EU bekommt kalte Füße: „Fällt Griechenland, drohen wir alle zu fallen“

Die Versuche der Euro-Retter, die Folgen einer Griechenland-Pleite kleinzureden, verfangen nicht mehr: Erstmals seit Monaten entwickeln sich die Zinssätze für Staatsanleihen zwischen Süd- und Nordeuropa wieder auseinander. Das bedeutet: Ein Crash in Griechenland hätte Folgen in ganz Europa. Bei den Euro-Rettern macht sich ein mulmiges Gefühl breit.

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Bisher haben die Euro-Retter die Griechenland-Krise als beherrschbar beschreiben. Es werde keine Ansteckung geben, man sei viel besser gerüstet als noch 2012. Doch tatsächlich weiß kein Mensch, welche Folgen ein Euro-Austritt Griechenlands haben wird. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble arbeitet daher an einem Plan, wie man Griechenland trotz einer Staatspleite im Euro halten kann.

Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini hat beim G7-Gipfel klare Worte gefunden, die zeigen, dass sich nicht alle die Lage schönreden. Mogherini sagte deutlich, dass man sehr wohl mit Folgen für die ganze Euro-Zone rechne: „Wenn eines der Länder aus unserer Gemeinschaft fällt, dann drohen wir alle zu fallen.“ EU-Kommissar Valdis Dombrovskis sagte in Washington, dass viele der kursierenden Behauptungen über eine Zahlungsunfähigkeit Griechenlands reine Rhetorik seien.Die Zeitung Kathimerini zitiert den EU-Mann, es sei nun nur noch ein Frage wie ernsthaft sich Griechenland zu einer Implementierung der geforderten Maßnahmen der Gläubiger bekenne.

US-Finanzminister Jack Lew fordert Griechenland und seine Gläubiger auf, die Krise rasch zu lösen – weil auch er Verwerfungen an den Finanzmärkten vermutet.

Am Freitag trifft sich Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis mit einem prominenten US-Rechtsanwalt, dessen Spezialität insolvente Staaten sind.

Neben den immer düsteren Politiker-Beschwörungen zeigen auch die Fakten, dass das Griechenland-Desaster zu einem unkontrollierbaren Event werden könnte.

Die Kursdifferenz der Staatsanleihen zwischen den Nord- und Südländern Europas geht wieder auseinander. In Griechenland, Spanien und Italien sind die Renditen für 2-, 5- und 10-jährige Anleihen deutlich gestiegen. In Deutschland, Frankreich und den Niederlanden sind die Renditen für kurz- als auch langfristige Bonds gesunken.

Auch in Deutschland schrumpfen die Renditen deutlich. Grund ist das Zinstief und die Geldschwemme der EZB. Mit dem Kauf einer Zehn-Jahres-Anleihe erzielten Anleger am Donnerstag erstmals weniger als 0,1 Prozent Rendite. Damit nähert sich der Zins dieses wichtigen Produkts immer weiter der Null-Marke. Würde die Rendite ins Negative fallen, hieße dies, dass Anleger beim Kauf solcher Bundesanleihen unterm Strich bis zur Fälligkeit ein Minusgeschäft machen würden – und der Staat fürs Schuldenmachen Geld bekommen würde.

Die Rendite setzt sich aus dem aktuellen Kurs und dem Zinskupon einer Anleihe zusammen. Da die EZB solche Papiere derzeit massiv aufkauft, steigen die Kurse weiter, womit die Rendite sinkt. Der Staatshaushalt profitiert von dieser Entwicklung immer dann, wenn der Bund neue Papiere herausgibt. Schon jetzt rentieren deutsche Staatsanleihen mit Laufzeiten von bis zu acht Jahren im Minus. In der Schweiz, deren Staatsanleihen als besonders sichere Anlage gelten, liegt der zehnjährige Zins schon länger unter null.

Vor Kurzem haben sowohl JPMorgan-Chef Jamie Dimon als auch die Fed vor einem Flash-Crash am Bonds-Markt gewarnt – also einem Absturz innerhalb von Minuten. Das würde vor allem die Banken treffen, die traditionell einen hohen Anteil an Staatsanleihen halten.

Die EZB trägt mit ihrer Geldflut dazu bei, Spekulanten gegen Griechenland aufzumunitionieren. Die Anleger strömen in die risikoreichen Papiere, um noch etwas Gewinn herauszuschlagen. Bisher wurde etwa die Hälfte der Euro-Staatsanleihen mit BB bewertet – jetzt sind es weniger als zwei Prozent. Die Marktverzerrung durch das QE-Programm sorgt für einen Zulauf in die Junk-Bonds, weil die EZB eben auch grundsätzlich für die Staatsanleihen der Krisenländer garantiert – allerdings nur für Anleihen mit Investment-Grade. Spätestens ab dem Sommer wird es interessant, denn beim QE-Programm können erst ab Juli griechische Bonds gekauft werden, wenn Athen Anleihen an die EZB zurückzahlt und diese nicht mehr als ein Drittel der ausstehenden Anleihen Griechenlands hält. Griechische Staatsanleihen weisen derzeit ein Ranking von „CCC“ auf, was Ramschniveau entspricht.

Griechenland selbst hat offenbar Schwierigkeiten, seinen Gläubigern die Raten fristgerecht zurückzuzahlen: Die Chefin des IWF, Christine Lagarde, hat sich am Donnerstag gegen einen Zahlungsaufschub für Griechenland ausgesprochen. Einem Land zu erlauben, seine Schulden später als verabredet zu tilgen, wäre vergleichbar mit der Gewährung eines zusätzlichen Kredites durch die internationale Gemeinschaft, sagte Lagarde.

Die FT hatte zuvor berichtet, dass Athen den IWF jüngst informell gebeten habe, fällige Raten später begleichen zu dürfen. Der Währungsfonds habe das abgelehnt. Allein im Mai müsste Griechenland zwei Zahlungen in Höhe von rund einer Milliarde Dollar (930 Millionen Euro) leisten.

„Uns hat noch nie eine entwickelte Volkswirtschaft um einen Zahlungsaufschub gebeten“, sagte Lagarde bei einer Pressekonferenz vor Beginn der IWF-Frühjahrstagung. Es sei mehr als 30 Jahre her, dass der Exekutivrat einem Entwicklungsland verspätete Zahlung erlaubt habe. Und das sei damals nicht gut ausgegangen. Konkreter wollte sie aber auch auf Nachfrage nicht werden.

Die schlechte Bonität Griechenlands und die offenen Milliardenforderungen der Griechenland-Gläubiger macht es für die griechischen Banken schwer, sich zu finanzieren. Doch offenbar wird in Berlin bereits an einer Lösung dieses Problems gearbeitet: Anonyme Kreise haben in der Wochenzeitung Die Zeit einen Plan lanciert, wonach es der EZB ermöglicht werden soll, griechische Banken auch nach einem möglichen Staatsbankrott zu finanzieren. Die FT meldete vor wenigen Tagen, dass in Athen bereits Vorbereitungen zu einer Staatspleite laufen. Dazu kommt, dass der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis in den USA einen der bekanntesten Insolvenz-Anwälte treffen wird.

Die EZB hatte erst am Dienstag entschieden, den Geldhahn für griechische Banken weiter offenzuhalten. Die EZB stockte nach Angaben aus Bankenkreisen den Rahmen für Nothilfen (ELA) der Athener Notenbank an die Geldhäuser um 800 Millionen Euro auf inzwischen 74 Milliarden Euro auf.

Griechische Banken sind zur Geldversorgung zunehmend auf diese Notkredite angewiesen, da die EZB bonitätsschwache Hellas-Staatsanleihen nicht mehr als Pfand annimmt. Damit ist den Geldhäusern der direkte Zugang zu EZB-Geldern weitgehend versperrt. Über ELA-Hilfen können sie sich dennoch mit Liquidität versorgen.

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