Technologie

Start-up ATMOS Space Cargo setzt neue Maßstäbe: Deutsche Logistik erobert den Weltraum

Fracht ins Weltall zu bringen, ist eine Herausforderung. Eine noch größere ist es, sie wieder unversehrt zur Erde zurückzubringen. Sebastian Klaus, Ex-Bundeswehr-Offizier und Gründer der ATMOS Space Cargo, will neue Maßstäbe in der Weltraumlogistik setzen. Den ersten Testflug hat die aufblasbare Kapsel nun absolviert.
11.07.2025 16:45
Lesezeit: 4 min

ATMOS Space Cargo: Start-up für den Weltraum

Immer wieder fällt das Wort „Resilienz“, wenn Sebastian Klaus über sein Unternehmen ATMOS Space Cargo spricht. Die Fähigkeit, schwierige Situationen zu überstehen, ist alles entscheidend für den Erfolg seiner Vision: Eine Kapsel soll Nutzlasten ins All bringen – und wieder zurück zur Erde. Weil die Kapsel wiederverwendbar ist, können Kosten reduziert und die Fracht erhöht werden. Es wäre ein Meilenstein in der Logistik der Raumfahrt. „Scheitern ist unvermeidbar“, sagt der Unternehmer. „Die Frage ist, ob man resilient genug ist, um daraus zu lernen und sich anzupassen. Das ist der einzige Weg in der Raumfahrt, weitreichende technologische Fortschritte zu erreichen.“

Seine Vision hat Sebastian Klaus nach dem mythischen Vogel Phoenix benannt, der erst verglüht, um dann aus der Asche wieder aufzusteigen. Unversehrt wie der Vogel soll die gleichnamige Kapsel nach einer Reise durchs Weltall zurück zur Erde kehren. Im Kern der Kapsel befindet sich ein Container so groß wie eine Waschmaschine, der 100 Kilogramm Fracht transportieren kann. Bereits heute kommen zwei Drittel aller Experimente auf der Internationalen Raumstation ISS aus der Biomedizin. Die Schwerelosigkeit lässt bestimmte Zellkulturen besser wachsen. Wenn es nach Sebastian Klaus geht, soll ATMOS langfristig eine Infrastruktur für Europa schaffen, in der autonome Labore für Forschung und Produktion im erdnahen Orbit ebenso selbstverständlich sind wie auf der Erde.

Europa fehlen Transportsysteme für Raketen

An Bord einer Falcon-9-Rakete startete Phoenix 1 im April in Cape Canaveral in Florida. Möglich war das nur mit Hilfe von SpaceX, dem Raumfahrtunternehmen von Elon Musk. Sebastian Klaus: „Europa braucht eigene Transport- und Rückführsysteme. Es ist längst keine Frage mehr, ob wir wirtschaftlich und geopolitisch unabhängig in der Raumfahrt agieren wollen, sondern wie schnell wir unsere eigenen Kapazitäten an europäische und internationale Märkte anschließen und diese ausweiten.“

Der Transport der Fracht ins All ist die eine Herausforderung. In den ersten 60 Sekunden beim Start legt eine Falcon 9-Rakete circa 35 Kilometer bei einer Beschleunigung von 0 auf circa 1,7 Kilometer pro Sekunde zurück. Eine noch größere Herausforderung ist die Rückkehr der Kapsel. „Von 25facher Schallgeschwindigkeit muss die Kapsel auf Null abbremsen“, erklärt Sebastian Klaus. Noch vor dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre öffnet sich eine Kartusche mit Stickstoff. Der Ballute, eine zusammengefaltete Mischung aus Fallschirm und Ballon mit einem Hitzeschild aus modernem Keramikgewebe, bläst sich wie ein riesiger Donut auf. Beim Eindringen in die dichteren Luftschichten stabilisiert ein von ATMOS entwickeltes luftatmendes System den Innendruck des Hitzeschildes durch das Einsaugen der heißen Umgebungsluft. Die große Fläche bremst die Kapsel bereits früh im Flug so weit ab, dass diese ohne Fallschirm landen kann. Gleichzeitig schützt der Hitzeschild die Fracht vor Temperaturen von mehr als 1000 Grad.

ATMOS-Gründer Sebastian Klaus: „Scheitere schnell, entwickle schneller“

Eine kurzfristige Änderung der Flugbahn führte jedoch dazu, dass ATMOS Space Cargo die letzten Flugdaten der Kapsel beim Eintritt in die Atmosphäre vom Boden aus nicht mehr empfangen konnte. An Bord eines Kleinflugzeuges mehrere hundert Kilometer über dem Atlantik wollte das Team stattdessen eine direkte Datenverbindung zur Kapsel herstellen, bevor diese vor der brasilianischen Küste in den Ozean stürzte. Die Entfernung zur Kapsel war allerdings durch die geänderte Flugbahn zu groß. Wolken und Wetter verhinderten den Kontakt, als die Kapsel im sogenannten Plasmablackout war - in dieser Phase ist allgemein kein Funkkontakt von und zur Kapsel möglich. „Der Flug hat uns eine wertvolle Lektion für Phoenix 2 gelehrt“, so der Unternehmer. Sein Credo: „Fail fast, prototype faster.“ Scheitere schnell, entwickle schneller. Der Flug der Phoenix 2 ist für 2026 geplant.

Sebastian Klaus war noch Schüler, als der US-Unternehmer Burt Rutan mit dem ersten privat gebauten Raumschiff SpaceShipOne die Grenze zum Weltraum überwand: „ATMOS ist kein Zufallsprodukt, sondern ein lange vorbereiteter Traum“, erklärt er. „Wenn Burt Rutan das kann, kann ich das auch“, sagte er sich. Es folgten ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik sowie 14 Jahre Bundeswehr, darunter als Offizier bei der Elite-Einheit Kommando-Spezialkräfte (KSK). „Raumfahrt ist ein Teamsport“, so Klaus. Die Bundeswehr verbinde zwei Komponenten: Technisches Know-How und Führungsverantwortung.

Sebastian Klaus unterteilt seine Mission in Phasen. Nur so gelinge es, den Glauben an ein Vorhaben dieser Größenordnung nicht zu verlieren. „Unser Ziel ist es, eine autonome europäische Infrastruktur zwischen Weltraum und Erde zu schaffen“, erklärt er. „Jeder Testflug, jede Partnerschaft bringt uns näher dieses Ziel.“

Die Region eignet sich perfekt für die Raumfahrtindustrie

Das Unternehmen mit seinen 55 Mitarbeitern hat seinen Hauptsitz im badischen Lichtenau, ein Ort mit knapp 5000 Einwohnern. Sebastian Klaus hat sich bewusst für diesen Standort entschieden: „Die Region eignet sich perfekt für eine starke Raumfahrtindustrie. Sie bietet Zugang zu spezialisierten Fertigungspartnern im Maschinenbau, eine moderne mittelständische Industrie mit spezialisierten Zulieferern, die Nähe zu Technologie- und Wissenschaftsinstituten in Stuttgart und Karlsruhe sowie eine sehr gute logistische Anbindung.“

Erst kürzlich eröffnete ATMOS Space Cargo auf der französischen Seite des Rheins in Strasburg eine Niederlassung. Hier hat nicht nur die International Space University ihren Sitz. Die Stadt im Elsaß steht auch für die Vision von Sebastian Klaus: Europäische Technologie in europäischer Verantwortung mit europäischen Werten.

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Cristina Prinz

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Cristina Prinz ist freiberufliche Journalistin und Geschäftsführerin einer Agentur für Corporate Publishing. Sie schreibt Unternehmerportraits für die DWN. 

 

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