Deutschland

Globaler Nahrungsmittel-Handel beeinträchtigt: Merkel will Asylbewerber und Studenten zur Feldarbeit heranziehen

In der deutschen Landwirtschaft kommt es zu personellen Engpässen. Nun sollen Asylbewerber und Studenten herangezogen werden. Weltweit geraten zudem die Lieferketten bei Nahrungsmitteln unter Druck. Wichtige Produzenten schränken den Export von Getreide und Reis ein, die Preise steigen.
26.03.2020 16:38
Aktualisiert: 26.03.2020 16:38
Lesezeit: 2 min
Globaler Nahrungsmittel-Handel beeinträchtigt: Merkel will Asylbewerber und Studenten zur Feldarbeit heranziehen
Erntehelfer aus Rumänien liegen auf einem sogenannten Gurkenflieger und pflücken Einlegegurken auf einem Feld des Spreewaldbauern Ricken. (Foto: dpa) Foto: Patrick Pleul

In der Corona-Krise will die Bundesregierung nun Studenten und Asylbewerber für Ernte und Aussaat mobilisieren. "Die Personal-Situation ist hier teilweise sehr angespannt", sagte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner nach einer Sitzung des Corona-Kabinetts in Berlin. Berufspendler und Saisonkräfte etwa aus Osteuropa fielen wegen Reisebeschränkungen aus.

Stark betroffen seien zudem Schlachthöfe und Molkereien, die auf Berufspendler aus Tschechien oder Polen angewiesen seien. Man wolle jetzt Studenten zur Mitarbeit motivieren, indem Bafög-Empfängern die Hilfe trotz höherem Zuverdienstes nicht gekürzt werde. Innenminister Horst Seehofer prüfe zudem, ob das Arbeitsverbot für Asylbewerber aufgehoben werden könne. "Es sind ungewöhnliche Zeiten, da sollte man auch solche Dinge regeln", forderte die CDU-Politikerin.

Laut Klöckner werden im März 30.000 zusätzliche Arbeitskräfte gebraucht, im Mai dann 80.000. Trotz der Engpässe gebe es keine Gefahr für die Lebensmittelversorgung trotz Hamster-Käufen, betonte Klöckner. "Wir werden nicht verhungern." Deutschland produziert den überwiegenden Teil der Grundnahrungsmittel wie Getreide, Fleisch und auch Gemüse selbst ausreichend und exportiert zudem etwa bei Milchprodukten große Mengen.

Verkehrsminister Andreas Scheuer sagte, gerade an den Grenzen zu Osteuropa gebe es immer wieder Probleme mit dem Warenverkehr. Man suche für Lkw-Fahrer aber auch Bauarbeiter Lösungen. Gerade die Gespräche mit Polen und Tschechien seien aber schwierig. "An der Stelle kann ich kein Ergebnis sagen. Da stehen wir immer wieder vor neuen Herausforderungen."

Die weltweiten Versorgungswege mit Nahrungsmitteln sind infolge von Quarantänen, Ausgangsbeschränkungen und dem erzwungenen Schließen von Veranstaltungen und Verkehrsknotenpunkte derzeit in Bedrängnis geraten. Erste asiatische Länder verhängten Exportstopps für Grundnahrungsmittel wie Reis, sagte Klöckner am Donnerstag. Der Irak hingegen ist auf der Suche nach einer Million Tonnen Weizen und 250.000 Tonnen Reis. Vietnam als drittgrößtes Reis-Ausfuhrland und Kasachstan als Weizen-Exporteur kündigten Ausfuhrbeschränkungen an.

PROBLEME IM WARENVERKEHR

Der Düngemittel-Produzent K+S wurde nach eigenen Angaben von der Bundesregierung inzwischen als systemrelevant für die Lebensmittelversorgung anerkannt. Ein Schließung der Werke drohe daher bei einer weiteren Ausbreitung der Pandemie nicht, sagte ein Firmensprecher.

Deutschlands größter Agrarhändler BayWa macht sich dennoch Sorgen um den Nachschub an Dünger und Pflanzenschutzmitteln. Die Lieferketten seien "durchaus beeinträchtigt", räumte Vorstandschef Klaus Josef Lutz ein. "Derzeit sind wir gegenüber unseren Landwirten ohne Einschränkung lieferfähig." Vor allem wenn sich die Lage an den Binnengrenzen in Europa in den nächsten Wochen nicht ändere, könne es aber zu Unterbrechungen kommen. Bei Dünger sei Deutschland auf Importe aus anderen EU-Staaten angewiesen.

PREISE AN AGRAR-BÖRSEN STEIGEN

Die Hamsterkäufe in vielen Ländern erschweren die Lage: In Großbritannien registrierte die Handelskette Ocado am Dienstag eine zehnfach höhere Nachfrage als üblich. Das Land sei aber gut versorgt, sagte Ocado-Chef Stuart Rose der BBC. Auf den weltweiten Agrarmärkten macht sich die angespannte Lage bereits bemerkbar. "Die Menschen werden nervös", sagte Phin Ziebell, Agrarexperte der National Australia Bank. Neben Vietnam schränkt auch Indien die Reis-Exporte ein, da das Land praktisch unter Ausgangssperre steht. Der Preis für das Getreide stieg auf den höchsten Wert seit 2013. An der Börse in Chicago kostete die Weizenlieferung rund zehn Prozent mehr als vor einer Woche. Händler betonten jedoch, auf der Welt würden mehr als ausreichend Grundnahrungsmittel produziert.

Russland als weltgrößter Getreideexporteur erwägt eine zeitweise Begrenzung seiner Ausfuhren. In den kommenden drei Monaten könnten die Lieferungen ins Ausland auf sieben Millionen Tonnen limitiert werden, wie das Landwirtschaftsministerium am Freitag in Moskau mitteilte. Damit solle eine stabile Versorgung des heimischen Lebensmittelmarktes während der Coronavirus-Pandemie gesichert werden. Sollte die Maßnahme beschlossen werden, würden sie die wichtigsten Getreidearten treffen: Weizen, Roggen, Gerste und Mais.

"Es ist eine symbolische Geste, aber eine beunruhigende", sagte ein europäischer Händler. "Ist dies ein erster Schritt zur Reduzierung der Exporte, um Russlands eigene Lebensmittelversorgung inmitten der Corona-Krise zu erhalten? Das ist die Sorge." Die Preise für Weizen zogen an den europäischen Börsen bereits an. Russland exportierte von Juli-Dezember 2019 rund 25,2 Millionen Tonnen Weizen, Roggen, Gerste und Mais.

Die Ukraine hatte zuvor ebenfalls erklärt, die Weizenexporte täglich zu überwachen und bei Bedarf Maßnahmen zu ergreifen werde. Bäcker und Müller des Landes hatten zuvor gefordert, die Getreideexporte zu begrenzen, um einen Anstieg der Brotpreise zu verhindern, falls sich die Ausbreitung des Coronavirus beschleunige.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft ESG-Investitionen unter Druck: Was der amerikanische Rückzug für europäische Anleger bedeutet

Die Entscheidung mehrerer grosser amerikanischer Vermögensverwalter, sich aus ESG-bezogenen Investitionsallianzen zurückzuziehen, hat in...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Inflationssorgen spalten die Wall Street
13.05.2026

Während eine überraschende Wirtschaftsentwicklung für Nervosität sorgt, richten Anleger ihre Blicke auf neue Chancen – ein Balanceakt...

DWN
Politik
Politik Versorgungssicherheit im Fokus: Kabinett beschließt Bau neuer Gaskraftwerke
13.05.2026

Um die Stabilität des deutschen Stromnetzes langfristig zu garantieren, hat die Bundesregierung den Weg für eine neue Generation von...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Sondersteuer für Energiegewinne: Wie die EU-Pläne Europas Energiesektor belasten
13.05.2026

Eine neue Sondersteuer für den Energiesektor könnte die Debatte über hohe Energiepreise in der EU erneut verschärfen. Welche Folgen...

DWN
Politik
Politik Schienenverkehr ohne Grenzen: EU plant Stärkung der Fahrgastrechte bei Fernreisen
13.05.2026

Die Europäische Kommission möchte das Bahnfahren über Ländergrenzen hinweg attraktiver gestalten und den Schutz für Reisende massiv...

DWN
Politik
Politik Wechsel in Stuttgart besiegelt: Cem Özdemir übernimmt das Amt des Ministerpräsidenten
13.05.2026

In Baden-Württemberg bricht eine neue politische Ära an: Cem Özdemir wurde vom Landtag zum Nachfolger von Winfried Kretschmann gewählt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entlastungsprämie endgültig vom Tisch: DMB begrüßt Aus der 1000-Euro-Prämie
13.05.2026

Nach heftiger Kritik aus Wirtschaft und Ländern ist die geplante Entlastungsprämie endgültig gescheitert. Vor allem mittelständische...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rabattaktionen im Einzelhandel: Warum eBooks trotz Krise boomen – und wie Sie persönlich davon profitieren
13.05.2026

Steigende Preise, verunsicherte Verbraucher und schwache Konsumdaten setzen den Handel unter Druck. Gleichzeitig werben Anbieter mit...

DWN
Finanzen
Finanzen Inflationsgefahr: Bundesbank-Präsident Nagel stellt Zinserhöhung in Aussicht
13.05.2026

Bundesbankchef Joachim Nagel warnt eindringlich vor einer anhaltenden Teuerungswelle und bereitet die Verbraucher auf weiter steigende...