Deutschland schummelt bei den Zahlen zur Langzeit-Arbeitslosigkeit

Trotz statistischer Tricks ist es nicht gelungen, die Zahl der Langzeitarbeitslosen in Deutschland abzubauen. Schlimmer noch: In keinem europäischen Land ist die soziale Ausgrenzung von Arbeitslosen größer als hier: 86 % der Erwerbslosen in Deutschland waren 2013 von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen.

Ihren XING-Kontakten zeigen
linkedin
abo-pic

Wenn man die Länder, die derzeit als Eurokrisenländer gelten, unberücksichtigt lässt, so hat Deutschland mit 2,4 % der aktiven Bevölkerung noch immer nach Frankreich, Belgien und Großbritannien die höchste Rate an Langzeitarbeitslosen an der aktiven Erwerbsbevölkerung unter westlichen Industrieländern (Abb. 13479). Seit 2009 ist es – trotz aller Jubelmeldungen vom Arbeitsmarkt – nicht gelungen, die Zahl der Langzeitarbeitslosen weiter abzubauen (Abb. 18564), obwohl dabei auch viele statistische Tricks zum Einsatz kamen.

 

 

So sind in Deutschland mehr als 100.000 Menschen, die mindestens 58 Jahre alt sind, bei der Bundesagentur für Arbeit registriert, ohne in der Arbeitslosenstatistik mitgezählt zu werden. Menschen in langen Warteschleifen von wiederholter Weiterbildung oder auf dem Niveau von 1-Euro-Jobs fallen ohnehin aus der Arbeitslosenstatistik heraus. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen ist seit 2009 sogar von 33 % auf 36 % gestiegen. 87.000 Langzeitarbeitslose sollten durch das von Arbeitsministerin von der Leyen mit viel Tam-Tam aufgelegte Programm der Bürgerarbeit wieder in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden. Doch nur 20 bis 25 % waren nach Ausscheiden aus der Bürgerarbeit in sozialversicherungspflichtigen Jobs gelandet und bis zu 23 % waren sogar schlicht völlig aus der Statistik verschwunden.

Noch immer sind mehr als eine Million Menschen in Deutschland ein Jahr oder länger amtlich ohne Job. Ministerin Nahles hat Pläne gegen die Langzeitarbeitslosigkeit, doch ob sie wirklich helfen werden, mag man bezweifeln. Schlimmer noch: Erst ist der Job weg, kommt die soziale Ausgrenzung hinterher. 86 % der Erwerbslosen waren 2013 von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen, der weitaus höchste Anteil aller Vergleichsländer, selbst unter Einschluß der Eurokrisenländer, und fast doppelt so hoch wie beispielsweise in der Schweiz (Abb. 18563).

 

Als armutsgefährdet gilt nach der Definition der EU-Statistiker, wer inklusive Sozialleistungen weniger als 60 Prozent des sogenannten nationalen Medianeinkommens erzielt. Das ist der Wert, der in der Mitte steht, wenn man alle Einkommen in einem Land in einer Liste aufreiht. Soziale Ausgrenzung droht nach Definition der Statistiker zum Beispiel dann, wenn sich Menschen keine Waschmaschine, keinen Fernseher und kein Telefon leisten können und zudem nicht einmal eine Woche Urlaub pro Jahr bezahlbar ist.

Am Beispiel der Hartz-4-Empfänger wurde im Oktober 2013 durch eine neue Studie unter Mitwirkung des bundeseigenen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bekannt, wie stark durch Arbeitslosigkeit ausgelöste Armut auf die Psyche schlägt. Die darin ausgewerteten Daten der Techniker Krankenkasse für 2006 zeigen, daß schon vor 7 Jahren 22 % der berufstätigen Versicherten eine psychiatrische Diagnose gestellt bekommen hatten. Bezieher von Arbeitslosengeld II – also Hartz IV – waren schon zu 37 % betroffen. Noch brisanter sind die aktuelleren Daten der AOK, nach denen der Anteil von Hartz-IV-Beziehern mit psychischen Problemen an allen Hartz-4-Beziehern der AOK allein zwischen 2007 und 2011 um ein Viertel von knapp 33 % auf über 40 % gestiegen ist (Abb. 18240).

 

***

Joachim Jahnke, geboren 1939, promovierte in Rechts- und Staatswissenschaften mit Anschluss-Studium an französischer Verwaltungshochschule (ENA), Mitarbeit im Kabinett Vizepräsident EU-Kommission, Bundeswirtschaftsministerium zuletzt als Ministerialdirigent und Stellvertretender Leiter der Außenwirtschaftsabteilung. Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, zuletzt bis Ende 2002 als Mitglied des Vorstands und Stellvertretender Präsident. Seit 2005 Herausgeber des „Infoportals“ mit kritischen Analysen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung (globalisierungskritisch). Autor von 10 Büchern zu diesem Thema, davon zuletzt „Euro – Die unmöglich Währung“, „Ich sage nur China ..“ und „Es war einmal eine Soziale Marktwirtschaft“. Seine gesellschaftskritischen Analysen beruhen auf fundierter und langjähriger Insider-Erfahrung.

 

buch

 

 

 

Sein Buch über das Ende der sozialen Marktwirtschaft (275 Seiten mit 176 grafischen Darstellungen) kann unter der ISBN 9783735715401 überall im Buch- und Versandhandel für 15,50 Euro bestellt werden, bei Amazon hier.


media-fastclick media-fastclick