Istanbul: Proteste gegen Erdoğan erneut aufgeflammt

Die Unruhen in der Türkei sind nach einer kurzen Pause am Sonntag erneut aufgeflammt. Der Protest richtet sich gegen die Regierung, für kommende Woche sind weitere Groß-Demonstrationen angekündigt.

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Polizei weg? Demonstranten weg? Die türkischen Bürger machen weiter. (Foto: occupygezipics.tumblr.com)

Polizei weg? Demonstranten weg? Die türkischen Bürger machen weiter. (Foto: occupygezipics.tumblr.com)

Trotz der Zusage der Regierung, das umstrittene Einkaufszentrum im Gezi Park von Istanbul nicht bauen zu wollen, kamen am Sonntag erneut tausende Demonstranten ins Stadt-Zentrum, um ihrem Unmut über die Regierung Erdoğan Ausdruck zu verleihen. Mit provisorischen Barrikaden am Eingang des Platzes, der eine große symbolische Bedeutung für die linken politischen Parteien der Türkei und Arbeiterbewegung hat, demonstrierten sie ihre Entschlossenheit.

Erdoğan: Demonstranten unterwandern Demokratie

Obschon die Lage in Istanbul überwiegend friedlich und insgesamt ruhiger als an den Vortagen gewesen sein soll, wurden stellenweise erneut Ausschreitungen verzeichnet. Am Taksim-Platz seien sogar kleine Musik-Konzerte gegeben worden, wie BBC berichtet. Mehrmals wurden die Demonstranten aufgerufen, friedlich zu bleiben. Auch eine offensichtliche Polizeipräsenz habe es nicht gegeben.

Insgesamt sieht es derzeit nicht danach aus, dass sich die Proteste schnell auflösen werden. „Wir werden bis zum Ende bleiben“, so einer der Demonstranten. „Wir haben genug von dieser repressiven Regierung“, sagt er der BBC.

Tränengaseinsatz: Aggressive Stimmung in Ankara

Auch in Ankara versammelten sich erneut mehr als 1.000 Demonstranten am Kizilay-Platz. Hier gingen die Sicherheitskräfte aggressiver vor und nutzten Tränengas sowie Wasserwerfer, als die Menge versucht habe, in Richtung des Ministerpräsidiums zu laufen. Am Abend der Riesenschreck: Ein Auto rast in die Menschenmenge. Der Fahrer gab an, in Panik geraten zu sein, als Demonstranten versucht hätten sein Fahrzeug anzugreifen.

Trotz des gestrigen Zugeständnisses von Recep Tayyip Erdoğan, wohl doch zu hart gegen die Bürger vorgegangen zu sein, schlug er in einem Interview nun wieder eine härtere Tonart an. Die Demonstranten, so seine Sicht, würden versuchen, die Demokratie zu unterwandern. Auch die Opposition trage seiner Ansicht nach Mitschuld an der jetzigen Situation. Sie würde, so Erdoğan, den aktuellen Ärger ausnutzen, um weitere Spannungen zu erzeugen. „Sie nehmen sich Pflastersteine und zerschlagen die Fenster von Geschäften. Ist das Demokratie?“, so der Premier. Die sozialen Netzwerke seien seiner Meinung nach ein „Fluch“, da auf diese Weise Lügen verbreitet würden, die die Proteste anheizen.

Bürgermeister von Istanbul hat Lektion gelernt

Indes musste der Istanbuler Oberbürgermeister Kadir Topbas einlenken. Er habe versäumt die Anwohner ausreichend über die Gezi-Park-Pläne zu informieren. „Wir haben unsere Lektion gelernt“ so Topbas (mehr hier). Die Wut der Bürger ist derzeit allerdings nicht auf die Pläne des Gezi-Parks, sondern vor allem auf das aggressive Vorgehen der Sicherheitskräfte zurückzuführen.

War am Vormittag noch von rund 1000 Verhafteten die Rede, spricht man nun von mehr als 1700 Festgenommenen, auf 235 Demonstrationen in 67 türkischen Städten. Viele von ihnen sollen sich schon wieder auf freiem Fuß befinden. Wie vielen allerdings der Prozess gemacht werden soll, ist derzeit nicht bekannt. Amnesty International zufolge wurden bisher zwei Personen getötet und 1.000 Menschen verletzt. Die Zahlen konnten derzeit nicht bestätigt werden.

In den Abendstunden haben sich vor dem Istanbuler-Gebäude des Fernsehsenders Habertürk eine Gruppe von Menschen zusammengefunden, um gegen das zuvor ausgestrahlte Erdoğan-Interview zu protestieren. „Tayyip komm raus!“ und „Wieviel hat er euch gezahlt?“ sollen sie den Angaben der Zeitung Radikal zufolge geschrien haben.

Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten soll es auch in den Städten İzmir, Antep, İzmit, Adana, Mersin, Konya, Kütahya, Eskişehir, Afyon und Tunceli gegeben haben, berichtet Evrensel.


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