Machtwechsel beim Deutschen Gewerkschaftsbund

Reiner Hoffmann ist neuer Chef des DGB. Er wurde mit 93,1 Prozent Zustimmung gewählt. Hoffmann ist nun Sprachrohr von über 6,1 Millionen Mitgliedern der acht Einzelgewerkschaften im DGB.

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Der neue Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) erhält von seinem Vorgänger Michael Sommer den Generalschlüssel für die DGB-Zentrale und den Schlüssel für den Audi-A8-Dienstwagen. Reiner Hoffmann ist nun der ranghöchste Lobbyist für Arbeitnehmerinteressen in Deutschland – zumindest dem Namen nach. Der 58-Jährige ist Sprachrohr von über 6,1 Millionen Mitgliedern der acht Einzelgewerkschaften im DGB.

Der Einfluss des Vorsitzenden des Dachverbandes hängt aber weniger von Haus und Auto ab als davon, wie viel Freiraum er sich von der IG Metall, der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der IG Chemie erkämpfen kann. Bei den drei größten Einzelgewerkschaften im DGB liegt die eigentliche Macht: Sie verantworten die Tarifpolitik, sie allein können ihre Mitglieder zu Arbeitskämpfen aufrufen, in den Belegschaften werben oder Druck auf die Politik ausüben.

„Ich danke Euch für das absolut tolle Ergebnis“, rief Hoffmann den rund 400 Delegierten zu. Er wurde mit 93,1 Prozent Zustimmung gewählt. Vorgänger Sommer war 2002 mit 94,1 Prozent gestartet. An der Wahl des gebürtigen Wuppertalers, dessen gewerkschaftliche Heimat die IG Bergbau-Chemie-Energie ist, bestand kein Zweifel: Schon vor einem Jahr wurde Hoffmann von den Vorsitzenden der acht Einzelgewerkschaften auserkoren, den Dachverband zu führen.

Die Auswahl Hoffmanns deutet aber an, dass sich die Gewerkschaftschefs durchaus einen starken Mann an der Spitze ihres Dachverbandes wünschen. Hoffmann beschreibt seine Herkunft als klassischen Arbeiterhaushalt. „Das war schon ein ziemlich strenges Regime Zuhause“, geprägt auch von den engen finanziellen und materiellen Bedingungen. Aber er sei aufgewachsen ohne autoritäre Erziehungsstile, sagt Hoffmann in seiner Vorstellungsrede: „Dafür bin ich dankbar.“

Die Idee, mit Kanzlerin Angela Merkel demnächst Gespräche und Verhandlungen führen zu können, sei ihm im vorigen Jahr allerdings noch „ein Stück weit fremd“ gewesen, hatte Hoffmann vor kurzem gestanden. Mindestlohn und Rentenpaket der neuen schwarz-roten Koalition seien richtige Maßnahmen. „Aber sie werden alleine nicht ausreichen“, fügte fordernd hinzu.

Alte Gefechte etwa über die Reformagenda 2010, durch die sich die Gewerkschaften 2003 von Bundeskanzler Gerhard Schröder ausgebootet fühlten, will Hoffmann nicht wiederaufleben lassen. Aber vereinnahmen lassen will sich Hoffmann, der wie sieben der acht Einzelgewerkschaftsbosse SPD-Mitglied ist, genauso wenig: „Als Einheitsgewerkschaft halten wir Kontakte zu allen Parteien. Mit der neuen Mannschaft der SPD haben wir einen ganz soliden, belastbaren Kontakt, aber auch zu den anderen Parteien.“

Hoffmann verbindet Europa-Kompetenz mit praktischer Erfahrung. Hinter ihm liegt keine klassische Gewerkschaftslaufbahn: Nach der Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann studierte er über den zweiten Bildungsweg Wirtschaftswissenschaften, erwarb den Abschluss Diplom-Ökonom. Zehn Jahre arbeitete er bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Geprägt haben ihn darauffolgende 15 Jahre in Brüssel, zunächst als Direktor des Europäischen Gewerkschaftsinstituts (EGI), später als stellvertretender Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB). Er kann als glühender Verfechter Europas gelten, am Montag warnte er vor „europäischer Kleinstaaterei“ oder gar einem Austritt aus dem Euro.

Ab November 2009 war Hoffmann Chef des IG-BCE-Landesbezirks Nordrhein. Seit 2006 sitzt er auch im Aufsichtsrat der Bayer AG. Dort will er auch bleiben. Sein Aufsichtsratsmandat beim Spezialchemiekonzern Evonik will er hingegen nach Angaben aus seinem Umfeld aufgeben.

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