Wirtschaft

Chefin der Wirtschaftsvereinigung Stahl warnt: Die Deindustrialisierung ist real

Kerstin Maria Rippel ist Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Im DWN-Interview sagt sie, dass Berlin nach dem Stahlgipfel die richtigen Zeichen gesendet hat, zentrale Weichenstellungen jedoch in Brüssel feststecken. Sie erklärt außerdem, warum die Branche ohne wirksamen Handelsschutz, verlässliche Energiepreise und Fortschritte beim Wasserstoffhochlauf in existenzielle Schieflage geraten könnte.
20.12.2025 11:00
Lesezeit: 11 min
Chefin der Wirtschaftsvereinigung Stahl warnt: Die Deindustrialisierung ist real
Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, warnt vor Deindustrialisierung (Foto: dpa). Foto: Sebastian Kahnert

Deutsche Wirtschaftsnachrichten (DWN): Frau Rippel, erst gerät die deutsche Autoindustrie unter Druck, nun steht die deutsche Stahlbranche in der Krise. Droht uns hier der nächste industrielle Kernverlust?

Kerstin Maria Rippel: Wenn nicht konsequent und schnell politisch gegengesteuert wird, sieht es schlecht aus, ja. Denn die Stahlindustrie in Deutschland ist mit multiplen Krisen konfrontiert – und die schlechte Verfassung der Autoindustrie spielt dabei eine Rolle. Denn die ist Sinnbild einer enormen Nachfrageschwäche, die weit über das hinaus geht, was wir während der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 erlebt haben.

Zudem ist unsere Krise nicht nur konjunkturell bedingt, sondern doppelt strukturell: Unsere Unternehmen leiden unter dem enormen Standortnachteil zu hoher Strompreise – und enormem Importdruck, der auf den europäischen Markt ausgeübt wird. Verursacht werden diese Massenimporte durch seit Jahren aufgebaute Überkapazitäten, insbesondere in Asien. Diese Gemengelage setzt die Stahlwerke extrem unter Druck – und das auch noch in einer Phase, in der sich die Branche mitten im Umbau zur Klimaneutralität befindet.

DWN: Bundeskanzler Merz sprach nach dem Treffen im Kanzleramt von einer existenzbedrohenden Krise der Branche und betonte, dass Politik und Industrie darin übereinstimmen, welche Schlussfolgerungen nun zu ziehen sind. Welche Schlussfolgerungen sind aus Branchensicht zu ziehen?

Rippel: Der Kanzler hat die richtigen Worte gefunden. Diese Krise ist existenzbedrohend. Deshalb war das Signal, das vom Stahldialog ausging, so wichtig: Politik, Wirtschaft und übrigens auch Gewerkschaften sind sich nicht nur einig, dass dringend gehandelt werden muss sondern auch darüber, was jetzt konkret zu tun ist. Es braucht:

  • Einen langfristig wirksamen Außenhandelsschutz, der ein aus den Fugen geratenes System wieder in die Balance bringt. Und einen lückenlosen Schutz vor Carbon Leakage, also der Abwanderung energieintensiver Produktion in andere Weltregionen.
  • International wettbewerbsfähige Energiepreise – angefangen beim Strompreis – und Tempo beim Wasserstoffhochlauf.
  • Eine gezielte Stärkung der Nachfrage nach emissionsarmem Stahl aus Deutschland und der EU in den jetzt anstehenden Vergaberechtsnovellen auf deutscher und europäischer Ebene.

Die gemeinsame Schlussfolgerung ist klar: Diese Maßnahmen müssen jetzt schnell kommen. Sonst droht dem Industriestandort Deutschland durch das Reißen der Wertschöpfungsketten irreparabler Schaden.

DWN: Ein zentraler Punkt ist nach wie vor die hiesige Förderstruktur für eine klimafreundliche Stahlproduktion. Reichen die bestehenden Programme aus oder braucht es eine grundlegend neu aufgesetzte Förderarchitektur?

Rippel: Klar ist: Der durch die Klimaziele vorgegebene stufenweise Umbau zu einer klimaneutralen Industrieproduktion ist mit erheblichen Investitionen und Mehrkosten verbunden – ohne dass die Unternehmen dafür einen Business Case gehabt hätten. Instrumente zur Anschubfinanzierung waren deshalb notwendig.

Im Augenblick ist das zukunftsweisende Instrument vor allem das der Leitmärkte. Denn dadurch werden Anreize für den Einsatz des emissionsarmen Stahls gesetzt. Begonnen werden sollte damit bei der öffentlichen Beschaffung. Hier gilt: Wer bestellt, muss auch zahlen. Und das ist die öffentliche Hand. Ein Staat der Klimaziele vorgibt, muss meiner Meinung die klimaneutralen Produkte dann auch abnehmen – jedenfalls dann, wenn er glaubwürdig bleiben will.

Wichtig ist zudem, dass endlich die größten Standortnachteile und grundlegenden Rahmenbedingungen angegangen werden. Beginnend mit den international nicht wettbewerbsfähigen Strompreisen. Die sind insbesondere für unsere mittelständisch geprägten Elektrostahlunternehmen längst zu einer existenziellen Bedrohung geworden. Das Absurde daran: Gerade diejenigen Unternehmen, die heute schon vergleichsweise emissionsarm Stahl auf Basis von Schrott und Strom produzieren, sind besonders betroffen.

DWN: Vor diesem Hintergrund: Aus dem Treffen im Kanzleramt sind konkrete Maßnahmenvorschläge zu Handelsschutz, Energiepreisen und Transformationsförderung hervorgegangen. Wie bewerten Sie die Ergebnisse im Hinblick auf die Erwartungen Ihrer Branche?

Rippel: Es war ein Treffen, aus dem sowohl unsere Mitgliedsunternehmen als auch die Gewerkschaften mit vorsichtigem Optimismus herausgegangen sind. Denn die Bundesregierung hat nicht nur die dramatische Lage anerkannt, sondern auch Klartext gesprochen und das Ziel einer „echten Stahl-Strategie“ formuliert.

Ziel ist es, wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen zu schaffen und den Weg in eine erfolgreiche Zukunft aktiv zu begleiten. Genau darum muss es jetzt gehen: vom Handelsschutz über Energiepreise bis hin zu Leitmärkten für zunehmend emissionsarmen Stahl – etwa durch eine öffentliche Beschaffung, die Stahl aus EU-Produktion bevorzugt. Entscheidend ist, dass die Maßnahmen jetzt auch umgesetzt werden.

DWN: Die Bundesregierung hat die Lage der Stahlindustrie weit oben auf die Agenda gesetzt. Wie verlässlich ist dieses politische Signal und was erwarten Sie nun an konkreten Schritten?

Rippel: Die Ankündigung einer Stahl-Strategie ist außergewöhnlich konkret und die Bundesregierung weiß jetzt, was sie unmittelbar tun kann – unter anderem dafür zu sorgen, die Netzentgelte über 2026 hinaus langfristig abzusenken.

Gleichzeitig gilt: Viele zentrale Entscheidungen werden in Brüssel getroffen oder zumindest maßgeblich mitbestimmt – etwa beim Handelsschutz oder beim Industriestrompreis. Aktuell verhindert der europäische Beihilferahmen, dass der geplante Industriestrompreis gerade der energieintensiven Stahlindustrie tatsächlich hilft. Deshalb kommt es jetzt auf das Zusammenspiel von Berlin und Brüssel an.

Konkret bedeutet das:

  • Die Bundesregierung muss sich in Brüssel klar für einen robusten Handelsschutz gegen Dumping und Überkapazitäten einsetzen.
  • Lücken beim CBAM müssen spätestens bis zum 1. Januar 2026 geschlossen werden.
  • Solange CBAM nicht voll funktioniert, braucht es die Fortführung der freien Zuteilung.
  • Wir brauchen eine dauerhafte Absenkung der Netzentgelte, eine Verstetigung und Ausweitung der Strompreiskompensation – und möglichst bald einen Industriestrompreis von 3 bis 6 Cent/kWh inklusive Netzentgelten und allen Umlagen und Abgaben.
  • Zudem braucht es beim Wasserstoff den schnellen Aufbau des Kernnetzes und der europäischen Pipeline-Verbindungen, pragmatische Regulierung und staatliche Risikoabsicherungen.

DWN: Mehrere Branchenvertreter haben im Vorfeld des Treffens gefordert, staatliche Investitionen stärker an den Einsatz europäischen Stahls zu koppeln. Marie Jaroni von Thyssenkrupp Steel warnte sogar, es könne nicht sein, dass deutsche Steuermilliarden bei asiatischen Herstellern landen. Unterstützen Sie die Forderung nach solchen europäischen Einsatzquoten und wie realistisch wäre deren Umsetzung in der Praxis?

Rippel: Der Staat muss als guter Kunde vorangehen. Es sollte zur Selbstverständlichkeit werden, dass bei öffentlichen Investitionen Stahl aus Deutschland und der EU eingesetzt wird. Gerade bei der öffentlichen Beschaffung haben wir mit dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität eine Riesenchance, drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, wenn wir es richtig angehen: Den Industriestandort sichern, den Klimaschutz voranbringen und die Konjunktur ankurbeln.

In der aktuellen Reform des Vergaberechts liegt für mich eine historische Chance – und das auf nationaler wie auf EU-Ebene. Für den privaten Sektor halte ich Anreizsysteme für den besten Weg. Nehmen wir die Autoindustrie: Da haben wir Ansätze entwickelt, mit denen etwa der Einsatz von grünem Stahl bürokratiearm auf die Flottengrenzwerte anzurechnen sind. Und wenn der Stahl aus der EU stammt, dann sollten die Unternehmen dafür einen Bonus erhalten – einen Supercredit. Und weil dieser Ansatz verschiedene Perspektiven mitdenkt, halte ich ihn für europäisch umsetzbar.

DWN: Der europäische Markt steht unter Druck durch ein Überangebot und die Umlenkung asiatischer Stahlmengen. Wie stark wirken sich diese Marktverwerfungen derzeit auf die hiesigen Produzenten aus?

Rippel: Die Auswirkungen sind dramatisch. Wir sind in einer Situation, in der mittlerweile jede dritte Tonne Stahl in der EU aus Drittstaaten stammt. Die Gründe dafür sind globale Überkapazitäten von derzeit über 600 Millionen Tonnen – Tendenz steigend –, subventionierte Billigexporte aus China, massive US-Stahlzölle – und das kombiniert mit einer historisch niedrigen Nachfrage in Europa. Das ist existenzbedrohend für die gesamte Branche! Deshalb sind wir so dringend auf das neue Schutzinstrument angewiesen, das die EU-Kommission im Oktober vorgestellt hat. Und deshalb sind wir dankbar, dass Bundeskanzler Friedrich Merz beim Stahldialog zugesagt hat, dass die Bundesrepublik und er persönlich dieses Instrument unterstützt!

DWN: Die Wirtschaftsvereinigung Stahl drängt auf einen wirksameren Handelsschutz der EU. Welche Instrumente sind aus Ihrer Sicht unbedingt notwendig, damit ein fairer Wettbewerb entsteht?

Rippel: Anfang Oktober hat die EU-Kommission ihre Vorschläge für ein neues Handelsschutzinstrument im Stahlbereich vorgestellt, das tatsächlich Abhilfe schaffen kann. Wir begrüßen den Vorschlag unbedingt – auch weil der Ansatz mit Blick auf die stahlverarbeitenden Branchen ausgewogen ist. Denn das Quotensystem, das eingeführt werden soll, sieht vor, dass jedes Jahr rund 18 Millionen Tonnen Importe weiterhin zollfrei in die EU eingeführt werden können. Das ist die Hälfte des gesamten in Deutschland produzierten Stahls! Erst danach greifen wirksame Zölle. Damit unterscheidet sich der EU-Ansatz deutlich von dem der USA, wo sämtliche Importe ab Tonne eins pauschal mit einem 50-Prozent-Zoll belegt sind.

DWN: Die Transformation der Branche hängt häufig an Genehmigungen für staatliche Beihilfen. Welche Änderungen im europäischen Beihilferecht wären notwendig, damit klimafreundliche Produktionsprojekte schneller und verlässlicher realisiert werden können?

Rippel: Das europäische Beihilferecht bildet den tiefgreifenden Umbau zur Klimaneutralität unserer und anderer Branchen bislang nicht ausreichend ab. Dabei ist das Voraussetzung dafür, klimafreundliche Technologien schneller in die Breite zu bringen. Entscheidend ist vor allem eine grundlegende Vereinfachung und Beschleunigung der Verfahren. Denn derzeit sind komplizierte und langwierige Verfahren neben der mangelnden Kombinierbarkeit von nationalen und europäischen Förderprogrammen ein echtes Problem

Ein Beispiel, wo der Beihilferahmen dringend weiterentwickelt werden muss, ist der Industriestrompreis: denn im Augenblick führen zahlreiche Beschränkungen im Clean Industrial State Aid Framework (CISAF) dazu, dass das, was dort als „Industriestrompreis“ bezeichnet wird, stromintensiven Industrien wie die Stahlindustrie keine Entlastung bringt.

DWN: Die hohen Energiepreise gelten seit Jahren als struktureller Standortnachteil der deutschen Stahlproduktion. Wenn Sie auf die internationalen Wettbewerber blicken: Welche grundlegenden Preis- und Abgabenmechanismen müssten sich ändern, damit der Standort wieder konkurrenzfähig werden kann?

Rippel: Kommen wir einmal zu den guten Nachrichten: Einen ersten wichtigen Schritt hat die Bundesregierung ja kürzlich mit der Wiedereinführung des Zuschusses zu den Übertragungsnetzentgelten für 2026 gemacht. Das ist für unsere Branche notwendig, aber leider auch längst überfällig. Denn seit dem 1.1.2024 sind die Übertragungsnetzentgelte explosionsartig um 130 Prozent angestiegen – was die Unternehmen seitdem massiv belastet. Allein für die Stahlindustrie in Deutschland summieren sich die Mehrkosten seit dem Wegfall des Zuschusses auf 300 Millionen Euro – pro Jahr.

Was jetzt wichtig ist, um Planungssicherheit zu bekommen: die Entlastung muss für die Zukunft verstetigt werden. Und um tatsächlich international wettbewerbsfähig zu sein brauchen wir letztlich eine ganzheitliche, nachhaltige und sehr konkrete Lösung: Einen international wettbewerbsfähigen Strompreis für die Industrie von dreißig bis sechzig Euro pro Megawattstunde ‚all in‘ – also inklusive Netzentgelte und Abgaben und Umlagen.“

DWN: Auf dieser strukturellen Ebene stellt sich im nächsten Schritt die Frage nach konkreten Instrumenten, mit denen die Politik kurzfristig Wirkung erzielen kann. In der politischen Diskussion spielt ein Industriestrompreis weiterhin eine wichtige Rolle. Welche Ausgestaltung wäre aus Sicht der Wirtschaftsvereinigung Stahl sinnvoll, damit Unternehmen kurzfristig Planungssicherheit erhalten?

Rippel: Kurzfristig ist enorm wichtig, dass sich die Bundesregierung weiter für eine Verlängerung der sogenannten Strompreiskompensation über 2030 hinaus stark macht; und dass sie sich für eine Vertiefung dieser Entlastung durch eine Erhöhung der Beihilfegrenze einsetzt.

DWN: Gleichzeitig betonen viele Unternehmen, dass selbst ein gut gestalteter Industriestrompreis nur ein Baustein sein kann und langfristig eine tragfähigere Lösung benötigt wird. Vor diesem Hintergrund: Welche Form einer dauerhaften und verlässlichen Energiepreisperspektive braucht die Stahlindustrie, damit Investitionsentscheidungen nicht ins Ausland verlagert werden?

Rippel: Mittelfristig muss der entsprechende Beihilferechtsrahmen – der Clean Industrial Deal State Aid Framework (CISAF) – weiterentwickelt werden, damit der Industriestrompreis auch von unseren stromintensiven Unternehmen in Anspruch genommen werden kann. Hier liegt der Ball nun bei der EU-Kommission. Ein wirksamer Industriestrompreis muss für den gesamten Stromverbrauch gelten und uneingeschränkt mit der CO2-Strompreiskompensation kombinierbar sein.

DWN: Auch die Struktur der Netzentgelte führt zu erheblichen Mehrkosten. Welche Reform halten Sie für unabdingbar, damit energieintensive Industrien in Deutschland verlässliche investieren können?

Rippel: Neben der Verstetigung der Netzentgelt-Bezuschussung brauchen wir meines Erachtens ein grundsätzliches Umdenken: Wir sollten die Bereitstellung der Infrastruktur für die Energiewende und den Umbau zur Klimaneutralität als Aufgabe der Daseinsvorsorge verstehen, definieren und entsprechend priorisieren. Eine staatliche Beteiligung an den Kosten und Zukunftsinvestitionen für den Auf- und Ausbau der Stromnetze und anderer Infrastrukturen – etwa zum Transport von Wasserstoff – ist für mich Kernelement einer strategischen Standortpolitik. Und dass wir die dringend brauchen, zeigt der Blick in jene Länder, die vor uns im Volkswirtschafts-Ranking stehen: China und die USA.

DWN: In einer Analyse von Oliver Wyman vom Mai 2025 wird Deutschland als das Land mit der geringsten Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Stahlsektor bezeichnet, verursacht unter anderem durch hohe Netzentgelte, hohe Arbeitskosten und einen intensiven Standortwettbewerb. Branchenkritiker werten dies als Beleg dafür, dass der technologische Wandel zu spät begonnen wurde. Wie ordnen Sie diesen Vorwurf ein?

Rippel: Wer sich intensiv in den letzten Jahren mit der Stahlindustrie in Deutschland beschäftigt hat, weiß: Dieser Vorwurf geht völlig an der Realität vorbei. Die Stahlindustrie ist Vorreiter beim Umbau zur Klimaneutralität. Im internationalen Vergleich hat die Branche früh in Pilotprojekte und neue Technologien investiert und tut es auch weiterhin – und das trotz der dramatischen wirtschaftlichen Lage. Erste Direktreduktionsanlagen werden ab 2027 in Betrieb gehen. Solange Wasserstoff nicht bezahlbar zur Verfügung steht, erstmal mit Erdgas. Aber schon dadurch lassen sich über 60 Prozent CO2 einsparen. Ziel bleibt der Einsatz von grünem Wasserstoff!

Zudem wird schon heute rund 30 Prozent des Stahls in Deutschland emissionsarm auf der Elektrostahlroute produziert. Was es den Stahlunternehmen derzeit so schwer macht, sind die noch immer fehlenden Rahmenbedingungen: vom massiven Importdruck, über die hohen Strompreise bis hin zum noch nicht verfügbaren Wasserstoff. Zu spät wurde höchstens mit dem Umbau des regulatorischen Rahmens begonnen – nicht mit dem Umbau der Industrie!

DWN: Einige Hersteller verlagern Projekte in Länder mit attraktiveren Energiepreisen oder besseren Förderstrukturen. Welche Schlüsse sollte die Bundesregierung aus diesem Trend ziehen?

Rippel: Das zeigt doch eins: Die Deindustrialisierung ist nicht nur ein theoretisches Konstrukt, sondern sie ist real. Verhindert werden kann sie nur, wenn jetzt schnell und konsequent ein Rahmen geschaffen wird, der eine wettbewerbsfähige Stahlproduktion in Europa auch weiterhin möglich macht – das ist übrigens auch die Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Umbau zur Klimaneutralität.

DWN: Der Aufbau einer verlässlichen Wasserstoffinfrastruktur ist entscheidend für CO₂-arme Stahlproduktion. Wie schätzen Sie Tempo und Realismus der bisherigen Planungen ein?

Rippel: Damit Wasserstoff wettbewerbsfähig wird, muss noch viel passieren – gerade auf der politischen Seite. Dort sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um den stockenden Wasserstoffhochlauf in Schwung zu bringen. Dazu gehört neben dem raschen Aufbau des Wasserstoffkernnetzes auch die zügige Schaffung von Importverbindungen. Auch braucht es eine staatliche Risiko-Absicherung der Wasserstofflieferungen an die Industrie.

Zudem ist Pragmatismus bei den Wasserstofffarben gefragt – denn was am Ende zählt, sind doch die CO2-Einsparungen. Und genau darauf zahlt übrigens unsere Flexibilität beim stofflichen Einsatz von Wasserstoff ein: Denn solange noch kein bezahlbarer Wasserstoff zur Verfügung steht, kann in den geplanten Direktreduktionsanlagen eben auch die Wasserstoffverbindung Erdgas eingesetzt werden.

DWN: Die deutsche Stahlindustrie sichert zehntausende hochwertige Industriearbeitsplätze und ist eng mit Tarifbindung und regionaler Wertschöpfung verbunden. Welche Rolle spielt der Erhalt dieser Arbeitsplätze in der Gesamtstrategie der Branche und welche Konsequenzen hätte ein weiterer Rückgang der Produktion?

Rippel: Die Stahlindustrie ist das Fundament der industriellen Wertschöpfung. Allein in Deutschland hängen rund 5,5 Millionen Arbeitsplätze in Zulieferindustrien und Abnehmerbranchen an stahlintensiven Wertschöpfungsketten. Die heimische Rohstahlproduktion bildet mit 37,2 Millionen Tonnen die Basis für den Maschinen- und Anlagenbau, die Automobilproduktion, den Schienen- und Straßenbau, die Energieversorgung und Netzinfrastruktur und ja, auch für die Verteidigungsindustrie.

Das IW Köln hat es in einer aktuellen Studie auf den Punkt gebracht: Etwa 605.000 Arbeitsplätze, die direkt an der Stahlproduktion in Deutschland hängen, sind durch die aktuelle Krise derzeit akut bedroht. Gleichzeitig verlieren wir laut EY-Industriebarometer Monat für Monat rund 10.000 Industriearbeitsplätze. Das ist ein Alarmsignal! Denn was heute an Wertschöpfung verloren geht, kommt nicht zurück. Deshalb gilt: Wer den sozialen Zusammenhalt in diesem Land sichern will, der muss die industrielle Basis sichern!

DWN: Politik und Wirtschaft verweisen zunehmend auf die sicherheitspolitische Bedeutung von Stahl. Welche Risiken entstehen für Deutschland, wenn die Primärproduktion weiter zurückgeht?

Rippel: Eine starke Stahlindustrie ist eine Frage der nationalen und europäischen Resilienz. Stahl ist systemrelevant, auch für unsere Verteidigung. Ohne eigene Stahlproduktion würden wir in Abhängigkeiten geraten und wären verwundbar. Ein Zustand, den in Zeiten eines Krieges mitten in Europa und geoökonomischen Verwerfungen niemand wollen kann.

Andersherum sichert eine starke, innovative Stahlbranche unsere industrielle Souveränität, schützt Arbeitsplätze und stärkt Deutschlands strategische Unabhängigkeit – auch im internationalen Machtgefüge. Das versteht die Politik sehr gut und deshalb hat Bundeskanzler Merz dies im Rahmen des Stahldialogs noch einmal ausdrücklich betont: „Die Stahlindustrie ist von großer Bedeutung für unseren Wirtschaftsstandort. Sie leistet einen wichtigen Beitrag zum Erhalt industrieller Wertschöpfungsketten und wirtschaftlicher Resilienz in Deutschland und Europa.“ Und hat das Ziel ausgegeben mit einer Stahl-Strategie nicht „die Stahlindustrie einfach nur zu erhalten, sondern (…) auch dabei (zu) begleiten, sich für die Zukunft erfolgreich aufzustellen.“

DWN: Mit Blick auf die kommenden Monate: Welche einzelne Entscheidung der Bundesregierung würde der Branche am schnellsten Stabilität und Planungssicherheit geben?

Rippel: Ein solches „Sofortprogramm“ müsste spürbare Entlastung bringen – und zwar nicht erst in ein paar Jahren, sondern jetzt. Besonders wichtig sind drei Bereiche:

Erstens: Wir brauchen zeitnah einen nachhaltig effektiven Schutz gegen Billigimporte und ganz grundsätzlich gegen die global ungebremst wachsenden Überkapazitäten. Dazu hat die EU-Kommission ein konsequentes und wirksames Nachfolgeinstrument vorgeschlagen – das die Bundesregierung nun, wie zugesagt, unterstützen muss! Zum Schutz vor Carbon Leakage ist ein lückenlos funktionierender CO₂-Grenzausgleich (CBAM) nötig. Sollte das bis zum 1. Januar 2026 nicht der Fall sein, müssen die entsprechenden Freizuteilungen erhalten bleiben, bis ein funktionierender CBAM-Mechanismus in Kraft ist.

Zweitens brauchen wir endlich wettbewerbsfähige Strompreise. Kurzfristig mit einer dauerhaften Absenkung der Netzentgelte, der Fortführung und Vertiefung der Strompreiskompensation. Und mittelfristig mit der Einführung eines Strompreises für unsere Industrie der bei 30 bis 60 Euro/MWh „all in“ liegt.

Drittens muss der Staat als Kunde mit gutem Beispiel vorangehen und bei öffentlichen Investitionen selbstverständlich Grundstoffe wie Stahl aus Deutschland und der EU verwenden. Das gilt sowohl für die der allgemeine Auftragsvergabe wie auch bei der Beschaffung klimafreundlicher Leistungen. Auch sollte der Staat Leitmärkte für den Einsatz von emissionsarmem Stahl aus Deutschland und der EU schaffen. Beides schafft Anreize, kurbelt die Konjunktur über die Wertschöpfungsketten hinweg an, sorgt so für Resilienz und ermöglicht zugleich den Umbau zur klimaneutralen Wirtschaft – hier bei uns.

DWN: Sehr geehrte Frau Rippel, vielen Dank für das Gespräch.

[Infobox Zur Person] Kerstin Maria Rippel (53) ist seit Mai 2023 Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl (WV Stahl). Zuvor verantwortete die Juristin fast zehn Jahre lang die Bereiche Kommunikation und Politik beim Netzbetreiber 50Hertz, zuletzt als Prokuristin. In die Energiewirtschaft wechselte sie 2008 als stellvertretende Leiterin Kommunikation und Presse beim Bundesverband Neue Energiewirtschaft, nachdem sie zuvor mehrere Jahre als Rechtsanwältin gearbeitet hatte.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Ukraine vor politischer Weichenstellung: Mögliche Wahlen und Friedensreferendum unter US-Druck
19.02.2026

Unter US-Druck treibt Präsident Wolodymyr Selenskyj Präsidentschaftswahlen und ein mögliches Friedensreferendum in der Ukraine voran....

DWN
Politik
Politik Trump-Friedensrat: Gaza, Entwaffnung und internationale Fronten
19.02.2026

Trump will die Weltpolitik neu ordnen – mit einem eigenen Friedensrat und milliardenschweren Versprechen für Gaza. Wird aus politischer...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Ringen um 5.000 Dollar – wie geht die Goldpreis-Entwicklung weiter?
19.02.2026

Der Goldpreis hat nach einer monatelangen Aufwärtsrally einen deutlichen Rücksetzer erlebt. Viele Beobachter verweisen dennoch auf...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Rückkehr zur Präsenzpflicht? Wann die Produktivität im Homeoffice sinkt – und wie Unternehmen dies vermeiden
19.02.2026

Homeoffice ist inzwischen in einigen Branchen selbstverständlich - wird aber oft von Arbeitgebern kritisch beobachtet. Dabei kann die...

DWN
Technologie
Technologie "Tod der E-Zigarette"? Branche warnt vor Verbotsplänen
19.02.2026

Sind E-Zigaretten ein Segen, weil sie Kettenraucher von der klassischen Zigarette wegführen, oder ein Risiko, weil ihr Konsum Schadstoffe...

DWN
Politik
Politik Iran: Wann greift Trump an?
19.02.2026

Die Atomgespräche zwischen Washington und Teheran scheitern erneut. Experten warnen vor einem möglichen militärischen Konflikt, der die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen DB Cargo-Stellenabbau: 6.200 Jobs fallen bei Deutsche Bahn-Tochter weg
19.02.2026

Fast jede zweite Stelle soll weg – DB Cargo steht vor einem historischen Einschnitt. Der neue Chef setzt alles auf eine Karte, denn...

DWN
Finanzen
Finanzen Airbus-Aktie im Rückwärtsgang: 870 Jets reichen dem Markt nicht
19.02.2026

Die Airbus-Aktie bricht ein, obwohl der Konzern einen Auslieferungsrekord ankündigt. Doch Lieferprobleme, verfehlte Erwartungen und ein...