RSS

BDI: „Staaten sind finanziell faktisch nicht mehr handlungsfähig“

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Markus Kerber, glaubt, dass der reine Sparkurs die Krise in Europa nicht beenden kann: Er fordert einen Impuls für Investitionen. Weil Banken und Staaten wegen der Schuldenkrise handlungsunfähig seien, müsse die Industrie als Motor für Beschäftigung und Innovation wirken. Einer zunehmenden Zentralisierung in Brüssel erteilt Kerber eine klare Absage.

Ihren XING-Kontakten zeigen
abo-pic
BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber: „Wir fordern ein entschiedenes Umsteuern in den anderen Volkswirtschaften der Eurozone.“ (Foto: DWN/Jakob Reinhardt)

BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber: „Wir fordern ein entschiedenes Umsteuern in den anderen Volkswirtschaften der Eurozone.“ (Foto: DWN/Jakob Reinhardt)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Deutschland spielt im Moment eine Schlüsselrolle in der Eurokrise. Die einen sagen, die Deutschen sind zu schwach, um zu führen; die anderen sagen, die deutsche Industrie ist zu stark für Europa…

Markus Kerber: Als der Euro eingeführt wurde, war Deutschland das Sorgenkind in Europa. Der Economist schrieb damals: „The sick man of the Euro“! Die Vorwürfe waren zu hohe Lohnstückkosten, zu geringer Offenheitsgrad, zu hohe administrative Sklerose, bürokratisch erstarrter Arbeitsmarkt. Es hieß, wenn Deutschland keine Reformen durchzieht, ist das Projekt Euro gefährdet. Eine Dekade später sieht man, dass wir diese Reformen gemacht haben. Wir haben Handels- und Leistungsbilanzüberschüsse. Wir haben eine enorm wettbewerbsfähige Industrie. Und just diese Wettbewerbsfähigkeit ist jetzt im Moment wiederum der Hauptvorwurf aus Europa an Deutschland, diesmal eben mit anderem Vorzeichen. Jetzt sind wir zu wettbewerbsfähig. Jetzt geben wir das Tempo zu sehr vor. Die Industrie hat ein gewisses Gefühl der Irritation, dass man für eine Bestleistung, die eingefordert wurde, nun bestraft werden soll. Wir fordern ein entschiedenes Umsteuern in den anderen Volkswirtschaften der Eurozone.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Also auch eine Agenda 2010 für die Südeuropäer?

Markus Kerber: Die meisten anderen Eurozone-Mitgliedsstaaten, wie Italien, wie Spanien, aber auch wie Frankreich, sind dort, wo sie Industrie haben, genauso wettbewerbsfähig wie wir. Insbesondere der norditalienische Industriesektor zählt auf dem Weltmarkt zu unseren größten Konkurrenten. Was aber in anderen Eurozonen-Mitgliedsstaaten auffällt: Der Anteil der Industrie am Sozialprodukt ist zu gering.

Wir haben in Deutschland etwa 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts durch industrielle Fertigung. Wenn sie die industrienahen Dienstleistungen dazu zählen, kommen wir auf fast 33 Prozent. Das ist ein Spitzenwert unter den großen Eurostaaten. Der Durchschnitt bei der industriellen Wertschöpfung in der EU liegt um die 19 Prozent. Das bedeutet: Es gibt zwar eine wettbewerbsfähige Industrie in diesen Ländern. Aber sie ist zu klein.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum sind die Deutschen hier weiter als die Franzosen oder Italiener? Können die anderen von Deutschland lernen?

Markus Kerber: Die deutsche Volkswirtschaft ist wegen ihrer Offenheit heute schon extrem exponiert auf den Weltmärkten. Was die Länder der Eurozone lernen können: Sie müssen stärker industrialisieren und sie müssen sich mit ihren Produkten an den Bedürfnissen der Schwellenländer – Russland, Brasilien, China – orientieren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Würden Sie sagen, dass Deutschland eine etwas stärkere, selbstbewusstere Führungsrolle übernehmen sollte?

Kerber: „Ich glaube, dass die Politik im Moment viel zu beschäftigt ist mit der Versorgung der Schwerstverletzten.“ (Foto: DWN/Jakob Reinhardt)

Kerber: „Ich glaube, dass die Politik im Moment viel zu beschäftigt ist mit der Versorgung der Schwerstverletzten.“ (Foto: DWN/Jakob Reinhardt)

Markus Kerber: Ja, in gewisser Weise ganz sicher. Aber man muss dieses Thema von der Frage der Nationen lösen. Es gibt viele Faktoren, die die deutsche Industrie so stark gemacht haben. In unseren Unternehmen gibt es eine enorme Internationalisierung, auch auf Management-Ebene. Wir haben, etwa in der Automobilindustrie, sehr davon profitiert, dass ganze Teams im Einkauf oder Design aus anderen Ländern der Eurozone kommen. Wir haben eine nahezu einzigartige Verflechtung zwischen dem produzierenden Gewerbe in Deutschland und industrienahen oder anwendungsnahen Forschungsinstitutionen, wie etwa dem Fraunhofer Institut.

Ein weiteres herausragendes Element ist das System der dualen Ausbildung. Dieses System hat bewirkt, dass sich die Arbeitnehmer in den letzten 20 Jahren kontinuierlich fortgebildet haben. Dadurch sind sie den immer neuen Anforderungen gewachsen, die der Industrie durch die Spezialisierung entstehen. Und schließlich haben wir in allen wesentlichen Industrieunternehmen eine Flexibilisierung der Produktion durch die Mitbestimmung. Es hat sich ja nicht erst 2008 gezeigt, dass die engen Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern eine entscheidende Rolle gespielt haben beim Überwinden der Krise.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In anderen Ländern ist das Verhältnis von Kapital und Arbeit bei weitem nicht so entspannt wie in Deutschland – wenn wir die aktuellen Unruhen auf den Straßen in Spanien sehen, die Ausschreitungen in Griechenland, die Demonstrationen in Portugal

Markus Kerber: Europa muss sich grundlegende Gedanken machen, ob das deutsche Modell „Zurückhaltung für Arbeitsplatzsicherheit“ nicht nachhaltiger ist als das von anderen Ländern verfolgte Modell „Lohnsteigerung um jeden Preis“. Es scheint ja so zu sein, dass, zumindest, was die Arbeitsplatzsicherheit angeht, Deutschland besser gefahren ist als viele andere Länder, die jetzt vor einem abrupten Abbau der Arbeitsplätze stehen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Nun befinden sich diese Länder allerdings in einer Todesspirale: Wegen der Schuldenkrise müssen immer mehr Arbeitsplätze abgebaut werden. Dadurch sinkt der Konsum – wie kommt man da heraus?

Markus Kerber: Man muss unterscheiden zwischen dem Bereich der öffentlichen Finanzen und dem Bereich der privaten Wirtschaft. Eine reine Spar- und Restrukturierungspolitik, die keine Wachstumsimpulse hervorruft, wird politisch mittel- und langfristig nicht durchhaltbar sein. Wir sehen in Europa durchaus sehr gute Wachstumsfelder – etwa bei den transeuropäischen Netzwerken oder den Kommissionsprojekten „Connecting Europe“. Im Bereich der Netzwerk-Ökonomie sind immense Strukturausgaben zu tätigen. Das sind mehrere 100 Milliarden Euro, die dafür sorgen könnten, dass Stromnetze, Telekommunikationsnetze, aber auch Verkehrsnetze, Straßen- und Schienen-Projekte, Europa noch stärker zusammenbinden und zusammenführen als das bislang der Fall ist.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wer soll denn das bezahlen?

Markus Kerber: In der Vergangenheit hätten diese Projekte alle durch den Staat finanziert werden können und müssen. Nun haben wir aber das Dilemma, dass das im Moment und auf absehbare Zeit nicht möglich sein wird, weil die Staaten konsolidieren müssen. Aber unseres Erachtens beim BDI könnte eine kluge Regulierung hierfür privates Kapital mobilisieren. Anleger sind im Moment auf Grund der Niedrigzinspolitik ohnehin auf der Suche nach attraktiven Investments. Das heißt, man bräuchte eigentlich einen Impuls auf der Investitionsseite in die Infrastruktur. Erstmalig sollte dies durch die private Hand finanziert werden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Bereiche könnten denn für private Anleger attraktiv sein?

Markus Kerber: Ohne Investitionen beispielsweise in die Breitbandnetze werden wir den Sprung, auch auf der industriellen Seite – Richtung Tertiarisierung und Hybridisierung – gar nicht so schnell vollziehen können wie unsere asiatischen oder amerikanischen Konkurrenten. Dasselbe gilt für die Energienetze. Wir müssen die erneuerbare Energie sehr viel stärker dort produzieren, wo die Sonne scheint, wo der Wind weht. Das ist nun mal eher im Süden, im mediterranen Raum und in Atlantikküsten-Nähe.

Wir haben aber in Europa keine Übertragungsnetze, etwa zwischen Spanien und Frankreich. Dort gibt es gerade mal zwei Grenzkoppelstellen für Strom! Hier gibt es enorme Wachstumspotentiale für die europäische Wirtschaft. Sie würden gerade in den „notleidenden“ Ländern neue Arbeitsplätze schaffen. Ihre Frage konkret beantwortet: Europa braucht neben der Sparpolitik im öffentlichen Bereich dringend einen Investitionsimpuls im privatwirtschaftlichen Bereich, auch und gerade um Arbeitsplätze zu schaffen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum geschieht das nicht einfach? Ist das ein strukturelles Problem?

Markus Kerber: Ich glaube, dass die Politik im Moment viel zu beschäftigt ist mit der Überwindung des naheliegenden Problems, sprich der Versorgung der Schwerstverletzten. Die Regierungen in Europa sind so sehr mit der Lösung der Staatsschuldenkrise beschäftigt, dass ihnen der Fokus auf nachhaltige Wachstumsimpulse fehlt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wer soll diese Investitionen dann finanzieren?

Markus Kerber: Was im Moment ebenfalls schmerzlich fehlt, sind die großen Geschäftsbanken, die im Moment ebenfalls vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Ich erinnere mich an die 60er und 70er Jahre, als die großen Infrastrukturprojekte finanziert werden mussten – etwa der Eurotunnel. Damals wurden diese Projekte kurioserweise durch das Instrument des Eurobonds finanziert. Länder wie Italien hatten ein Finanzierungsdefizit. Länder wie Deutschland hatten durch ihre Exporte einen Finanzierungsüberschuss und mussten aus ihrem Exporterlös Dollars recyclen.

Da haben die findigen Banker in London den Offshore-Eurobond erfunden. Plötzlich floss privates Kapital aus dem Norden in den Süden, um dort eine sinnvolle Infrastruktur zu bauen. Wir brauchen genau diese Impulse wieder. Meines Erachtens wäre das der große Ansatzpunkt für die Banken zu zeigen, dass sie noch eine volkswirtschaftlich sinnvolle Aufgabe haben. Das könnte den Banken sehr nutzen, weil heute jeder daran zweifelt, ob wir die Banken, wie wir sie heute kennen, überhaupt noch brauchen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Das Problem der Banken ist, dass sie sich auch um jede Menge Schwerstverletzter kümmern müssen…

Markus Kerber: Seit Bretton Woods, also seit knapp 40 Jahren, haben wir eine asymmetrische Entwicklung zwischen der Geldwirtschaft und der Realwirtschaft. Seitdem haben sich die Kapitalmärkte und die Geldwirtschaft prächtig entwickelt. Die Entwicklung der Geldmenge ist zu einem endogenen Prozess geworden, der aus dem System heraus entwickelt werden konnte. Er war an nichts mehr gebunden, auch an keine politischen Vorgaben.

Die reale Weltwirtschaft dagegen war bis 1989 zweigeteilt: Wir hatten den Bereich der westlichen Ökonomien und wir hatten den Bereich der Staatsplanwirtschaften im Großbereich der ehemaligen Sowjetunion und der Volksrepublik China. Das heißt, 40 Jahre freie Kapitalmärkte, 20 Jahre freier globaler Markt. Daher ist die Geldwirtschaft viel stärker integriert und agiert globaler als die Realwirtschaft.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die Kluft wächst aber wieder, denn nun werden die Banken gerettet, während ein normales Unternehmen überhaupt keine Chance hat auf staatlichen Bailout…

Kerber: „Die Banken müssen zeigen, dass sie noch eine volkswirtschaftlich sinnvolle Aufgabe haben“. (Foto: DWN/Jakob Reinhardt)

Kerber: „Die Banken müssen zeigen, dass sie noch eine volkswirtschaftlich sinnvolle Aufgabe haben“. (Foto: DWN/Jakob Reinhardt)

Markus Kerber: Wir haben durch die unterschiedlichen Rettungsmaßnahmen natürlich extrem großen Liquiditätsumlauf im geldwirtschaftlichen Bereich. Hier besteht tatsächlich die Gefahr der Bildung von Blasen – wenn es uns nicht gelingt, Teile der Liquidität zu überführen in Investitionen in echte Wirtschaftsgüter. Da haben die Staaten und die Regierungen die Aufgabe, durch kluge Regulierung diese Kapitalstöcke entstehen zu lassen, um einen Teil der im Geldkreislauf gefangenen Liquidität in echte Investitionen in der realen Wirtschaft zu überführen. Das wären für mich solche Projekte wie die europäischen Netzwerke.

Das Geld muss in Investitionen fließen, die wir im Bereich der entwickelten Wirtschaften brauchen – aber auch in einem gigantischen Umfang in die Entwicklung von ganzen Kontinenten, wie dem afrikanischen beispielsweise. Das heißt: Die Realwirtschaft muss sich der von den Zentralbanken ausgeschütteten Liquidität auch bedienen können und dürfen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Das Gegenteil ist der Fall – die Banken horten das Geld, und machen damit gute Geschäfte oder hoffen, Risiko-Polster zu bilden für die möglichen Zeitbomben, die sich in ihren Derivate-Geschäften verstecken…

Markus Kerber: Das Phänomen, dass die Liquidität zu einem großen Teil im Bankensystem bleibt, ist dadurch zu erklären, dass Banken ihre Eigenkapitalpositionen im Moment relativ elegant aufstocken können – indem sie sich die Liquidität von den Zentralpunkten holen und in Staatsanleihen investieren, die das Drei- oder Vierfache an Basispunkten bringen.

Daher braucht die Eurozone dringend ein zwischen allen Eurozonen-Mitgliedern abgestimmtes, makroökonomisches Businessmodell. Damit können auch die Ungleichgewichte zwischen den einzelnen Eurozonen-Staaten abgebaut werden. Es genügt eben nicht, dass Deutschland, Holland und ein paar andere in die Weltmärkte exportierten und Überschüsse generieren, während andere Eurozonen-Mitglieder viel stärker auf ein binnenwirtschaftliches Modell setzen – mit geringer Wettbewerbsfähigkeit und einem mit hohen Schulden finanzierten Konsum. Die Eurozone muss ein einheitliches Produktions- und Absatzmodell entwickeln und kann nicht wie ein Mischkonzern weitermachen, mit starken Ungleichgewichten und unterschiedlichen Cashflows.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Einige sagen sich natürlich: Warum sollen wir etwas ändern? Lasst mal die Deutschen dafür zahlen, wir gehören ja alle zum selben Konzern…

Markus Kerber: Ich verstehe vor allem nicht, wie andere Länder sagen können: Man kann die Situation nicht ändern, die Ungleichgewichte sind nun mal so, wie sie sind. Vor zehn Jahren hatten wir die Wachstumsprobleme in Deutschland und es ging den Industrien in anderen Ländern mindesten so gut wie der deutschen, wenn nicht sogar besser. Das heißt, „the proof of the pudding“, wie man so schön sagt, den gab’s ja vor zehn Jahren. Das scheinen diese Länder vergessen zu haben.

Und zweitens, was ich vorhin schon sagte, unsere stärksten Konkurrenten sitzen beispielsweise in Oberitalien. Die modernsten und effizientesten Textilherstell- und -distributionsfirmen sitzen in Spanien. Zara und andere machen das tagtäglich vor. In manchen deutschen Einkaufsstraßen bestimmen diese Anbieter das Bild. Das heißt, es gibt in allen Eurozonen-Ländern Nischen und Industrien („pockets of industries“), die ganz klar zeigen: Es gibt ein europäisches Industriemodell und nicht nur ein deutsches.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum wird dann so viel gejammert?

Markus Kerber: Vielleicht fehlt einigen der südeuropäischen Länder das Zutrauen, ihre erfolgreichen Sektoren vergrößern zu können. Leider sehen wir in diesen Ländern einige fundamentale Hindernisse: Das sind administrative, staatliche Hindernisse. Ich beneide die italienischen Kollegen nicht um ihren Kampf mit den Behörden.

Und es gibt Missverständnisse auf der Gewerkschaftsseite, in welche Richtung der Prozess der Industrialisierung führen wird. Ich bin nicht der Meinung, dass eine stärkere Industrialisierung die Wettbewerbsfähigkeit der Eurozonen-Ökonomien zu einer negativen Entwicklung der Lebensgewohnheiten der Menschen führen muss. Das zeigt doch das deutsche Beispiel. Deutschland hat nicht die längsten Arbeitszeiten. Deutschland hat nicht die meisten Überstunden in der Eurozone, ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass wir in Deutschland einen relativ hohen Lebensstil mit hoher Wettbewerbsfähigkeit verbunden haben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die Hindernisse, die Sie beschreiben, sind auch Teil eines weiteren grundsätzlichen Konflikts, der derzeit allerorten in Europa aufbricht: Es geht um den Konflikt der Staatswirtschaft mit der Privatwirtschaft. Viele Regierungen haben kein Interesse an einer unbürokratischen Förderung von Privatinitiativen, weil sie glauben, dass die Wirtschaft ohnehin beim Staat in den besten Händen ist…

Markus Kerber: Es ist unbestritten, dass Nationen und Volkswirtschaften wie die deutsche, wie die holländische, wie die britische, ein ganz klar anderes Verständnis haben von der Rolle des Staates und der Rolle des privaten Marktes. Das drückt sich ja in unterschiedlichen Staatsquoten aus. Offenbar fahren jene Länder und Volkswirtschaften, die eher einen zurückhaltenden Staat – keinen völlig verschwundenen, aber zurückhaltenden! – Staat haben, in der Zeit der Globalisierung besser als jene, die die weniger offen sind, die inflexible Arbeitsmärkte und relativ starke und wirkungsmächtige Regierungen sowie hohe administrative Eingriffe in die Privatautonomie haben. Und das ist vielleicht der Kampf, der in der Eurozone und in der EU in den nächsten zehn Jahren noch geführt werden muss.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie stellen sich also auf einen Kampf ein, der zehn Jahre dauern wird?

Markus Kerber: Ich gehe davon aus, dass wir nach der Finanz- und Wirtschaftskrise, nachdem das Pendel ja in den Augen vieler eher Richtung Staat ausschlagen wird, klar erkennen werden: Es wird eher der gezügelte, aber eben der private Markt dafür sorgen, dass die Wirtschaft wieder in Schwung kommt. Die Staaten sind finanziell faktisch nicht mehr handlungsfähig.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Dennoch kommt es jetzt immer mehr zum Ruf nach mehr Staat. Das ist doch eigentlich komplett widersinnig…

Markus Kerber: Ich kann es nachvollziehen, dass in den Augen der breiten Öffentlichkeit der Ruf nach dem Staat kommt. Die breite Öffentlichkeit interpretiert das Fehlverhalten einiger weniger privatwirtschaftlicher Akteure so, als wäre das ganze System so. Umso wichtiger ist, dass jetzt die Realwirtschaft – also die Industrieunternehmen Europas – zeigen, dass sie die Wende herbeiführen können. Dass sie auch jetzt wieder sind, was sie immer waren: Nämlich die Stützen der Beschäftigung, die Stützen der Innovation und diejenigen, die für einen Großteil der Arbeitsplätze und der Wertschöpfung verantwortlich sind. Ich bleibe dabei, Europa braucht einen neuen, privatwirtschaftlichen Investitionsimpuls.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wer soll den Anstoß geben? Sie haben ja selbst gesagt: Die Banken sorgen nur noch für sich selbst, die Staaten sind pleite und handlungsunfähig?

Markus Kerber: Ich sehe eine Lösung in losen Zusammenschlüssen von herausragenden europäischen Unternehmen und Unternehmern. Das werden nicht nur Deutsche sein können. Es gibt in Europa viele Persönlichkeiten in der Industrie, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Also Sie würden sagen, dass da die Industrie den Lead übernehmen kann?

Markus Kerber: Ja. Sie sollte zumindest mit einer ganzen Reihe von Investitionsprojekten glänzen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Nicht wenige Volkswirte sagen, die europäischen Volkswirtschaften sind so unterschiedlich, dass es eine Harmonisierung des europäischen Wirtschaftsraumes im strengen Sinn, so zentralistisch wie die EU sich das vorstellt, nicht geben kann. Könnte das der Fall sein?

Markus Kerber: Da bin ich hin und hergerissen. Als Wirtschaftswissenschaftler fällt mir natürlich ein, was Robert Mundell 1962 in einem Aufsatz geschrieben hat: Je heterogener die Partner sind, desto schwerer wird eine Währungsunion. Ich glaube, die Politik hat nie richtig verstanden, dass auch eine Währungsunion nichts anderes ist als ein Wechselkurssystem. Nur haben Sie dabei ein ewig gefixtes Wechselkurssystem ohne geldpolitische Anpassungsmöglichkeiten. Das heißt, die realwirtschaftlichen Anstrengungen sind auch mit einer gemeinsamen Währung immer gegeben. Die heutige Eurozone kann man verstehen als fixes Wechselkurssystem zwischen 17 Teilnehmern – ohne aber geldpolitische Anpassung. Das heißt, alle Anpassungen müssen realwirtschaftlich laufen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Viele Theorien halten es für unmöglich, dass die Anpassung gelingen kann. Und wenn ja: Wozu werden die Anpassungen führen?

„In zehn Jahren wird Europa aussehen wie eine große Schweiz: Starke nationale Kantone mit hohem Eigenbestimmungsrecht und eine Zentralisierung von wenigen Aufgaben in der bundesstaatlichen Spitze.“ (Foto: DWN/Jakob Reinhardt)

„In zehn Jahren wird Europa aussehen wie eine große Schweiz: Starke nationale Kantone mit hohem Eigenbestimmungsrecht und eine Zentralisierung von wenigen Aufgaben in der bundesstaatlichen Spitze. Das wäre dann Brüssel“ (Foto: DWN/Jakob Reinhardt)

Markus Kerber: Es gibt nur in heterogenen Währungsräumen immer nur zwei Möglichkeiten: Entweder kommt die Konvergenz und die Partner gleichen sich an. Das ist das Modell, das wir alle präferieren. Oder man sieht es wie Charles Kindleberger mit seiner hegemonialen Stabilitätstheorie: Einer oder zwei große Partner müssen die Stabilität für die ganze Gemeinschaft sicherstellen. Dann haben Sie aber eine asymmetrische Währungszone, wo ein oder zwei Länder – das wären in unserem Fall wahrscheinlich Deutschland und Frankreich – den Ton angeben. Das kann weder im deutschen, noch im französischen, noch im Interesse der anderen sein.

Zumal ich auch nicht glaube, dass die Deutschen in der Lage und willens wären, diese Rolle zu spielen. Es bleibt uns also in dieser heterogenen Zone nur eins: Über lange, schmerzhafte Anpassungsprozesse aller 17 Staaten die Konvergenz herbeizuführen und dann vielleicht in fünf oder sechs Jahren in einer homogeneren Währungszone des Euros zu leben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wenn ich das jetzt richtig heraushöre: Sie würden auch nicht ausschließen, dass der Prozess nicht gelingt?

Markus Kerber: Das kann man nie ausschließen, aber ich bin traditionell ein Optimist und ich glaube, das wird uns gelingen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Und wenn nicht? Muss Deutschland dann, wie George Soros sagt, zur „gutmütigen Hegemonial-Macht“ in Europa werden?

Markus Kerber: Es gibt in der englischsprachigen Presse auch den Begriff des „widerwilligen Hegemons“ (reluctant hegemon). Ich gehe noch einen Schritt weiter: Die deutsche Ökonomie ist auf Grund ihrer schieren Größe so etwas wie ein Pol, an dem sich bestimmte Entwicklungen ausrichten.

Aber es gibt kein politisches Projekt und auch keine Mehrheitsmeinung in Deutschland, die eine hegemoniale Stellung anstrebt oder gar zum Ziel erhebt. Wir haben vielleicht bestimmte Größenwirkungen, aber die sind unwillentlich. Es wäre wahrscheinlich am hilfreichsten, es gäbe Kapitalexporte aus den Überschussländern in die Defizitländer, um dort Kapitalstock aufzubauen, von dem dann ganz Europa profitiert. Das wäre die ideale Lösung. Daran muss Brüssel arbeiten mit den wesentlichen Akteuren in den nationalen Hauptstädten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Brüssel arbeitet derzeit eher in die gegenteilige Richtung: Ein gemeinsames Budget, politische Union, sogar eine gemeinsame Armee – das sind die Dinge, die dort diskutiert werden…

Markus Kerber: Ich glaube, eine zunehmende Zentralisierung hat in Europa wenig Chancen. Ich wage mal die Hypothese, dass wenn wir in zehn oder 15 Jahren auf das neue Europa schauen, könnte das sehr aussehen wie eine große Schweiz. Starke nationale Kantone mit hohem Eigenbestimmungsrecht und eine Zentralisierung von wenigen Aufgaben in der bundesstaatlichen Spitze. Das wäre dann in Brüssel. Das könne die Außenpolitik oder die Sicherheitspolitik sein, aber mit hoher Steuerautonomie in den verbleibenden nationalen Einheiten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Das ist ein schönes Bild, das werden die in Brüssel sicher nicht gerne hören.

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***


Merkel kündigt große Anti-Terror-Übungen mit Einsatz der Bundeswehr an
Merkel kündigt große Anti-Terror-Übungen mit Einsatz der Bundeswehr an
Bundeskanzlerin Merkel lehnt eine Änderung der Flüchtlingspolitik ab. Der bisherige Kurs werde beibehalten. Merkel kündigte große Anti Terrorübungen unter der Führung der Polizei an.
abo-pic
Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag in Berlin. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag in Berlin. (Foto: dpa)

Nach der Serie von Gewalttaten in Deutschland hat Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Neun-Punkte-Plan gegen islamistischen Extremismus angekündigt. Es werde Übungen geben für „terroristische Großlagen“, in die die Bundeswehr eingebunden werde, kündigte Merkel am Donnerstag in Berlin an. Dies könne unter Führung der Polizei auf der Basis des Grundgesetzes geschehen.

Zugleich bekräftigte Merkel, am bisherigen Kurs in der Flüchtlingspolitik festzuhalten. Sie habe vor elf Monaten gesagt, dass es keine einfache Sache werde, „die wir nebenbei erledigen können“. Sie stehe aber zu den Grundentscheidungen, „die wir getroffen haben“, sagte sie.

Merkel bekräftigte ihre Äußerung vom vergangenen Jahr: „Wir schaffen das, und wir haben in den letzten elf Monaten viel geschafft.“ Sie sagte, dass auch die neue Herausforderung der islamistischen Gewalt bewältigt werde.

Merkel kündigte zudem an, dass die „Rückführungsanstrengungen“ verstärkt werden müssten. Dabei sei zwar schon „einiges erreicht“ worden. „Wir sind aber
nicht so vorangekommen, wie das gewünscht wird.“ Zum Beispiel müsse weiter mit Afghanistan zusammengearbeitet werden, um innerstaatliche Fluchtalternativen
zu finden und auch Rückführungen möglich zu machen.

Zu Merkels Konzept gehört außerdem ein „besseres Frühwarnsystem“, das Behörden ein Tätigwerden auch ermögliche, wenn bei Asylverfahren Hinweise auf
eine Radikalisierung erkennbar würden. Auf europäischer Ebene forderte Merkel eine schnellstmögliche Vernetzung aller bestehenden Dateien, zudem müsse so
rasch wie möglich das europäische Waffenrecht verabschiedet werden. Damit solle der Onlineverkauf von Waffen unterbunden werden.

Zudem müsse die Kooperation mit ausländischen Geheimdiensten verstärkt werden, auch um das Kommunikationsverhalten der Täter besser analysieren zu können. Darüber habe sie mit US-Präsident Barack Obama gesprochen, sagte Merkel. „Wir haben es mit einer großen Bewährungsprobe zu tun.“

Zu den mutmaßlich islamistischen Anschlägen von Würzburg und Ansbach sowie in Frankreich und anderen Ländern sagte Merkel, damit würden „zivilisatorische
Tabus gebrochen„. Die Taten würden an Orten verübt, „an denen jeder von uns sein könnte“. Es werde alles getan, „um diese barbarischen Taten aufzuklären
und die Hintermänner aufzuspüren“.

Dass zwei Flüchtlinge für die Taten von Würzburg und Ansbach verantwortlich seien, „verhöhnt das Land, das sie aufgenommen hat“, sagte Merkel weiter. Dies
verhöhne auch die vielen anderen Flüchtlinge. Die Terroristen wollten erreichen, „dass wir den Blick für das, was uns wichtig ist, verlieren“. Sie wollten „unser Miteinander zersetzen“, indem sie Hass und Angst zwischen den Kulturen und zwischen den Religionen säten.

Am Sonntagabend hatte sich ein syrischer Flüchtling in Ansbach in die Luft gesprengt und 15 Menschen verletzt. Wenige Tage zuvor hatte ein angeblich aus Afghanistan stammender Flüchtling bei Würzburg in einem Regionalzug und auf der Flucht mit einer Axt fünf Menschen schwer verletzt. In beiden Fällen gehen die Ermittler von einem islamistischen Hintergrund aus. In Reutlingen hat ein Asylbewerber aus Syrien eine junge Frau aus Polen mit einer Machete getötet.

Merkel will Überwachung des Internets in Deutschland beschleunigen
Merkel will Überwachung des Internets in Deutschland beschleunigen
Bundeskanzlerin Merkel hat angekündigt, die Überwachung des Internets wegen der Sicherheitslage in Deutschland beschleunigt vorantreiben zu wollen. Die vom Kanzleramt herausgegebene Pressemitteilung im Wortlaut.
abo-pic
Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag in Berlin. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag in Berlin. (Foto: dpa)

Freiheit und Sicherheit in Gleichklang bringen

Bundeskanzlerin Merkel sieht Deutschland und Europa angesichts des Terrors vor einer großen Bewährungsprobe. Man werde alles tun, um die barbarischen Taten aufzuklären. Es gelte, „Freiheit und Sicherheit ins Gleichgewicht zu bringen“.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Anschläge von Würzburg und Ansbach als „islamistischen Terror“ verurteilt. Diese Anschläge seien erschütternd, bedrückend und auch deprimierend, sagte die Kanzlerin zu Beginn ihrer Sommerpressekonferenz in Berlin. „Es werden zivilisatorische Tabus gebrochen. Die Taten geschehen an Orten, wo jeder von uns sein könnte.“

„Den Opfern und ihren Angehörigen schuldig“

Zugleich sicherte Merkel zu, dass die Behörden alles tun würden, um die Taten aufzuklären. „Das sind wir den Opfern und ihren Angehörigen schuldig, unserer Sicherheit und auch den Flüchtlingen, die bei uns Schutz suchen.“ Die Anschläge in Würzburg und Ansbach seien von zwei Menschen, die als Flüchtlinge kamen, verübt worden – sowas „verhöhnt das Land, das sie aufgenommen hat“. Es verhöhne zugleich die Helfer und Ehrenamtlichen und auch „die vielen anderen Flüchtlinge, die Hilfe vor Krieg und Gewalt bei uns suchen“.

Die Attentate stellten unser Verhältnis von Freiheit und Sicherheit auf die Probe. Die Täter säten „Hass und Angst zwischen Kulturen und in unserer Gesellschaft“. Merkel erinnerte daran, dass bereits viele Maßnahmen ergriffen worden seien. Als Beispiele nannte sie den Passentzug bei Gefährdern, die verbesserte Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern, die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung, die Beendigung des sorglosen Umgangs mit Prepaid-Handys und die Erhöhung der Zahl der Stellen der Sicherheitsbehörden. Das oberste Gebot sei, dort zu handeln, wo Lücken bestünden. „Wir tun alles, um die Sicherheit in unserem freiheitlichen Rechtsstaat zu garantieren“, sagte die Kanzlerin.

Deutschland bleibt Prinzipien treu

Merkel bekräftigte, dass Deutschland als starkes Land sich dieser Herausforderung stelle und dabei bei seinen Grundsätzen bleibe: Politisch Verfolgte erhielten Asyl und Menschen, die vor Krieg flüchteten, Schutz nach der Genfer Menschenrechtskonvention.

Sie habe vor einem Jahr gesagt: „Wir schaffen das.“ Sie habe nicht gesagt, dass es eine leichte Aufgabe werden würden, so Merkel. Auch heute sei sie überzeugt, dass Deutschland diese nationalen Aufgabe bewältigen könne. Deutschland helfe Menschen in Not, müsse zugleich auch den Terror bekämpfen, den Bürgern Sicherheit geben und die Integrationsmaßnahmen vorantreiben. Es gehe darum, Freiheit und Sicherheit in eine Balance zu bringen, damit „wir unsere Art zu leben, weiterleben können“. Deshalb müsse der Staat seiner Aufgabe gerecht werden, das weitest mögliche Vertrauen wieder herzustellen. „Daran arbeiten wir“, so Merkel.

Neun-Punkte-Plan

Merkel skizzierte als Reaktion auf die jüngsten Anschläge in Deutschland einen Neun-Punkte-Plan für mehr Sicherheit. Dazu zählen unter anderem eine Senkung der Hürden für die Abschiebung von Asylbewerbern, ein „Frühwarnsystem“ für Radikalisierungen bei Flüchtlingen und gemeinsame Übungen von Polizei und Bundeswehr sowie der beschleunigte Aufbau einer Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (Zitis) zur Entschlüsselung der Internetkommunikation. Immer dort, wo es Lücken gebe, müsse gehandelt werden, so die Kanzlerin.

Bewährungsprobe für Europa

Deutschland und Europa stünden vor einer historischen Bewährungsprobe. Es habe noch nie so viele Flüchtlinge wie nach dem 2. Weltkrieg gegeben. Sie sei auch enttäuscht über die mangelnde Bereitschaft einiger in der Europäischen Union, hier mitzutun. Die EU-interne Verteilung der Flüchtlinge zum Beispiel aus Griechenland müsse schneller gehen.

Durch den Druck der Flüchtlingskrise seien aber auch positive Entwicklungen möglich geworden. Als Beispiele nannte sie den gemeinsamen Europäischen Grenz- und Küstenschutz, die EU-Türkei-Vereinbarung und die Entwicklung von Migrationspartnerschaften mit afrikanischen Partnerländern. Es bleibe viel Arbeit in Europa zu tun.
Türkei: Rechtsstaatlichkeit wahren

Die Bundeskanzlerin forderte die türkische Führung auf, bei der Verfolgung mutmaßlicher Putschisten die Rechtsstaatlichkeit zu wahren. Es sei selbstverständlich, in einer solchen Situation wie in der Türkei „mit allen Mitteln des Rechtsstaats“ gegen die Putschisten vorzugehen. Aber in einem Rechtsstaat müsse immer unbedingt das „Prinzip der Verhältnismäßigkeit“ gewahrt werden.

Türkei: Rechtsstaatlichkeit wahren

Merkel äußerte die Sorge, dass in der Türkei nach dem gescheiterten Putsch sehr hart vorgegangen werde. Für Deutschland sei es angesichts der drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln „sehr wichtig“, dass die Verhältnismäßigkeit in der Türkei gewahrt bleibe.

Mehrheit der Deutschen hält Merkels Flüchtlingspolitik für gescheitert
Mehrheit der Deutschen hält Merkels Flüchtlingspolitik für gescheitert
Einer aktuellen Umfrage zufolge halten 57 Prozent der Deutschen Angela Merkels Flüchtlingspolitik für gescheitert. Nur 32 Prozent halten die Politik Merkels für richtig.
abo-pic
Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag nach ihrer Pressekonferenz in Berlin. Angeblich hält die Mehrheit der Deutschen Merkels Flüchtlingspolitik für gescheitert. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag nach ihrer Pressekonferenz in Berlin. (Foto: dpa)

Einer Umfrage von Emnid für den TV-Sender N24 zufolge halten 57 Prozent der Deutschen Merkels Flüchtlingspolitik für gescheitert. Nur 32 Prozent der Befragten ist der Auffassung, dass die Politik Merkels nicht gescheitert sei.

Etwas mehr als die Hälfte der Befragten sind der Ansicht, dass die Kanzlerin die Sorgen der Bevölkerung nicht ernst nimmt. Trotz der Gewalttaten und Anschläge der vergangenen Wochen sagen 61 Prozent, dass sie sich genauso sicher wie vorher fühlen würden. Doch ein Zehntel der Deutschen meidet die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln. Zwei Drittel der älteren Deutschen fühlen sich unsicher, auch bei den Jungen fühlen sich mehr als die Hälfte nicht sicher.

Anfang Juni hatte auch das Pew Research Center eine Umfrage zur europäischen Flüchtlingspolitik durchgeführt. Demzufolge sind 67 Prozent der Deutschen unzufrieden mit der europäischen Flüchtlingspolitik. In Griechenland lehnen 94 Prozent, in Schweden 88 Prozent, in Italien 77 Prozent, in Spanien 75 Prozent und in Frankreich 70 Prozent unzufrieden mit der EU-Flüchtlingspolitik.

Wagenknecht attackiert Merkel: Beteiligung an Öl-Kriegen beenden
Wagenknecht attackiert Merkel: Beteiligung an Öl-Kriegen beenden
Die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei Wagenknecht hat Bundeskanzlerin Merkel wegen ihrer Erklärung zur Sicherheitslage scharf attackiert. Sicherheit werde in Deutschland erst wieder einkehren, wenn die Bundesregierung die Beteiligung an den "Öl- und Gaskriegen im Nahen und Mittleren Osten" beende.
abo-pic
Sahra Wagenknecht von der Links-Partei. (Foto: dpa)

Sahra Wagenknecht von der Links-Partei. (Foto: dpa)

Wagenknecht sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe: „Es ist bedauerlich, dass Deutschland in der aktuellen schwierigen Situation von einer Kanzlerin regiert wird, die die Tragweite der Probleme offenbar bis heute nicht erfasst hat oder nicht sehen will.“

Auf ihrer Website hat Wagenknecht ein ausführliches Statement veröffentlicht:

„Merkels Neun-Punkte-Plan für mehr Sicherheit klammert die wichtigsten Fragen aus. Wer wirklich für mehr Sicherheit sorgen will, muss aufhören, sich an Öl- und Gaskriegen im Nahen und Mittleren Osten mit unzähligen zivilen Opfern zu beteiligen, muss die logistische Unterstützung der US-Drohnenmorde einstellen und Waffenexporte in Krisengebiete sofort stoppen. Auch die Unterstützung von Diktatoren wie Erdogan, dessen Verfolgung viele Oppositionelle und kritische Journalisten zum Verlassen ihrer Heimat zwingen wird, darf nicht fortgesetzt werden. Wer die Zahl der Flüchtlinge wirklich verringern will, muss auch aufhören, armen Ländern Freihandelsabkommen aufzuzwingen, die ihre lokale Landwirtschaft vernichten und ihnen jede Chance auf eine Industrialisierung nehmen. Außerdem muss die soziale Integration in Deutschland durch die Schaffung von Wohnraum und Arbeitsplätzen vorangetrieben werden. Leider macht die Kanzlerin v on all dem das Gegenteil: Sie verweigert den Kommunen das nötige Geld für die Integration, lässt die deutschen Rüstungsexporte von Jahr zu Jahr neue Rekorde erreichen und hält an den Kriegseinsätzen der Bundeswehr fest. Mit der Feststellung, in der Türkei sei das Prinzip der ‚Verhältnismäßigkeit‘ nicht immer gewahrt, verharmlost Merkel Erdogans Gegenputsch in völlig inakzeptabler Weise“, kommentiert Sahra Wagenknecht den Auftritt von Bundeskanzlerin Merkel auf der Bundespressekonferenz. Die Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE weiter:

„Frau Merkel hat es bislang nicht geschafft, die Herausforderungen zu meistern und Sorge für eine soziale Integrationspolitik zu tragen. Hier braucht es eine grundlegende Wende, sonst wird die Integration der Flüchtlinge scheitern. Deutschland braucht eine Wiederherstellung der sozialen Infrastruktur und eine Politik, die genug Wohnungen, Arbeits- und Ausbildungsplätze für alle schafft. Statt öffentliche Dienste und Infrastrukturen weiter kaputtzusparen, müssen auch mehr Sozialarbeiter und Psychologen eingestellt werden, die sich um Flüchtlinge kümmern, die in ihren Heimatländern Furchtbares erlebt haben. Nur dann kann Integrationspolitik auch Prävention im Hinblick auf Sicherheit leisten.“

Russland bereitet Evakuierung von Zivilisten aus Aleppo vor
Russland bereitet Evakuierung von Zivilisten aus Aleppo vor
Russland bereitet in Aleppo die Evakuierung von Zivilisten aus den von islamistischen und internationalen Söldnern besetzten Stadtteilen vor. Die Russen wollen verhindern, dass die Zivilisten von den Söldnern als menschliche Schutzschilde missbraucht werden.
abo-pic
Russlands Präsident Putin mit Verteidigungsminister Schoigu. (Foto: EPA/ALEXEY NIKOLSKIY/SPUTNIK/KREMLIN POOL)

Russlands Präsident Putin mit Verteidigungsminister Schoigu. (Foto: EPA/ALEXEY NIKOLSKIY/SPUTNIK/KREMLIN POOL)

Die islamistischen Söldner von Fatah Halab haben keinen Ausweg mehr. (Screenshot)

Die islamistischen Söldner von Fatah Halab haben keinen Ausweg mehr. (Screenshot)

Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu hat die Einrichtung von Fluchtkorridoren für Zivilisten in der umkämpften syrischen Großstadt Aleppo angekündigt. Im Laufe des Tages werde zusammen mit der syrischen Regierung ein „großangelegter humanitärer Einsatz“ eingeleitet, damit die Bewohner die Stadt verlassen könnten, sagte Schoigu am Donnerstag. Syriens Präsident Baschar al-Assad bot laut staatlichen Medien zudem den Söldnern, die binnen drei Monaten ihre Waffen niederlegen und sich den Behörden stellen, eine Amnestie an.

Aleppo ist seit Monaten heftig umkämpft. Es wird vermutet, dass mehr als 250.000 Zivilisten in der einst größten Stadt des Landes festsitzen. Einige Teile werden von Regierungstruppen, andere von Rebellen kontrolliert. Die syrische Armee hat nach eigenen Angaben seit Mittwoch alle Versorgungsrouten der Aufständischen in den Ostteil Aleppos gekappt. Auf Flugblättern wurden die Bewohner zur Zusammenarbeit mit der Armee aufgerufen und die Rebellen aufgefordert, sich zu ergeben.

Die internationalen Söldner haben sich in Syrien schon wiederholt der Methode bedient, Zivilisten als Schutzschilder zu nehmen.

Schoigu sagte, russische und syrische Soldaten würden drei Korridore einrichten, durch die Zivilisten sicher aus der Stadt gelangen könnten. Einen vierten Korridor werde es zudem im Norden Aleppos geben. Dieser sei für Extremisten gedacht. Schoigu sagte, Russland habe die syrische Regierung dazu gedrängt, auch diese zu begnadigen, sofern sie keine ernsten Verbrechen begangen hätten. Insgesamt unterstützen zahlreiche Groß- und Regionalmächte Söldner-Truppen in Syrien. Saudi-Arabien und die Golfstaaten unterstützen unter anderem den al-Kaida-Ableger Nusra Front in der Gegend von Aleppo gegen die syrische Armee.

Das neue DWN-Magazin: Worum es in Syrien wirklich geht
Das neue DWN-Magazin: Worum es in Syrien wirklich geht
Das neue DWN-Magazin geht der Frage nach, was hinter dem Syrien-Konflikt steckt und warum andere Staaten an einem Krieg in diesem Land interessiert sind. Der Krieg wird fälschlich als Bürgerkrieg bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich um einen Krieg um Rohstoffe,…
abo-pic
UNESCO Weltkulturerbe Palmyra in Syrien – zerstört durch ISIS. (Foto: dpa)

UNESCO Weltkulturerbe Palmyra – zerstört durch ISIS. (Foto: dpa)

Das neue DWN-Magazin widmet sich der Diskussion um den Syrien-Konflikt. Es geht um die Weichenstellungen für den internationalen Energiemarkt. Amerikaner, Saudis und Russen ringen um die Vorherrschaft.

Für die Russen ist der Syrien-Konflikt von enormer strategischer Bedeutung, weil die Russen verhindern wollen, dass Katar für den europäischen Energie-Markt zur Alternative wird. Wenn Russland seinen Einfluss in Syrien verliert, hätte dies zur Folge, dass dem russischen Energieriesen Gazprom ein ernster Konkurrent aus der Golf-Region erwachsen könnte.

Die Saudis wissen um die wirtschaftlichen Interessen Moskaus und machten daher den Russen ein Angebot, wie man das Ende des Bürgerkriegs in Syrien auch in einen Vorteil für Russland umwandeln könnte. Der saudische Geheimdienst-Chef schlug den Russen mit voller Unterstützung der USA eine mögliche, gemeinsame Strategie vor. Auch die Organisation der erdölexportierenden Länder solle diesem Bündnis beiwohnen. Der Plan der Saudis ist eine Pipeline, die Europa mit Erdgas beliefern soll.

Putin strebt seit längerem ein solches Abkommen an. Wenn Saudi-Arabien seine Fördermenge reduzieren und der Ölpreis steigen würde, könnte Russlands Regierung zusätzliche Einnahmen erzielen. Putin lehnte das Angebot der Saudis jedoch ab: „Unsere Haltung zu Assad wird sich niemals ändern. Wir glauben, dass die syrische Regierung der beste Vertreter des syrischen Volkes ist und nicht diese Kannibalen.“

***

Die wichtigsten Informationen finden Sie dazu im neuen Monatsmagazin der DWN.

Mit einem Abonnement des DWN-Magazins unterstützen Sie außerdem die Redaktion in ihrer Unabhängigkeit. Die kritische Berichterstattung braucht das Fundament der Leser. Guter Journalismus ist im Zeitalter der massiven PR von allen Seiten aufwändig und erfordert intensive Recherche. Mit Ihrem Abonnement ermöglichen Sie unsere Arbeit.

Wir danken unseren Lesern, Abonnenten und Werbe-Kunden für Ihre bisher gezeigte, großartige Unterstützung und die jahrelange Treue.

Die Redaktion

media-fastclick media-fastclick