aleppos Osten bis zur irakischen Grenze erstreckt, kann durch die Reserven dieser drei Stauseen bewässert werden. Sechzig Prozent der landwirtschaftlichen Fläche des Landes, das entspricht 30.000 Quadratkilometern, liegt in der Region unter der Kontrolle der PYD/PYD. Diese von den USA angeführte Gruppe dominiert auch 9,4 Prozent der bewässerbaren landwirtschaftlichen Flächen in Syrien. Achtzig Prozent der Fläche werden von den Staudämmen bewässert, die unter der Kontrolle der PYD/PKK stehen. Die drei Staudämme sind in der Lage, etwa 70 Prozent des syrischen Elektrizitätsbedarfs zu decken.

Der Tischrin-Staudamm, der im Dezember 2015 von den PKK/PYD-Milizen eingenommen wurde, kann jährlich 630 Megawatt (MW) produzieren. Der Staudamm mit einer Lagerfläche von etwa 40 Metern bietet Bewässerungsanlagen für Manbidsch und Ayn al-Arab (Kobani). Im Westen von Rakka wurde am 13. Mai 2017 der Tabka-Staudamm von der PYD/PKK übernommen. Der Tabka-Staudamm hat eine große Energie- und Bewässerungsinfrastruktur mit einer Jahresproduktion von 824 MW und einem Akkumulationsbecken, der Al-Assad-See genannt wird.

Der Al-Assad-See, mit einer Fläche von 630 Quadratkilometern, ist Syriens größtes Wasserreservoir. Der Tabka-Staudamm kann zehn Quadratkilometer Wasserkapazität aufnehmen und Trinkwasser für das Stadtzentrum von Aleppo, Manbidsch und Ayn al-Arab (Kobani) bis zur irakischen Grenze liefern. Der Baas-Staudamm, der am 4. Juni 2017 von den PKK/PYD-Milizen eingenommen wurde, befindet sich im nördlichen Teil von Tabka. Er hat eine jährliche Kapazität von 75 MW.

Export des ostsyrischen Öls

Die PKK/PYD-Milizen exportieren das okkupierte syrische Öl in die Autonome Region Kurdistan im Nordirak (KRG). Dort wird es dann raffiniert und in die Türkei verkauft. Obwohl keine Unternehmen öffentlich beteiligt sind, wurde das Geschäft zwischen syrischen und irakischen Kurden von anonymen „Öl-Experten“ und „Öl-Investoren“ vermittelt, berichtet der arabischsprachige Dienst von Rudaw. Die Kurden in Syrien und im Irak unterzeichneten das Abkommen nicht einmal persönlich. Sie wurden von den USA über die Vereinbarung „informiert“ und angewiesen, die Operation zu überwachen.

Rudaw wörtlich: „Das syrische Kurdistan exportiert sein Öl aus der Rmeilan-Raffinerie mithilfe einer Pipeline, die von der Baath-Parteiregierung gebaut wurde. [Das Öl wird dann] in die Alyuka-Raffinerie im irakisch-kurdischen Zumar-Gebiet gebracht, von dort nach Fishkhabour und weiter in den türkischen Ceyhan-Hafen.“ Die Einnahmen der PKK/PYD sollen sich auf zehn Millionen Dollar pro Monat belaufen. Ein Vertreter der KRG sagte Rudaw, dass nicht die KRG, sondern eine Firma den Liefervertrag unterschrieben habe. Die anonyme Firma übergibt der KRG und der PKK/PYD monatliche Zahlungen direkt in bar.

Pipeline über Idlib

Der Export des syrischen Öls und Gas aus Ostsyrien könnte aus US-amerikanischer Sicht viel schneller, leichter und kostengünstiger über die Verlegung einer Pipeline in die südirakische Stadt Basra, die am Persischen Golf liegt, oder über die Provinz Idlib bis an den Hafen von Latakia am Mittelmeer verlaufen. Die Kontrolle über die Provinz Idlib ist aus US-amerikanischer Sicht deshalb wichtig für die Nutzung des syrischen Energiekorridors.

Derzeit verläuft eine Gaspipeline aus dem Osten Syriens über Homs und Hama in die Provinz Idlib. Dort hört die Pipeline auf. Ihr Endpunkt in Idlib befindet sich etwa 50 Kilometer entfernt vom syrischen Hafen Latakia. Durch eine Gaspipeline-Verlängerung wäre es möglich, das in Ostsyrien befindliche Gas direkt auf den Weltmarkt zu bringen. Die Öl- und Gasterminale in Latakia, Banias und Tartus werden von Russland und der Regierung in Damaskus kontrolliert. Zwei weitere Terminale befinden sich im libanesischen Tripoli und in der türkischen Stadt Ceyhan.

Tartus ist ein strategisch wichtiger Hafen für die russische Marine. Syrien und Russland hatten im Januar 2018 einen Vertrag über die Nutzung des Hafens unterzeichnet. Dem Vertrag zufolge darf die russische Marine den Hafen für 49 Jahre nutzen mit automatischen Verlängerungen um jeweils 25 Jahre. Russland hat auch das Recht, den Hafen mit eigenen Waffen gegen Angriffe zu verteidigen. Ein derartiger Vertrag wurde über den Hafen von Latakia nicht unterzeichnet.

Unter der Voraussetzung, dass Idlib unter die Kontrolle der USA, oder aber US-Verbündeter Staaten und Gruppen fällt, wäre es möglich durch einen minimalen Kostenansatz, im Zusammenhang mit einer Pipelineverlängerung von etwa 50 Kilometern, das ostsyrische Gas auf den europäischen Markt zu bringen. Sollte es aber Russland gelingen, die syrische Provinz Idlib rechtzeitig von der Söldner-Truppe Hayat Tahrir al-Scham (HTS) zu säubern, wäre es nicht möglich, eine Pipelineverlängerung von Idlib nach Latakia vorzunehmen, da Russland seine weltweite Monopolstellung auf dem Markt für Pipelinegas beibehalten möchte.

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