Brasilien: Staudamm-Bau mit Methoden einer Militär-Diktatur

 

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04.06.2014 01:45
Der Widerstand gegen die Fußball-WM rückt ein weiteres Prestige-Projekt Brasiliens ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit: Das Staudamm-Projekt Belo Monte bedroht die Natur und den Lebensraum der Indios. Menschen müssen in massiven Umsiedelungen weichen, das Projekt wird mit den Methoden einer Militär-Diktatur durchgedrückt.
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Deutsche DAX-Unternehmen wie Siemens und Mercedes verdienen Hunderte Millionen an dem brasilianischen Staudamm-Projekt „Belo Monte“. Fahrzeuge und Turbinen made in Germany kommen zum Einsatz, um den drittgrößten Staudamm der Welt aus der Taufe zu heben.

Der Filmemacher Martin Keßler hat die Arbeiten und die Auswirkungen des Staudamm-Projekts im Amazonasgebiet seit Jahren dokumentiert.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie weit sind die Baumaßnahmen in Belo Monte?

Martin Keßler: Ich war zuletzt im Januar dieses Jahres vor Ort in Brasilien und konnte feststellen, dass ungefähr die Hälfte der Arbeiten bereits ausgeführt ist. Die Bauarbeiten haben im Januar 2011 begonnen, unmittelbar nach der Wahl von Dilma Rousseff zur Präsidentin. Belo Monte ist das größte Prestigeprojekt der Präsidentin, neben der WM und den Olympischen Spielen. Aber es ist ein altes Projekt: Es wurde schon unter der Militärdiktatur in den 70er-Jahren angedacht, wurde dann aber wieder auf Eis gelegt, weil die ökologischen und ökonomischen Probleme zu groß erschienen, abgesehen von den Menschenrechtsproblemen. Die Weltbank hat sogar einen bereits zugesagten Kredit zurückgezogen. Und so lag das Projekt lange Jahre auf Eis.

Dilma hat es dann wieder ausgegraben, als sie Energieministerin war. Mittels einer dubiosen Rechtskonstruktion, die sogenannte „Suspensäo de Segurança“, hat sie alle rechtlichen Zweifel beiseite geschoben, indem sie einfach behauptet hat, das Projekt sei relevant für die nationale Sicherheit. Jetzt wird es einfach durchgezogen. Dom Erwin Kräutler, ein gebürtiger Österreicher, der als katholischer Bischof in der Gegend lebt und gegen den Staudamm kämpft, sagt, die Methoden der Regierung Dilma seien den Methoden der Militärdiktatur nicht unähnlich…

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Ihre Entscheidungen werden sicherlich durch Wirtschaftslobbys beeinflusst…

Martin Keßler: Ja. Die Lobby der Bauindustrie ist überaus stark in Brasilien. Die vier großen Baufirmen üben einen unheimlichen Druck aus auf die Regierung. Die größte Baufirma ist Odebrecht. Sie profitiert auch am meisten von Belo Monte. Übrigens: Odebrecht profitiert auch vom Bau der völlig überteuerten WM-Stadien…

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was bedeutet Belo Monte für die Indios in der Region?

Martin Keßler: Unterhalb der Staumauer im Bundesstaat Pará lebten mehrere indigene Völker. Einige leben noch dort. Andere werden bereits umgesiedelt. Jetzt wird ihnen das Wasser abgeschnitten. Ohne Wasser ist der Fischfang und die auch die Landwirtschaft, die diese Völker betrieben, nicht möglich.

Dabei garantiert die brasilianische Verfassung den Indigenen das Recht, angehört zu werden. Belo Monte verstößt gegen dieses Recht.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was ist an Wasserkraft und am drittgrößten Wasserkraftwerk der Welt auszusetzen?

Martin Keßler: Dieses Kraftwerk hat absolut nichts mehr mit sauberer Energie zu tun. Der Staudamm ist riesig - mit 600 Km2 etwa so groß wie der Bodensee. Aber damit nicht genug: Nach seriösen Untersuchungen wird der Verlust an Regenwald etwa 10-mal größer sein. Aus ganz Brasilien sind über 20.000 Bauarbeiter in die Stadt Altamira gekommen. Sie hat jetzt circa 130.000 Einwohner und die Infrastruktur ist für den Zustrom so vieler Menschen absolut nicht geeignet. Ein Drittel der Stadt wird bald überflutet und an einem faulen, toten See liegen. Eine Brutstätte für Mückenplagen und Malaria. Ein Horrorszenario. Der Rio Xingú war einer der wenigen Flüsse, die unberührt waren. Wenn er jetzt umgeleitet wird, stehen die Menschen auf dem Trockenen. 40.000 Menschen sollen umgesiedelt werden und die Umsiedelung hat schon in diesem Jahr begonnen… Viele Pfahlbauten der Indios wurden schon abgerissen in Altamira. Die Menschen werden in Großsiedlungen verfrachtet, in schlechte Häuser aus Beton und in Einheitsgrößen…

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie kann man sich gegen das Projekt wehren?

Martin Keßler: Dieser Mega-Staudamm kostet 10 Milliarden Euro. Die Hälfte ist verbaut. Ich fürchte, man kann das Projekt nicht mehr stoppen. Jetzt kann es nur darum gehen, das Leid der Menschen zu lindern. Und vor allem geht es darum, zukünftige ähnliche Projekte zu verhindern. Wie es heißt, haben die Behörden weitere 150 andere Projekte in den Schubladen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Inwieweit sind europäische und deutsche Firmen beteiligt?

Martin Keßler: Zum Konsortium, das die Turbinen liefert, gehören auch Voith und Siemens. An Belo Monte sind auch Daimler sowie Andritz aus Österreich beteiligt. Hier geht es um Milliarden. Die Münchener Rückversicherungsgesellschaft Munch Re versichert das Projekt. Allianz ist auch beteiligt. Mercedes Benz hat über 500 LKW für die Erdarbeiten geliefert. Und sie wollen alle noch mehr verdienen, denn die Baumaßnahmen am Belo Monte sind größer als Panama-Kanal. Es ist ein Riesengeschäft für die beteiligten Firmen aus Deutschland und Europa. In Deutschland sind Teile der Planung und der kaufmännischen Führung. Ein schlechtes Gewissen hat man in Deutschland nicht: Die Firmen sagen, Brasilien sei eine Demokratie. Und wenn dieses Land ein Projekt macht: Wer sind wir, das in Frage zu stellen?

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie wird in Brasilien mit Menschen umgegangen, die sich gegen das Projekt engagieren?

Martin Keßler: Die werden verfolgt, unter Druck gesetzt, verklagt. Nehmen wir den Bischof Dom Erwin, der sich für die Indigenen einsetzt: Er hat für sein Engagement den alternativen Nobelpreis bekommen. Er lebt seit acht Jahren unter Polizeischutz. Und auf Antônia Melo, der Sprecherin eines Protestbündnisses, wurden Spitzel angesetzt – im Auftrag des brasilianischen Geheimdienstes. Der Druck der Sicherheitskräfte nimmt zu. Es wird mit allen Mittel Druck ausgeübt. Wie bei anderen WM-Projekten auch.

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Das Video ist eine 13-minütige Kurzfassung des aktuellen Dokumentarfilms „Countdown am Xingú“ (73 min, 2014) von Martin Keßler über die Korruption bei der Fußball-WM in Brasilien und den Kampf gegen den Megastaudamm »Belo Monte« im Amazonasgebiet. Weitere Infos bei: www.neuewut.de

Der renommierte Investigativ-Journalist Antonio Cascais begleitet für die Deutschen Wirtschafts Nachrichten in den kommenden Wochen die Entwicklung in Brasilien. In der Rubrik „Das andere Tagebuch der Fußball WM“ wird Cascais über die sozialen Probleme und die Proteste der Brasilianer gegen das Kommerz-Spektakel berichten. Cascais hatte zuletzt mit seiner TV-Dokumentation „die story – Geschäfte wie geschmiert?“ (mit Marcel Kolvenbach) für Aufsehen gesorgt. In der Doku zeigten die Autoren die Hintergründe eines U-Boot-Deals in Portugal auf. Der Film ist in der Mediathek des WDR abrufbar.

Teil 1: Die Revolution hat in Brasilien Feuer gefangen

Teil 2: Brasilien: Künstler protestieren gegen die Fußball-WM

Teil 3: Brasilien: Von der Fußball-WM profitieren Konzerne, Politiker und Banken

Teil 4: Weltmeister: Deutsche Waffen-Industrie verdient prächtig mit der Fußball-WM

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