Politik

Ariel Sharon: Kriegsherr, Falke, Friedens-Aktivist

Lesezeit: 3 min
11.01.2014 23:07
Ariel Sharon ist tot. Er war eine der prägenden Figuren Israels. Sein Leben symbolisierte den Spannungsbogen, in dem sich der Jüdische Staat seit seiner Gründung befand: Vom Kampf mit der Waffe für das eigene Volk - bis zur Sehnsucht nach Frieden, die sich bis heute nicht erfüllt hat.

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Ariel Scharon war Feldherr vieler Schlachten und ein Politiker mit vielen Gesichtern: Kämpfer und nicht selten Sieger in allen Kriegen seit der Staatsgründung Israels, avancierte der 1928 im damaligen britischen Mandatsgebiet und heutigem Israel geborene Sohn weißrussischer Einwanderer schon in jungen Jahren zu einer der bestimmendsten und kontroversesten Figuren Israels.

Protegiert von Staatsgründer David Ben-Gurion machte sich Scharon einen Namen als ebenso brillanter wie rücksichtsloser Kriegsherr. "Ein israelischer Cäsar" lautet entsprechend der Titel einer Scharon-Biografie. Im Sechstagekrieg von 1967 war es Scharons Einheit, die den Sinai eroberte, im Yom-Kippur-Krieg von 1973 war es abermals der schon aus dem Ruhestand zurückgerufene Panzergeneral Scharon, der durch die Überquerung des Suez-Kanals auf eigene Faust dem von den arabischen Nachbarn zur Vernichtung des jüdischen Staates angezettelten Krieg eine entscheidende Wende gab. Dieser Coup brachte Scharon weit über das nationalistische Lager hinaus Respekt und Verehrung ein. Der Mythos von Scharon als Retter und Beschützer des jüdischen Staates war endgültig zementiert. Für seine arabischen Feinde war Scharon dagegen schlichtweg ein Staatsterrorist.

Seine kompromisslose Härte und sein Hang zu unkontrollierbaren Alleingängen kostete den nicht allein wegen seiner massigen Figur "Bulldozer" genannten General mehr als einmal die Karriere. Als 1982 christliche Milizen in den libanesischen Flüchtlingslagern Sabrah und Schatila unter den Augen der israelischen Besatzer Massaker an Hunderten Zivilisten verübten, musste Scharon als Verteidigungsminister zurücktreten. Eine Kommission gab ihm eine persönliche Mitverantwortung an dem Verbrechen. Scharon selbst nannte dies später sein "Kainsmal".

Doch so wie Scharon sich von zahlreichen privaten Rückschlägen - sein elfjähriger Sohn wurde bei einem Unfall mit einem ungesicherten Gewehr auf seiner Farm erschossen, seine erste Frau starb bei einem Autounfall, seine zweite Frau erlag einem Krebsleiden - immer wieder erholte, so rappelte er sich auch von politischen Niederlagen stets wieder auf. Nach und nach bekleidete er zahlreiche Ministerposten und nutzte sie alle für seine Sache: Als Landwirtschaftsminister forcierte er massiv den Siedlungsbau in den besetzten Gebieten - auch das trug zum Spitznamen "Bulldozer" bei. Unvergessen sein provokanter Ausspruch als Außenminister 1998 kurz vor neuen Verhandlungen in den USA über eine künftige Landaufteilung: An die Adresse der Siedler sagte er, sie sollten "rennen und sich soviel Land wie möglich greifen, um die Siedlungen zu vergrößern. Alles, was wir jetzt nehmen, wird später unser bleiben, alles, was wir nicht nehmen, geht an sie (die Palästinenser)."

Doch es war derselbe Scharon, der sich nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten 2001 mit seiner konservativen Likud-Partei überwarf, sie gar verließ, weil er den einseitigen und bedingungslosen Rückzug Israels aus dem ebenfalls 1967 eroberten Gaza-Streifen wollte, inklusive der Aufgabe aller Siedlungen dort. Ein radikalerer Kurswechsel war kaum vorstellbar, und Scharon nannte seine Entscheidung in der historischen Parlamentssitzung darüber im Oktober 2004 "unerträglich schwer." In seiner gesamten Laufbahn als Soldat und Politiker habe er niemals eine so schwierige Entscheidung zu treffen gehabt. "Als jemand, der in allen israelischen Kriegen gekämpft und aus eigener Erfahrung gelernt hat, dass wir ohne Stärke keine Chance auf ein Überleben in dieser Region haben, die keine Gnade mit den Schwachen kennt, habe ich doch auch aus Erfahrung gelernt, dass das Schwert allein diesen bitteren Streit in diesem Land nicht entscheiden kann", sagte Scharon. Der bedingungslose Abzug aus Gaza könne "uns auf dem Pfad des Friedens mit den Palästinensern und unseren anderen Nachbarn" voranbringen, so die Worte des einstigen Scharfmachers. Zuviel für seinen innerparteilichen Gegenspieler, den damaligen Finanzminister Benjamin Netanjahu. Der heutige Regierungschef trat wenige Monate später aus Protest gegen Scharon zurück. Scharon seinerseits verließ kurz nach dem Gaza-Abzug den Likud und kündigte seinen Rücktritt sowie Neuwahlen an, bei denen er an der Spitze seiner neuen Bewegung "Kadima" (Vorwärts) antreten würde. Die Wahl im März 2006 gewann Kadima mit großem Abstand und mehr als doppelt so vielen Mandaten wie der Likud. Doch die Früchte dieses Triumphes konnte Scharon nicht mehr einfahren. Schon kurz nach der Kadima-Gründung hatte er 2005 einen kleineren Schlaganfall erlitten. Im Januar 2006 erlitt er starke Hinblutungen. Seitdem lag er im Koma. Die Amtsgeschäfte übernahm sein Stellvertreter Ehud Olmert, der ihm auch im Amt nachfolgte.

Mit Scharon verlor Israel einen der letzten Politiker jener Gründergeneration, die über die Autorität verfügten, extrem schwierige Entscheidungen wie Zugeständnisse für einen Nahost-Frieden glaubhaft durchzusetzen. Als letzter dieser Generation wird der 90-jährige Präsident Schimon Peres nicht müde, für eine Zweistaatenlösung zu werben. Es war der frühere "Falke" Scharon, der den Friedensnobelpreisträger Peres 2006 nach 60-jähriger Mitgliedschaft in der Arbeitspartei zum Übertritt in seine Kadima überzeugt hatte.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen Zentralbank der Zentralbanken warnt vor Blasen im Finanzsystem

Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich wählt ihre Worte mit Bedacht. Im Klartext warnt sie vor dem Platzen riesiger...

DWN
Politik
Politik Zwischen Europa und Russland tobt ein harter Kulturkampf

Der geopolitische Wettbewerb zwischen Europa und Russland nimmt Konturen eines Kulturkampfs an, bei dem es um Religion, Familienwerte und...

DWN
Finanzen
Finanzen Lieferketten-Chaos und hohe Transportkosten fachen Inflation in Europa an

Produzenten geben die teils deutlich gestiegenen Kosten an die Kunden weiter, die Inflation in Europa erreicht die Geschäfte und...

DWN
Deutschland
Deutschland Corona-Ticker: Stimmungsumschwung - Große Mehrheit der Deutschen für Lockerungen und Öffnungen

Erstmals seit Beginn des Lockdowns im Dezember plädiert eine deutliche Mehrheit der Deutschen für ein Ende der Corona-Beschränkungen....

DWN
Finanzen
Finanzen Es ist noch nicht zu spät: Warum Immobilien auf dem Land eine Chance sind

Trotz der sinkenden Lebensqualität in den Städten infolge von Corona kann das Statistische Bundesamt noch immer keine Flucht aufs Land...

DWN
Deutschland
Deutschland Verrückte Entwicklung: Immobilien-Preise auf Sylt steigen wegen Corona

Der rasante Anstieg der Immobilienpreise auf Sylt wird durch die Corona-Pandemie verstärkt.

DWN
Finanzen
Finanzen Erster Schritt zum Billionen-Konjunkturpaket aus den USA erfreut deutsche Anleger

Die Börsen haben sich in der vergangenen Woche etwas labil gezeigt. Heute Morgen hingegen haben sie sehr fest eröffnet.

DWN
Finanzen
Finanzen Bargeld boomt: Die Federal Reserve überschwemmt die Welt mit Dollar-Banknoten

Die Nachfrage nach Dollar-Banknoten zieht derzeit weltweit spürbar an – ein Beleg für die Flucht der Bürger in den sicheren Hafen...

DWN
Politik
Politik Die Politik beschließt Corona-Maßnahmen nach dem Mephisto-Prinzip

DWN-Kolumnist Christian Kreiß wendet zur Beurteilung der Corona-Maßnahmen ein neues Verfahren an. Die Ergebnisse sind verblüffend.

DWN
Politik
Politik Italien: Ein Land kann seinen größten Trumpf nicht nutzen

In der elften Folge der großen geopolitischen DWN-Serie zeigt Moritz Enders auf, warum Italien sein Potential als Regionalmacht nicht...

DWN
Politik
Politik Südostasiens Drahtseilakt zwischen den Giganten: Wo führt China, wo die USA? - Teil 2

Wie tief und verlässlich die bilateralen Beziehungen der Vereinigten Staaten und Chinas zu ihren Partnern in Südostasien sind, lässt...

DWN
Deutschland
Deutschland Immunologe: Merkel soll sich live im Fernsehen impfen lassen

Angesichts der verbreiteten Skepsis gegenüber dem Impfstoff von AstraZeneca schlägt ein Immunologe eine Live-Impfung Merkels im Fernsehen...

DWN
Politik
Politik „Trump ist der Anführer der konservativen Bewegung“

Der republikanische Kongressabgeordnete Jim Jordan sieht den früheren US-Präsidenten Donald Trump auch nach dessen Wahlniederlage an der...

DWN
Politik
Politik Der Konzern-Sozialismus kommt: „Great Reset“ ist das Todesurteil für den deutschen Mittelstand

Die Ziele im Rahmen des „Great Reset“ und der Pandemie bedrohen vor allem den deutschen Mittelstand. Über 99 Prozent aller Unternehmen...