Lynch-Justiz in Pariser Problem-Viertel gegen Roma-Jungen

In einem Pariser Problem-Vorort ist es zu einem Fall von Lynch-Justiz gekommen. Ein 16jähriger Rom wurde lebensgefährlich verletzt, weil ihn eine Bande eines Einbruchs verdächtigte und ihn zusammenschlug. Der Junge schwebt in Lebensgefahr.

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Weil er in eine Wohnung eingebrochen sein soll, ist ein Teenager in einem Pariser Vorort beinahe gelyncht worden. Der 16-jährige Rom kämpft seit Freitag um sein Leben. Die Attacke war nicht die erste ihrer Art in dem sozialen Brennpunkt-Viertel. Seit Monaten kocht die Stimmung hoch.

Der Jugendliche wurde in der vergangenen Woche für den Einbruch in eine Wohnung in Pierrefitte-sur-Seine (Seine-Saint-Denis) verantwortlich gemacht. Gleich ein Dutzend Personen gingen darauf hin auf ihn los. Gewaltsam verschleppten sie den Teenager in einen Keller. Dort wurde der Junge brutal misshandelt.

Die Familie des Jungen hatte ihr Lager gemeinsam mit rund 200 anderen Roma aus Rumänien rund um ein verlassenes Haus aufgeschlagen. Nachdem die Mutter ihren Sohn als vermisst gemeldet hatte, fand man den Schwerverletzten am späten Freitagabend schließlich bewusstlos in einem Einkaufswagen. Jetzt liegt er im Koma in einem Pariser Krankenhaus. Das berichtet die Zeitung Libération.

Nach Angaben des Bürgermeisters sei das Opfer seit Anfang Juni wiederholt im Zusammenhang mit Wohnungseinbrüchen von der örtlichen Polizei befragt worden. Diese hatten in den vergangenen Wochen bei den Anrainern für Ärger gesorgt. Ihnen zufolge sei die Roma-Gruppe erst vor drei Wochen in der Ortschaft im Norden von Paris aufgetaucht. Nach der jetzigen Tat seien sie jedoch verschwunden.

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve hat die Tat am Dienstag verurteilt. Auch der Vorsitzende des Bezirksrats, Stephane Troussel, bezeichnete das Geschehen als ein abscheuliches Verbrechen unter dem Mantel der Rache. Der französische Staat müsse alle schützen, wo auch immer sie lebten, unabhängig von ihrer Herkunft. Festnahmen soll es im aktuellen Fall bislang allerdings nicht gegeben haben.

Seit etwa zwei Jahren gibt es gewalttätige Übergriffe gegen die Roma, wie die Libération in einer Chronologie dokumentiert. So wurden etwa im September 2012 Roma aus ihrem Lager in Marseille von der Polizei vertrieben. Danach kamen die Anwohner und verbrannten ihre Hinterlassenschaften. Im April 2013 demonstrierten 200 bis 300 Personen gegen die Ankunft neuer Roma-Familien in Rosny-sous-Bois (Seine-Saint-Denis). Im Juli kam es dann zu einem nächtlichen Angriff auf ein Roma-Lager in Saint-Denis. Bei der Attacke mit Baseballschlägern und Eisenstangen wurden zwei Roma verletzt. Unter den Opfern befand sich eine Frau, die einen Schädelbruch erlitt. Im darauffolgenden September musste ein Lager in Décines (Rhône) von der Polizei evakuiert werden. Zuvor hatte es auch hier Proteste gegeben.

Auch Anfang des neuen Jahres setzte sich die Aggression gegen die Roma fort. Am 8. Juni flogen in Hellemmes-Lille zwei Molotow-Cocktails in Richtung eines Roma-Lagers. Einer landete dicht neben einem Wohnwagen, in dem Kinder schliefen. Er explodierte jedoch nicht. Zuvor hatte einer der Wageninsassen Drohungen gegen die Bewohner ausgesprochen.

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