Wirtschaft

Neue Satelliten-Bilder: Die Zerstörung der Regenwälder nimmt rapide zu

Wer dachte, das Herunterfahren der Weltwirtschaft im Zuge der Corona-Krise wäre mit einer Entlastung der Tropenwälder einhergegangen, der irrt – zumindest, wenn man neuesten Daten der Umweltorganisation WWF Glauben schenkt.
02.07.2020 16:00
Aktualisiert: 02.07.2020 16:00
Lesezeit: 3 min
Neue Satelliten-Bilder: Die Zerstörung der Regenwälder nimmt rapide zu
Waldbrände im Amazonas. (Foto: dpa) Foto: Gabriela Bilu

Im Zuge der sich ausbreitenden Covid-19-Pandemie hat die Zerstörung des Tropenwaldes weltweit massiv zugenommen. Das geht aus einer Ende Mai veröffentlichten Studie der Umweltstiftung WWF hervor, für die sie Satelliten-Daten der University of Maryland auswertete. „Alles weist darauf hin, dass wir es bei der explodierenden Waldzerstörung mit einem Corona-Effekt zu tun haben“, sagt Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz beim WWF Deutschland. Die Fläche der Tropenwälder in den 18 untersuchten Ländern schrumpfte im Corona-Monat März demnach um 6500 Quadratkilometer, was etwa sieben Mal der Fläche Berlins entspricht.

Dies bedeutet laut WWF-Analyse einen Anstieg der Waldzerstörung um durchschnittlich 150 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren. Am meisten betroffen waren im März demnach Indonesien mit mehr als 1300 Quadratkilometern, der Kongo mit 1000 Quadratkilometern und Brasilien mit 950 Quadratkilometern. Das nichtstaatliche brasilianische Amazonas-Forschungsinstitut Imazon hat in Amazonien für April ebenfalls eine abgeholzte Fläche von 529 Quadratkilometern registriert - ein Anstieg von 171 Prozent im Vergleich zum April des vergangenen Jahres, wie Imazon der Deutschen Presse-Agentur bestätigte.

Dem Imazon mit Sitz in Belém zufolge könnten viele der Abholzungen des größten Regenwaldes der Welt von Eindringlingen vorgenommen worden sein, die noch keine Landtitel besitzen. Der Wissenschaftler Carlos Souza, der die Veränderung des Amazonas-Waldes untersucht, sagte: „Zuerst nehmen sie die öffentlichen Flächen ein und danach versuchen sie, diese Gebiete legal zu bekommen.“ Während die Corona-Krise Umweltbeamte in ihrer Arbeit in Brasilien und in anderen Ländern einschränkt, machen illegale Holzfäller und Plünderer anderer Ressourcen einfach weiter. Vielerorts nutzen die Menschen den Wald nach WWF-Angaben auch aufgrund wegbrechender Jobs als Einnahmequelle.

Finanzielle und technische Unterstützung könnten dazu beitragen, die Zerstörung einzudämmen. Wie bei den verheerenden Bränden in Amazonien im vergangenen Jahr, als führende europäische Politiker damit drohten, das Abkommen zwischen der EU und dem gemeinsamen Markt Südamerikas Mercosur platzen zu lassen, sind jedoch die internationalen Handelsbeziehungen einer der entscheidenden Hebel. Rund ein Sechstel aller in der Europäischen Union gehandelten Lebensmittel tragen nach WWF-Angaben zur Entwaldung in den Tropen bei. Christoph Heinrich: „Der Schutz der Wälder ist eine gemeinsame Aufgabe, der sich niemand entziehen kann.“

Reiche Investoren warnen Brasilien

Investoren aus Norwegen und acht anderen Ländern haben Brasilien aufgefordert, die Abholzung im Amazonas-Gebiet zu stoppen und die Rechte indigener Völker einzuhalten. Mit großer Besorgnis verfolge man die zunehmende Abholzung in Brasilien, schrieben der norwegische Vermögensverwalter Storebrand und 28 weitere Unternehmen in einem am Dienstag veröffentlichten offenen Brief an eine Reihe von brasilianischen Botschaften.

Die in den vergangenen Jahren eskalierende Abholzung sowie Berichte über die Aufweichung von Umweltschutz und Menschenrechte erzeugten Unsicherheiten über die Bedingungen für Investitionen in Brasilien, hieß es in dem Brief. Dazu zählten die Unternehmen auch Äußerungen des Umweltministers Ricardo Salles, denen zufolge Brasilien die Coronavirus-Pandemie nutzen sollte, um Umweltvorschriften für das Amazonas-Gebiet zu lockern. Im schlimmsten Fall könnten die Entwicklungen bedeuten, dass man seine Investitionen aus einzelnen Firmen oder Geschäftsfeldern zurückziehe, warnte Storebrand.

Die Tropenwälder spielten eine entscheidende Rolle beim Kampf gegen den Klimawandel und dem Schutz der Artenvielfalt, stellten die Unternehmen in dem Brief fest. Eine bereits ins brasilianische Parlament eingebrachte Regelung könne im Falle einer Billigung zu einem weiteren illegalen Besetzen öffentlicher Gebiete und Abholzen der Wälder führen. Dies würde nicht nur das Überleben des Amazonas und das Erreichen der Pariser Klimaziele aufs Spiel setzen, sondern auch die Rechte von indigenen Völkern untergraben.

Der Brief ist ein ungewöhnlicher Schritt für Finanzinvestoren. Normalerweise kommunizieren sie nicht mit Regierungen oder Behörden, sondern direkt mit den Unternehmen, in die sie investieren.

Illegale Goldschürfer sind Teil des Problems

Wo illegale Goldgräber Schneisen in den Regenwald schlagen und sich auf der Suche nach dem Edelmetall tief in die Erde graben, erholt sich der Wald nur schwer. Dies berichten Forscher der britischen University of Leeds im „Journal of Applied Ecology“. „Tropenwälder werden von Goldförderung und Bergbau stark beeinträchtigt“, sagt Ko-Autorin Michelle Kalamandeen, „und sie wachsen von selbst kaum nach“.

Kalamandeen und die anderen Forscher warnen auch in Hinblick auf den Klimawandel, dass die Folgen lange anhalten und eine aktive Landbewirtschaftung notwendig ist. Das Amazonas-Gebiet ist der größte Kohlendioxid-Speicher der Welt. Die Aufnahmefähigkeit und Speicherkapazität sinken jedoch mit der Zerstörung des Regenwaldes.

Der Studie zufolge wachsen die Tropenwälder in stillgelegten Goldförder- und Bergbaugruben nur sehr schwer nach. Das Team betrieb auf zwei kurz zuvor verlassenen Goldminen in Guyana Feldforschung, analysierte Bodenproben und bestimmte die Biomasse einzelner Bäume. An einigen Orten hatte sich der Wald auch lange nach dem Stopp der Goldförderung fast nicht erholt.

Die illegale Goldsuche ist im Norden Südamerikas entlang des Guyana-Schildes, in den Ländern Guyana, Suriname, Französisch-Guayana, Venezuela, Kolumbien und Brasilien, für 90 Prozent der Entwaldung verantwortlich.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kappa Rus: Wie Putin einen Unternehmer um sein Lebenswerk bringt
20.10.2026

Jahrelang baute ein schwedischer Unternehmer in Russland ein millionenschweres Geschäft auf. Nun nimmt ihm Wladimir Putin per Dekret die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Leere Lager, stockende Bänder: Die deutsche Industrie im Würgegriff neuer Materialengpässe
20.10.2026

Elektronikkomponenten und chemische Rohstoffe werden zur Mangelware. Die neuesten ifo-Daten zeigen, wie fragil der Standort Deutschland im...

DWN
Finanzen
Finanzen Altersvorsorgedepot: Sozialverband warnt vor staatlich geförderter Kostenfalle
20.10.2026

Maximal ein Prozent Gebühren pro Jahr darf das neue Altersvorsorgedepot ab dem 1. Januar 2027 kosten. Dennoch warnt der Sozialverband vor...

DWN
Finanzen
Finanzen SpaceX-Aktie: Musk verspricht jedem US-Kind eine Aktie seiner Weltraumfirma
20.10.2026

Jedes Kind in den USA soll von Elon Musk eine Aktie seiner Weltraumfirma SpaceX bekommen. Wie genau das passieren soll, ist noch unklar....

DWN
Finanzen
Finanzen Staatsverschuldung: Wie teuer Deutschlands Schulden jetzt werden
20.10.2026

Deutschlands Staatsschulden wachsen, während die Zinsen an den Anleihemärkten steigen. Der Bund muss immer mehr Geld aufnehmen und...

DWN
Politik
Politik Sonntagsumfrage: AfD bleibt stärkste Kraft
20.10.2026

Die AfD liegt in der YouGov-Umfrage weiter vorn, während sich bei mehreren Parteien kaum etwas bewegt. Welche Verschiebungen es im...

DWN
Finanzen
Finanzen Vier Jahre Kursentwicklung an der Wall Street: Jetzt wird der Aufschwung auf die Probe gestellt
20.10.2026

Der US-Aktienmarkt hat sich in vier Jahren mehr als verdoppelt. Doch hohe Zinsen und Finanzierungssorgen für den KI-Boom haben nun für...

DWN
Finanzen
Finanzen Buffer-ETFs: Warum der Airbag fürs Depot vor allem Rendite kostet
20.10.2026

Buffer-ETFs versprechen Aktienrenditen ohne die schlaflosen Nächte. In den USA ist daraus ein 78-Milliarden-Dollar-Business geworden, in...