Brasilien: Fifa unterstützt Projekte gegen Kinderprostitution nicht

Im Schatten des Sports blüht in Brasilien das Geschäft mit Prostitution von Minderjährigen. Vor der Fußball-Weltmeisterschaft haben die Behörden deshalb eine Kampagne gegen Sex-Tourismus und Kinderprostitution gestartet. Die FIFA wird sich an diesen Kampagnen jedoch nicht beteiligen.

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Ein Graffitti des Künstlers Paulo Ito thematisiert die Kinderprostitution in Brasilien. (Foto: Cascais)

Ein Graffitti des Künstlers Paulo Ito thematisiert die Kinderprostitution in Brasilien. (Foto: Cascais)

Sex-Tourismus und Kinderprostitution sind in Brasilien weit verbreitet, vor allem in ärmeren Regionen im Nordosten des Landes. Vor der Fußball-Weltmeisterschaft, zu der 600.000 Besucher aus aller Welt erwartet werden, haben die Behörden eine Kampagne gegen Sex-Tourismus und Kinderprostitution gestartet. Die FIFA, die schätzungsweise 200 Millionen Euro an der WM in Brasilien verdient, unterstützt diese Projekte und Kampagnen nicht.

Im Schatten des Sports blüht das Sexgeschäft mit Minderjährigen. In gut zwei Wochen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft. Schon in normalen Zeiten zieht Brasilien neben Thailand die meisten Sextouristen an, auch deutsche Männer, von denen im Jahr schätzungsweise bis zu 400.000 ins Ausland reisen. In Brasilien bekommen sie den Sex mit Kindern schon für ein paar Euro. Auch deshalb soll sich die Zahl der Kinderprostituierten in Brasilien in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen sein. Die meisten bieten ihren Körper an, weil ihre Eltern sie unter Druck setzen – oder sie in die Hände mafiöser Banden geben.

Die Berliner Soziologin Friederike Strack beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Prostitution. (Foto: Cascais)

Die Berliner Soziologin Friederike Strack beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Prostitution. (Foto: Cascais)

Die Berliner Soziologin Friederike Strack arbeitet seit 20 Jahren zum Thema Prostitution. Ihre Arbeit hat sie in Brasilien angefangen, vor allem bei der Prostituierten-Organisation von Rio Davida, die auch das brasilienweite Prostituierten-Netzwerk gegründet hat.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Ist Kinderprostitution ein verbreitetes Problem in Brasilien, so wie man es zum Beispiel von Thailand kennt?

Friederike Strack: Das gibt es natürlich, das kann man nicht verneinen, aber nicht in dem Ausmaß, das oft in den Medien genannt wird. Die Zahlen sind oft nicht wissenschaftlich unterlegt. Es wird auch oft zu wenig differenziert. Man muss unterscheiden zwischen Kindern und Jugendlichen. Es gibt ja viele junge Frauen, die 17 sind und sich prostituieren. Das ist zwar unter der Volljährigkeit. Dennoch sind sie sich genau bewusst, was sie da tun. Die brasilianische Prostituierten-Bewegung setzt sich dafür für ein, dass sie mehr Rechte bekommen. Und damit könnte man dann besser unterscheiden zwischen Denjenigen, die in der Sexarbeit tätig sein wollen und Denjenigen, die dazu genötigt werden und das nicht machen wollen.

Eine Demonstration in Porto Alegre für die Rechte von Prostituierten. (Foto: Marcos Silva)

Eine Demonstration in Porto Alegre für die Rechte von Prostituierten. (Foto: Marcos Silva)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was sagt und macht die brasilianische Regierung?

Friederike Strack: Die brasilianische Regierung, bzw. die Präsidentin Rousseff, haben gerade jetzt noch, am 21. Mai, ein Gesetz verabschiedet, das die sexuelle Ausbeutung von Kindern mit einer härteren Strafe belegt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Tut die FIFA genug? Könnte sie auf das Problem aufmerksam machen, Projekte unterstützen?

Friederike Strack: Selbstverständlich könnte die FIFA was machen. 2006 hat sie zum Beispiel eine Studie in Auftrag gegeben über den Diskurs über Prostitution und Menschenhandel während der WM. Ähnliche Projekte wurden auch während der EM in Polen und der Ukraine unterstützt. Ich persönlich habe auch mit einigen Kolleginnen einen Antrag bei der FIFA gestellt, um ein Projekt auszuarbeiten, das wurde aber letztendlich abgelehnt, nach einer sehr, sehr langen Wartezeit. Meines Wissens macht die FIFA keine Unterstützung von Projekten und auch keine Kampagnen. Obwohl es bei der FIFA eine Abteilung für soziale Angelegenheiten gibt. Ich denke, die FIFA könnte sehr wohl etwas tun: Einzelne Projekte und Kampagnen unterstützen. Das wäre sicherlich wünschenswert.

Das vollständige Interview im Audio-Mitschnitt:

Der renommierte Investigativ-Journalist Antonio Cascais begleitet für die Deutschen Wirtschafts Nachrichten in den kommenden Wochen die Entwicklung in Brasilien. In der Rubrik „Das andere Tagebuch der Fußball WM“ wird Cascais über die sozialen Probleme und die Proteste der Brasilianer gegen das Kommerz-Spektakel berichten. Cascais hatte zuletzt mit seiner TV-Dokumentation „die story – Geschäfte wie geschmiert?“ (mit Marcel Kolvenbach) für Aufsehen gesorgt. In der Doku zeigten die Autoren die Hintergründe eines U-Boot-Deals in Portugal auf. Der Film ist in der Mediathek des WDR abrufbar.

Teil 1: Die Revolution hat in Brasilien Feuer gefangen

Teil 2: Brasilien: Künstler protestieren gegen die Fußball-WM

Teil 3: Brasilien: Von der Fußball-WM profitieren Konzerne, Politiker und Banken

Teil 4: Weltmeister: Deutsche Waffen-Industrie verdient prächtig mit der Fußball-WM

Teil 5: Brasilien: Staudamm-Bau mit Methoden einer Militär-Diktatur

Teil 6: Wer ist die rätselhafte Dilma Rouseff?

Teil 7: Brasilien: Straßenkinder passen nicht ins Bild der WM – und verschwinden

Teil 8: Der ganz andere WM-Song:  „Öffnet eure Augen, Brüder / die FIFA greift in unsere Taschen“

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