Pressefreiheit: ARD berichtet nicht über Verhaftung von griechischem Journalisten

In Athen wurde am Sonntag ein Journalist verhaftet, weil sein Magazin die angebliche Liste von griechischen Steuerflüchtlingen veröffentlicht hat. Während sich die ARD vergangene Woche mit erheblichem Pathos gegen die Intervention des CSU-Pressesprechers echauffierte, hielten die Tagesschau und die Tagesthemen am Sonntag diesen wirklich gravierenden Verstoß gegen die Pressefreiheit für nicht berichtenswert.

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Das griechische Magazin Hot Doc veröffentlichte eine Liste mit angeblichen 2.059 griechischen Steuerflüchtlingen. Darauf wurde ein Journalist des Magazins verhaftet. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen war von dem spektakulären Vorfall am Sonntagabend davon nichts zu vernehmen.

Das griechische Magazin Hot Doc veröffentlichte eine Liste mit angeblichen 2.059 griechischen Steuerflüchtlingen. Darauf wurde ein Journalist des Magazins verhaftet. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen war von dem spektakulären Vorfall am Sonntagabend davon nichts zu vernehmen.

Weder auf der Website der Tagesschau, nicht in der Tagesschau um 20 Uhr, auch nicht im 100-Sekunden-Clip der Tagesschau und auch nicht bei den Tagesthemen wurde am Sonntag auch nur ein Wort über einen wirklich gravierenden Verstoß gegen die Pressefreiheit in Athen verloren. Der griechische Journalist Costas Vaxevanis war am Sonntag verhaftet worden, weil sein Magazin Hot Doc eine Liste mit über 2.000 griechischen Steuerflüchtlingen veröffentlicht hatte. Die Liste, die den Griechen vor zwei Jahren von der damaligen französischen Finanzministerin Christine Lagarde übergeben worden war und die dann auf rätselhafte Weise verschwand (mehr hier), enthält die Namen von prominenten Griechen: Ein Berater von Premier Antonis Samaras findet sich darauf ebenso wie die Namen von Mitarbeitern des Finanzministeriums, Wirtschaftsleuten und Journalisten. Ob es sich bei der veröffentlichten Liste tatsächlich um die Lagarde-Liste handelt, konnte das Magazin nicht zweifelsfrei belegen – nicht zuletzt deshalb, weil die griechische Regierung zu der Liste keinen Kommentar abgeben wollte. Alle griechischen und zahlreiche internationale Medien haben ausführlich über die Veröffentlichung und die Verhaftung berichtet, unter anderem die Tagesschau des Schweizer Fernsehens und die Deutsche Welle.

Costas Vaxevanis wurde am Sonntag von Sicherheitskräften abgeholt. In seinen letzten Tweets vor der Verhaftung beschrieb der Journalist, wie die Polizei sein Haus umstellte. Er merkte an, dass das Aufgebot den Eindruck einer „faschistischen Miliz“ erweckte. Es sei ihm unverständlich, dass er und nicht die Steuerflüchtlinge verhaftet wurden.

Das Schweigen der öffentlich-rechtlichen Sender ist beonders bermerkenswert, weil sich die ARD in der vergangenen Woche als besondere Kämpferin für die Pressefreiheit profiliert hatte: Der Rücktritt des CSU-Pressesprechers Michael Strepp wegen eines Anrufs beim ZDF war mit der Spiegel-Affäre von Franz-Josef Strauß und dem Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff verglichen worden. Chefredakteur Ulrich Deppendorf sprach einen ergreifenden Kommentar, in dem er die Dreistigkeit des CSU-Mannes anprangerte. In den Tagesthemen wurde ein Bericht gezeigt, in dem erklärt wurde, wie ernsthaft die Tagesschau-Redaktion arbeitet. Der Tenor des Berichts-Pakets: Die ARD werde sich durch nichts uns niemanden jemals von ihrer Unbestechlichkeit abbringen lassen.

Schon vor einiger Zeit war die Tagesschau in die Kritik geraten, weil sie über die Unruhen in Spanien nicht berichtet, sondern stattdessen die Zuseher, die einen Bericht angemahnt hatten, als Shit-Storm denunziert hatte (mehr hier).

Wie schon damals ist festzustellen, dass es den Öffentlich-Rechtlichen gut zu Gesichte stünde, wenn sie über die Entwicklungen in der Euro-Krise nach nachrichtlichen Kriterien berichten würde. Man hätte die Meldung ganz leicht in den Bericht verpacken können, in dem ausführlich die Sprechblase Stellungnahme von Bundesfinnazminister Wolfgang Schäuble zum griechischen Schuldenschnitt referiert wurde.

Die Verhaftung eines Journalisten, dessen Medium von seinem Recht auf Berichterstattung Gebrauch gemacht hat, wäre – ungeachtet einer möglichen Einschätzung des Vorfalls – jedenfalls mehr im Dienst der Pressefreiheit als eine Flut von Krokodilstränen über einen Telefonat eines Pressesprechers, der sich im Ton vergriffen, jedoch keinen einzigen Journalisten auch nur von der Einnahme seines wohlverdienten Abendbrots abgehalten hatte.

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