Finanzen

Wall Street in Sorge: Trump könnte nicht nur die NATO zerstören, sondern auch das Finanzsystem

In der vergangenen Woche spiegelte sich an der Wall Street wider, dass wir in außergewöhnlichen Zeiten leben. Aktienmarktstrategen und Fondsmanager sind zwar extrem optimistisch in Bezug auf Aktien, doch Donald Trump plant offenbar die Neugestaltung des globalen Finanzsystems - das besorgt Investoren und Börsenexperten.
25.02.2025 05:55
Lesezeit: 3 min

Morgan Stanley-CIO Mike Wilson priorisiert Aktien qualitativ hochwertiger Unternehmen mit hoher Marktkapitalisierung

Mike Wilson, Chief Investment Officer (CIO) von Morgan Stanley, erklärt, dass die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen ein Niveau erreicht haben, das darauf hindeutet, dass Anleger ihre Investitionen gezielter auf bestimmte Bereiche des US-Aktienmarktes konzentrieren sollten.

„Im Dezember haben wir beschlossen, dass 4 bis 4,5 Prozent eine gute Spanne für Aktienbewertungen ist, unter der Annahme, dass Wachstum und Gewinne auf derselben Bahn bleiben. Wir sehen 4,5 Prozent als eine entscheidende Schwelle für die Aktienbewertungen“, sagte er in der Bank-Podcastreihe Thoughts on the Market.

„Die Renditen erreichten vergangene Woche 4,574 Prozent, gingen jedoch zu Beginn des Freitagshandels leicht auf 4,499 Prozent zurück. Jetzt sind Gewinne der Haupttreiber für die Renditen, und das wird auch in absehbarer Zukunft so bleiben“, fügte er hinzu. Daher priorisiert Morgan Stanley Aktien qualitativ hochwertiger Unternehmen mit hoher Marktkapitalisierung. Bevorzugt werden zudem Software- gegenüber Halbleiterunternehmen sowie der Dienstleistungs- gegenüber dem Warenbereich. Für eine defensive Anlagestrategie setzt die Bank eher auf Versorgungsunternehmen als auf Immobilienfonds oder Gesundheitsaktien.

Marktanalyst Jim Bianco: Warum sollte Trump nicht das Finanzsystem zerschlagen?

Jim Bianco, Gründer von Bianco Research und ein erfahrener Marktanalyst, lud seine Kunden diese Woche in Donald Trumps Resort „Mar-A-Lago“ in Palm Beach, Florida, ein, um über eine mögliche Umschuldung der US-Staatsverschuldung zu diskutieren. Ähnlich wie das Plaza-Abkommen von 1985 und das Bretton-Woods-Abkommen von 1944, die das moderne Finanzsystem geformt haben, ist das „Mar-A-Lago-Abkommen“ nach dem Ort benannt, an dem es konzipiert würde.

„Das ‚Mar-A-Lago-Abkommen‘ ist nichts Greifbares, sondern eher ein Konzept“, erklärte Bianco in einem online übertragenen Webinar. „Es ist ein Plan zur Umgestaltung eines Teils des Finanzsystems.“ Viele der diskutierten Ideen stammen von Stephen Miran, einem Kandidaten für Trumps wirtschaftliche Spitzenberatung, der eine Reform des globalen Handelssystems vorschlägt, um wirtschaftliche Ungleichgewichte zu korrigieren, die durch den „ständig überbewerteten US-Dollar“ verursacht werden.

Bianco selbst betont, dass es sich lediglich um Diskussionen handelt, die wahrscheinlich niemals umgesetzt werden. Unter den besprochenen Vorschlägen befand sich jedoch die Schaffung eines Staatsfonds sowie – als radikalste Idee – der Ersatz eines Teils der US-Staatsschulden durch 100-jährige Anleihen mit einem Zinssatz von null Prozent. „Man sollte diese Ideen ernst nehmen, aber nicht wörtlich“, sagt Bianco über die radikaleren Vorschläge. „Wenn Donald Trump bereit ist, die NATO auseinanderzunehmen, warum sollte er dann nicht auch das Finanzsystem zerschlagen?“

Anlagespezialist Scott Rubner rechnet mit einer Korrektur des S&P-500-Index

Scott Rubner, Geschäftsführer und taktischer Anlagespezialist der globalen Märkte bei Goldman Sachs, rechnet mit einer Korrektur des S&P-500-Index. „Die Dynamik der Kapitalströme wird sich ab Montag radikal verändern, und ich erwarte eine Korrektur“, erklärte er in einem Bericht an Kunden am Dienstag vergangener Woche.

Die Nachfrage nach Aktien durch Privatanleger dürfte sich im Vorfeld der Steuerzahlungssaison im März verlangsamen. Auch die Kapitalströme von Pensionsfonds könnten aufgrund saisonaler Faktoren versiegen – Januar und Februar sind typischerweise die aktivsten Monate für Vermögensumschichtungen, während es im März ruhiger wird.

Auch die Stimmung unter Trendfolgern am Markt deutet auf eine bärische Phase hin. In den kommenden vier Wochen dürften sie etwa 61 Milliarden Dollar in US-Aktien abstoßen, falls die Märkte nach unten drehen. Im Vergleich dazu würden sie lediglich 10 Milliarden Dollar investieren, wenn die Kurse steigen. Die Situation am Optionsmarkt entwickelt sich in die gleiche Richtung – am Freitag laufen zahlreiche Optionen aus, die bisher einen Rückgang der Märkte verhindert haben.

Citigroup sieht mehr Risiken auf kurze bis mittlere Sicht

Analysten von Citigroup teilen diese Einschätzung und glauben, dass das Wachstum des S&P-500-Index seinen Höhepunkt erreicht hat. Angesichts der Politik von Donald Trump könnte der diesjährige Zuwachs von 4,5 Prozent im Aktienmarkt „das Beste sein, was wir bekommen“. Der Markt geht davon aus, dass eine neue Trump-Regierung wirtschaftsfreundliche Maßnahmen ergreifen wird.

„Wir bestreiten das nicht, aber wir glauben auch, dass der damit verbundene Störfaktor für Unternehmensbewertungen noch nicht vollständig eingepreist wurde“, so Citigroup. „Unsere Prognosen für das Gesamtjahr bleiben unverändert, aber wir sehen mehr Risiken auf kurze bis mittlere Sicht“, heißt es weiter. Die Analysten hatten das Marktwachstum im letzten Jahr korrekt vorhergesagt und prognostizieren nun, dass der S&P 500 das Jahr bei 6.500 Punkten abschließen wird – etwa 7 Prozent über dem Stand vom Freitag.

Umfrage der Bank of America: Wie überbewertet sind US-Aktien?

Eine von der Bank of America durchgeführte Umfrage unter globalen Fondsmanagern zeigte am Dienstag, dass Investoren derzeit äußerst optimistisch in Bezug auf Aktien sind. Die Cash-Bestände sind auf dem niedrigsten Stand seit 2010, und 34 Prozent der Befragten erwarten, dass Aktien in diesem Jahr die beste Anlageklasse sein werden.

„Investoren setzen auf Aktien (long) und gegen alles andere (short)“, kommentiert Mark Harnett, Chefstratege der Bank. Der „bullische Stimmungsindikator“, der verschiedene Aspekte der Umfrage bewertet, stieg von 6,1 auf 6,4, bleibt jedoch unter dem „überhitzten“ Niveau vom April 2024.

89 Prozent der Befragten halten US-Aktien für überbewertet – der höchste Wert seit mindestens April 2001. Viele Investoren verlagern ihr Kapital nach Europa, wo der Euro Stoxx-Index in diesem Jahr voraussichtlich besser abschneiden wird als der US-Nasdaq 100. Zudem erreichte der Anteil der Investoren, die in den kommenden zwölf Monaten eine Stagflation in den USA erwarten – also ein niedrigeres als übliches Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig erhöhter Inflation – den höchsten Stand seit sieben Monaten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Cum-Ex-Skandal: Kronzeuge Steck im DWN-Interview – der Betrug, den Politik und Banken gemeinsam möglich machten
17.03.2026

Zehn Milliarden Euro Schaden, tausende Beschuldigte – und bis heute keine politische Verantwortung. Der Cum-Ex-Kronzeuge und Autor Dr....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Straße von Hormus im Krisenmodus: Globale Lieferketten geraten unter Druck
17.03.2026

Die faktische Blockade der Straße von Hormus bringt zentrale Handelsströme ins Stocken und treibt Energie- sowie Transportkosten weltweit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entwurf zur EnWG-Reform bringt Reiche unter Druck – was das Netzpaket-Aus konkret bedeutet
17.03.2026

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche plant, den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien mit neuen Bedingungen zu versehen. Sie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ende der Zitterpartie: EU und USA einigen sich auf neuen Zoll-Pakt
17.03.2026

Hinter den Kulissen von Brüssel und Washington wurde lange gepokert, doch jetzt steht der Kurs fest: Die EU-Parlamentspräsidentin Roberta...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Lichtblick am Ende des Tunnels: Autoindustrie nimmt 2026 wieder Fahrt auf
17.03.2026

Die Schockwellen der ersten Gewinnwarnungen verrauchen langsam. Dank eines starken Schlussspurts der Audi-Gruppe zeigt das Barometer für...

DWN
Politik
Politik Sondervermögen Schulden: Milliarden werden zur Stopfung von Haushaltslöchern missbraucht
17.03.2026

Etikettenschwindel bei den Staatsfinanzen? Das Münchner Ifo-Institut wirft der Bundesregierung vor, neue Milliardenschulden massiv...

DWN
Politik
Politik Nach Iran und Venezuela: Trump erhöht massiv den Druck auf Kuba
17.03.2026

US-Präsident Donald Trump nimmt nach Teheran und Caracas nun offenbar das nächste Ziel in den Fokus: Kuba. Mit einer offen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Brennende Tanker, blockierte Routen: Wie gelangt das Golf-Öl jetzt noch zum Kunden?
17.03.2026

Die Schlagader der Weltwirtschaft ist fast zum Erliegen gekommen: Seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs wagen nur noch wenige Schiffe die...