Deutschland, deine Denkfabriken: Diener der Mächtigen

 

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18.07.2020 09:11
Unser Land verfügt über eine beachtliche Zahl von Denkfabriken. Sie bilden ab, wer in der Bundesrepublik Macht und Einfluss hat.
Deutschland, deine Denkfabriken: Diener der Mächtigen
Berlin: Das Bundeskanzleramt. (Foto: dpa)

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Der Begriff „think tank“ stammt aus dem Vokabular des US-Militärs im Zweiten Weltkrieg. „Think“ („denken“) steht für die Entwicklung von Strategien und Taktiken; „tank“ für einen geheimen, abhörsicheren Ort. Im Deutschen wurde später der Begriff „Denkfabriken“ populär; die beiden Bezeichnungen lassen sich austauschbar verwenden.

Das Goldene Zeitalter

Aber nicht nur der Begriff stammt aus den USA, auch die Idee für die Denkfabriken selbst. In den Jahren vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg gründeten eine Reihe von amerikanischen Multimilliardären, die im sogenannten „Goldenen Zeitalter“ (1870 bis 1899) vor allem mit Stahl, Öl und dem Bau von Eisenbahnen zu unermesslichen Reichtümern gelangt waren, Organisationen, die im Sinne der Weltanschauung ihres jeweiligen Gründers seine Vorstellungen von einer besseren Gesellschaft (sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene) befördern sollten. Einige der damals ins Leben gerufenen Einrichtungen gehören heute zu den weltweit einflussreichsten Denkfabriken überhaupt; beispielsweise das „Brookings Institut“ sowie die „Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden“. Die politisch-ideologische Bandbreite dieser Organisationen ist gewaltig; sie reicht vom rechts-konservativen „American Enterprise Institute“ (AEI), das einen starken Einfluss auf die Politik von US-Präsident George W. Bush ausübte, bis hin zum links-liberalen „Center for American Progress“, das Anfang des Jahrtausends von ehemaligen Mitgliedern des Clinton-Kabinetts gegründet wurde.

Warum beginnt ein Artikel über deutsche Denkfabriken mit einer Beschreibung der amerikanischen „Think Tank“-Kultur? Zum einen, weil letztere die Entwicklung der hiesigen Denkfabriken-Landschaft mitgeprägt hat und auch weiterhin prägt. Zum anderen, weil im Vergleich mit anderen die eigenen Besonderheiten besonders stark ins Auge fallen.

Ein breites Spektrum

Zunächst einmal dies: Die Zahl der Denkfabriken in Deutschland ist überraschend hoch. Zwar gibt keine eindeutige Definition des Begriffs „Denkfabrik“, keine klare Abgrenzung zu anderen Arten von Einrichtungen, in denen „gedacht“ und/oder beraten wird. In den unterschiedlichen Quellen werden jedoch durchgehend Zahlen zwischen 190 und 220 angegeben, so dass man grob von rund 200 Denkfabriken oder Denkfabrik-ähnlichen Organisationen hierzulande sprechen kann.

Der Politikwissenschaftler Martin Thunert (Universität Heidelberg) spricht von circa 25 großen staatlich finanzierten Denkfabriken, die sich in drei Kategorien einteilen lassen: Erstens, die außenpolitischen Institute, unter anderem die „Stiftung für Wissenschaft und Politik“ (Berlin), das „Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik“ (Hamburg) sowie die „Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung“ (Frankfurt). Zweitens, die sieben großen Wirtschaftsforschungsinstitute in Berlin, München, Hamburg, Kiel, Essen, Mannheim und Halle. Drittens, praxisorientierte Einrichtungen in den Bereichen Technik, Umwelt und Soziales, beispielsweise eine Reihe von Instituten der Max-Planck-Gesellschaft, einige Institute der Fraunhofer-Gesellschaft sowie das „Institut Arbeit und Technik“ (Gelsenkirchen).

Dazu kommen die Stiftungen der (Bundestags)Parteien: Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU), Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD), Heinrich-Böll-Stiftung (Grüne), Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FDP), Rosa-Luxemburg-Stiftung (Linke), Desiderius-Erasmus-Stiftung (AfD).

Weiterhin unterhalten sowohl die Gewerkschaften (zum Beispiel die Hans-Böckler-Stiftung des DGB) als auch die Arbeitgeber („Institut der Deutschen Wirtschaft Köln“) eigene Denkfabriken.

Schließlich gibt es private Think Tanks wie die Bertelsmann-Stiftung, die „Alfred Herrhausen Gesellschaft“ (gegründet von der Deutschen Bank), die „Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik“ sowie weitere Einrichtungen und Organisationen , die sich hinsichtlich ihres jeweiligen thematischen Schwerpunktes, ihrer Weltanschauung, ihrer Größe und ihrer finanzieller Ausstattung stark voneinander unterscheiden.

„Typisch deutsch“

Begonnen hat die Entwicklung der deutschen Denkfabrik-Kultur in den 60er- und 70er-Jahren – sie ist damit ein typisches Kind der rheinischen Republik. Dies zeigt sich an mehreren Charakteristika: Zum einen, dass alle großen Parteien Denkfabriken unterhalten und dass diese „parteiischen“ Think Tanks zu den einflussreichsten, bestausgestatteten des Landes gehören (Deutschland war eben und ist nach wie vor Parteien-Staat). Einer Studie der renommierten University of Pennsylvania (Penn) zufolge ist die Konrad-Adenauer-Stiftung die sechzehnbeste Denkfabrik der Welt, die Friedrich-Ebert-Stiftung folgt auf Rang 19 ganz knapp dahinter.

Weiterhin ist anzumerken, dass viele deutsche Denkfabriken vom Staat finanziert werden, teilweise sogar den Zweck haben, staatliche Organe direkt zu unterstützen. Bestes Beispiel ist die 1962 gegründete „Stiftung Wissenschaft und Politik“ (SWP) mit Sitz – seit 2001 – in Berlin. Finanziert vom Bundeskanzleramt, besteht ihr Auftrag darin, Bundesregierung und Bundestag in Fragen der internationalen Politik zu beraten. Ihre Expertise gilt als sehr hoch – auf der Penn-Liste nimmt sie Platz 21 ein.

Ein weiterer Punkt ist die thematische Ausrichtung. Insgesamt ist die Zahl der deutschen Denkfabriken, die sich mit politischen Themen befassen, vergleichsweise gering. Der berühmteste deutsche Think Tank, die Max-Planck-Gesellschaft, ist thematisch vor allem im naturwissenschaftlich-technischen Bereich angesiedelt (wo sie im Penn-Ranking weltweit Platz zwei einnimmt), teilweise auch im gesellschaftswissenschaftlichen, aber kaum im politischen. Weiterhin gibt es die ökonomisch ausgerichteten Denkfabriken, wobei das „Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung“ (DIW) laut Ranking die Nummer drei der Welt ist. Hieran wird deutlich: Die Bundesrepublik verstand (und versteht) sich in erster Linie als hochtechnologisierte Wirtschaftsmacht. Innenpolitische Beratung wurde kaum als notwendig betrachtet; die dementsprechende Arbeit sollte der Partei- sowie der Ministerialebene vorbehalten bleiben. Auf diesen Ebenen arbeiteten (und arbeiten auch heute noch) vor allem Juristen (!) und Ökonomen – für Politikwissenschaftler und andere Spezialisten war kein Platz.

Wie „typisch bundesrepublikanisch“ die deutsche Denkfabrik-Kultur geprägt ist, lässt sich besonders deutlich an der Ausrichtung der Mehrheit derjenigen Denkfabriken erkennen, die einen außenpolitischem Fokus haben. Ihre jeweiligen Schwerpunkte liegen nur sehr bedingt im Bereich der Sicherheitspolitik; im Vordergrund stehen eher „Friedensforschung“, „Integrationsforschung“ und „Entwicklungsforschung“. In diesem Zusammenhang sei an ein Arbeitspapier erinnert, dass die SWP 2013 erstellte: „Neue Macht – neue Verantwortung“, das als Blaupause für eine neue, aktivere deutsche Außenpolitik dienen sollte. Obzwar von vielen relevanten Mitgliedern der Bundesregierung als richtungsweisend bejaht, wurde es in friedensbewegten Kreisen massiv kritisiert – und geriet bald wieder in Vergessenheit, weil politisch mit zu vielen Risiken behaftet. Diese Episode zeugt deutlich, wie begrenzt der Einfluss deutscher Denkfabriken ist – zumindest, wenn es um die großen Themen geht.

Schließlich muss noch erwähnt werden, wer – neben dem öffentlichen Sektor – in Deutschland Denkfabriken finanziert. Es sind primär die großen institutionellen und privatwirtschaftlichen Akteure, das heißt – wie oben bereits erwähnt – Verbände, Gewerkschaften, (Groß)Unternehmen. Diese Akteure vertreten selbstverständlich eindeutige Interessen – und so sind auch die von ihnen gegründeten Think Tanks größtenteils Advokaten dieser Interessen. Mit anderen Worten, es handelt sich bei ihnen primär um Lobbyorganisationen, deren Arbeiten die Positionen ihrer Gründer in hohem Maße reflektieren.

Lesen Sie morgen den zweiten Teil:

DEUTSCHLAND, DEINE DENKFABRIKEN: MILLIARDÄRE AN DIE FRONT!

  • Wie in Deutschlands Denkfabriken gleichzeitig Idealismus und Ideologie herrschen
  • Was die Denkfabriken unbedingt der Öffentlichkeit vermitteln müssen - obwohl die das nicht hören will
  • Warum Deutschlands Milliardäre gefragt sind



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