Die EZB schädigt die deutschen Sparer massiv: 23 Milliarden Euro Verlust

Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank hat eine kräftige Umverteilung innerhalb des Euroraums bewirkt, ohne die Krise wirksam zu bekämpfen. Dabei schädigt die EZB die deutschen Sparer schwer. Die Niedrigzinspolitik hat die Privathaushalte in Deutschland seit dem Jahr 2010 etwa 23 Milliarden Euro gekostet. In absoluten Zahlen sind die deutschen Privathaushalte damit die größten Verlierer der Geldpolitik in der Finanzkrise.

Ihren XING-Kontakten zeigen
linkedin
abo-pic

Die EZB hat innerhalb ihrer rechtlichen Möglichkeiten (und sogar schon in deren Überschreitung) ihr Pulver verschossen. Die Zinsrate ist schon seit 5 Jahren Verbraucherpreis-bereinigt im negativen Bereich und liegt nominal nun bei 0,05 % (Abb. 16317). Banken, die Geld bei der EZB parken, müssen bereits Strafzinsen zahlen und haben teilweise schon begonnen, die an Unternehmen mit größeren Depots weiterzureichen.

Die Märkte nehmen auch nicht mehr Liquidität von der EZB-Notenpresse auf, weil bei schlechter Konjunktur auf den Märkten kein Bedarf an mehr Kredit besteht. So ist das Bilanzvolumen der EZB bereits von über 3 Billionen Euro Mitte 2012 auf nur noch weniger als 2 Billionen Euro gefallen (Abb. 16572).

Bereits seit zwei Jahren geht der Kreditfluss der Banken an Nicht-Banken zurück, im August nach neuesten Zahlen der EZB erneut um 1,6 % gegenüber dem Vorjahr (Abb. 18492).

Die Inflationsrate der Eurozone sank im September mit nur noch 0,3 % auf den niedrigsten Stand seit 5 Jahren. Die EZB hat in ihrer Verzweiflung am vergangenen Donnerstag angekündigt, im nächsten Schritt über mindestens 2 Jahre bis zu eine Billion Euro an privater Schulden aufzukaufen, um die solche oft faulen Schulden finanzierenden Banken der Krisenländer zu entlasten. Die EZB zielt mit diesem ungewöhnlichen Programm auf Pfandbriefe, die zum Beispiel mit Immobilien besichert sind, und auch auf verbriefte Unternehmens- oder Verbraucherkredite. Solche ABS-Papiere sind genau dieselben, die mit den miesen amerikanischen Hypotheken unterlegt die letzte noch andauernde Krise ausgelöst haben.

Draghi will solche Schulden sogar in Griechenland und Zypern aufkaufen, obwohl das Kreditrating beider Länder nur auf Ramschstatus liegt und die EZB das Kreditstanding der dortigen Banken nach ihren eigenen Regeln nicht höher einstufen darf. Die EZB wird damit genau die Kreditrisiken übernehmen, die eigentlich die Banken zu tragen haben und das ohne die Erfahrung im Umgang mit solchen Krediten. Auf Dauer wird es dazu führen, dass die Banken noch leichtfertiger Darlehen vergeben, weil sie die Risiken am Ende nicht oder nur teilweise selbst tragen. Angesichts des mit dem Schuldenaufkauf verbundenen enormen Risikos erhofft sich Draghi Garantien der Regierungen für die besonders riskanten Schuldenpakete, die die EZB sonst nicht kaufen möchte und die dann an den Banken hängen bleiben würden.

Doch mit einem solchen Schritt geht die EZB eindeutig über die Grenzen ihrer legalen Möglichkeiten hinaus, bedroht die deutschen Steuerzahler und missachtet den Widerstand der Bundesregierung. Nach Ansicht von Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts, hat die Krise viele private Schuldner in Südeuropa nahe dem Konkurs gelassen. Der Plan der EZB, ihre Schulden aufzukaufen, könnte hunderte von Milliarden Euro von den Steuerzahlern der Eurozone zu diesen unglücklichen Individuen und Unternehmen schaufeln. Die EZB werde zur „Bad Bank“ Europas, wenn sie Schrott aufkaufe. Zu allem Überfluss muss auch noch bezweifelt werden, ob die Banken dann mehr Kredit an die Unternehmen geben, denn denen fehlt schon der Markt für ihre Produkte. Prompt sind nach Draghis Pressekonferenz die Aktienkurse der Eurozone erheblich gefallen. Bei den Anlegern genießt Draghi kein großes Vertrauen mehr.

Dabei schädigt die EZB schon jetzt die deutschen Sparer schwer. Wie aus dem neuen Weltvermögensbericht der Allianz hervorgeht, hat die Niedrigzinspolitik die Privathaushalte in Deutschland seit dem Jahr 2010 etwa 23 Milliarden Euro gekostet, immerhin fast 2 % der Ausgaben privater Haushalte in 2013. Die Spanier wurden hingegen um 54 Milliarden Euro entlastet, die Italiener um 39 Milliarden Euro, die Franzosen um 19 Milliarden Euro, die Portugiesen um 16 Milliarden Euro und die Griechen um 13 Milliarden Euro.

Besonders belastend wirkt sich dabei auf die deutsche Bilanz das Anlageverhalten der deutschen Sparer aus. Der Anteil der Bankeinlagen am Geldvermögen ist besonders hoch, so dass Zinsrückgänge stärker spürbar sind. Während die Zinsgewinne bei den Schulden je Kopf in etwa dieselbe Größenordnung erreichten wie in vielen anderen Euroländern, rächt sich auf der Einlagenseite die hohe Affinität der Deutschen zu Sichteinlagen bei Banken.

In absoluten Zahlen sind die deutschen Privathaushalte damit die größten Verlierer der Geldpolitik in der Finanzkrise. Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank hat also eine kräftige Umverteilung innerhalb des Euroraums bewirkt, die sich nun mit Auslaufen zinsgünstiger Anlagen, wie längerfristige Sparverträge, noch von Jahr zu Jahr erheblich verstärken wird.

Die jährlichen Zinssätze auf Spareinlagen sind nur in Finnland noch stärker gefallen als in Deutschland (Abb. 18495). Sie befinden sich weiter im Fall.

Eine Erklärung findet sich in der relativen Stärke der deutschen Banken, die sich auch vom Standing Deutschlands an den Kreditmärkten ableitet. Die deutschen Banken sind daher in der Lage, die derzeit herrschenden niedrigen Zinsen an die Kunden weiterzugeben, während Banken in anderen Ländern mangels Finanzierungsalternativen bereit sind, den Kunden noch relativ hohe Zinsen für ihre Einlagen zu bieten.

Die deutschen Sparer reagieren auf diese Minizinsen, indem sie immer weiter in unverzinste Liquidität fliehen. Der Anteil der Sichteinlagen an den gesamten Bankeinlagen ist von etwa 30% im Jahr 2003 auf über 50% Ende 2013 gestiegen. Durch diese ausgeprägte Liquiditätspräferenz wird der Abwärtstrend bei den Zinsen noch weiter verstärkt.

Diesen tatsächlichen Zinserträgen kann man die hypothetischen gegenüberstellen, die seit 2010 angefallen wären, wenn das Zinsniveau auf dem durchschnittlichen Niveau der Vorkrisenjahre 2003 bis 2008 verharrt hätte.

Für Deutschland fällt diese Rechnung sehr ernüchternd aus: Bei einem Vorkrisenzinsniveau hätten sich die Zinseinnahmen 2013 pro Kopf auf 498 Euro belaufen, jedem Sparer sind also im Durchschnitt in einem einzigen Jahr 305 Euro an Zinsen „entgangen“; für ganz Deutschland summiert sich dieser Verlust auf knapp 24,6 Milliarden Euro. Vergleicht man diese Verluste mit der durchschnittlichen Situation in der Eurozone, in der die hypothetischen Erträge 2013 bei 374 Euro pro Kopf liegen, was einem „Verlust“ von 146 Euro entspricht, so verliert der deutsche Sparer doppelt so viel (Abb. 18496).

Andererseits stehen aus Sicht der Kreditnehmer den „Zinsverlusten“ aus Einlagen auch „Zinsgewinne“ aus niedriger verzinsten Krediten oder Schulden gegenüber. Denn im Zuge der EZB-Politik sind nicht nur die Einlagezinsen zurückgegangen, sondern auch die Kreditzinsen. Ein durchschnittlicher deutscher Kreditnehmer zahlt mit die höchsten Zinszahlungen pro Kopf, nämlich 815 Euro im Jahr 2013, verglichen mit dem Durchschnitt in der Eurozone, der bei 629 Euro liegt.

Um festzustellen, wie sich die extrem niedrigen Zinsen auf private Haushalte insgesamt auswirken, muss man nun „Zinsverluste und -Gewinne“ zusammenrechnen und dann zwischen den Ländern vergleichen. Im Allgemeinen profitiert der durchschnittliche Sparer/Kreditnehmer in der Eurozone von den aktuellen Niedrigzinsen.

Aber nicht alle Euroländer gehören zu den Gewinnern. Deutschland gehört vielmehr zu den größten Verlierern, denn die deutschen Sparer/Kreditnehmer mussten in den letzten fünf Jahren durchweg „Verluste“ in Kauf nehmen. Die „Verluste“ seit 2010 belaufen sich auf 281 Euro pro Kopf oder 22,8 Milliarden Euro insgesamt (Abb. 18497).

Die größten Gewinner sind dagegen Italien und Spanien, aber auch Portugal und Griechenland. Praktisch ist die Zinspolitik der EZB eine große Umverteile von den Sparern vor allem in Deutschland zu den Schuldnern im Süden der Eurozone.

Während die Peripherie deutlich entlastet wird, verursachen dieselben Maßnahmen für die deutschen Haushalte zusätzliche Kosten und beschneiden ihre Kaufkraft. Diese divergierenden Effekte der einheitlichen Geldpolitik stellen nach Ansicht der Autoren der Allianz-Studie eine weitere Herausforderung für die europäische Währungsunion dar.

Je länger die Phase der extrem niedrigen Zinsen anhält, desto größer dürften diese Unterschiede werden. Dabei addieren sich für die deutschen Sparer noch die Zinsverluste, die sich ergeben, wenn an den hypothetischen Zinsgewinnen gemessen wird, die sich bei anderen Kapitalanlagen außerhalb der Banken, z.B. bei Bundesanleihen, ergäben hätten und wo die tatsächlichen Zinsen unter dem Druck der EZB-Zinspolitik ebenfalls sehr tief gefallen sind.

Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank hat also eine kräftige Umverteilung innerhalb des Euroraums bewirkt, ohne die Krise wirksam zu bekämpfen. Wenn alles so weiterläuft, wird der Euro kein langes Leben mehr haben.

Lesen Sie im ersten Teil, warum die prekäre Entwicklung in Frankreich und Italien die Eurozone immer weitere in die Krise treibt.

Lesen Sie im zweiten Teil, weshalb die Euro-Zone ohne eine dringend notwendige Lohnkosten-Angleichung nicht überleben wird.

***

Joachim Jahnke, geboren 1939, promovierte in Rechts- und Staatswissenschaften mit Anschluss-Studium an französischer Verwaltungshochschule (ENA), Mitarbeit im Kabinett Vizepräsident EU-Kommission, Bundeswirtschaftsministerium zuletzt als Ministerialdirigent und Stellvertretender Leiter der Außenwirtschaftsabteilung. Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, zuletzt bis Ende 2002 als Mitglied des Vorstands und Stellvertretender Präsident. Seit 2005 Herausgeber des „Infoportals“ mit kritischen Analysen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung (globalisierungskritisch). Autor von 10 Büchern zu diesem Thema, davon zuletzt „Euro – Die unmöglich Währung“, „Ich sage nur China ..“ und „Es war einmal eine Soziale Marktwirtschaft“. Seine gesellschaftskritischen Analysen beruhen auf fundierter und langjähriger Insider-Erfahrung.

buch

 

 

 

Sein Buch über das Ende der sozialen Marktwirtschaft (275 Seiten mit 176 grafischen Darstellungen) kann unter der ISBN 9783735715401 überall im Buch- und Versandhandel für 15,50 Euro bestellt werden, bei Amazon hier.

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***


media-fastclick media-fastclick