Karstadt-Kündigungen noch viel schlimmer: 4.000 Mitarbeiter verlieren Job

Bei Karstadt verlieren nach Informationen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten 4.000 Mitarbeiter ihren Job. Das Unternehmen hatte bei der Bekanntgabe einen Bauerntrick verwendet und sprach von 2.000 Stellen. Die 160 Millionen, die Karstadt als Investment preist, kommen nicht von Nicolas Berggruen, sondern sind dem laufenden Betrieb entnommen. Unterdessen hat sich Doris Schröder-Köpf still und leise aus dem Aufsichtsrat verabschiedet.

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Nicolas Berggruen: Der einstige Karstadt-Retter ist knallhart und feuert 4.000 Mitarbeiter.

Nicolas Berggruen: Der einstige Karstadt-Retter ist knallhart und feuert 4.000 Mitarbeiter.

Bei Karstadt verlieren nach Informationen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten viel mehr Mitarbeiter den Job als bisher bekannt. Das Unternehmen hatte bekanntgegeben, „2.000 Stellen“ einzusparen. Bei genauerem Hinsehen wird klar: Es ist ein raffinierter Kommunikations-Trick, mit dem Karstadt arbeitet. 2.000 Stellen klingt viel besser als 4.000 Mitarbeiter: Denn genauso viele werden wegen der „Unternehmensstrategie 2015“ ihren Job verlieren. Die Zahl setzt sich wie folgt zusammen: Im Einzelhandel herrscht ein hoher Teilzeitanteil. Konkret bedeutet dies bei Karstadt: Die 2.000 Stellen werden von 3.000 Mitarbeitern ausgefüllt, wie Christoph Schmitz, Pressesprecher des Gewerkschaftsverbandes Verdi, bestätigt. Schmitz: „Weil das Unternehmen wegen des Teilzeitanteils im Einzelhandel und auch bei Karstadt entspräche dies etwa 3.000 Beschäftigten. Wenn dann noch die rund 648 Stellenstreichungen aus der Schließung der Multimedia-Abteilungen sowie die Nichtverlängerung befristeter Arbeitsverträge dazu gerechnet werden, könnten sogar bis zu 4.000 Beschäftigte betroffen sein.“

Der Stellenabbau ist Teil der Unternehmensstrategie „Karstadt 2015“. Sie sieht modernere Filialen, ein schärferes Markenprofil und eine wettbewerbsfähigere Organisation vor. Doch die Gewerkschaften sehen die Unternehmensreform bereits gefährdet: Ohne weitere Investitionen sei sie nicht wie geplant umsetzbar, heißt es. Dass als erstes der wichtigste Faktor im Handel de-investiert wird, zeigt, dass die neuen Karstadt-Eigentümer aus dem Schlecker-Debakel nichts gelernt haben. Auch Anton Schlecker war stolz darauf, dass in seinen Filialen möglichst wenig Leute sassen – und übersah, dass die Kunden beim Einkaufen immer noch gerne beraten werden. Christoph Schmitz: „Die Auswirkungen eines solchen Stellenabbaus wären absolut kontraproduktiv und für die Neuausrichtung fatal. Die Etablierung neuer Marken und anspruchsvollerer Sortimente braucht Menschen, die die Ware an die Kundin und den Kunden bringen. Insofern ist es schon eine sehr verquere Logik, wenn das Management mehr Umsatz mit weniger Personal und damit weniger Service und Beratung erreichen will.“

Aber noch andere Zahlen sind bei den Karstadt-Veröffentlichungen einer näheren Betrachtung wert. So meldete das Unternehmen zur Beruhigung der Öffentlichkeit bei der Bekanntgabe der Massenentlassungen: „Seit die Berggruen Holdings Karstadt 2010 aus der Insolvenz gerettet hat, sind mehr als 160 Millionen Euro in die Häuser, Technologie und Infrastruktur investiert worden.“ Auch das ist eine geschickte Finte, der man leicht aufsitzen kann. Die Zahl mag ja stimmen. Und sie soll ja eigentlich eine gute Nachricht sein: Klingt diese Mitteilung doch so, als hätte der Investoren (von dem man ja eigentliche Investments erwarten könnte) tatsächlich Geld ins Unternehmen gesteckt.

Wer nun glaubt, dass der vom seinerzeitigen Insolvenzverwalter Görg, von der deutschen Öffentlichkeit und den leicht zu blendenden Medien unisono seinerzeit als Messias gepriesene Nicolas Berggruen tatsächlich aus philanthropischen Gründen in seine Privatschatulle gegriffen hat, muss enttäuscht werden: Sämtliche Modernisierungsmaßnahmen und Investitionen in IT und Infrastruktur seien aus dem laufenden Geschäft finanziert worden, sagt Schmitz. Also die gesamten 160 Millionen Euro, womit nach wie vor gilt, was das ZDF in einer bemerkenswerten Recherche herausgefunden hat: Der Finanzinvestor Berggruen hat aus seinem Privtavermögen oder aus seinen Investment-Vehikeln bisher für Karstadt offiziell nachgewiesen nicht mehr gezahlt als den symbolischen 1€, jenen Kaufpreis, zu dessen wirklicher Bezahlung er per Gesetz verpflichtet ist.

Und auch ein dritter Punkt ist unzutreffend: Die Konzernleitung behauptet, der Stellenabbau sei notwendig, um das Unternehmen unter den „herausfordernden Marktbedingungen der Eurokrise“ wettbewerbsfähig zu machen. Mit der Eurokrise hat der geplante Stellenabbau allerdings nichts zu tun, sagt Dr. Jörg Funder, Professor für Unternehmensführung an der FH Worms, den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Die Euro-Krise gibt es schon viel länger, und sie hat im Einzelhandl bisher nicht zu den dramatischen Einbrüchen geführt, wie sie vom britischen Management von Karstadt behauptet wird.

Der wahre Grund der Kündigungen hat einen sehr profanen Grund: Ab 1. September gilt für die Angestellten von Karstadt wieder der reguläre Tarifvertrag. Denn anders als Berggruen haben die Mitarbeiter von Karstadt zur Erhaltung ihres Unternehmens auf 50 Millionen Euro Lohn verzichtet. Diese Kosten fallen nun ab September wieder an. Die geplanten Personaleinsparungen dienen vor allem dazu, die Kosten des wieder einsetzenden Tarifvertrages auszugleichen, sagt Funder. Im Klartext: Weil die Mitarbeiter einen schmerzhaften realen Beitrag geleistet haben, werden sie nun zum Dank massenhaft gefeuert.

Zwei Details am Rande: Einer der besten Freunde von Berggruen ist der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Auch er wollte einen Beitrag zur Rettung Karstadts leisten – und entsandte seine Frau Doris in den Aufsichtsrat. Sie hat hervorragende Fachkenntnisse im Einzelhandel durch ihre langjährige Shopping-Tätigkeit in den Einkaufstempeln von Hannover. Sie hatte offenbar einen Insider-Tipp guten Riecher: Im April schied sie aus dem Unternehmen aus, um sich auf ihre eigene politische Karriere in Niedersachsen vorzubereiten. Als SPD-Politikerin wäre es ja auch nicht allzu hilfreich, mit der Entlassung von tausenden Mitarbeitern in Verbindung gebracht zu werden.

Schrödere-Köpf bescheinigte dem Unternehmen am 20. April 2012 (also laaange von der Euro-Krise!) in einer Mitteilung zu ihrem Ausscheiden, „mit der Strategie 2015 auf einem guten Weg“ zu sein. Ihre eigene Bezahlung war, wenn man der wohlwollenden Berichterstattung der Bild-Zeitung glauben darf, zu vernachlässigen: Die Zeitung zitierte bei der Ernennung von Schröder-Köpf einen Insider mit den Worten: „Das ist ein reines Ehrenamt, es wird mit etwa 12 000 Euro Aufwandsentschädigung im Jahr honoriert.“ Schröder-Köpf sagte der Bild-Zeitung, sie wollte das Honorar spenden.

Dass der seinerzeitige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg seinerzeit beim Verkauf von Karstadt nicht ganz genau hingesehen hat, überrascht nicht: Görg, der seit dem Verkauf gern gesehener Gast bei Berggruens Society-Events ist, hatte für den Verkauf ein Millionen-Honorar eingestreift – und, anders als die nun arbeitslosen Verkäuferinnen, wohl ausgesorgt: Die Süddeutsche Zeitung berichtete von 50 Millionen Euro, die Görg kassiert haben soll (hier).


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