Finanzen

Finanzexperte Max Otte: Aktien von Goldminen und Öl-Konzernen dürften steigen

DWN-Chefredakteur Hauke Rudolph hat Max Otte interviewt. Der Ökonom, Finanzexperte und Buchautor liefert eine prägnante und höchst informative Tour de Force durch die Welt der Finanzen und Anlagen.
13.07.2021 08:28
Lesezeit: 5 min
Finanzexperte Max Otte: Aktien von Goldminen und Öl-Konzernen dürften steigen
Gold gehört laut dem Finanzexperten Max Otte in jedes gute Portfolio. (Foto: dpa)

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Prof. Otte, das Finanzsystem steht Kopf. Die Notenbanken pumpen - aufs Jahr hochgerechnet - hunderte Milliarden, wenn nicht Billionen ins System. Die Märkte explodieren, der Einstieg in den Aktienmarkt wird immer kostspieliger. Was sollen Anleger in dieser Situation tun?

Max Otte: Erst einmal sollten sie Ruhe und einen klaren Kopf bewahren. Als Finanzinvestor bin ich mit der derzeitigen Situation sehr zufrieden – wer auf die richtigen Pferde setzt, dem geht es auch jetzt sehr gut. Unsere Fonds, wie zum Beispiel der „PI Vermögensbildungsfonds“, haben neue Höchststände. Aber bevor ich konkret werde, möchte ich erst einmal die derzeitige Lage skizzieren, damit klar wird, in welchem Umfeld wir uns bewegen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wir bitten darum.

Max Otte: Derzeit erleben wir einen systematischen Umbau unseres Wirtschaftssystems. Die Realwirtschaft war gestern – die Zukunft lautet Digitalwirtschaft. Der Mittelstand, also jenes aus dezentralen eigenverantwortlichen betriebswirtschaftlichen Einheiten bestehende System, das bislang eine wesentliche Säule unserer Wirtschaft war, verschwindet zunehmend. An seine Stelle treten die großen Digital-Konzerne als Herren des neuen digitalen Ökosystems. Die Bürger werden in diese digitale Welt „eingepasst“. Die Digitalwirtschaft dient oft nicht dem Menschen, sondern macht ihn kontrollierbar. Shoshanna Zubov von der Harvard-University nennt das „Überwachungskapitalismus“. Diese Entwicklung kann man unter einem großen Schlagwort subsummieren: Der Great Reset.

Dieser Great Reset wird mit immer mehr staatlichem Geld, immer mehr staatlichen Eingriffen vorangetrieben, und zwar auf äußerst brachiale Art und Weise. Beispielsweise mit dem Füllhorn an Zentralbankgeld, das über der Wirtschaft ausgeschüttet wird, und mit dem digitale und „grüne“ Agenden gepusht werden. Wenn wir klug investieren wollen, dürfen wir uns diesen Trends nicht entziehen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Das wollen wir – was müssen wir tun?

Max Otte: Zunächst einmal gilt: Sachwerte schlagen Geldwerte – wir haben nämlich schon länger eine recht ausgeprägte Inflation, und zwar in offener als auch in verdeckter Form. Spareinlagen, Festgelder, etc., sind aufgrund der Niedrig-, Null- und Negativzinsen also Vermögensvernichtung.

Prinzipiell sinnvoll sind dagegen Sachwerte: Aktien, Edelmetalle, Immobilien, auch Sammlerobjekte wie Kunst oder Oldtimer. Wobei die Investition in eine Immobilie natürlich grundsätzlich einen vergleichsweise hohen finanziellen Aufwand bedeutet, und bei den derzeit sehr hohen Preisen nur noch in ausgewählten Fällen ratsam ist. Angesichts der gegenwärtigen Mietmultiplikatoren (Wert, der angibt, wie teuer der Kauf eines Objekts im Vergleich zur erzielbaren Miete ist – Anm. d. Red.) lohnt sich der Kauf einer Immobilie eher nicht. Zumal es nicht zu erwarten ist, dass Löhne und Gehälter steigen werden – die Mieten stoßen also an ihre Grenzen.

Die angesprochenen Sammlerobjekte sind etwas für Spezialisten – wenn man sich nicht auskennt, sollte man die Finger von ihnen lassen.

Mein Favorit daher: Aktien. Und zur Absicherung Edelmetalle, und zwar in physischer Form, sodass man Zugriff auf sie hat. Auch wenn die Zeiten, in denen der Besitz von Gold völlig anonym war, vorbei sind – wir leben nun mal in der Ära des Überwachungskapitalismus. Aber dennoch sind Edelmetalle, speziell Gold, Teil eines ausgewogenen Portfolios. Schließlich und endlich gehört auch Bargeld dazu – ein bisschen davon sollte man in Reserve halten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie sprachen von Aktien – welche empfehlen Sie?

Max Otte: Grundsätzlich solche, die von der Digitalisierung beziehungsweise dem Great Reset profitieren. Das sind beispielsweise die der beiden US-Giganten Amazon und Google, aber auch die der beiden europäischen Unternehmen „Zur Rose“ (ein Schweizer Internet-Großhandel für Pharmazeutika, dem unter anderem „DocMorris“ gehört – Anm. d. Red.) sowie „TeamViewer“ (ein Software-Haus aus Göppingen, das Programme für die Fernsteuerung und Fernwartung von Computern entwickelt – Anm. d. Red.). Allein die Amazon-Aktie hat letztes Jahr rund 30 Prozent an Wert gewonnen. Nun gibt es ja Marktbeobachter, die sagen, dass gerade die amerikanischen Tech-Aktien überbewertet sind. Dem halte ich entgegen: Die beiden von mir genannten verfügen über ein so sicheres Geschäftsmodell, dass man davon ausgehen kann, dass sie auch in – sagen wir mal – fünf Jahren noch sehr gut dastehen werden.

Das kann man von so manchem Dax-Traditionsunternehmen nicht sagen. Nehmen wir beispielsweise Daimler und VW – deren Aussichten sind ungewiss, angesichts der grundlegenden Umbrüche, vor denen die Auto-Industrie gegenwärtig steht. Wird das Tankstellen-Netz für E-Autos ausgebaut? Welche Steuern werden für Diesel und Benziner fällig? Das sind Fragen, die niemand

beantworten kann, und diese Ungewissheit kann sich im Absatz niederschlagen, weil die Konsumenten vorm Autokauf zurückschrecken. Dazu kommt, dass die Autokonzerne nicht so leicht ihre Preise erhöhen können – in der Krise überlegt man schon einmal, bevor man sich den nächsten Daimler oder VW kauft. Die Preismacht von Google ist von ganz anderer Qualität.

Das heißt natürlich nicht, dass der Aufwärtstrend der von mir empfohlenen Aktien nicht abflacht – wahrscheinlich tut er das sogar, Amazon wird nicht jedes Jahr 30 Prozent an Wert gewinnen. Aber Aktien haben nicht nur die Aufgabe, ein Portfolio im Wert steigen zu lassen, sie dienen auch der Werterhaltung.

Im Übrigen möchte ich noch auf die Aktien von Goldminen und Ölkonzernen verweisen. Für beide Branchen gilt: Die Nachfrage nach ihren Produkten wird steigen. Die Ölmultis haben in den vergangenen fünf Jahren ihre Ausgaben für Explorationen halbiert. Aber der Bedarf nach dem schwarzen Gold wächst weiter, was bedeutet, dass sein Preis in die Höhe gehen wird. Natürlich wird Erdöl eines Tages von anderen Energieträgern ersetzt werden, aber bis das soweit ist, werden noch Jahrzehnte vergehen. Bald wird Öl noch einmal richtig knapp – und die Preise werden stark anziehen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie klingen recht optimistisch – einen baldigen Crash der Finanzmärkte erwarten Sie nicht?

Max Otte: Ich glaube eher, dass wir einen Melt-up bekommen werden (ein Preisanstieg an den Börsen, der dadurch ausgelöst wird, dass - angesichts der steigenden Aktienwerte – immer mehr Anleger aus dem Geld und in Sachwerte flüchten. – Anm. d. Red.).

Wir haben es mit einer dreistufigen Entwicklung zu tun. In der ersten Phase haben die Zentralbanken für eine gewaltige Geldschwemme gesorgt und eine Politik der Niedrigzinsen in die Wege geleitet (das Instrumentarium des staatlichen Eingriffs war also geldpolitischer Natur). In die zweite Phase fiel der Beginn planwirtschaftlicher Elemente und die Einführung von Strafzinsen (Instrumentarium: Geldpolitik). Und die dritte Phase, in der wir uns jetzt befinden, ist charakterisiert von einer keynesianischen Ausgabenpolitik – beispielsweise der Beihilfen an Unternehmen während der Lockdowns – und von einer gewaltigen Schuldenexplosion (Instrumentarium: Fiskalpolitik).

Die Staaten werden die Aktien- und Vermögensmärkte und damit die Gesamtwirtschaft nicht absaufen lassen, mit anderen Worten: Sie werden keinen Crash zulassen beziehungsweise ihn so lange hinauszögern, wie es geht. Aber wir müssen uns darüber klar werden, dass wir uns in der finalen Phase des Systems befinden. In dieser findet eine Flucht in die Sachwerte statt. Für uns als Investoren ist es essentiell, dass wir in dieser Phase die richtigen Entscheidungen treffen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Prof. Otte, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person: Prof. Dr. Max Otte (Jhg. 64) ist promovierter Wirtschafts- und Politikwissenschaftler. Er ist Gründer des „PI Vermögensbildungsfonds“ (WKN: A1J3AM), des „Max Otte Multiple Opportunities Fonds“ (WKN: A2ASSR) sowie des Kapitalanlagebriefs „Der Privatinvestor“. Max Otte ist Autor von über zwanzig Büchern, darunter „Rettet unser Bargeld!“ (2016) sowie „Die Krise hält sich nicht an Regeln. 99 Antworten auf die wichtigsten Fragen nach dem Corona-Crash“ (2021).

Dieses ist das erste einer Reihe von Interviews, die die Deutschen Wirtschaftsnachrichten mit Max Otte führen.

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