Einstimmige Ablehnung: Kommentare in deutschen Zeitungen zu Pegida

Zahlreiche Kommentare in deutschen Zeitungen befassen sich mit der Pegida-Demonstration nach den Anschlägen in Paris. Der Tenor jener Kommentare, die von der dpa gesammelt wurden, ist, bis auf Nuancen, einhellig ablehnend. Am Freitag hatte der Bundesverband der Zeitungsverleger eine gegen Pegida gerichtete Stellungnahme veröffentlicht. Die DWN dokumentieren einige Kommentare, wie sie die dpa am Sonntag und Montag zitiert.

Ihren XING-Kontakten zeigen
linkedin
abo-pic

«Neue Osnabrücker Zeitung» zu Merkel/Pegida

Nach Christian Wulff bringt es auch Angela Merkel auf den Punkt: Der Islam gehört zu Deutschland. Dies zu bekräftigen ist gut und notwendig. Denn islamfeindliche Demonstrationen und islamistische Terroranschläge wühlen die Gemüter auf und verlangen unverzügliche und unzweideutige Reaktionen. Abstoßend ist dagegen der Versuch von Pegida-Demonstranten, die Terroropfer von Paris für islamfeindliche Zwecke zu instrumentalisieren. Denn nur ein winzig kleiner Teil der Muslime radikalisiert sich und wird gewalttätig. Daraus auf die Allgemeinheit zu schließen ist infam und nur mit Dummheit und/oder fremdenfeindlichen Motiven zu erklären.

«Mittelbayerische Zeitung» (Regensburg) zu Pegida

Ignorant sind die Reflexe von Pegida über Lega Nord bis Front National, weil sie «den Islam» mit dem Terror von Paris faktisch gleichsetzen. Sie ignorieren dabei den muslimischen Polizisten Ahmed Merabet, den die Terroristen vor der Redaktion von «Charlie Hebdo» hinrichteten; sie ignorieren den Moslem Lassana Bathily, der in dem koscheren Supermarkt in Paris Menschen aus der Schusslinie der Terroristen geholt hat; sie ignorieren, dass ein Großteil der 2014 weltweit getöteten Reporter Muslime waren – und dass die Opfer islamistischen Terrors in großer Mehrheit Muslime sind.

«Rhein-Neckar-Zeitung» (Heidelberg) zu Pegida

Wen kümmert schon die Wahrheit, wenn Facebook-Freunde oder Google-Algorithmen dem desinformierten Nutzer sagen: Das könnte dich interessieren. Gerade deshalb ist es so wohltuend, dass in diesen Tagen so Viele auf die Straße gehen und dem Hass und dem Terror gegen die Meinungsfreiheit entschieden entgegentreten. Eine Hochphase der Pressefreiheit – und der gerechtfertigten Empörung.

«Nordsee-Zeitung» (Bremerhaven) zu Merkel/Islam

Mitschüler, Kommilitonen, Nachbarn, Kollegen, Nationalspieler: Jeder im Westen Deutschlands lebt seit langer Zeit mit Muslimen zusammen. Viele wissen um Ramadan, Zuckerfest, Beschneidung und Schweinefleischverbot, und der überfällige Bau von Moscheen ruft nur noch Ewiggestrige und Rechtsextreme auf den Plan. Das ist gut so, denn in einem der Freiheit verpflichteten Land hat jeder das Recht, seinen Glauben zu leben. Merkwürdig, das extra betonen zu müssen, aber in Pegida-Zeiten offenbar notwendig. Danke, Frau Bundeskanzlerin, manchmal muss auch Selbstverständliches einmal ausgesprochen werden.

«Berliner Zeitung» zu Rolle der Pegida-Demonstrationen

Die Meinungs- und Pressefreiheit hat derzeit in Deutschland keinen aggressiveren Feind als Pegida, weite Teile der AfD und die NPD, die im bekannten NS-Jargon jedes Medium, das an die Unveräußerlichkeit der Menschenwürde erinnert, als «Lügenpresse» bespeien. Und Meinungs-und Pressefreiheit hatten und haben nicht nur in Frankreich, sondern in Europa keine entschlosseneren Verteidiger als die Karikaturisten von Charlie Hebdo.

«Heilbronner Stimme» zu Pegida-Protest

Je größer die Angst, desto schwieriger fällt eine Differenzierung, desto stärker werden nationale, ethnische oder religiöse Trennlinien gezogen. Den Islam generell als Gefahr zu brandmarken, ist dann einfacher als der Schulterschluss von Christen, Juden und Muslime gegen Extremismus und Intoleranz. Gestern hatten die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) wieder massiven Zulauf. «Wir haben euch doch gewarnt – und ihr habt uns nicht ernst genommen», war ihre zentrale Botschaft. So wird der Anschlag instrumentalisiert. Weder Politik noch Medien haben aber die Gefahr durch den radikalen Islamismus je verharmlost. Seriöse Journalisten dürfen nicht pauschal vereinfachen. Sie müssen zwischen Islam und radikalem Islamismus unterscheiden – auch wenn sie als «Lügenpresse» beschimpft werden.

«Thüringische Landeszeitung» (Weimar) zu Pegida

«Pegida» lässt uns nachdenken, Stellung beziehen und für Toleranz und Mitmenschlichkeit kämpfen. Wenn «Pegida» eine gute Seite hat, dann diese. Dass wir aufgerüttelt werden und wach bleiben. Doch es gibt auch die Fratze von «Pegida», hinter der sich Ausländerfeindlichkeit, soziale Abstiegsängste und Frust auf Alles und Jeden verbergen. Viele sind schnell dabei, «Pegida-Mitläufer» abzustempeln, in die rechte Ecke zu drücken, sich geistig und moralisch über sie zu stellen. Doch das wäre der allerfalscheste Umgang mit ihnen. Wenn es in der Familie ein schwarzes Schaf oder zorniges Kind gibt, versuchen wir auch, Zugang zu diesem Menschen zu finden. Egal, wie viel Blödsinn er/sie angestellt hat. «Pegida» fordert uns alle – jetzt und jeden Einzelnen!

«Wetzlarer Neue Zeitung» zu Pegida

Nach dem millionenfachen Ja zur Weltoffenheit in Paris und ähnlichen Kundgebungen auch bei uns ist klar: Pegida ist eben nicht das Volk. Die Mehrheit der Menschen in Europa, natürlich auch in Deutschland, weist Menschen nicht kaltherzig ab, die dem Islamisten-Wahn entkommen sind. Die Mehrheit der Menschen weiß, dass es ohne Zuwanderung mit unserem Wohlstand schnell vorbei wäre. Und die Mehrheit der Menschen weiß, dass es für all das Regeln geben muss. Die beschließt allerdings ein vom ganzen Volk gewähltes Parlament – und nicht ein paar tausend Demonstranten in Dresden.

«Schwäbische Zeitung» (Ravensburg) zu Frankreich

Was hat am Sonntag diesen Marsch der Millionen in Frankreich so eindrücklich – man könnte auch sagen: authentisch – gemacht? Es war die Klarheit seiner Intention, die man am besten mit dem Wort Trotz umschreibt. Extremisten und Mörder abzulehnen, das ist eine schiere Selbstverständlichkeit. Im Angesicht ihrer Gräueltaten aufzustehen und gemeinsam die Grundwerte der Gesellschaft dagegenzuhalten, das ist ein starkes, ein souveränes Signal. Das kann das Verständnis dafür erleichtern, dass sich die Kollegen der ermordeten Karikaturisten massiv dagegen verwahren, mit den Pegida-Demonstranten in einem Boot zu sitzen. Deren Trauer um die Mordopfer kommt so scheinheilig daher, wie ihre Furcht vor einer Islamisierung des Abendlandes merkwürdig anmutet. Rechtsextremisten und islamistische Extremisten sind aus ähnlichem Holz geschnitzt.

«Stuttgarter Nachrichten» zur geplanten Pegida-Demo in Dresden

Anstatt nun zu versuchen, Kapital aus der französischen Tragödie zu ziehen, bei der große Teile der »Charlie Hebdo«-Mannschaft ausgelöscht wurden, sollten sich die Pegiden eher ein Beispiel an den Werten nehmen, die unser Nachbarvolk auch jetzt in diesen schweren Stunden verteidigt und hoch hält: Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit. Ein Polizist, der sich in Paris den Fanatikern bei der Verteidigung dieser Tugenden entgegengestellt hat und dafür mit dem Leben bezahlt hat, war Muslim. Wenn die Pegiden einen Hauch Anstand hätten, hätten sie aus Respekt vor den Toten ihren unseligen Aufmarsch abgeblasen.

«Rhein-Zeitung» (Koblenz) zu «Wir sind Charlie und nicht Pegida»

Schwer zu ertragen ist es, dass ausgerechnet diejenigen Strömungen, die Ängste besonders gern schüren, jetzt «Charlie Hebdo» für sich instrumentalisieren. AfD und Pegida-Anhänger haben die Anschläge in Paris zum Anlass genommen, erneut vor dem Islam zu warnen, und nutzen die Ereignisse, um ihre teils kruden Ansichten zu «untermauern». Doch islamistischer Terror ist nicht das Gleiche wie Islamisierung. «Charlie Hebdo» macht sich konsequent über alle Religionen lustig. AfD und Pegida aber nutzen die Angst vor dem Terror, um die Angst vor dem Islam zu schüren. Dass 35 000 Menschen in Dresden sagen «Wir sind Charlie, aber nicht Pegida», ist die richtige Antwort darauf.

«Der Tagesspiegel» (Berlin) zu Pegida-Demonstrationen

Katrin Göring-Eckardt und Peter Tauber haben die Debatte über ein Einwanderungsgesetz begonnen. Was das mit Pegida zu tun hat? Eine Menge. Ein Teil der Ressentiments der Islamgegner hat mit deren Eindruck zu tun, es gäbe so etwas wie eine muslimisch dominierte Einwanderung. Die gibt es zwar nicht; unter den Herkunftsländern der Einwanderer liegt das einzige muslimisch geprägte Land, die Türkei, auf Platz 10. Doch die Furcht vor der Islamisierung des Abendlandes hat mit der Statistik weniger zu tun als mit einem diffusen Entfremdungsgefühl. Dennoch ist eine neue, schwierige, kontroverse Diskussion über gewollte, gewünschte und notwendige Einwanderung wichtig. Was nämlich einer Auffrischung bedarf, ist das Selbstverständnis dieses Landes: entweder Einwanderungsland – oder Schrumpfgermanien.

«Mannheimer Morgen» zu Lage der Muslime (Kommentarteil nicht in der dpa)

Es ist grotesk: Ein Großteil der Muslime bekennt sich zur deutschen Demokratie – und das seit Jahren mit steigender Tendenz. Gleichzeitig haben immer mehr Deutsche Angst vor dem Islam und meinen, er passe nicht in unsere Gesellschaft. Die Ablehnung ist dort am größten, wo die wenigsten Muslime leben – nämlich in Sachsen, wo ja auch Pegida die meisten Anhänger hat. Dass es unsinnig ist, alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen, sagt einem der gesunde Menschenverstand. Oder will man Millionen in Sippenhaft nehmen? Der „Kampf der Kulturen“ existiert nur in den Köpfen der Fanatiker. Den wirklichen Krieg führen zwar islamistische Terroristen – , aber nicht an vorderster Front gegen die westlichen Gesellschaften. Die Schlachtfelder liegen nicht in Europa oder in den USA, sondern im Irak und in Syrien. Millionen Muslime sind dort vor den Dschihadisten auf der Flucht. Die meisten sterben nicht für, sondern durch den Dschihad. Wir sollten auch dieser Opfer gedenken.

Die Stellungnahme des BDZV (mit dem Titel: Solidarität mit „Charlie Hebdo“/Pressefreiheit verteidigen im Wortlaut hier. 


media-fastclick media-fastclick