Deutschland profitiert von der Ausbeutung der Frauen in der Wirtschaft

Frauen werden gegenüber männlichen Kollegen in der Wirtschaft benachteiligt. Die Gehälter und Positionen entsprechen noch immer nicht ihren beruflichen Qualifikationen. Ein Teil der deutschen Wettbewerbsfähigkeit beruht auch auf ihrer Ausbeutung.

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Die westdeutschen Frauen sind die in West-Europa am Stärksten ausgebeuteten mit dem in West-Europa größten Verdienstabstand zu den Männern. Der stagniert seit 2006 vor allem wegen des Aufwuchses atypischer Beschäftigung bei 22 bis 23 %. Unter 17 vergleichbaren Ländern hat Deutschland neben Österreich den größten Unterschied (Abb. 14224).

Mit fast 36 % steckt in Deutschland weit mehr als ein Drittel der abhängig beschäftigten Frauen in einem sogenannten atypischen Job, wozu Teilzeitbeschäftigungen mit 20 oder weniger Arbeitsstunden pro Woche, geringfügig entlohnte Beschäftigungen, befristete Beschäftigungen sowie Zeitarbeitsverhältnisse zählen (Abb. 10029). 1991 lag der Anteil noch bei 24 % (Abb. 10030). Nicht weniger als 4,6 Mio Frauen leben ausschließlich oder im Nebenjob von geringfügiger Entlohnung (Abb. 10031). Mehr als jede vierte erwerbstätige Mutter mit minderjährigen Kindern (26 %) muß zumindest gelegentlich, sehr oft aber regelmäßig an Sonn- und Feiertagen arbeiten.

 

Im internationalen Vergleich hat Deutschland nach der Erfassung durch Eurostat von 2010 (die nächste ist erst in diesem Jahr fällig) den höchsten Anteil an niedrig entlohnten Frauen an allen beschäftigten Frauen (Abb. 18459). Das sind Frauen die zwei Drittel oder weniger des Medians (Mittelwerts) der Stundenlöhne erhalten.

Frauen sind in Deutschland also besonders schlecht dran. Sehr viele hetzen sich mit Halbtagsjobs ab, in denen sie fast Volltagsarbeit leisten und zerreißen sich zwischen Job und Familie. Insgesamt erreichen Frauen nach einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, in der die Daten aus der Lohn- und Einkommensteuerstatistik analysiert wurden, durchschnittlich nur 49 Prozent des Pro-Kopf-Bruttoeinkommens von Männern; dabei liegt das durchschnittliche Bruttoeinkommen der Frauen bei 16.000 Euro, das der Männer dagegen bei 34.000 Euro. Beim Arbeitseinkommen sind es für Frauen durchschnittlich 61 % dessen der Männer oder eine Diskriminierungsmarge von 39 %. Über die Steuerstatistik werden auch die höheren Einkommen erfaßt, bei denen Frauen viel weniger und besonders bei den besseren Arbeitseinkommen kaum vertreten sind. Das erklärt den höheren Einkommensabstand im Vergleich zu der obigen internationalen Berechnung durch Eurostat auf der Basis von Umfragen (Abb. 18455, 18456).

 

 

Ein Brutto-Jahreseinkommen von mehr als 30.000 Euro haben 42 % der Männer, aber nur 17 % der Frauen (Abb. 18357, 18458).

 

Auch in den Führungsetagen der Wirtschaft werden Frauen diskriminiert. Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung lag der Frauenanteil in den Vorständen der 100 wichtigsten Konzerne im vergangenen Jahr bei gerade einmal 2,2 %, und mehr als 90 % haben noch keine einzige Frau in der Konzernführung. Bei den 200 größten Unternehmen war es 3,2 % nur marginal mehr. Praktisch hat sich seit 2004 so gut wie nichts geändert (Abb. 17017). Im globalen Vergleich sieht es für deutsche Frauen besonders düster aus (Abb. 15638).

 

Das Ergebnis: Wenn Männer in den besseren Einkommensgruppen ab 30.000 Bruttojahreseinkommen zweieinhalbmal so stark wie Frauen vertreten sind, so läßt sich eine so große Diskrepanz nicht mit mangelnder Qualifizierung oder weniger beruflichem Interesse der deutschen Frauen abtun. Frauen haben in der schulischen Bildung und an den Universitäten längst mit den Männern gleichgezogen und gezeigt, daß sie „ihren Mann stehen können“. Warum gerade in Deutschland Frauen so benachteiligt werden, läßt sich schwer erklären und es rächt sich jedenfalls in einem ständig steigenden Anteil kinderloser Frauen und damit einer miserablen demographischen Entwicklung unseres Landes. Vielleicht sollte man sich nicht wundern, wenn in einem Land, in dem die sozialen Unterschiede seit Jahrzehnten zunehmen und viel Arbeitskraft verbrannt wird, die Frauen besonders benachteiligt sind.

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Joachim Jahnke, geboren 1939, promovierte in Rechts- und Staatswissenschaften mit Anschluss-Studium an französischer Verwaltungshochschule (ENA), Mitarbeit im Kabinett Vizepräsident EU-Kommission, Bundeswirtschaftsministerium zuletzt als Ministerialdirigent und Stellvertretender Leiter der Außenwirtschaftsabteilung. Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, zuletzt bis Ende 2002 als Mitglied des Vorstands und Stellvertretender Präsident. Seit 2005 Herausgeber des „Infoportals“ mit kritischen Analysen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung (globalisierungskritisch). Autor von 10 Büchern zu diesem Thema, davon zuletzt „Euro – Die unmöglich Währung“, „Ich sage nur China ..“ und „Es war einmal eine Soziale Marktwirtschaft“. Seine gesellschaftskritischen Analysen beruhen auf fundierter und langjähriger Insider-Erfahrung.

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