Machtkampf im Vatikan: Papst-Wahl soll vorverlegt werden

Der starke Mann im Vatikan, Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone, möchte möglichst schnell klare Verhältnisse. Die Wahl des neuen Papstes soll vorgezogen werden. In der Vatikan-Bank hat Bertone dafür gesorgt, dass einer seiner Kritiker aus dem Aufsichtsrat verschwindet – und durch einen Vertrauten ersetzt wird.

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Der starke Mann im Vatikan, Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone, möchte sich von europäischen Führern wie Herman Van Rompuy nicht zu genau in die Karten schauen lassen. (Foto: consilium)

Der starke Mann im Vatikan, Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone, möchte sich von europäischen Führern wie Herman Van Rompuy nicht zu genau in die Karten schauen lassen. (Foto: consilium)

Die Papstwahl wird möglicherweise früher stattfinden als geplant. Mithilfe einer kleinen Regel in der Verfassung scheint der mächtigste Mann in Vatikan, Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone erreicht zu haben, dass die Ära Ratzinger schneller vergessen wird: Das Konklave, also die Zusammenkunft de 118 wahlberechtigten Kardinäle, dürfte bereits Anfang März zusammentreten, um den Nachfolger für Papst Benedikt XVI. zu wählen. Die Gruppe um Bertone versucht offenkundig zu verhindern, dass eine breite Diskussion über die moralischen Qualitäten der Kirche und die desaströse Lage der Finanzen vielleicht einen Reformer an die Spitze des Kirchenstaats spülen könnte.

Bertone, der bis zur Wahl eines neuen Papstes formal das Oberhaupt des Vatikan sein wird, arbeitet hinter den Kulissen bereits intensiv daran, einen Mann seines Vertrauens an die Spitze zu hieven. Bertone ist extrem umstritten. Die Veröffentlichung geheimer Dokumente über den Kammerdiener Paolo Gabriele, war von Bertone-Gegnern inszeniert worden, um dem machtbewussten Piemontesen in die Parade zu fahren. Mehrfach hatten verschiedene Kardinäle versucht, bei Joseph Ratzinger der Ablösung Bertones zu erwirken – erfolglos, weil Ratzinger, in wirtschaftlichen Themen kenntnisarm, Bertone als unverzichtbar ansah.

Bertone will vor allem verhindern, dass sich die umstrittene Vatikan-Bank IOR dem internationalen Druck beugt und weltweite anerkannte Standards vor allem gegen die Geldwäsche adaptiert. Daher hat er, nur einen Tag nach der Ernennung des deutschen Ernst von Freyberg (mehr zu seinem Hintergrund bei Blohm + Voss – hier), erwirkt, dass sein schärfster Kritiker aus dem Aufsichtsrat der Vatikan-Bank entfernt wird. Der Chef der vatikanischen Finanzaufsicht, Cardinal Attilio Nicora, hatte bereits vor einem Jahr in einem Gutachten festgestellt, dass die Vatikan-Bank die europäischen Aufsichtsbehörden an der Nase herumführt: Die Bank plane unter Bertone in keiner Weise, sich den internationalen Regeln gegen die Geldwäsche zu unterwerfen. Nicora hatte auch gegen die Ablösung von Ettore Gotti Tedeschi als Chef der Bank gestimmt. Gotti Tedeschi hatte sich kurz vor seinem Rauswurf für mehr Transparenz der Vatikan-Finanzen ausgesprochen.

Bertone möchte mit diesem Schachzug den von Ratzinger eingesetzten von Freyberg neutralisieren, gegen den er sich ausgesprochen habe. Bertone wollte einen Kandidaten seines Vertrauens an der Spitze der Bank. Von Freyberg sei ein reiner Kompromiss-Kandidat, schrieb „Il Messagero“ am Samstag.

Bertone dagegen ist ein Vertreter der diskreten Machenschaften: Im Fall des Mailänder Krankenhauses San Raffaele hatte Bertone versucht, das durch Machenschaften in die Insolvenz geschlitterte Institut mit Vatikan-Geldern zu retten. Gotti Tedeschi hatte sich dem Versuch widersetzt, durch eine Fusion die Missstände in Mailand zu verschleiern.

Bertone dürfte nun versuchen, möglichst viele Kardinäle auf seine Seite zu ziehen. Er will die vollständige Autonomie der Vatikan-Finanzen wiederherstellen und lehnt die Zusammenarbeit mit europäischen und italienischen Behörden ab. Mehrere europäische Kardinäle hat Bertone schon auf seiner Seite: Am Wochenende gaben sie zu Protokoll, dass sie nichts von einem Papst aus Afrika oder Lateinamerika halten. Europa habe der Kirche immer noch viel zu geben, sagte Kardinal Velasio De Paolis der Zeitung La Stampa.

Papst Benedikt XVI. hatte am Aschermittwoch ausdrücklich vor dem Machtkampf in der Kurie gewarnt: Die Kirche dürfe nicht ihr „hässliches Angesicht“ zeigen, Gruppeninteressen müssten hinter das Gesamtwohl zurücktreten.

Der Hintergrund für den Machtkampf liegt auch in den wirtschaftlichen Problemen der Katholischen Kirche: Allein in den USA musste die Kirche bereits drei Milliarden Dollar an Entschädigungen für Missbrauchsopfer zahlen. Drei US-Diözesen sind pleite und können nur mit Bailout-Geldern aus Rom überleben. Die Missbrauchs-Skandale haben sich ausgesprochen negativ auf die Finanzen des Vatikan ausgewirkt.

Der ehemalige IOR-Chef Gotti Tedeschi hatte in einem vertraulichen Papier eine schonungslose Analyse vorlegt: Wegen der sinkenden Einnahmen aus den von der Euro-Krise erfassten Ländern wie Italien und Spanien werde sich die Kirche selbst einem Sparprogramm unterziehen müssen.

Ratzinger, der im Vatikan weitgehend isoliert ist (mehr hier), hat angesichts der Strukturkrise als erster Papst seit Jahrhunderten seinen Rücktritt vollzogen (hier). Am Samstag erhielt er Besuch von Mario Monti – einem anderen Repräsentanten, der schon bald seine Macht verlieren könnte, wenn er als italienischer Premier nicht wieder an die Spitze der nächsten Regierung gewählt wird (hier).

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