Sackgasse Studium: Bildungssystem produziert an der Realität vorbei

Zwar fällt die Erwerbslosenquote in Deutschland. Doch viele Langzeitarbeitslose haben aufgrund geringer Qualifikation weiterhin keine Chance auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Wenn Jugendliche berufliche Entscheidungen ohne genügende Informationen treffen, bleiben künftig wichtige Lehrstellen unbesetzt.

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Im September gab es in Deutschland 2,2 Millionen Erwerbslose, so das Statistische Bundesamt am Donnertag. Als erwerbslos gilt, wer eigentlich imstande ist zu arbeiten und dennoch nicht erwerbstätig ist. Im September waren in Deutschland 41,8 Millionen erwerbstätig. Zu den Erwerbstätigen zählen alle Arbeitnehmer, mithelfende Familienangehörige und Unternehmer, auch die Mini-Jobber und die Ein-Euro-Jobber. Sogar Arbeitnehmer in Elternzeit gelten als (inaktiv) erwerbstätig.

Zwar ist die Erwerbslosenquote in den letzten Jahren gefallen, doch die hohe Hartz-4-Quote bleibt ein Problem. (Grafik: DWN, Daten: Statistisches Bundesamt)

Zwar ist die Erwerbslosenquote in den letzten Jahren gefallen, doch die hohe Hartz-4-Quote bleibt ein Problem. (Grafik: DWN, Daten: Statistisches Bundesamt)

Obwohl die Erwerbslosenquote fällt, bleibt das eigentliche Problem bestehen: die anhaltend hohe Hartz-4-Quote. Diese ist nur „schleppend“ gesunken, sagte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Ein großer Teil der Hartz-4-Empfänger sei langzeitarbeitslos. Auch arbeitspolitische Maßnahmen würden da oft nicht weiterhelfen. So gebe es vor allem bei den Älteren viele, die „resigniert haben“. Ursache der Langzeitarbeitslosigkeit sei ein zunehmender Mangel an „einfachen Jobs“ für Geringqualifizierte. Mindestlöhne könnten diese Entwicklung noch verschärfen, da sie den „Rationalisierungsdruck“ noch erhöhen würden.

Deutschland hat mit circa 8 Prozent die europaweit geringste Jugenderwerbslosenquote (mehr hier). Dies begründet Karl Brenke damit, dass der deutsche Arbeitsmarkt für Jugendliche vergleichsweise offen sei. Die entscheidende Rolle spiele die betriebliche Berufsausbildung in Deutschland, die der schulischen Ausbildung in anderen europäischen Ländern weit überlegen sei. Wenn ein junger Mensch erst einmal in einem Betrieb eingearbeitet ist, werde er eben auch eher übernommen.

Ein weiteres Problem für den deutschen Arbeitsmarkt hat eine demographische Ursache: Es gibt weniger junge Menschen, so Karl Brenke. Dadurch könnte in Deutschland erstmals die Lage eintreten, dass Lehrstellen in großem Umfang keine Bewerber finden. Zwar habe es schon immer viele Jugendliche gegeben, die Berufe gelernt und Studien begonnen haben (mehr hier), die es ihnen nicht ermöglichten, einen Job zu finden. Brenke spricht in diesem Zusammenhang von „Modeberufen“ und nennt das Beispiel der Friseuse. Darüber hinaus erweist es sich immer mehr als Problem, dass viele Schüler aus Prestigegründen an die Universitäten drängen, um dort Philosophie oder Literaturwissenschaften studieren – weil sie in ihrer Jugend verträumt sind oder gerne lesen. So lobenswert diese Eigenschaften sein mögen – sie helfen nicht, um die Bedürfnisse des Arbeitsmarkt zu decken. Ein übertrieben egalitäres Bildungssystem fördert diese Entwicklung und produziert so an der Realität vorbei.

Doch wenn der Nachwuchs knapp wird, dann können die Fehlentscheidungen der jungen Menschen bei der Wahl ihrer Ausbildung dazu führen, dass Lehrstellen nicht besetzt werden können und die Zukunft von Betrieben gefährdet wird. Karl Brenke sagt, dass die deutschen Betriebe aus diesem Grund ein sehr großes Interesse daran haben, in Zusammenarbeit mit den Schulen die Schüler besser zu informieren. Doch ob die Schulen fähig dazu sind, das könne er nicht beurteilen.

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Kommentare

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    • Generation Hartz4 sagt:

      Beispiele:

      Kommilitonin, BWL (FH, Diplom), 2 Jahre arbeitslos nach Studium, eine Stelle bei Zeitarbeitsfirma mit Mobbing von den Angestellten der Firma, Gehalt 1400€ brutto bei 40h-Woche; was aus ihr geworden ist weiß ich nicht;

      Kommilitone , BWL (FH, Diplom), 2 Jahre arbeitslos nach Studium, dackelte trotzdem 2 Jahre jeden Tag um 8 Uhr in die Uni, obwohl er fertig war; was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht;

      Student, Wirtschaftsingenieur (FH, Bachelor), arbeitlos, eine Stelle bei Zeitarbeitsfirma mit einem Stundenlohn von 12,50 €, 40-Stunden-Woche, was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht;

      Ich, BWL (FH,Bachelor), langzeitarbeitslos, weder Zeitarbeit zu Hungerlohn noch Praktikantenstelle bekommen, umzugsbereit, bilde mich ständig weiter, Master, Fortbildungen..ohne Erfolg

      • Generation Hartz4 sagt:

        Sry, kleine Ausbesserung…der Wirtschaftsingenieur hatte Diplom.

        Schulungsleiter bei Fortbildungsmaßnahmen, alte Chefs aus dem Studium, Bekannte..jeder den ich frage, sagt, man bekäme heute nur noch über Beziehungen Jobs.

        Weitere Beispiele:

        Kommilitonin, BWL (FH,Bachelor), nach Studium 20 Bewerbungen, sofort bei Firma angestellt worden als stellvertretende Abteilungsleiterin, Zeugnisse und Noten wollte niemand nachgereicht haben und auch nicht wissen.

        Kommilitone, BWL (FH,Bachelor), sofort nach Studium angestellt, Noten und Zeugnisse wurden nicht gefragt und nicht nachgereicht.

        • Generation Hartz4 sagt:

          Ich: 3 Bewerbungscoachings, Messebesuche, etwa 20 Bewerbungen jeden Monat auf jede Art von Stelle..Teilzeit, Vollzeit, Aushilfe, Praktikum, Trainee,fachfremde Stellen…tausend Mal Lebenslauf überarbeitet …keine Resonanz.

          Fragt ein Personaler warum ich denke, dass ich noch keinen Erfolg hatte, kann ich nur sagen was andere mir sagen, dass ich überqualifiziert sei, zu wenig Berufserfahrung habe, Jobs fast nur noch über Beziehungen vergeben werden…erschreckend ist, dass bei letzem Argument niemand widerspricht.

          Bekannter (Uni, Diplom in mehreren Studiengängen Mathe/Wirtschaftswissenschaften), mind. 35 Jahre gearbeitet mit 2-jähriger Arbeitslosigkeit, weil aus dem job gemobbt, immer 40h-Woche, Bescheid über zu erwartende staatliche Rente: 1500 €.

          • Generation Hartz4 sagt:

            Bekannter (Uni, Dr. Ingenieur) hangelt sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag bei diversen Firmen, um dann doch nicht übernommen zu werden und gänzlich in der Arbeitslosigkeit zu verschwinden.

            • Generation Hartz4 sagt:

              Ich, kleiner Auszug aus meinem Bewerbungsalltag:

              Bewerbung auf Stelle;
              Einen Monat später Absage per Email;
              Wieder einen Monat später dennoch Einladung;
              Bewerbungsgespräch in dem mir gesagt wird, dass ihr Praktikant, der für die Stelle ausgewählt wurde hingeschmissen hätte (wozu wurde dann die Stelle überhaupt ausgeschrieben, wenn man bereits jemanden hatte);
              Einladung zu Probearbeitstag;
              Ein Tag vorher Absage, weil man eine Bewerberin aus der Nachbarschaft gefunden hat…
              Auf telfonische Nachfrage hieß es, dass es sonst keine Gründe gegen mich gab. Man wolle mich (die ich überall hinziehen würde) nicht aus meiner Umgebung reißen.

            • Generation Hartz4 sagt:

              Beispiel:

              Kommilitone (Studium BWL-Bachelor FH abgebrochen), kurz nach Abbruch angestellt im Marketingbereich (eigentlich hoffnungslos überlaufener Bereich) mit sehr gutem Verdienst

              Alle genannten, die sofort einen Job hatten, haben ihren Job direkt am Wohnort bekommen.

              Diese ganzen Beispiele kann man ganz nebenbei leider auch auf die Wohnungssuche übertragen. Wohnungen gibt es nur noch über Beziehungen.

              Ich bin wütend, frustriert, traurig und schäme mich für die Politik meines Landes.

            • Generation Hartz4 sagt:

              Von Zeitarbeitsfirmen gerne eingeladen; Gespräche dauern meist 10 Minuten, in denen mir gesagt wird, dass es den Job nicht mehr gibt, aber ich werde in den Pool aufgenommen; wurde auch schon von Zeitarbeitsfirmen eingeladen und dort wurde mir gesagt, dass man mich nicht vermitteln kann, wegen fehlender Berufserfahrung; Anfahrtskosten werden natürlich nie übernommen; Diese muss ich von meinem kleinen Geld selbst auslegen, um dann hinterher zu erfahren, dass ich ohnehin kein Chance habe;

              Alle Beiträge bezogen sich auf meine Erfahrungen mit dem Bundesland Bayern.
              Ich bewerbe mich auch im Ausland.

            • Generation Hartz4 sagt:

              Industriekauffrau, etwa 40 Jahre, hatte Kind bekommen, findet nichts mehr; jemand sagte zu ihr, nach einem Jahr ist man für den Arbeitsmarkt tot; findet 400€-Job in Schichtarbeit und macht genau die gleiche Arbeit wie vorher, keine Hilfstätigkeiten; Die Firma hat nur ausgebildete 400€-Arbeitskräfte, die froh sind etwas arbeiten zu können und keine üblichen 400€-Arbeiten machen, sondern Tätigkeiten, die ihre Ausbildung voraussetzen;

            • Generation Hartz4 sagt:

              Frau, jetzt etwa 45, bekam mit etwa 35 ein Kind; Beruf gelernt, aber mir unbekannt; danach 8 Jahre arbeitslos, bis Bekannte für sie einfach eine Stelle “geschaffen” haben, damit sie etwas hat.

              Mann, auch um die 50, Ingenieur; Ehefrau ist Hauptverdiener; hat nichts mehr gefunden und sich selbständig gemacht, um halt was zu haben, aber ist wohl eher unlukrativ, dafür hat er sich damit abgefunden und lebt recht zufrieden.

              Frau, 2 Kinder, jahrelang nichts gefunden bis ihr Ehemann (beide studierte Informatiker) ihr einen Job in seiner Firma besorgen konnte.

    • Jule sagt:

      Ich hab mir gerade mal die Tarifverträge der Zeitarbeitsbranche angeguckt.

      Nur ein Fachhochschulstudium/Hochschulstudium – egal welches Fach – sorgt dafür, dass man in der Zeitarbeit nicht zum Hungerlöhner degradiert wird. Ausbildungsberufe sind in DE nichts mehr wert, sie sind total entwertet worden — zwischen 8 Euro und 13 Euro bringen die in der Zeitarbeit.

      Ein FH-Absolvent kommt ja wenigstens im Westen noch auf über 17 Euro .—- aber das andere ist ja nur noch blanker Hohn.

      solange es in DE kein Equal Pay gibt, sollte man keine Ausbildung mehr lernen… da wird man nur verarscht mit — ist der Idiot vom Dienst.

      auch die Arbeitslosenraten sind mit Ausbildungsberuf weit über den Hochschulberufen. Selbst bei Biologen mit hoher Arbeitslosigkeit liegt die Rate bei nur 5,8%, ebenso bei Soziologen.

      Bei den meisten Ausbildungsberufen liegt die Arbeitslosenrate offiziell bei über 7%, oft aber höher.

      Das Risiko in Zeitarbeit zu landen schätz ich ebenfalls als höher ein. Noch dazu wird n vielen Bereichen wie Büroberufen weit über Bedarf ausgebildet, also konkurriert man mit viel zu vielen Leuten.

    • will williamson sagt:

      Grosse Bildungsinstitutionen sind so etwas wie Bildungsfabriken. Wenn die Kapazitäten einmal da sind, müssen die gefüllt werden. Da interessiert es nicht unbedingt, ob die Absolventen nach dem Studium auch einen Arbeitsplatz kriegen. Deshalb sollten diese sich vor dem Studienbeginn eben selber klar werden, welche Fachrichtungen auch einen Broterwerb ermöglichen.