Steuer-Millionen: Im schneefreien Harz entsteht Mega-Skigebiet

Stuttgart 21 ist überall: Im Harz soll mit Millionen aus Steuergeldern ein Ski-Gebiet entstehen. Das Problem: Dort schneit es kaum. Künstlicher Schnee ist teuer – der wirtschaftliche Flop ist vorprogrammiert. Der Fall ist ein Lehrbeispiel, wie Politiker das Geld der Bürger verschleudern, wenn sie einer Fata Morgana nachjagen.

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Kein Leistungs-Sportler aus dem Harz hat jemals ein alpines Ski-Rennen von Bedeutung gewonnen. Die meisten Niedersachsen kennen den alpinen Ski-Sport nur aus dem Fernsehen.

Und doch hat sich die lokale Politik von Braunlage entschlossen, am Wurmberg im Harz ein Riesen-Skigebiet just dort zu errichten, wo es nur ein paar Hügel, kaum Schnee und keinerlei Infrastruktur gibt.

Schon jetzt kann man dort Skifahren, aber in sehr bescheidenem Ausmaß. Das soll sich ändern: Neue Pisten, ein moderner Vierer- Sessellift und natürlich, bei der unsicheren Schneelage im Harz, eine Beschneiungsanlage. Außerdem riesige Parkplätze, breite Straßen, Gastronomie-Betriebe und Ski-Geschäfte. Also alles, wovon der Wintersportler träumt.

Nur leider fehlt das Wichtigste. Am Wurmberg wird es nie ausreichend und lange genug Schnee geben. Damit wird der Betrieb eines Ski-Gebiets wirtschaftlich so gut wie unmöglich.

Die Wurmberg-Seilbahn will mit sechs Millionen den Großteil des Projekts finanzieren. Fördergelder sollen von der Stadt Braunlage, dem Land Niedersachsen sowie dem Europäischen Fond für regionale Entwicklung kommen. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund zehn Millionen Euro, wie die Magdeburger Volksstimme berichtete.

Mehr als 16 Hektar Wald sollen für die geplanten Pisten abgeholzt werden. Ob die erwarteten Touristen-Massen den Weg dorthin finden, ist eine andere Frage.

Der Stadtrat von Braunlage bewilligte bereits 1,1 Millionen Euro aus Steuergeldern für einen Parkplatz und Ausgleichsmaßnahmen wie Ersatzaufforstung. Bemerkenswert: Da wird ein Parkplatz in die Wildnis gebaut. Das Risiko trägt nicht der Unternehmer, sondern der Steuerzahler.

Heute schon ist es zu warm im Harz, und es wird noch wärmer. (Grafik: Carmen de Jong)

Heute schon ist es zu warm im Harz, und es wird noch wärmer. (Grafik: Carmen de Jong)

Und das, obwohl die Stadt eigentlich kein Geld hat. Für das Projekt werden Schulden gemacht: Braunlage ist bereits heute die höchstverschuldete Stadt Niedersachsens. Das soll, wenn es nach dem Willen der Stadtväter geht, auch für die nächsten Generationen so bleiben.

„Die Winterurlauber erwarten marktfähige, moderne Infrastrukturen und Angebote, sowohl im alpinen als auch im nordischen Bereich.“ So rechtfertigte der niedersächsische Wirtschaftsminister Jörg Bode in einer Aussendung die Förderung des Projekts mit zwei Millionen Steuergeldern aus Niedersachsen.

Dann regte sich Widerstand: Anfang September 2012 klagte der Bund Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) Niedersachsen gegen die Abholzung von schutzwürdigem Fichtenwald im Harz. Die Rodungsarbeiten wurden daraufhin vorübergehend eingestellt.

Die Chancen, das Verfahren zu gewinnen, wurden jedoch negativ eingeschätzt. Alle hielten zusammen, die das Projekt wollten: Die Politik, die Wirtschaft, die Aufsichtsorgane. Ende Januar 2013 resignierte der BUND Niedersachsen und zog seine Klage gegen das Vorhaben zurück. „In der Sache haben wir uns jedoch nicht zurückgezogen, unsere Argumente gelten weiter“, sagte Marita Wudtke vom BUND zu den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Die NGO rechnet mit weiteren Verwaltungsverfahren und will sich „aktiv darin einbringen“.

Dass das Vorhaben mit Steuergeld aus der Stadt Braunlage, aus Niedersachsen und der EU mitfinanziert wird, kritisiert Marita Wudtke scharf. „Das ist skandalös und sollte von den Rechnungshöfen – auch der EU – hinterfragt werden.“ Gerade angesichts der Temperatur-Entwicklung im Harz handle es sich um kein nachhaltiges Projekt, so Marita Wudtke vom BUND Niedersachsen. „Es ist ein Vorhaben mit enormer Energieverschwendung, die ihrerseits den Klimawandel wiederum anheizt. Es ist eine touristische Sackgasse, ein Investment von gestern“, sagt Marita Wudtke. Das Geld solle stattdessen in einen zukunftsweisenden Tourismus, wie Wandern oder Mountainbiking, investiert werden.

Kunstschnee ist auch ohne Mikroskop nicht mit Naturschnee zu vergleichen: Man fährt drauf schlechter, verbraucht sinnlos Ernergie und ist teuer in der Herstellung. (Foto: Carmen de Jong)

Kunstschnee ist auch ohne Mikroskop nicht mit Naturschnee zu vergleichen: Man fährt drauf schlechter, verbraucht sinnlos Ernergie und ist teuer in der Herstellung. (Foto: Carmen de Jong)

Dazu braucht man keinen  Schnee. Zum Skifahren braucht man den schon. Und wenn die Natur ihn nicht liefert, soll er künstlich erzeugt werden. Tonnenweise. Und alle Jahre wieder.

Die französische Hydrogeologin Carmen de Jong erstellte ein Gutachten zur künstlichen Beschneiung und den Auswirkungen des Klimawandels im Harz. Das Gutachten liegt den Deutschen Wirtschafts Nachrichten vor.

De Jong kommt darin zu dem Schluss, dass Kunstschnee keineswegs harmlos ist. In der Struktur ähnelt er weniger Schneeflocken als kleinen Eiskörnern. Kunstschnee kann zu unnatürlicher Erosion führen. Er verändert die Vegetation und ist ein Eingriff in den Boden- und Wasserhaushalt.

Die Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes belegen für die Gegend Braunlage in Zukunft einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von fast einem Grad Celsius. Für den Betrieb der Beschneiungsanlage sind aber Temperaturen von minus 2 °C nötig. Die Zeiten, in denen die Schneekanonen Kunstschnee produzieren können, werden also geringer. Wenn es wärmer wird, wird auch natürlicher Schneefall noch seltener.
Für den Skibetrieb muss also noch mehr künstlich beschneit werden, noch mehr Energie und Wasser wird verbraucht. 200.000 kWh pro Winter wird die Beschneiungsanlage am Wurmberg verbrauchen. 12.270 kWh pro beschneitem Hektar Piste.

Die Betreiber sehen darin kein Problem, im Gegenteil, sie werben mit dem Irrsinn. Die Wurmberg-Seilbahn verkündet stolz, dass man bald „ohne eine Flocke Naturschnee“ Skifahren könne. Doch Carmen de Jong kommt in ihrem Gutachten zu dem Schluss, dass es am Wurmberg prinzipiell viel zu warm und zu feucht sei, um eine ganze Skisaison lang alle Pisten beschneien zu können.

Das Gutachten kommt auch wirtschaftlich zu einem vernichtenden Urteil: Wegen der unsicheren Wetter-Verhältnisse werde der Ski-Betrieb nur in wenigen Wintern funktionieren. Rechnen wird sich das Investment also nicht. Das ist, aus Sicht der Politik, auch nicht weiter schlimm: Es wurde ja aus Steuermitteln finanziert. Und Stuttgart 21 wird sich ja auch niemals rechnen (hier).

In den letzten 150 Jahren gab es eine Erwärmung von mehr als 2 Grad Celsius auf dem Wurmberg. Doch anstatt sich auf die äußeren Rahmen-Bedingungen einzustellen und auf Geschäfte zu setzen, die nicht von Schnee abhängig sind, wird noch mehr in Wintertourismus investiert. Argumentiert wird das mit Regionaler Entwicklung und einem attraktiven Wintersportangebot.

Am 8. April soll der weitere Ausbau des Skigebiets am Wurmberg beginnen.


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