Finanzen

War es gut für Europa, den Zins zu erlauben?

Kann man jemandem Schuldzinsen einfach aufdrücken? Darüber wurde schon im antiken Griechenland gestritten – und die Diskussion setzt sich bis heute fort. Eine kritische Analyse – betrachtet aus einer ganz anderen, auf den Menschen fokussierten Perspektive.
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24.01.2022 11:00
Lesezeit: 6 min
War es gut für Europa, den Zins zu erlauben?
Das absurde Konzept der Zinsen: Die Reichen werden noch reicher. (Foto: dpa) Foto: Latvijas Banka

Kredite, für die ein gewisser Zins gezahlt werden muss, sind in unserer heutigen Welt etwas so Normales, dass es durchaus fremd erscheint, dass sie in der Vergangenheit vielerorts als Sünde angesehen wurden und verboten waren. Man fragt sich, was schlecht daran sein soll, wenn eine Bank einen Zins dafür erhält, dass sie ihren Kunden Geld borgt. Schließlich geschieht es immer wieder, dass ein Kreditnehmer seine Schulden nicht zurückzahlen kann und auch keine hinreichenden Sicherheiten hinterlegt hat. Für solche Fälle braucht die Bank Rücklagen, um den entstandenen Verlust wieder auszugleichen – und diese Rücklagen werden unter anderem mit den Gewinnen aus Zinsgeschäften geschaffen.

Geld verleihen, dass es (noch) nicht gibt

Zwar stimmt es, dass die heutigen Banken Geld verleihen, das sie nicht haben. Dafür erweitern sie einfach ihre Bilanzen, das heißt, sie schaffen neues Geld – eine Praxis, die immer wieder zu heftigen Diskussionen Anlass gibt –, das sie auf das Konto des Kreditnehmers überweisen, und das der Kreditnehmer nun ausgeben kann.

Doch die Bilanz der Bank muss ausgeglichen bleiben. Zur Kreditvergabe wird die Bankbilanz daher erweitert: Auf der Habenseite der Bilanz ergänzt man den Anspruch der Bank gegenüber dem Kreditnehmer auf Rückzahlung der Kreditsumme. Auf der Sollseite steht der Anspruch des Kreditnehmers gegenüber der Bank.

Im besten Fall zahlt der Kunde seinen Kredit wie vereinbart zurück. Mit jeder Rate schrumpft der Anspruch der Bank gegenüber dem Kreditnehmer, bis der Anspruch null ist. Die Bank hat vom Kreditnehmer dann den vollen Betrag zurückerhalten (plus Zinsen). Damit ist die Bilanz der Bank ausgeglichen.

Im schlimmsten Fall erhält die Bank jedoch gar nichts von ihrem Geld zurück, während der Kreditnehmer den gesamten Kredit ausgegeben hat. Die Ansprüche der Bank an den Kreditnehmer sind dann wertlos und müssen abgeschrieben werden. Diese Lücke in ihrer Bilanz muss die Bank durch andere Einnahmen schließen, also letztlich durch die Zinsen der ehrlichen Kreditnehmer.

Ob und inwiefern das derzeit herrschende Zentralbankensystem, in dem eine Zentralbank entscheidende Größen wie Geldmenge und Leitzinsen festlegt und in dem ein Bankenkartell das Privileg hat, Geld aus dem Nichts zu schaffen, gerechtfertigt ist oder nicht, ist eine andere Frage. Fakt aber ist, dass Kredite manchmal nicht zurückgezahlt werden. Es scheint also gerechtfertigt, wenn Kreditnehmer für dieses Risiko die Bank in Form eines Zinses bezahlen müssen.

Sind Zinsen moralisch gerechtfertigt?

Auch wenn wir verzinste Kredite heute regelmäßig für größere Ausgaben in Anspruch nehmen, etwa für den Autokauf oder für den Erwerb einer Immobilie, und auch wenn sie heute die Grundlage fast jedes Unternehmens sind, so gibt es doch weiterhin massive Kritik am Zins-System – vor allem aus zwei Gründen.

Zum einen erleiden einige Mitbürger das traurige Schicksal, in erhebliche Probleme oder sogar schlimme Armut zu geraten, weil sie von der Last ihrer Kredite erdrückt werden.

Doch ist es wirklich ein Problem des Zins-Prinzips, wenn Menschen Kredite aufnehmen, die sie letztlich nur unter Schwierigkeiten oder gar nicht zurückzahlen können? Offensichtlich sollte man sich doch nur dann Geld borgen, wenn man eine klare Perspektive hat, das für die Rückzahlung notwendige Geld zu beschaffen. Auf der anderen Seite kann man gerade jungen Leuten kaum einen Vorwurf daraus machen, wenn sie sich dabei übernehmen. Denn unsere auf Konsum beruhende Gesellschaft gaukelt ihnen vor, dass sie all die Dinge brauchen, die sie auf Pump kaufen wollen, ohne ihnen die Risiken zu vermitteln, die damit einhergehen. Doch ist das wirklich ein Versagen des Zins-Prinzips? Ist es nicht eher ein Problem unserer auf sinnfreien Konsum ausgerichteten Gesellschaft?

Zum anderen – und das ist der zweite Kritikpunkt am Zins-System – erlaubt dieses den Reichen, auf der faulen Haut zu liegen und auf Kosten ihrer Schuldner leben zu können. Wer zum Beispiel ein Vermögen von drei Millionen Euro hat und es zu einem Zinssatz von zwei Prozent verleiht, der erhält immerhin 60.000 Euro Zinsen pro Jahr. Er kann davon nicht nur recht gut leben, sondern möglicherweise sogar noch etwas zurücklegen und so sein Vermögen weiter ausbauen – ohne dafür selbst irgendeine Arbeit verrichten zu müssen. Ein solches Szenario ist für viele heute durchaus erstrebenswert, weshalb auch viele mit Neid auf jene Menschen blicken, die dieses Ziel der „finanziellen Unabhängigkeit“ erreicht haben.

Die Kirchen leisten Widerstand

Ein derartiges Einkommen aus dem Zins steht seit jeher in der Kritik. So schrieb Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr., es sei „hassenswert“, aus dem Gelde selbst den Erwerb zu ziehen. Denn das Geld sei erfunden worden, um damit den Tausch von Waren zu erleichtern. Wenn man jedoch Geld dadurch vermehrt, dass man Zinsen erhebt, dann sei dies „gegen die Natur“.

Auch die Kirchenlehrer Ambrosius, Hieronymus und Augustinus verurteilten den Zins. Im Jahre 306 beschloss die „Synode von Elvira“ ein generelles Zinsverbot und drohte bei Missachtung sogar mit Exkommunikation. Auch Thomas von Aquin verurteilte den Zins im 13. Jahrhundert als ungerecht. „Denn da wird verkauft, was es nicht gibt“, so der wohl bedeutendste katholische Theologe der Geschichte.

Auffällig ist, dass die Verzinsung heute in der Regel aufgrund ihrer negativen Folgen für den Einzelnen oder für die Gesellschaft kritisiert wird (also praktische Gründe angeführt werden), während die Ablehnung des „Wuchers“ historisch damit begründet wurde, dass dieser der Vernunft oder gar der Natur beziehungsweise der göttlichen Ordnung widerspräche.

Erst mit dem 16. Jahrhundert begann das Zinsverbot in Europa allmählich zu verschwinden. Die Verzinsung wurde zunächst in nur einigen wenigen deutschen Ländern und Städten erlaubt, bevor Kaiser Karl V., der nur mithilfe von Darlehen der Fugger an seinen Titel gelangt war, erstmals niederländischen Kaufleuten die kaiserliche Zustimmung erteilte, verzinste Kredite zu vergeben. Zwar hielten die Kirchen zunächst an ihrer Ablehnung des Zinses fest. Dies zeigte sich zum Beispiel darin, dass Banker und ihre Familien in den Niederlanden auf Beschluss der calvinistischen Kirche nicht am Abendmahl teilnehmen durften. Doch mit der Zeit schwand der Widerstand der Kirchen.

Islamkonformes Bankwesen

Im Islam hingegen hat sich das Zinsverbot tendenziell gehalten. Der Prophet Mohammed hat sowohl das Fordern als auch das Zahlen von Zinsen ausdrücklich verboten. Ganz generell dürfen Investoren im islamischen Finanzwesen keine spekulativen Geschäfte machen. Eine Marktwirtschaft ist durchaus erwünscht, soll aber nicht dazu dienen, das Individuum zu bereichern, sondern die Gesellschaft insgesamt zu fördern. Dabei werden nicht nur Zinsen als schädlich angesehen, sondern zum Beispiel auch jede Art von Optionsgeschäften oder Leerverkäufe.

Die Gründe für das Zinsverbot sind im Islam die gleichen wie schon bei Aristoteles und im Christentum: Es soll verhindert werden, dass die Reichen noch reicher werden und die Armen noch ärmer. Denn die wachsenden Vermögensunterschiede schüren immer wieder Unzufriedenheit und Neid. Zudem werden die Gläubiger dazu verleitet, nur von den Zinsen zu leben und der Gesellschaft keinen Nutzen zu bringen.

Das bis auf Mohammed zurückgehende Zinsverbot ist die Grundlage für das heutige sogenannte „Islamic Banking“ (zu Deutsch etwa: „Islamkonformes Bankwesen“), das nur Finanzprodukte zulässt, welche ohne Zinszahlung angeboten werden können. Darüber hinaus werden langfristige Beteiligungen an Unternehmen unter Umständen als legitim betrachtet, sofern die Unternehmen nicht mit Zinsgeschäften oder Dingen wie Alkohol, Tabak, Schweinefleischprodukten, Glücksspiel, Pornografie oder Rüstung zu tun haben.

Ein Ausdruck freien Willens

Zur Verteidigung des Zinses gegen die Angriffe durch Philosophie und Religion wird oft sein Nutzen angeführt. So ermutigen hohe Zinsen auf Sparguthaben die Menschen – zumindest in der Theorie – zum Sparen, was beispielsweise die Investitionen in Forschung und Entwicklung beflügeln kann. Zudem schont der damit einhergehende Konsumverzicht die natürlichen Ressourcen.

Die Libertären argumentieren darüber hinaus, dass nicht nur die Gläubiger, sondern offensichtlich auch die Kreditnehmer sich von dem Kredit einen Vorteil versprechen. Sonst würden sie das Geschäft ja nicht eingehen. Daher sei ein Verbot auch nicht gerechtfertigt – schließlich habe niemand das Recht, in die einvernehmlichen Beziehungen anderer Menschen einzugreifen. Auf gleiche Weise rechtfertigen libertäre Denker allerdings auch Dinge wie Drogenhandel, Niedriglöhne, außerehelichen Sex oder Homosexualität, die allesamt (einst) als Sünde oder als Verstoß gegen die natürliche Ordnung angesehen werden beziehungsweise wurden.

Die Diskussion über die moralische Rechtmäßigkeit des Zinses: Sie wird Philosophen, Theologen und Moralgelehrte noch lange beschäftigen.

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