Der Chef als entscheidendes Bindeglied
Der Vorgesetzte ist mehr als eine Funktion – er prägt die Kultur, das Vertrauen und die Bindung im Unternehmen. Eine Untersuchung der Plattform iHire ergab, dass 30 Prozent der Mitarbeiter ihren Job wegen schlechter Führung aufgeben, 28 Prozent wegen Unzufriedenheit mit ihrem direkten Chef. Laut Gallup sind 42 Prozent überzeugt, dass die Führung sie hätte halten können. Das berichten die Kollegen von Verslo žinios. „Ein Chef wird immer als besondere Figur wahrgenommen – entsprechend hoch und oft widersprüchlich sind die Erwartungen“, sagt Irma Simonkevičienė, Partnerin der Personalberatung Simple Search. „Er soll alles wissen und zugleich strategisch denken, empathisch sein, aber Autorität wahren. Das verlangt Balance und Urteilsvermögen.“
Balance zwischen Nähe und Autorität
Die moderne Arbeitswelt sendet widersprüchliche Signale: Der Chef soll alles im Blick behalten, aber kein Mikromanager sein. Er soll menschlich und zugänglich wirken, ohne an Durchsetzungskraft zu verlieren. „Die wichtigste Fähigkeit einer Führungskraft ist heute, die richtige Balance zu finden und zu erkennen, welche Entscheidung in einer Situation den größten Mehrwert schafft – für das Unternehmen und die Menschen darin“, sagt Simonkevičienė. Weltweit verlässt laut Studien jeder zweite Mitarbeiter sein Unternehmen wegen Führungsproblemen. „Die Menschen kündigen nicht der Firma, sondern dem Chef“, fasst sie zusammen. Auch die von Verslo Žinios befragten Direktoren bestätigen die zentrale Rolle der Führung. Irmantas Pakatilis, Geschäftsführer von Adeo Web, schätzt, dass das Image des CEOs zu rund 40 Prozent die Entscheidung für oder gegen einen Arbeitsplatz bestimmt. Tomas Burovas, Chef des Telekommunikationsanbieters Cgates, geht noch weiter: „Bis zu 70 Prozent der Mitarbeitermotivation hängen vom Chef ab. Viele wählen nicht das Unternehmen, sondern die Person, mit der sie zusammenarbeiten wollen.“ Linas Kėvelaitis, Direktor von Reynaers Aluminium, beschreibt den Vorgesetzten als „Puffer zwischen Ergebnisdruck und Belegschaft“. Wenn dieser Puffer funktioniere, laufe der Motor des Unternehmens rund. „Menschen spüren, ob sich jemand ehrlich um sie kümmert oder nur formell. Der Chef muss eine Persönlichkeit sein, der man folgen will.“
Merkmale guter Führung
Gute Führung basiert heute weniger auf Kontrolle als auf Kommunikation. Empathie, Transparenz und Vertrauen ersetzen autoritäre Vorgaben. „Mitarbeiter wollen nicht nur wissen, was entschieden wurde, sondern auch warum“, betont Simonkevičienė. „Transparente Entscheidungen stärken das Vertrauen – auch in Krisenzeiten.“ Psychotherapeut Dr. Julius Neverauskas ergänzt: „Menschen verlassen nicht das Unternehmen, sondern den Chef. Selbst in schwierigen Phasen bleiben sie, wenn die Beziehung motivierend ist. Entscheidend ist reife Führung: Vertrauen schaffen, unterstützen, Entwicklung fördern.“
Die Kunst, Mitarbeiter zu halten
Der Führungsstil signalisiert Bewerbern und Beschäftigten, welche Kultur im Unternehmen herrscht. Inspirierende, integre und zugängliche Vorgesetzte werden selbst zum Motivationsfaktor.
Stärken erfolgreicher Chefs:
- Inspirierend: vermitteln Sinn und Richtung.
- Empathisch: hören zu, schaffen echte Bindung.
- Konsequent: handeln fair und verlässlich.
- Ermächtigend: geben Verantwortung und Vertrauen.
- Lernbereit: entwickeln sich selbst weiter.
- Positiv: fördern Chancenbewusstsein statt Angst.
Eigenschaften, die abschrecken:
- Mikromanagement und Misstrauen.
- Inkonsequenz und Stimmungsschwankungen.
- Autoritarismus und Egozentrik.
- Mangelnde Anerkennung und Distanz.
(Quelle: Dr. Julius Neverauskas)
Führung ist heute weniger Hierarchie als Beziehung. Sie entscheidet über Motivation, Leistung und Loyalität. Wo Chefs Vertrauen, Transparenz und Menschlichkeit leben, entsteht Bindung. Wo Kontrolle, Willkür und Distanz dominieren, gehen die Besten zuerst.

