Wirtschaft

Zerbricht das Opec-Kartell an den fallenden Ölpreisen?

Lesezeit: 3 min
08.09.2020 16:02
Solange die Preise für Öl hoch waren, herrschte in der Opec weitestgehend Einigkeit. Doch jetzt sind die Preise im Keller - und die Förderländer stehen unter schwerem finanziellem Druck. Zerbricht das Kartell?
Zerbricht das Opec-Kartell an den fallenden Ölpreisen?
Das Öl hat den Staaten der arabischen Halbinsel unvorstellbaren Reichtum gebracht - vor allem ab 1960, dem Gründungsjahr des Opec-Kartells. Aber jetzt sind die Preise im Keller - und das Kartell könnte zerbrechen. (Foto: dpa)
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«Wir haben einen sehr exklusiven Klub gegründet.» Stolz verkündete der venezolanische Ölminister Perez Alfonso die Einigung zwischen Iran, Irak, Saudi-Arabien, Kuwait und seinem Land. Die fünf Staaten hatten es satt, bei ihren Öl-Einnahmen von den westlichen Konzernen, vor allem den aus den USA, abhängig zu sein. Die Unternehmen wie Exon und Chevron hatten die Förderung des schwarzen Goldes in ihrer Hand; die Staaten, in denen die Förderung stattfand, erhielten nur einen kleinen Teil der Einnahmen. Die Gründung der „Organisation erdölexportierender Staaten“ (Opec) vor fast auf den Tag genau 60 Jahren (14. September 1960) war für die beteiligten Staaten ein Befreiungsschlag - und der Beginn einer Geschichte von Macht und Ohnmacht eines Kartells, das Weltpolitik macht(e).

Heute kontrolliert die Opec zusammen mit ihren neuen Partnern in der Opec+ mehr als 40 Prozent der weltweiten Ölförderung. Das Bündnis funktioniert - und ist nicht zuletzt wegen der mittelfristigen wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise doch bedroht.

«Je länger Öl so wenig kostet, desto wahrscheinlicher wird eine Belastungsprobe für das Bündnis», sagt Analyst Carsten Fritsch von der Commerzbank. Zu hoch seien die Ölpreise, die die derzeit 13 Mitglieder des Kartells für einen ausgeglichenen Staatshaushalt erzielen müssten – es aber seit Beginn der Pandemie nicht mehr können.

Zwar halten sich selbst sonst eher weniger disziplinierte Länder wie der Irak, Nigeria und Angola aktuell an die beschlossenen Förderkürzungen, die den Preis um die 45 Dollar pro Barrel (je 159 Liter) pendeln ließen (ohne die Kürzungen wäre er noch niedriger). Aber nicht einmal finanziell starke Mitgliedsländer können sich ein solch niedriges Preisniveau über lange Zeit leisten. Allein Saudi-Arabien hat nach eigenen Angaben von April bis Juni 32,5 Milliarden Dollar weniger mit seinen Ölexporten eingenommen als im Vorjahreszeitraum.

Prinzipiell geht nach Überzeugung von Experten auch in Zeiten der Klimakrise und des Kampfes gegen fossile Energieträger nichts ohne das schwarze Gold. «Der Treibstoff der Globalisierung ist und bleibt Öl», sagt der Energie-Experte Andreas Goldthau von der „Willy Brandt School of Public Policy“ an der Universität Erfurt. Allerdings werden die Karten auf dem Ölmarkt laut Goldthau in den nächsten Jahrzehnten in mehrfacher Hinsicht neu gemischt.

«Es wird darum gehen, das Öl umweltfreundlicher zu machen», so der habilitierte Wissenschaftler. Das beginne zum Beispiel schon am Bohrloch, wo klimaschädliche Gase wie Methan frei werden. Das könne man im Sinne des Klimas ändern. «Öl ist außerdem nicht gleich Öl.» Das leichtere Öl aus Saudi-Arabien sei weniger umweltbelastend als das schwere Öl Venezuelas, das deutlich weniger zukunftsfähig sei. Trotz aller Anstrengungen in Sachen Energiewende, vor allem in Europa, scheint es wenig Zweifel zu geben, dass mittelfristig der Ölbedarf noch wächst. Die Opec selbst geht bisher zumindest bis 2040 von einem deutlichen Plus bei der weltweiten Ölnachfrage aus - getrieben durch Länder wie China und vor allem Indien sowie den Bedarf an Kunststoffen.

Das Geschäft mit dem Öl hat einigen Opec-Staaten sagenhaften Reichtum gebracht. Zu Zeiten der besonders hohen Ölpreise von fast 150 Dollar pro Barrel wie Mitte 2008 summierten sich die Einnahmen der Opec nach Schätzungen der US-Energiebehörde auf 970 Milliarden Dollar (nach aktuellem Kurs 820 Milliarden Euro), Saudi-Arabien allein soll in dem Rekordjahr fast 300 Milliarden Dollar eingenommen haben.

Auf lange Sicht gesehen sind die Schwankungen des Ölpreises trotz aller Anstrengungen des Kartells gewaltig. In den vergangenen Jahren hat der Boom der US-Schieferölindustrie - aktuell steckt sie wegen der niedrigen Weltmarktpreise tief in der Krise - die Marktmacht der Opec arg beschnitten. Immer wieder fiel der Preis wie jetzt in der Corona-Krise dramatisch.

Ein zentrales Ziel der Opec, wie sie bei ihren halbjährlichen Sitzungen in Wien betont, ist die Balance des Marktes. Liefer- wie Verbraucherländer sollen von einer stabilen Versorgung bei einem für beide Seiten tragbaren Preis profitieren. Denn Öl ist nicht nur ein einträgliches, sondern auch teures Geschäft. Von den oft sehr kostspieligen Testbohrungen bringen nur wenige die ersehnten Erträge.

Zum Schreckgespenst für deutsche Autofahrer und die Weltwirtschaft wurde die Opec 1973. Das Kartell griff als Strafe für die westliche Unterstützung Israels im Krieg gegen Ägypten zur Öl-Waffe. Es verdoppelte über Nacht fast den Preis und kündigte Produktionskürzungen an. Angesichts einer drohenden Öl-Knappheit beschloss der Deutsche Bundestag in Windeseile drastische Maßnahmen: Ein Fahrverbot an vier Sonntagen im November und Dezember und - fast vier Monate lang - ein Limit von Tempo 100 auf den Autobahnen.

Heute kann die Opec den Preis nicht mehr einfach diktieren. Aber das Ende 2016 etablierte Zweckbündnis mit zehn weiteren ölproduzierenden Ländern wie dem Rohstoff-Giganten Russland, aus dem sich Opec+ ergab, war ein strategisch wichtiger Schritt. Damit ziehen abgesehen von den USA nun mit Saudi-Arabien und Russland zwei der drei wichtigsten Ölförderländer mehr oder weniger an einem Strang. Die Steuerung des Ölpreises soll über ein auf den Markt abgestimmtes dosiertes Auf- und Abdrehen des Ölhahns funktionieren. Das ist schwer. «Schon allein deshalb, weil niemand wirklich nachprüfen kann, ob die Länder ihren Verpflichtungen nachkommen», sagt Goldthau. So ist der Experte mit Blick auf die Zukunft der Opec eher skeptisch. «Diese Klubs sind nicht für ewig.»


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