Der Fall der Mauer: Politischer Zusammenbruch als Folge einer Wirtschafts-Krise

Das offizielle Deutschland feiert das Ende der DDR als einen Sieg der Bürgerrechtler gegen einen Unrechtsstaat. Tatsächlich kollabierte die DDR an ihrer Schulden-Last und der schlechten Wirtschaftslage. In dieser Hinsicht ist der Untergang des kommunistischen Imperiums ein Mentekel für alle überschuldeten Staaten auf der Welt.

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Exakt 200 Jahre nach der Französischen Revolution, befand sich Europa im Jahr 1989 in einem Freudentaumel: Nach »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit« tönten nun die Parolen »Einigkeit und Recht und Freiheit« durch die deutschen Lande und schallten in tausendfachem Echo über die ganze Welt. Das deutsche Volk hatte die Berliner Mauer niedergerissen. Gemeinsam mit Millionen Brüdern und Schwestern in Osteuropa hatte ein Kontinent das Joch der Unterdrückung durch den Kommunismus abgeschüttelt.

»Glasnost« und »Perestroika« – Transparenz und Umgestaltung – das waren die Imperative der Stunde. Michail Gorbatschow war der Held, Helmut Kohl wurde vom Mantel der Geschichte gestreift. Die Montagsdemonstrationen in Leipzig widerlegten Lenin, der gesagt haben soll, dass sich die Deutschen eine Bahnkarte kaufen, bevor sie aus revolutionärem Überschwang einen Bahnhof stürmten.

Der Niedergang des Ostblocks wurde von vielen als ein Sieg der Menschlichkeit über die Bürokratie interpretiert, als Triumph des unerschrockenen Geistes über die Materialisten. Viele sahen in dem Fall der Mauer den endgültigen Beweis, dass Systeme der Unterdrückung, der Lügen und der Ausbeutung keinen Bestand haben und dass sich das Gute, spätestens nach 40 Jahren, durchsetzt.

Der kollektive Taumel der Europäer entfesselte derartige Kräfte, dass die Revolution gleich weiterging und auch die Staaten Westeuropas erfasste. Wenn man schon bei Reisen von Köln nach Cottbus, von Stuttgart nach Stralsund und von München nach Magdeburg keine bürokratischen Formalitäten mehr zu ertragen hat, wenn man in Staaten, die jahrzehntelang in Wirtschaftssystemen eingebunden waren, die sich zueinander angeblich wie Feuer und Wasser verhielten, nun in derselben Währung zahlen konnte – warum sollte das große Einigungswerk auf Deutschland beschränkt bleiben? Einigkeit und Recht und Freiheit – das sollte auch das Leitmotiv für Europa werden. Und so kam es 1992 zum für die EU grundlegenden Vertrag von Maastricht. Im Jahr 2002 wurde der Euro in elf Staaten eine einheitliche Währung eingeführt. Europa war innerhalb weniger Jahre in einer Weise verändert worden wie Jahrhunderte zuvor nicht.

Die wirtschaftliche Vereinigung Europas versetzte auch all jene in eine Art Rauschzustand, die von Wirtschaft nichts verstanden. Der Kanzler der Einheit, Helmut Kohl, hatte sich nach eigener Aussage nie um den »Bimbes«, wie er das Geld nannte, gekümmert. Das führte nach all seinen historischen Momenten zu seinem eher profanen Sturz als Parteichef nach einer Parteispendenaffäre. Helmut Kohl schwieg über die Herkunft dubioser Gelder mit der grandiosen Begründung, er habe dem Spender sein »Ehrenwort« gegeben und dieses sei ihm heilig, heiliger als das Gesetz. Derlei Mangel an »Glasnost« kennt man eigentlich nur von der Mafia. Kohls Adlatus, der spätere Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, erhielt von einem Waffenhändler 100.000 DM in einem Briefumschlag, belog darüber den Bundestag und kann sich bis heute beim besten Willen nicht daran erinnern, was mit dem Geld am Ende geschehen ist.

Doch damals, im Rauschzustand der Wiedervereinigung und der europäischen Einheit, wollte sich niemand mit scheinbar banalen wirtschaftlichen Fragen aufhalten. Außerdem glaubte man damals genau zu wissen, wer die Guten und wer die Bösen sind. Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, Willy Brandt: Die sehr große Koalition der politischen Visionäre überstrahlte die Kleingeister Mielke, Honecker und Krenz. Der Westen hatte gesiegt, und die Sieger schreiben, wie die DDR-Genossen später beklagen sollten, nun einmal die Geschichte.

Tatsächlich war die Wiedervereinigung nur zum Teil der große Sieg der Freiheit über die Unterdrückung. Die Ursachen des Zusammenbruchs des kommunistischen Machtblocks waren dieselben, die zum Zerplatzen der Träume des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. geführt hatten: Zu hohe Schulden beenden die meisten politischen Höhenflüge.

Die Lebensbedingungen im Ostblock waren unerträglich geworden. Die Bürger begehrten auf. Es ging ihnen so schlecht, dass sie die Verhaftung bei einer der legendären Demonstrationen der polnischen Gewerkschaft Solidarność oder den Tod im Kampf gegen die berüchtigten Securitate-Schergen des rumänischen Diktators Nicolae Ceaușescu nicht mehr fürchteten. Die kleine Funktionärselite, die auf Kosten der Mehrheit der Bevölkerung lebte, hatte überzogen. Nicht zufällig hieß der Spruch, der die DDR zum Kippen brachte: »Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, dann gehen wir zur D-Mark.« Die Ostdeutschen hatten durch das Westfernsehen eine Alternative vor Augen. Eine Revolution kann nicht unter dem Motto »McDonald’s für alle« geführt werden. »Wir sind ein Volk« – das ist dagegen unwiderstehlich, ein Urschrei der Selbstbestimmung, die donnernde Ablehnung der Bevormundung, die Geburtsstunde der deutschen Demokratie aus dem Geiste Schillers, Nietzsches und Hegels.

Nach dem Niedergang der DDR wurde neben der Legende des Volks von Widerstandskämpfern – tatsächlich wurden die echten Widerständler wie Bärbel Bohley oder Konrad Weiß von Linken und Rechten vor und nach der Wende gleichermaßen schäbig behandelt – ein anderes Bild über die Gründe des Niedergangs sichtbar. Hans-Hermann Hertle beschreibt die ausweglose Lage der DDR in ihrem Endstadium. Der Bericht des Historikers erinnert fatal an die Zeitungsberichte über die heutige Lage in den Staaten Südeuropas:

»Seit 1978 steckte die DDR in der Schuldenfalle: Fällige Kredite und Zinsen mussten durch die Aufnahme neuer Kredite finanziert werden. Die Zahlungsfähigkeit der DDR hing von der Bereitschaft westlicher Banken ab, der SED neue Kredite zu gewähren. Aus Furcht vor Protesten und inneren Unruhen lehnte das Politbüro 1979 zunächst durchgreifende Preiserhöhungen, dann auch eine Umschichtung von Investitionen zugunsten des produktiven Bereiches ab. Rückläufige Investitionsquoten, unterlassene wirtschaftliche Anpassungsmaßnahmen, steigende Zinsen für die West-Schulden, ein Kreditstopp des Westens, der auf die Zahlungsschwierigkeiten Rumäniens und Polens und die Verhängung des Kriegsrechts in Polen am 13. Dezember 1981 folgte, und die Kürzung sowjetischer Rohöllieferungen seit Anfang 1982 stürzten die DDR in die bis dahin tiefste ökonomische Krise.«

Die Krise führte zum Ende des politischen Systems. Sie führte jedoch nicht, wie von Helmut Kohl versprochen, zu den »blühenden Landschaften«, die die tüchtigen Deutschen in Ost und West gemeinsam mit Tatkraft, Ingenieurskunst und Gottvertrauen gerne errichtet hätten. Sie führte vor allem nicht, was das Volksvermögen der DDR anbelangte, zu einer Stärkung des Volkes: Ein Teil wurde im Eilzugstempo durch Privatisierungen an westdeutsche oder westeuropäische Konzerne verkauft. Beträchtliche Teile aus dem Vermögen der SED verschwanden. 16 Jahre nach dem Ende der DDR beendete die »Unabhängige Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR« ihre Tätigkeit – ohne die verschwundenen Millionen gefunden zu haben.

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Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch von Michael Maier: Die Plünderung der Welt. Wie die Finanz-Eliten unsere Enteignung planen.

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