Im Wortlaut: Offener Brief der 160 Ökonomen

160 Ökonomen wenden sich in einem Offenen Brief gegen die geplante Bankenunion in Europa. Das Dokument im Wortlaut.

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Liebe Mitbürger,

die Entscheidungen, zu denen sich die Kanzlerin auf dem Gipfeltreffen der EU-Länder gezwungen sah, waren falsch. Wir, Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler der deutschsprachigen Länder, sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge. Die Bankschulden sind fast dreimal so groß wie die Staatsschulden und liegen in den fünf Krisenländern im Bereich von mehreren Billionen Euro. Die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas dürfen für die Absicherung dieser Schulden nicht in Haftung genommen weden, zumal riesige Verluste aus der Finanzierung der inflationären Wirtschaftsblasen der südlichen Länder absehbar sind. Banken müssen scheitern dürfen. Wenn die Schuldner nicht zurückzahlen können, gibt es nur eine Gruppe, die die Lasten tragen sollte und auch kann: die Gläubiger selber, denn sie sind das Investitionsrisiko bewusst eingegangen und nur sie verfügen über das notwendige Vermögen.

Die Politiker mögen hoffen, die Haftungssummen begrenzen und den Missbrauch durch eine gemeinsame Bankenaufsicht verhindern zu können. Das wird ihnen aber kaum gelingen, solange die Schuldnerländer über die strukturelle Mehrheit im Euroraum verfügen. Wenn die soliden Länder der Vergemeinschaftung der Haftung für die Bankschulden grundsätzlich zustimmen, werden sie immer wieder Pressionen ausgesetzt sein, die Haftungssummen zu vergrößern oder die Voraussetzungen für den Haftungsfall aufzuweichen. Streit und Zwietracht mit den Nachbarn sind vorprogrammiert. Weder der Euro noch der europäische Gedanke als solcher werden durch die Erweiterung der Haftung auf die Banken gerettet; geholfen wird statt dessen der Wall Street, der City of London – auch einigen Investoren in Deutschland – und einer Reihe maroder in- und ausländischer Banken, die nun weiter zu Lasten der Bürger anderer Länder, die mit all dem wenig zu tun haben, ihre Geschäfte betreiben dürfen.

Die Sozialisierung der Schulden löst nicht dauerhaft die aktuellen Probleme; sie führt dazu, dass unter dem Deckmantel der Solidarität einzelne Gläubigergruppen bezuschußt und volkswirtschaftlich zentrale Investitonsentscheidungen verzerrt werden.

Bitte tragen Sie diese Sorgen den Abgeordneten Ihres Wahlkreises vor; unsere Volksvertreter sollen wissen, welche Gefahren unserer Wirtschaft drohen.

Hanns Abele (Wien)
Werner Abelshauser (Bielefeld)
Klaus Adam (Mannheim)
Niels Angermüller (Göttingen)
Thomas Apolte (Münster)
Lutz G. Arnold (Regensburg)
Ludwig von Auer (Trier)
Ulrich Baßeler (Berlin)
Sascha Becker (Warwick)
Gerard J. van den Berg (Mannheim)
Annette Bergemann (Mannheim)
Peter Bernholz (Basel)
Norbert Berthold (Würzburg)
Thomas Beißinger (Hohenheim)
Martin Biewen (Tübingen)
Charles B. Blankart (Berlin)
Eckhart Bomsdorf (Köln)
Michael Braulke (Osnabrück)
Friedrich Breyer (Konstanz)
Jeanette Brosig-Koch (Duisburg-Essen)
Carsten Burhop (Köln)
Volker Caspari (Darmstadt)
Dieter Cassel (Duisburg/Essen)
Norbert Christopeit (Bonn)
Manfred Deistler (Wien)
Alexander Dilger (Münster)
Klaus Diller (Koblenz)
Jürgen B. Donges (Köln)
Axel Dreher (Heidelberg)
Hilmar Drygas (Kassel)
Jürgen Eichberger (Heidelberg)
Patrick Eichenberger (Zug)
Peter Egger (Zürich)
Wolfgang Eggert (Freiburg)
Mathias Erlei (Clausthal-Zellerfeld)
Hans Fehr (Würzburg)
Stefan Felder (Basel)
Cay Folkers (Bochum)
Reto Föllmi (St. Gallen)
Andreas Freytag (Jena)
Jan Franke-Viebach (Siegen)
Michael Fritsch (Jena)
Markus Frölich (Mannheim)
Wilfried Fuhrmann (Potsdam)
Michael Funke (Hamburg)
Werner Gaab (Bochum)
Gerhard Gehrig (Frankfurt)
Egon Görgens (Bayreuth)
Volker Grossmann (Freiburg/Schweiz)
Joachim Grammig (Tübingen)
Wolf-Heimo Grieben (Würzburg)
Thomas Gries (Paderborn)
Josef Gruber (Hagen)
Erich Gundlach (Hamburg)
Hendrik Hakenes (Bonn)
Gerd Hansen (Kiel)
Andreas Haufler (München)
Harry Haupt (Bielefeld)
Nikolaus Hautsch (Berlin)
Burkard Heer (Augsburg)
Arne Heise (Hamburg)
Christoph Helberger (Berlin)
Florian Heiss (Mainz)
Thomas Hering (Hagen)
Carsten Herrmann-Pillath (Frankfurt)
Matthias Hertweck (Konstanz)
Helmut Herwartz (Kiel)
Hans Hirth (Berlin)
Stefan Hoderlein (Boston)
Andreas Hoffmann (Leipzig)
Stefan Homburg (Hannover)
Jürgen Jerger (Regensburg)
Uwe Jirjahn (Trier)
Leo Kaas (Mannheim)
Alexander Karmann (Dresden)
Gebhard Kirchgässner (St. Gallen)
Oliver Kirchkamp (Jena)
Guy Kirsch (Freiburg/Schweiz)
Roland Kirstein (Magdeburg)
Kai Konrad (Berlin)
Walter Krämer (Dortmund)
Tim Krieger (Paderborn)
Hans-Martin Krolzig (Canterbury)
Jens Krüger (Darmstadt)
Jörn Kruse (Hamburg)
Franz Peter Lang (Braunschweig)
Bernd Lucke (Hamburg)
Helga Luckenbach (Gießen)
Helmut Lütkepohl (Berlin)
Ernst Maug (Mannheim)
Georg Meran (Berlin)
Dirk Meyer (Hamburg)
Georg Milbradt (Dresden)
Gertrud Moosmüller (Passau)
Karl Mosler (Köln)
Georg Müller-Fürstenberger (Trier)
Marc-Andreas Muendler (San Diego)
Bernhard Neumärker (Freiburg)
Werner Neus (Tübingen)
Dirk Niepelt (Gerzensee)
Volker Nitsch (Darmstadt)
Peter Oberender (Bayreuth)
Walter Oberhofer (Regensburg)
Ingrid Ott (Karlsruhe)
Max Otte (Graz)
Wolfgang Paffenberger (Bremen)
Hans-Georg Petersen (Potsdam)
Dietmar Petzina (Bochum)
Wilhelm Pfähler (Hamburg)
Michael Pickhardt (Cottbus)
Winfried Pohlmeier (Konstanz)
Mattias Polborn (Urbana-Champain)
Olaf Posch (Aarhus)
Birger P. Priddat (Witten-Herdecke)
Bernd Raffelhüschen (Freiburg)
Olaf Rank (Freiburg)
Franko Reither (Hamburg)
Til Requate (Kiel)
Rudolf Richter (Saarbrücken)
Gerhard Rübel (Göttingen)
Ralf Runde (Siegen)
Dirk Sauerland (Witten-Herdecke)
Wolf Schäfer (Hamburg)
Malcolm Schauf (Essen)
Bernhard Scherer (London)
Jörg Schimmelpfennig (Bochum)
Burkhard C. Schipper (University of California)
Karl Schmedders (Zürich)
André Schmidt (Witten-Herdecke)
Gunther Schnabl (Leipzig)
Ronnie Schöb (Berlin)
Klaus Schöler (Potsdam)
Siegfried G. Schoppe (Hamburg)
Matthias Graf von der Schulenburg (Hannover)
Christian Seidl (Kiel)
Franz Seitz (Weiden)
Friedrich L. Sell (Neubiberg)
Gernot Sieg (Braunschweig)
Hans-Werner Sinn (München)
Peter Spahn (Hohenheim)
Georg Stadtmann (Frankfurt/Oder)
Joachim Starbatty (Tübingen)
Thomas Steger (Leipzig)
Martin Steinrücke (Greifswald)
Erich Streißler (Wien)
Wolfgang Ströbele (Münster)
Hans Gerhard Strohe (Oppen)
Tymon Tatur (Bonn)
Theresia Theurl (Münster)
Stephan Thomsen (Hannover)
Karl-Heinz Tödter (Frankfurt)
Stefan Traub (Bremen)
Siegfried Trautmann (Mainz)
Harald Uhlig (Chicago)
Stefan Voigt (Hamburg)
Andreas Wagener (Hannover)
Gerhard Wagenhals (Hohenheim)
Adolf Wagner (Tübingen/Leipzig)
Martin Wagner (Graz)
Klaus Wälde (Mainz)
Martin Wallmeier (Freiburg/Schweiz)
Gerhard Wegner (Erfurt)
Joachim Weimann (Magdeburg)
Thomas Wein (Lüneburg)
Rafael Weißbach (Rostock)
Robert K. von Weizsäcker (München)
Frank Westermann (Osnabrück)
Hans Wielens (Münster)
Michael Wolf (Zürich)
Elmar Wolfstetter (Berlin)
Klaus F. Zimmermann (Bonn)
Achim Zink (Kalsruhe/Wien)

Kommentare

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    • Gudrun E. sagt:

      Spät, aber noch nicht zu spät. Ich bin froh, dass sich nun endlich auch die zu Wort melden, die es wissen müssen. Hoffentlich gehen sie in Zukunft mit allen ökonomischen Problemen offensiver um. Mutig ist es auf alle Fälle. Die Ja-Sager haben es oft leichter.

    • Matthias Kohlhase sagt:

      Hallo,
      zur Hölle mit dem Euro!!!!!!!!!
      Der Euro hat von Anfang an die Lebenshaltungskosten der Bevölkerung in allen EU-Staaten drastisch erhöht und gleichzeitig die arbeitende deutsche Bevölkerung durch ein halbiertes Einkommen betrogen. Dazu presst uns unsere Regierung viel zu hohe Steuern ab, die dann in Griechenland und Spanien , im nahen Osten ,China und noch sonstwo versickern.
      Seit dem Abgang unseres Bundeskanzlers Helmut Kohl steht unser Volk auf der Verliererseite der Europäischen Union. Und wir dürfen nur noch zahlen..
      Schluss mit dem Spuk: Zurück zur DM, raus aus der EU!
      Unsere südlichen Nachbarn in der Schweiz zeigen uns, wie positive Politik für die eigene Bevölkerung aussieht. Die kaufen mit doppeltem Gehalt billig in unseren Grenzregionen ein und bekommen auch noch die Mehrwertsteuer zurückerstattetet.
      Wenn ich mit dem Fahrrad mein Schweizer Ausflugslokal besuche und ein Bier trinken möchte wie früher, muss ich mittlerweile genau das Doppelte bezahlen wie in Deutschland.
      Ich denke , das, was unsere Regierungen nach der Ära Helmut Kohl verzapft haben, fand nachträglich ohne das Einverständnis der deutschen Bevölkerung statt.
      Schröder, Fischer und die große Koalition waren das allerletzte für das Wohlergehen unserer Nation.
      So etwas möchte ich nicht noch einmal erleben. Und bei der Merkel kann ich gar nicht so viel essen, wie ich kotzen mag. Was unterscheidet die denn die noch von der SPD-Politik

    • Peter Hässicke sagt:

      Liebe Leserbriefschreiber,

      wirklich tolle Kommentare , Ansichten und Gedanken; nur keine wirklichen, garantiert wirksamen Lösungen!

      Als guter Christ hab’ ich die auf Lager:

      HIER HILFT NUR NOCH BETEN!!!!!!!!!!!!!

      Wetten, dass das (auch nicht) hilft!?

    • Horst-Georg Herrmann sagt:

      Die Entscheidung der Kanzlerin auf dem Gifeltreffen der EU-Länder war m. E. aus nationaler Sicht sicher falsch, aber was war für Merkel in der 26. Woche die Alternative? Der politische Zug bewegt sich seit den 90-er Jahren nach Europa, mit vermehrter Geschwindigkeit und zu Recht…Nur finanzpolitisch sind wir für ein Europa überhaupt nicht gerüstet! Annähernd gleiche wirtschafts- und finanzpolitische Annäherung in den Euroländern ohne “Blutvergießen” der stärkeren Länder ist nicht möglich. Das war mir nach Besuchen z. B. in Griechenland und Portugal vor der Euroeinführung klar, und das hätte ich auch hingenommen. Wenn in einer ordentlichen Familie zwei Mitglieder gut verdienen und zwei arbeitslos sind, dann wird das so geregelt, dass jeder gut zurecht kommt. So ähnlich hatte ich mir das in Europa vorgestellt. Aber im Euro-Raum traten mindestens zwei zusätzliche Schwierigkeiten auf:
      1. die Banken- und Finanzkrise 2008 und
      2. die Länder mit absolut unausgeglichenem Haushalt wühlten plötzlich im großen Geld
      Aus sicher lösbaren Problemen wurden in kurzer Zeit Riesenlöcher, die im Ernstfall niemand stemmen kann. Es halfen nur Rettungsschirme, weil die Verantwortlichen damit durch Zahlungen und Bürgschaften im System bleiben konnten, nämlich in einem System, was den betroffenen Banken hilft und woran die Banken sogar noch verdienen können. So sind mittlerweile Zahlungen und Bürgschaften der Bundesrepublik Deutschland über 250 Mrd € erteilt worden. Wenn wir unsere Politiker so weiter gewähren lassen ist dabei noch mehr als eine Verdoppelung zu erwarten.
      Die Ökonomen bemängeln in ihrem Ausatz berechtigt das Handeln der Kanzlerin. Sie unterlassen es aber, Alternativen aufzuzeigen, und zwar m. E. deshalb, weil sie sich dann nicht so einig zeigen können. Außerdem ist die Meinung der Ökonomie-Professoren längst nicht einheitlich.
      Zum Schluss raten uns die Hochschullehrer, unsere Sorgen den Mandatsträgern vorzutragen, damit diesen die Gefahren für die Wirtschaft bewusst werden.Den Rat hatten sich die Ökonomen ersparen können:Erläutern Sie mal einem Blinden den Weg durch eine fremde Stadt…

    • jomitz sagt:

      Nach diesem offenen Brief und den Reaktionen, unserer Spitzenpolitiker bin ich der Meinung, das jetzt eine Wahlempfehlung ausgesprochen werden sollte. Mit einem neuen Gesicht in der Politik, gepaart mit dem Wissen dieser prominenten Ökonomen würde die deutsche Bevölkerung schon die richtige Entscheidung an der Urne treffen.
      Die Arroganz unserer Politiker ist nicht mehr zum ertragen. Der Zeitpunkt für eine friedliche Lösung ist fast schon überschritten.