Wachstum im Schneckentempo – und Deutschlands Stillstand wird zum Risiko für ganz Europa
Das Wachstum in Europa tritt auf der Stelle. Doch die Wirtschaft schlägt sich etwas besser als befürchtet. Das zeigen neue Zahlen aus mehreren Ländern. Am Mittwoch war Zahlenfest für alle, die sich für Europas wirtschaftliche Verfassung interessieren. Und Europa befindet sich in durchwachsener Verfassung. Es gibt Wachstum – aber nur schwaches. Das BIP der 20 Länder der Eurozone stieg im zweiten Quartal lediglich um 0,1 Prozent. Im Jahresvergleich wuchs die Eurozone um 1,4 Prozent – besser als die erwarteten 1,2 Prozent, so die vorläufige Schnellschätzung („Flash Estimate“) von Eurostat. „Einerseits ist das Ergebnis etwas besser als erwartet, andererseits wächst der Euroraum sehr langsam. Ein Quartalswachstum von 0,1 Prozent – wenn auch positiv – ist sehr wenig“, sagt Carl Nilsson, Ökonom bei Swedbank.
Die EU-Kommission misst auch die Stimmung und den Zukunftsoptimismus. Das Konjunkturklima-Barometer ESI für die Eurozone stieg leicht um 1,6 Punkte auf 95,8. Doch der Wert bleibt unter dem langfristigen Durchschnitt von 100 Punkten – ein Zeichen für anhaltenden Pessimismus. Die deutsche Wirtschaft wuchs überhaupt nicht – sie schrumpfte im zweiten Quartal um 0,1 Prozent. Auf Sicht der letzten zwölf Monate lag das deutsche Wachstum bei null. „Vergleicht man mit 2019, so ist Deutschland seither überhaupt nicht mehr gewachsen. Das liegt unter anderem daran, dass sich Deutschland auf billige russische Energie stützte – die nun weg ist – und auf China als Exportmarkt – das praktisch ebenfalls wegfällt, weil Deutschland stark an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt hat“, sagt Carl Nilsson. Deutschland ist Europas Konjunkturmotor. Und sein Leerlauf erklärt einen Teil des schwachen Gesamtwachstums, meint Maria Mikkonen, Chefökonomin bei Svensk Handel. „Es wird viel über Zölle gesprochen – aber Deutschland müsste mehr Aufmerksamkeit bekommen“, sagt sie.
Europas Wirtschaft stagniert – Spanien überrascht
Auch Italiens Wirtschaft schrumpfte leicht im Quartal. Das führte dazu, dass das BIP im Jahresvergleich nur um 0,4 Prozent wuchs. Frankreich legte um 0,3 Prozent zu, im Jahresvergleich um 0,7 Prozent. Spaniens BIP hingegen stieg im zweiten Quartal um 0,7 Prozent – auf Jahressicht um starke 2,8 Prozent. „Spanien wächst auch deshalb, weil das Land Hilfsgelder aus der Pandemiezeit für Infrastruktur und den Ausbau erneuerbarer Energien nutzte – was die Strompreise gesenkt hat“, sagt Carl Nilsson. Maria Mikkonen betont, dass Verbraucher in Schweden wie auch in Europa verunsichert sind und Angst vor Arbeitslosigkeit haben. „Sparen wäre ohnehin nötig gewesen – aber die Unsicherheit führt dazu, dass wir noch mehr sparen und den Konsum zurückhalten. Und genau diese Unsicherheit spüren auch die Unternehmen – und investieren entsprechend zurückhaltend.“
Auch das US-BIP für das zweite Quartal wurde am Mittwoch veröffentlicht. Die USA übertreffen Europa weiterhin deutlich. Die US-Wirtschaft wuchs im Jahresvergleich um 3 Prozent – klar über den Erwartungen von 2,6 Prozent. Die Importe gingen infolge neuer Zölle deutlich zurück.


