Russisches Gas: Taktieren der EU wird zum Bumerang für Europa

Die EU hat gegen Russland auf amerikanischen Druck hin taktiert. Nun haben die Russen einen Gas-Deal mit China abgeschlossen. Das werden die Europäer noch bitter bereuen. Denn die EU hat mutwillig einen wichtigen Gas-Lieferanten brüskiert - und muss nun anderswo teurer einkaufen: Die Amerikaner wollen ihr Schiefergas nach Europa exportieren. War der ganze Kriegslärm eine Export-Fördermaßnahme aus Washington?

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Der Spiegel meint, der russische Gas-Deal mit China hätte wenig Bedeutung für uns. Uns blieben noch Jahre, um uns Ersatzlieferungen zu verschaffen, falls Russland sich mehr auf China hin orientieren sollte. Außerdem hätte Putin den Deal teuer erkauft und hohe, wenn auch unbekannte Preiskonzessionen machen müssen (mehr hier). Der Spiegel vermutet einen Preis von 350 Dollar für 1.000 cbm. Doch das wäre nicht viel weniger als der von Deutschland entrichtete Preis von 365 US$. Die Spiegel-Schlussfolgerung, es seien teure Jubelbilder, die Wladimir Putin da gerade aus China produziere, ist wohl eher anti-russische Propaganda, die in deutschen Medien wieder hoch im Kurs ist.

Man muss sich vergegenwärtigen: Die USA sind schon seit mehr als 40 Jahren gegen die deutschen Gaseinkäufe in der UdSSR und später in Russland gewesen. Schließlich haben sie selbst mit ihren Ölunternehmen starke Energieinteressen und produzieren neuerdings viel Gas aus den Schiefervorkommen, was ihnen erlaubt, immer mehr Kohle nach Europa zu exportieren (Abb. 18354). Man kann sogar vermuten, dass ein nicht geringer Teil der anti-russischen Propaganda mit den amerikanischen Energie-Interessen zusammenhängt.

Entwicklung von US-Kohle-Exporten und russischen Gasexporten nach Europa (Grafik: Jahnke)

Entwicklung von US-Kohle-Exporten und russischen Gasexporten nach Europa (Grafik: Jahnke)

Der Spiegel übersieht in seiner polemischen Story allerdings drei zentrale Punkte.

Erstens sichert uns der Leitungsverbund mit Russland weit günstigere Gaspreise, als sie jetzt anderswo zu bekommen sind, vor allem wenn Flüssiggas importiert werden müsste und dafür neue Anlagen zu bauen wären. Schon in den kommenden Jahren werden in Erwartung der chinesischen Nachfrage die Preise für russisches Gas zu unserem Nachteil steigen. Zweitens ist Erdgas aus Russland der bei weitem umweltfreundlichste unter den fossilen Energieträgern, da das Gas noch in Russland entschwefelt wird (anders als importiertes Öl) und dann in Deutschland mit sehr wenig Umweltbelastung verbrennt. Sollte stattdessen noch mehr Kohle eingesetzt werden müssen, werden unsere Nachkommen durch die Klimaaufheizung und die Schwefelbelastung unserer Luft einen hohen Preis zahlen müssen.

Welt-Erdgasreserven 2012 (ohne Schiefergas). (Grafik: Jahnke)

Welt-Erdgasreserven 2012 (ohne Schiefergas). (Grafik: Jahnke)

Drittens wird der russisch-chinesische Gas-Deal politische Konsequenzen haben, die nicht zu unserem Vorteil sein werden. Hier gehen die zwei weltgrößten relativ autokratisch regierten Länder zusammen, die häufig im Sicherheitsrat die gleichen Positionen vertreten. Wenn Russland mit der Zeit unabhängiger von Gaslieferungen nach Europa wird, werden wir das mit Sicherheit zu spüren bekommen. Es wird also am Ende viel weniger um unsere Abhängigkeit von Russland als die russische von uns gehen. Immerhin hat Russland die weitaus größten Reserven in der Nachbarschaft der europäischen Verbraucher und mit einem total ausgebauten Transportsystem (Abb. 18355).

Welt-Nachfrage nach Erdgas. (Grafik: Jahnke)

Welt-Nachfrage nach Erdgas. (Grafik: Jahnke)

Schlimmer noch, die EU hat mit ihrem Taktieren auf amerikanischen Druck und den wiederholten Ankündigungen, nach anderen Gasquellen suchen zu wollen, eine Entwicklung eingeleitet, die weit über die Ära Putin hinausgehen wird und die sie daher voraussichtlich noch schwer bedauern wird. Freiwillig einen wichtigen Lieferanten für einen wertvollen Rohstoff, bei dem die weltweite Nachfrage langfristig stark steigt (Abb. 18356), an China abzutreten, verlangt schon eine kräftige Portion an Masochismus.

Joachim Jahnke, geboren 1939, promovierte in Rechts- und Staatswissenschaften mit Anschluss-Studium an französischer Verwaltungshochschule (ENA), Mitarbeit im Kabinett Vizepräsident EU-Kommission, Bundeswirtschaftsministerium zuletzt als Ministerialdirigent und Stellvertretender Leiter der Außenwirtschaftsabteilung. Europäiscbuchhe Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, zuletzt bis Ende 2002 als Mitglied des Vorstands und Stellvertretender Präsident. Seit 2005 Herausgeber des „Infoportals“ mit kritischen Analysen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung (globalisierungskritisch). Autor von 10 Büchern zu diesem Thema, davon zuletzt „Euro – Die unmöglich Währung“, „Ich sage nur China ..“ und „Es war einmal eine Soziale Marktwirtschaft“. Seine gesellschaftskritischen Analysen beruhen auf fundierter und langjähriger Insider-Erfahrung.

Sein Buch über das Ende der sozialen Marktwirtschaft (275 Seiten mit 176 grafischen Darstellungen) kann unter der ISBN 9783735715401 überall im Buch- und Versandhandel für 15,50 Euro bestellt werden, bei Amazon hier.

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